AktuellVor der UN-Artenschutzkonferenz
Freitag, 16. Mai, 16:25 Uhr Regierung und Opposition fordern mehr Einsatz für ArtenschutzBerlin (ddp). Kurz vor dem am Montag in Bonn beginnenden Weltnaturschutzgipfel rufen Vertreter von Koalition und Opposition zu mehr Engagement für den Schutz der biologischen Vielfalt auf. «Bonn wird noch keinen Vertragsabschluss bringen, aber hoffentlich den Weg dorthin festlegen», sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» (Samstagausgabe). «Entweder erreichen wir substanzielle Fortschritte, oder wir müssen der Weltgemeinschaft sagen, dass wir Politiker international nicht die Kraft und den Mut haben, die Konvention umzusetzen«, betonte Gabriel.Der Grünen-Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer sagte, das Thema der biologischen Vielfalt sei «in seiner Bedeutung mit dem Klimawandel durchaus vergleichbar». Die reichen Industrienationen müssten jährlich mindestens 30 Milliarden Euro in den Aufbau internationaler Schutzgebiete investieren. Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche (CDU) forderte die Unterstützung der Schwellen- und Entwicklungsländer beim »nachhaltigen und verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur» auf. Die Konferenz sei die «letzte Gelegenheit", den Beschluss des Weltgipfels von Johannisburg aus dem Jahre 2002 umzusetzen, den Verlust der biologischen Vielfalt entscheidend bis 2010 zu begrenzen. Der umweltpolitische Sprecher der Linken, Wolfgang Methling, bezeichnete die Umsetzung der UN-Konvention zur Artenvielfalt als «äußerst mangelhaft». Deutschland und Europa müssten beim Schutz der Artenvielfalt vorangehen, da sie besonders von der Natur profitierten, betonte Methling. So werde die Hälfte der hier verbrauchten Medikamente aus Pflanzen aus den gefährdeten Urwaldregionen gewonnen. Freitag, 16. Mai, 05:11 Uhr UNO-Umweltchef: Mangelnder Artenschutz in Deutschland und EUOsnabrück (ddp). Deutschland unternimmt nach Ansicht der UNO nicht genug für den Artenschutz. In der »Neuen Osnabrücker Zeitung« (Freitagausgabe) kritisierte der Leiter des UNO-Umweltprogramms, Achim Steiner, auch die Europäische Union. Die Diskussion in der EU zu Fischereibeständen lasse «einen Widerspruch erkennen, der nicht mit dem Anspruch einer Führungsrolle zusammenpasst». Steiner betonte: »Aus mangelnder Handlungsbereitschaft werden in der EU Fischereiquoten verabschiedet, die zu einer Überfischung führen und damit die Artenvielfalt bedrohen.«Mit Blick auf die am Montag in Bonn beginnende UNO-Artenschutzkonferenz sagte Steiner zu den Ursachen des Artensterbens: «Unser wirtschaftliches System hat es bisher nicht geschafft, Produkte und Dienstleistungen, die die Natur uns täglich bereitstellt, in einen wirtschaftlichen Kreislauf zu integrieren.» Nutzung müsse gleichzeitig auch Nachhaltigkeit sicherstellen. »Solange wir eine Art Raubbau an der Natur betreiben und glauben, dass dieses keinen Preis hat, wird sich das Artensterben nicht verändern", sagte Steiner. Wälder weltweit schützenBUND bei der UN-NaturschutzkonferenzBUND Pressemitteilung, 16.5.08 Berlin/Bonn: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat die ab Montag in Bonn beratenden Vertragsstaaten der UN-Biodiversitäts-Konvention aufgefordert, endlich konkrete Programme zur Einrichtung und Finanzierung von Schutzgebieten sowie Maßnahmen für einen gerechten Vorteilsausgleich bei der Nutzung von Arten und für die stärkere Verknüpfung von Klima- und Biodiversitätsschutz zu beschließen. Vordringliche Aufgabe der Konferenzteilnehmer sei zudem die Sicherung der letzten Urwaldgebiete. Trotz Verabschiedung der Biodiversitäts-Konvention im Jahre 1992 sei seitdem die Abholzungsrate der letzten natürlichen Wälder in alarmierendem Umfang kontinuierlich gestiegen. „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um die Ziele der Konvention auch umzusetzen und die letzten artenreichen Wälder tatsächlich zu erhalten“, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. „Die Vertragsstaaten müssen sich in Bonn dazu verpflichten, artenreiche Waldgebiete im Rahmen der Life-Web-Initiative für ein weltweites Schutzgebietsnetz auszuwählen und von der wirtschaftlichen Nutzung auszunehmen. Die Industrieländer müssen den Ländern des Südens die nötigen Finanzmittel zur Verfügung stellen, um die Gebiete zu sichern und zu unterhalten.“ Der dramatische Rückgang der Urwälder sei auch Folge illegalen Einschlags und illegaler Holzimporte unter anderem nach Europa. Dies müsse durch klare Herkunftsnachweise und eine transparente Handelskette unterbunden werden. Weiger forderte die Bundesregierung außerdem auf, in Deutschland ein nationales Buchenwaldprogramm zu verabschieden und bis spätestens 2010 ein Zehntel der Waldfläche von der wirtschaftlichen Nutzung auszunehmen. Ein Viertel der Buchenwälder weltweit befänden sich in Deutschland. Deshalb trage die Bundesregierung für deren Erhalt eine besondere Verantwortung. Aktuell seien nur 0,4 Prozent der Buchenwälder ungenutzt. Freitag, 16. Mai, 19:41 Uhr Vor UN-Konferenz Rufe nach besserem ArtenschutzBerlin (AFP) - Wenige Tage vor der Bonner Artenschutzkonferenz sind die Rufe nach größeren Anstrengungen lauter geworden. Deutschland mache "noch nicht genug", sagte der Leiter des UN-Umweltprogrammes (UNEP), Achim Steiner, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Als Beispiel nannte er die deutsche Haltung zu den EU-Fischereiquoten. Die Union forderte eine "Allianz für den globalen Artenschutz". Grünen-Chef Reinhard Bütikofer erklärte: "Auf dem Spiel steht der Erhalt der natürlichen Grundlagen des Lebens."Bei der Artenschutzkonferenz geht es ab Montag um die Umsetzung der 1994 in Kraft getretenen Konvention über die biologische Vielfalt (CBD). Ziel der Konvention ist es, das weltweite Artensterben zu stoppen oder zumindest zu bremsen. Am 28. Mai wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Bonn erwartet. Steiner sagte, die deutsche Haltung zu den EU-Fischereiquoten lasse "einen Widerspruch erkennen, der nicht mit dem Anspruch einer Führungsrolle zusammenpasst". Der UNEP-Chef kritisierte die Diskussion in der Europäischen Union zu den Fischbeständen. "Aus mangelnder Handlungsbereitschaft werden in der EU Fischereiquoten verabschiedet, die zu einer Überfischung führen und damit die Artenvielfalt bedrohen", sagte er. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will das System der jährlich neu verabschiedeten EU-Fischereiquoten unter seinem Ratsvorsitz ab dem 1. Juli lockern. Umweltschützer werfen der EU bereits jetzt vor, die Fischbestände zu plündern. Der entwicklungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Christian Ruck (CSU), erklärte, Tier- und Pflanzenarten sowie ihre Lebensräume würden schneller als je zuvor in der Erdgeschichte vernichtet. Unionsfraktionsvize Katherina Reiche (CDU) erklärte: "Die ökologische Uhr tickt beim Artensterben besonders leise, aber beharrlich und schnell." Dabei nutze die weltweite Artenvielfalt allen. "Man denke nur an eine pazifische Alge, die für die Herstellung von Medikamenten gegen Krebs genutzt wird oder eine Fledermausart, deren Enzym es erlaubt, Schlaganfallpatienten zu helfen." Die biologische Vielfalt sei ein Thema, "das in seiner Bedeutung mit dem Klimawandel durchaus vergleichbar ist", erklärte Bütikofer. Die Bundesregierung stehe vor einer großen Herausforderung. "Nach Jahren der Lippenbekenntnisse gilt es, verbindliche Regelungen zum Schutz der Wälder und zur Finanzierung des Natur- und Artenschutzes zu treffen." Die Industrieländer müssten dabei engagiert vorangehen. Samstag, 17. Mai, 14:46 Uhr Mehr Schutz für Luchs und RotmilanBerlin/Bonn (ddp-nrw). Vor dem Start der UN-Naturschutzkonferenz in Bonn fordern Umweltschützer mehr Engagement der Politik für den Erhalt bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) sind knapp drei Viertel der in Deutschland vorkommenden Lebensräume, ein Drittel der einheimischen Tierarten und fast 27 Prozent der Pflanzen akut bedroht. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) warf der Bundesregierung am Samstag eine schleppende Umsetzung europäischer Naturschutzrichtlinien vor.NABU-Präsident Olaf Tschimpke verwies darauf, dass die EU-Staaten das Artensterben bis 2010 eigentlich komplett stoppen wollten. «Von gebremstem Artenschwund oder gar einem Stopp kann zwei Jahre vor dem Stichtag aber keine Rede sein», kritisierte er. Tschimpke betonte: «Wer international einen wirkungsvollen Naturschutz durchsetzen will, muss vor seiner eigenen Haustür beginnen. Luchs und Rotmilan verdienen den gleichen Schutz wie Nashorn und Tiger.» Aber während auf der Weltnaturschutzkonferenz ab Montag international für ein «Netz des Lebens» geworben werde, verschleppten einige deutsche Bundesländer die Umsetzung des europäischen Schutzgebietsnetzes «Natura 2000» massiv. Den Ministerien für Landwirtschaft und Wirtschaft warf er vor, «seit Monaten jeden Fortschritt für ein innovatives Umweltgesetzbuch» zu boykottieren, das ein wichtiges Instrument für die Rettung der biologischen Vielfalt in Deutschland werden könne. BUND-Naturschutzkoordinatorin Heidrun Heidecke kritisierte die Bundesregierung ebenfalls. «Im europaweiten Vergleich ist der Anteil gefährdeter Arten nirgendwo höher als bei uns», sagte sie. Die frühere Grünen-Umweltministerin Sachsen-Anhalts hob hervor: «Es bleibt also vor der eigenen Haustür eine Menge zu tun.» In Deutschland mangele es an der Umsetzung europäischer Naturschutzvorschriften, etwa der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie für besonders geschützte Gebiete oder der europäischen Vogelschutzrichtlinie. Das liege daran, dass die Behörden immer Angst hätten, jemandem auf die Füße zu treten, der wirtschaftlich betroffen sein könnte. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dämpfte derweil die Hoffnung auf konkrete Ergebnisse bei der Konferenz. Bonn werde noch keinen Vertragsabschluss bringen, «aber hoffentlich den Weg dorthin festlegen». Gabriel betonte dabei die Vorreiterrolle Deutschlands: «Wenn ein reiches Land wie Deutschland beim Naturschutz versagt, können wir kaum von Entwicklungsländern Anstrengungen erwarten.» Er fügte hinzu: «Den Afrikanern vorzuschreiben, ihre Elefanten zu schützen und dann den ersten Bär abzuschießen, der hier um die Ecke kommt - das lässt sich auf einer internationalen Konferenz schlecht erklären.» Samstag, 17. Mai, 15:46 Uhr Gabriel weist Unions-Fraktion Bremserrolle bei Klimaschutz zuHamburg (ddp). Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wirft der Union vor, die deutschen Klimaschutzziele zu gefährden. «Es gibt eine große Gefahr, dass das ganze Projekt zerfasert», sagte Gabriel dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Der Minister kritisierte, dass die Unions-Fraktion die Pläne mit immer neuen «Spezialwünschen» etwa bei der Vergütung für Ökostrom verwässere. Gabriel hofft laut «Spiegel» nun auf ein Machtwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), damit das Klimapaket «überhaupt noch vor der nächsten Bundestagswahl in Kraft tritt». Ziel der Bundesregierung ist es, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken.Bonn soll globales Artensterben bremsenVom 19. bis 30. Mai wollen rund 5000 Teilnehmer große Umweltherausforderung diskutierenVon Edgar Bauer, dpa, 16.05.08 Bonn. Neben dem Klimawandel gilt das Artensterben als zweite große globale Umweltherausforderung unserer Zeit. Zu der weltweit größten und bedeutendsten Naturschutzkonferenz des Jahres vom 19. bis 30. Mai wollen rund 5000 Teilnehmer nach Bonn kommen. Die UN-Konferenz mit Regierungsvertretern aus 190 Ländern soll ein Zeichen setzen im Kampf gegen die dramatisch fortschreitende Vernichtung der Natur. Dazu zählt vor allem die ungebremste Zerstörung der Urwälder mit hoher Artenvielfalt. Auf der Bonner Konferenz wird beraten, wie die weitere Zerstörung von Wäldern und Meeren durch Schutzgebiete und andere Maßnahmen aufgehalten werden kann und wie das finanziert werden soll. Außerdem sollen Regelungen für den Zugang und die gerechte Verteilung des Nutzens aus der genetischen Vielfalt von Pflanzen gefunden werden. All dies ist umstritten, nicht zuletzt auch aus wirtschaftlichen Interessen. Die Zeit drängt: Die Vorgaben einer vorangegangen UN-Naturschutzkonferenz und des Weltgipfels von Johannesburg (2002) lauten, die Verlustrate an biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 «signifikant zu reduzieren». Der Verlust soll im Tempo also wenigstens abgebremst werden - ihn zu stoppen, das geht schon nicht mehr. Auch der Biosprit, der Treibstoff vom Acker, dürfte nicht nur wegen der ökologischen Folgen des immer mehr ausgeweiteten Anbaus sondern auch aus aktuellem Anlass wegen der Explosion der Nahrungsmittelpreise und bedrohter Lebensmittelproduktion ein Thema werden. Erstmals sollen auch Ergebnisse einer internationalen Studie über die weltwirtschaftlichen Kosten der Naturzerstörung vorgestellt werden, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde. Der offizielle Name der Konferenz lautet: 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Das Übereinkommen (Convention on Biological Diversity/CBD) wurde von der Staatengemeinschaft auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 beschlossen. Zusammen mit der Klimarahmenkonvention und der Wüstenkonvention gehört die CBD zu den drei Abkommen von Rio, mit denen sich die Staaten zu einem globalen Umwelt- und Naturschutz verpflichteten. Die UN-Naturschutzkonferenz - so der offizielle Titel der Bundesregierung - soll die Weichen stellen für ein völkerrechtlich bindendes Vertragswerk, das dann in zwei Jahren in Japan beschlossen werden könnte. Da Beschlüsse bei völlig unterschiedlichen nationalen Interessen einstimmig getroffen werden müssen, ist mit zähen Verhandlungen zu rechnen. Bisher blieb es meist bei hehren Erklärungen, und auf acht Konferenzen gab es nur bescheidene Fortschritte. Umwelt- und Entwicklungsorganisation fordern dringlich zum Handeln auf. Die reicheren Länder müssten endlich ihre finanziellen Verpflichtungen für die bereits beschlossenen Maßnahmen erfüllen, sonst würden ärmere Länder auch weiterhin Fortschritte blockieren. Vom Erhalt der biologischen Vielfalt (Biodiversität) und ihrer nachhaltigen Nutzung hängt das künftige Leben auf der Erde unmittelbar und entscheidend ab. Die Biodiversität - dazu zählt auch die Agrarvielfalt - umfasst alle Arten von Lebewesen, auch ihre Gene. Sie liefern Rohstoffe, Nahrung, Arzneimittel und sorgen für funktionierende Ökosysteme. Der alarmierende Artenschwund raube der Menschheit auch die Schlüssel zur Entwicklung lebensrettender Medikamente, warnte das UN-Umweltprogramm (UNEP) kürzlich in einer Studie. In der Artenvielfalt sei auch eine «medizinische Schatzkiste» für mögliche neue Antibiotika, Schmerzmittel oder Krebsmedikamente verborgen. Neben dem direkten Schutz der Vielfalt sind auch die Art der Nutzung sowie der Zugang zu genetischen Informationen und ein «gerechter Ausgleich» für Vorteile oder Profite aus diesem Zugang in der Diskussion. Nach den CBD-Regelungen sollen Entwicklungsländer davon profitieren, wenn etwa aus Regenwald-Pflanzen neue Arzneimittel gewonnen werden. Ärmere Länder sind auf den Erhalt der Tier- und Pflanzenvielfalt als Existenzgrundlage angewiesen. Das gilt in besonderem Maße für sogenannte indigene Völker, die bei der CBD ausdrücklich ein Mitspracherecht haben. Bonn wird die letzte große CBD-Konferenz vor dem Erreichen des 2010-Ziels sein und hat daher eine besonders Bedeutung. Anders als beim Klimaschutz mit dem Kyotoprotokoll ist bei der Biodiversität noch kein verbindliches Regelwerk greifbar. Deshalb mahnt auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dringlich «substanzielle Fortschritte» an. «Die Konvention steht am Scheideweg. Wir müssen in Bonn zeigen, dass es Bewegung und nicht nur Stillstand gibt. In Bonn wird sich entscheiden, ob die Konvention deutlich wirksamer werden kann, als dies im Moment der Fall ist.» Artenvielfalt noch zu retten?Bei der Naturschutzkonferenz in Bonn verhandeln 190 Staaten über den Schutz von Pflanzen und TierenVon Ursula Barth, Mannheimer Morgen, 17.5.08 Bonn. Wenn sich ab Montag 5000 Vertreter von 190 Staaten zur UN-Naturschutzkonferenz in Bonn treffen, steht "die Weltgemeinschaft an einem Scheideweg". So warnte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) diese Woche vor einem Scheitern der Verhandlungen: "Es geht im Kern auch um das Überleben von Menschen auf unserem Planeten." Denn neben dem Klimawandel stellt das Artensterben eine der größten Bedrohungen der Erde dar. Nach dem "Living Planet Index", den der WWF gestern in Bonn vorstellte, ist die biologische Vielfalt von 1970 bis 2005 um 27 Prozent zurückgegangen. Seitdem scheint der Schwund zwar eine Pause einzulegen, "es gibt jedoch leider keinen Grund zur Entwarnung", sagte Christoph Heinrich, Leiter Naturschutz beim WWF. "Das globale Tier- und Pflanzensterben geht weiter." Pessimistischen Schätzungen zufolge, auf die sich auch die G8-Staaten stützen, verschwinden täglich 150 Arten von der Erde - ausgerottet durch Jagd, Plünderung der Meere, Klimawandel und blinden Raubbau an der Natur. Immer noch werden jährlich 150 000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. In Europa sind Flächenversiegelung und intensive Landwirtschaft Hauptursachen für den Schwund. Hohe Risiken für den Menschen Die Rote Liste der bedrohten Pflanzen- und Tierarten führt mit 16 306 so viele Spezies wie nie zuvor. 30 Prozent der Amphibien, 23 Prozent der Säugetiere, zwölf Prozent der Vögel und 70 Prozent der Pflanzenarten sind von der Ausrottung bedroht. Noch nie vollzog sich das Sterben so dramatisch wie heute: Die Zahl des weltweiten Verlustes übersteigt die angenommene natürliche Aussterberate um das 100- bis 1000-fache. Für den Menschen sind mit dem Artenverlust hohe Risiken verbunden. 90 Prozent unserer Nahrungsmittel stammen von nur noch einem Dutzend Pflanzen- und acht Tierarten. Das Beispiel des Maiswurzelbohrers, der ganze Ernten zerstört, zeigt jedoch, wie gefährlich diese Beschränkung ist: Ein Schädling genügt, um einen Teil der Nahrungsmittelversorgung zu vernichten. Auch das Gesundheitswesen ist auf Mutter Natur angewiesen. So stammen 70 Prozent des Ausgangsmaterials für Medikamente von Pflanzen. Das bislang ehrgeizigste Ziel vereinbarten die Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt, das 1992 in Rio geschlossen wurde, auf ihrem Treffen 2002: Bis zum Jahr 2010 soll die Artenschwund-Rate "signifikant gesenkt" werden. Die EU will sie bis dahin sogar stoppen. Passiert ist laut Gabriel allerdings "wenig bis gar nichts". "Die Menschheit lebt auf Pump", sagt WWF-Experte Heinrich. Die Beanspruchung natürlicher Ressourcen habe seit den 60er Jahren um 250 Prozent zugenommen. "Wir bräuchten derzeit 1,25 Planeten, um unseren Hunger nach Energie, Rohstoffen und Land zu decken." Deutschland will in Bonn einen gerechten Ausgleich zwischen reicheren und ärmeren Ländern schaffen. Wenn etwa Pharmakonzerne aus der Nutzung von Pflanzen, Tieren, Bakterien und Pilzen Gewinne erzielen, sollen die Herkunftsländer profitieren. Auch die Bioenergie, der Schutz von Pflanzen, Urwäldern und Meeren sowie neue Schutzgebiete stehen auf der Agenda. Umweltorganisationen fordern Milliardeninvestitionen der Industrieländer. Ziel der Konferenz ist ein völkerrechtlich bindendes Regelwerk. Experten erwarten zähe Verhandlungen. Der jähe Rücktritt der brasilianischen Umweltministerin Marina Silva aus Frust über die harte Haltung ihrer Regierung lässt bereits ein Scheitern befürchten. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer wollen sich von den Industriestaaten nicht in ihre Umweltpolitik hineinreden lassen. Zudem ist Einstimmigkeit erforderlich - und die ist bei 190 Ländern schwer zu erreichen. 15. Mai, 2008 Umweltamtschef: Für Nutzung der Artenvielfalt zahlenBerlin (AFP) — Unternehmen sollen nach Auffassung von Umweltbundesamts-Chef Andreas Troge für die Nutzung der Artenvielfalt in Entwicklungsländern künftig genauso zahlen wie für Erdöl und andere Rohstoffe. Zwar werde es als Unrecht empfunden, wenn jemand sich an geistigem Eigentum bediene, bei der biologischen Vielfalt jedoch "haben wir uns daran gewöhnt, dass wir in den Industrieländern einfach zugreifen - auch in anderen Ländern", kritisierte Troge in den "VDI-Nachrichten" des Verbands Deutscher Ingenieure.Schon heute profitierten Konzerne ganz konkret von Biodiversität - zum Beispiel die Pharmabranche: "Weltweit schätzt man, dass 10.000 bis 20.000 Pflanzenarten pharmazeutischen Produkten dienen." Auch für den Schutz der Regenwälder müssten die reichen Länder mehr zahlen, forderte Troge: "Angenommen, jemand fände unter dem brasilianischen Urwald Erdöl und Erdgas. Jetzt ist die Frage: Ist die industrialisierte Welt bereit, dafür eine hinreichende Kompensation zu zahlen, dass Brasilien zum Erhalt der biologischen Vielfalt auf die Nutzung dieser Erdölfelder verzichtet?" Diese Fragen müssten bald geklärt werden. Ab Montag findet in Bonn die Artenschutzkonferenz der Vereinten Nationen statt. Thema wird dort auch die unrechtmäßige Aneignung von genetischer und biologischer Ressourcen sein. » zurück |
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