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Aktuell
Ökonomen zu Arten- und Klimaschutz
Die Welt ist zu teuer, um sie zu zerstören
Die Naturwissenschaftler haben vorgelegt, nun rufen Ökonomen zum Klima- und Artenschutz auf
Von Von Alexander Mäder, Brüssel, Stuttgarter Zeitung, 13.11.08
Brüssel - Kann man das Klima schützen, die Armut bekämpfen und gleichzeitig auch Tier- und Pflanzenarten vor dem Aussterben bewahren? Man könne, sagen Experten auf einer Tagung in Brüssel, und man müsse sogar. Schließlich geht es stets um die richtige Verteilung des Geldes.
Pavan Sukhdev kramt in seiner Tasche. "Da ist er ja!" ruft er und hält seinen Pass in die Höhe. Es ist ein dicker Block; fünf Pässe sind zusammengeklebt worden. "Zu viele Visa", erklärt Sukhdev. Der Inder ist nicht nur Manager bei der Deutschen Bank, er ist auch engagierter Umweltaktivist und leitet derzeit eine Arbeitsgruppe, die den Rückgang der Artenvielfalt unter finanziellen Gesichtspunkten untersucht. Zu den Auftraggebern der Studie gehört auch das Bundesumweltministerium. Nun ist Sukhdev in der Welt unterwegs, um Politik und Öffentlichkeit vorzurechnen, wie viel ihnen ihre intakten Ökosysteme wert sein müssten.
Sukhdev nimmt den tropischen Regenwald im Amazonasbecken als Beispiel: Über den endlosen grünen Flächen nimmt die Luft viel Feuchtigkeit auf, die im Süden Brasiliens und in Argentinien als Regen wieder niedergeht. Diese ökologische Dienstleistung beziffert Sukhdev mit einer Billion Dollar, denn so viel produziert die Landwirtschaft in diesen Regionen. "Natürlich hängt die Landwirtschaft noch von weiteren Faktoren ab", sagt er. Der Regen allein sei nicht eine Billion Dollar wert. "Ich will nur verdeutlichen, welche Verluste der Landwirtschaft drohen, wenn der Regenwald abgeholzt wird."
Temperaturansteig und Artensterben
Im Herbst kommenden Jahres soll Sukhdevs Bericht in der endgültigen Fassung auf dem Tisch liegen - gerade rechtzeitig zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen, auf der der Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll verabschiedet werden soll. Wer über den Temperaturanstieg redet, so Sukhdev, muss auch über das Artensterben sprechen. Denn beide Themen hängen eng zusammen. Zum einen müssen sich Flora und Fauna an steigende Temperaturen anpassen. Für viele Arten wird das Zusammentreffen von Dürren, Überschwemmungen und Waldbränden kaum zu ertragen sein; der Weltklimarat IPCC schätzt, dass mindestens 20 bis 30 Prozent aller Arten aussterben werden. Zum anderen trägt die Zerstörung von Ökosystemen zum Klimawandel bei. Allein durch die Abholzung von Wäldern - vor allem in Brasilien und Indonesien - entstehen ein Fünftel der Treibhausgasemissionen weltweit.
Wenn in Kopenhagen über einen internationalen Handel mit Emissionsrechten gestritten wird, müssen die Wälder Sukhdev zufolge daher einbezogen werden. "Waldgebiete unter Schutz zu stellen kostet etwas", sagt er. Schließlich könne man das Holz auch zu Geld machen und auf den gerodeten Flächen Soja anbauen. Der Verzicht darauf sollte der Weltgemeinschaft etwas wert sein. "An diesen Kosten sollten sich alle beteiligen, die davon profitieren", fordert er. Damit meint er nicht nur die Landwirte im Süden Brasiliens, sondern auch die Europäer. Denn der tropische Regenwald garantiert nicht nur indirekt die Bewässerung der Äcker, sondern speichert auch enorme Mengen Kohlendioxid. Die Angaben in Dollar, die Sukhdev mit seinem Team ermittelt, könnten eine Grundlage für internationale Ausgleichszahlungen sein. Im kleinen Stil werde das schon gemacht, erzählt der Ökonom: In Mexiko, wo auch ein Großteil der Naturschutzgebiete den Anwohnern gehört, würden die Besitzer dafür bezahlt, die Wälder intakt zu lassen.
Ein Teufelskreis ...
Auf einer Tagung in Brüssel, die vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und EU-Parlamentariern ausgerichtet worden ist, stellte Sukhdev diese Woche seine Arbeit vor. Er sprach von einem Teufelskreis, den es zu durchbrechen gelte. Wenn Wald gerodet werde, verliere das Land auf Dauer an Wert. Dadurch werde die Armut befördert, die wiederum dazu führt, dass noch mehr Wald gerodet wird. "Dieser Teufelskreis wird durch schlechte ökonomische Anreize gestützt", sagt er - und meint damit das fehlende Bewusstsein dafür, dass intakte Wälder auch etwas wert sind.
Mit diesem dramatischen Appell stand Sukhdev in Brüssel nicht allein. Der britische Ökonom Nicholas Stern, der vor zwei Jahren einen ähnlichen Bericht zu den Kosten des Klimawandels veröffentlicht hat, schwor das Publikum ebenfalls darauf ein, den Klimaschutz gerecht zu gestalten. Nur wenn die Kosten akzeptabel wären, könne man auf weltweite Unterstützung hoffen, sagte er. Auch Stern wählte starke Worte: Er warnte davor, dass "die Grenzen des Planeten neu gezogen werden" müssten, wenn der Klimaschutz nicht vorankomme. Denn dann seien in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Flüchtlingsströme zu erwarten, "wie sie die Welt noch nicht gesehen hat". Und der Chef des PIK, Hans-Joachim Schellnhuber, forderte rasche Entscheidungen. Denn das Ziel der Bundesregierung und der EU, den Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad zu begrenzen, sei kaum noch zu erreichen.
...und gezwungener Optimismus
Andererseits gaben sich alle Redner in Brüssel gezwungenermaßen optimistisch. Schellnhuber blieb beispielsweise bei seiner Empfehlung, das politische Zweigradziel weiter zu verfolgen. Man könne das Ausmaß des Temperaturanstiegs schließlich nicht exakt festlegen, sagte er. "Es geht vielmehr um die Frage, ob wir den Klimawandel generell unter unsere Kontrolle bringen wollen, oder ob wir die Dinge einfach laufen lassen." Und Nicholas Stern erläuterte noch einmal das Ergebnis seiner eigenen Studie: Klimaschutz sei günstiger, als nichts zu tun.
Unter mehreren Hundert Berufsoptimisten fiel in Brüssel nur ein zehnjähriger Junge auf, der noch nicht so recht an den Erfolg der internationalen Bemühungen zum Klimaschutz glauben mochte. Felix Finkbeiner aus München ist Mitglied des Juniorkomitees der UN-Entwicklungsorganisation (Unep). Erst kürzlich habe er von Managern gehört, man müsse "maßvoll" vorgehen, klagte der Schüler in einer Ansprache. "Vielleicht liegt es an der unterschiedlichen Lebenserwartung, dass wir Kinder anders denken", sagte Felix. "Wenn wir in einigen Jahrzehnten die Probleme ausbaden müssen, die ihr uns eingebrockt habt, werden wir es euch leider nicht mehr heimzahlen können."
13. November, 2008
US-Gesetz zum Klimaschutz dürfte frühestens 2010 kommen
Washington (AP) Der US-Kongress wird nach Einschätzung eines führenden demokratischen Energiepolitikers nicht vor 2010 ein Gesetz zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes ausarbeiten. Der Vorsitzende des Energieausschusses im Senat, Jeff Bingaman, sagte am Mittwoch, die Wirtschaftskrise, der bevorstehende Regierungswechsel und die Komplexität, einen landesweiten CO2-Emissionshandel aufzubauen, schlössen ein früheres Handeln aus. «Tatsächlich kann es mehr als das erste Jahr dauern, um all dies zu schaffen», sagte der Senator.
Doch könnte der Kongress bereits Anfang 2009 Gesetze zum Energiesparen und den Ausbau erneuerbarer Energien angehen, erklärte Bingaman weiter. Berater des designierten US-Präsidenten Barack Obama hatten noch in dieser Woche bekräftigt, dass der Klimawandel ein vorrangiges Thema der neuen Regierung sein werde. Ein hochrangiger Berater Obamas in Umweltfragen, Jason Grumet, versicherte, 2009 werde ein arbeitsreiches Jahr in Klimafragen werden.
Der künftige Präsident könnte auch ohne den Kongress erste Schritte einleiten und beispielsweise dem US-Staat Kalifornien erlauben, den CO2-Ausstoß von Fahrzeugen zu regulieren.
Dienstag, 11. November, 19:39 Uhr
CO2-Ausstoß lässt Todeszonen in Weltmeeren wachsen
Kiel (dpa) - Die Todeszonen in den Weltmeeren werden deutlich wachsen, wenn der Mensch weiter ungedrosselt Treibhausgase in die Atmosphäre bläst. Zu diesem Schluss kommt eine Modellrechnung Kieler Forscher um Prof. Andreas Oschlies vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR).
«Unsere Untersuchungen zeigen eine Ausbreitung der Zonen mit sauerstoffarmem Wasser um bis zu 50 Prozent bis zum Ende dieses Jahrhunderts», berichtete Oschlies, dessen Gruppe ihre Prognose im Fachjournal «Global Biogeochemical Cycles» (Bd. 22, S. GB4008) vorstellt.
Ursache ist der Studie zufolge ein Düngereffekt des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) an der Meeresoberfläche. Das CO2 bewirkt nicht nur eine zunehmende Versauerung der Meere, sondern wird auch vom Plankton vermehrt aufgenommen. Sinken diese abgestorbenen Lebewesen in die Tiefe, verbraucht ihr Abbau viel Sauerstoff.
Die Zahl der sauerstoffarmen Todeszonen in den Ozeanen ist in den vergangenen Jahren beständig gestiegen. Nach einer im August veröffentlichten Untersuchung gibt es inzwischen mehr als 400 dieser lebensfeindlichen Meeresgebiete, die zusammen eine Fläche von mehr als 245 000 Quadratkilometern haben, das entspricht etwa zwei Dritteln Deutschlands.
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