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Aktuell

Wildschäden in Brandenburg

Alarmstufe Rot im märkischen Wald

Forstschäden: Die hohe Wildpopulation in Brandenburg kostet das Land jedes Jahr Millionenbeträge

Von Anne Mareile Moschinski, Märkische Allgemeine, 18.3.08

POTSDAM - Jedes Jahr im Frühjahr fährt Thekla Tielemann mit Maßband und Laptop in ihr Forstrevier. Zwei bis drei Stunden nimmt sich die Potsdamer Försterin dann Zeit, misst Waldgebiete aus, überprüft die Pflanzen auf Wildschäden. „Für diese Arbeit braucht man Geduld, man muss sorgfältig sein, damit die Ergebnisse stimmen“, sagt die Leiterin des Reviers „Sternschanze“, das zur Potsdamer Oberförsterei gehört.

Es ist ein kalter Morgen im März, unter einigen Bäumen liegen Schneereste, an den Zweigen darüber sprießen die ersten Knospen. Für Thekla Thielemann und den Referatsleiter des Umweltministeriums, Michael Duhr, ist dies der richtige Zeitpunkt, um mit dem „Verbissmonitoring-Verfahren“ zu beginnen. Hiermit werden Wildschäden im Wald erfasst. „Wegen der milden Temperaturen können wir in diesem Jahr früher kontrollieren. Denn Blütenknospen sind bereits ausreichend vorhanden“, sagt Thekla Thielemann, während sie mit der Hand das Laub auf dem Waldboden beiseite schiebt und auf eine dünne Pflanze zeigt. „Daraus könnte eine Eiche werden, wenn die Rehe hier nicht schon die oberste Knospe abgefressen hätten“, erklärt die Försterin. In diesem Zustand würden die Bäume nicht mehr hoch wachsen, sondern wie Büsche aussehen.

Verbissene Knospen sind das größte Problem in den Wäldern Brandenburgs. Auch abgefressene Baumrinden bereiten den Förstern Kopfzerbrechen. Schuld ist die zu hohe Wildpopulation, die in Brandenburg ein Vielfaches über dem natürlichen Durchschnitt liegt. Die Folgen: Forstgebiete können sich nicht mehr aus eigener Kraft verjüngen, die Artenvielfalt geht verloren. Jedes Jahr entstehen dem Land dadurch Kosten in Höhe von rund acht Millionen Euro: Neue Bäume müssen gepflanzt, Schutzzäune gezogen, Mitarbeiter bezahlt werden. Geld, das sich nach Ansicht von Michael Duhr auch für soziale Zwecke einsetzen ließe. „Dem Steuerzahler lässt sich der finanzielle Aufwand für die Neupflanzungen nur schwer erklären“, macht der Leiter des Referats Forstbetrieb im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz (MLUV) deutlich. Allein die Hälfte des Potsdamer Waldes, so der Experte, könne sich nicht mehr selbst regenerieren.

Seit vier Jahren arbeitet die brandenburgische Landesforstverwaltung daher mit dem „Verbissmonitoring-Verfahren“: Mit einem Holzpfeiler markieren Thielemann und Duhr auf einer spärlich bewachsenen Waldfläche einen Punkt, ziehen darum in einem Abstand von zehn Metern einen Kreis. Anschließend suchen sie 15 Verjüngungspflanzen, aus denen Buchen, Eichen oder Kiefern werden. Diese kennzeichnen die Fachleute mit einer Schleife, die beschädigten Pflanzen listen sie auf. „Die Zahl der von Rehen verbissenen Pflanzen rechnen wir auf den gesamten Wald hoch“, erklärt Thekla Thielemann und zieht ihren Laptop aus der Umhängetasche. „Ich gebe jetzt die Zahlen in unser System ein. Die Jagdbehörde erstellt daraufhin einen entsprechenden Abschussplan für das Wild.“

Ausreichend sei dieser jedoch nicht. Denn bei der Festsetzung der Abschusspläne kollidierten zu viele verschiedene Interessen. So geben die in den Hegegemeinschaften vertretenen Jäger den Unteren Jagdbehörden Empfehlungen über die Höhe der Abschussquoten. „Vielen ist das Jagen von Trophäen wichtig. An einer Reduzierung des Wildbestandes haben sie wenig Interesse“, erklärt Michael Duhr. Die Abschussquoten würden dadurch nicht ausreichend erhöht.

Jörg Thihatmer kann das Problem der zu hohen Wildpopulation bestätigen. „Wir haben in Brandenburg einen Wildbestand, der ungefähr 30 Mal höher ist als von der Natur vorgegeben“, moniert der Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes Brandenburg. Das liege auch an der schlechten Jagdgesetzgebung in Brandenburg. „Wenn wir die Genehmigung hätten, zwei Monate länger zu jagen, könnten wir die Population bereits besser in den Griff bekommen“, fügt er hinzu.

Thihatmer schätzt den Schaden, der den Waldbesitzern jedes Jahr durch Wildverbiss entsteht, auf 25 Euro pro Hektar. „Die Konsequenzen sind Neupflanzungen und Zäune. Das kostet Geld“, sagt er und zählt eine weitere Folge der zu hohen Wildpopulation auf. So würden immer mehr Wildschweine auf Nahrungsquellen außerhalb des Waldes ausweichen, sich durch Felder von Landwirten wühlen, in Dörfer und Städte vordringen. Nur die Einhaltung der Abschussquoten könne hier Abhilfe schaffen.

Holger Brantsch hat eine andere Ursache für die Wildschweinplage ausgemacht. „Durch den vermehrten Maisanbau der Landwirte werden die Tiere aus den Wäldern gelockt“, erklärt der Sprecher des Landesbauernverbandes. Er berichtet von Landwirten, die Schäden zwischen 3000 und 5000 Euro pro 100 Hektar Ackerfläche zu verzeichnen hätten. „Tierplagen werden auch durch den Menschen verursacht“, sagt er.

Michael Duhr argumentiert ähnlich. „Wenn natürliche Feinde wie Bären oder Wölfe fehlen, muss der Mensch eingreifen. Sonst gerät die Natur aus dem Gleichgewicht“, sagt der Leiter des Referats Forstbetrieb und holt aus dem Handschuhfach seines Autos Karten, auf denen die märkischen Waldreviere eingezeichnet sind. Der Großteil der Forstgebiete ist rot unterlegt. Diese Farbe zeigt an, dass sich der Wald nicht mehr selbst verjüngen kann. „Die Eiche kann sich nur noch in den Revieren der Oberförsterei Belzig aus eigener Kraft vermehren“, sagt Michael Duhr. Nach einer kurzen Atempause fügt er hinzu: „Im restlichen Brandenburg muss sie nachgepflanzt werden. Eigentlich ist das ein Desaster.“


WALDWIRTSCHAFT UND WILDSCHÄDEN IN BRANDENBURG:

Brandenburg besteht zu 1,09 Millionen Hektar aus Wald. Dies entspricht 37 Prozent seiner Fläche. Das Land gehört damit zu einem der waldreichsten Bundesländer Deutschlands. Mehr als die Hälfte des brandenburgischen Waldes befindet sich in Privatbesitz. Elf Prozent der Jagdfläche sind Landeseigentum. In den kommenden Jahren soll der Mischwaldanteil von elf auf 40 Prozent erhöht werden.

Mischwälder sind weniger anfällig für Schädlingsbefall und Waldbrände, reagieren zudem flexibler auf den angekündigten Klimawandel. Die Landesforstverwaltung achtet zudem darauf, dass unterschiedliche Baumgenerationen vertreten sind. Dabei wird auf eine Selbstverjüngung des Waldes Wert gelegt.

Abgezäunte Reviere, in denen neu gepflanzte Bäume ohne Wildverbiss wachsen können, gibt es in nahezu allen Wäldern Brandenburgs. Die Areale sind zwischen einem halben und zehn Hektar groß. Landesweit werden jedes Jahr rund 2000 Hektar Waldfläche neu mit Bäumen bepflanzt. Davon werden rund 1200 Hektar umzäunt. Damit sich der Wald aus eigener Kraft verjüngen kann, müssen auf einer Fläche von 1000 Hektar 55 Rehe pro Jahr geschossen werden.

In der vergangenen Jagdsaison wurden in Brandenburg 132 000 Wildtiere geschossen. Die Landesforstverwaltung erlegt jedes Jahr gut 17 Prozent des jagdbaren Wildes. mos







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