AktuellRückkehr der Wisente
König der Wälder darf nicht überall Hof haltenVon Stephan Börnecke, Frankfurter Rundschau, 25.3.08Kein Knacken ist zu hören. Leichtfüßig zieht die Herde durchs Gehölz. Wlodzimierz Jedrzejewski warnt die Besucher von der deutschen Umweltinitiative Euronatur: "Bleibt auf Distanz, das sind schwere Tiere." Es sind Wisente, die sich hier am Rand des ostpolnischen Nationalparks Bialowieza verblüffend geräuschlos durch den Kiefernwald bewegen. Mancher Bulle wiegt glatt eine Tonne. Da sollte der Betrachter Respekt mitbringen. Denn wenn die an sich gutmütigen Waldrinder lostraben, kann das schon mal heikel werden, warnt der Professor für Säugetierkunde an der Urwald-Station Bialowieza. Der Wisent kehrt zurück, in Polen wird das Comeback schon seit den 50er Jahren betrieben. Nun soll der "Bison bonasus" deutsche Wälder durchstreifen. Die Jagdzeitschrift Pirsch jubelt: "Der König kann kommen." Im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen will Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg Wisente in die Wildbahn entlassen. Im Herbst sollen 20 bis 25 Tiere dieser hierzulande im 18. Jahrhundert per Abschuss ausgerotteten Art wieder durch Mittelgebirgswälder ziehen. Das Bundesamt für Naturschutz unterstützt das Projekt. Doch gar so freizügig wie bei anderen Auswilderungen wird es im Rothaargebirge nicht zugehen: Der Lebensraum der Wisente ist begrenzt durch ein "virtuelles Gehege". Eine im Boden verlegte 20 Kilometer lange Induktionsschleife soll dafür sorgen, dass die Wisente akustisch gewarnt werden, wenn sie dem Draht zu nahe kommen. Laufen sie weiter, soll sie ein leichter Stromschlag zur Umkehr bewegen. Ob das wirklich klappt, muss noch genau untersucht werden, gibt Johannes Röhl zu. Doch der Direktor der Rentkammer in Bad Berleburg ist vom Erfolg überzeugt. Seine Behörde wird die Auswilderung womöglich mit einem Millionenbetrag fördern. Die Schleife begrenzt den gut 4000 Hektar großen Wisente-Wald nur zum Teil: "Nach zwei Seiten ist die Tür offen", sagt Uwe Riecken vom Bundesamt für Naturschutz. Nur in Richtung Hochsauerland funktioniert der "Zaun". Dort protestierten Waldeigner, Bauern und Tourismus-Verbände. Sie alle beäugen das Projekt skeptisch. Vertilgen die Vegetarier, die soviel futtern wie 16 Rehe, den Waldnachwuchs? Schreckt es Wanderer ab, wenn sie einen Koloss von 1,90 Meter Schulterhöhe treffen können? Gleichwie: Die virtuelle Grenze charakterisiert das Projekt. Im Grunde, so Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt, handle es sich bei der Auswilderung nur um ein weiteres, diesmal besonders großes Gehege. Das Projekt ignoriere die Vorgaben der UN-Naturschutzorganisation IUCN zur Wiederansiedlung ausgerotteter oder vertriebener Tiere. Der Aufbau einer sich selbsttragenden, stabilen Population sei im Rothaargebirge unter den Bedingungen eines deutschen Mittelgebirges kaum möglich. Denn Platz für 200, 300 Wisente, die dann über Straßen traben, ist in Deutschland praktisch nicht mehr vorhanden. Riecken hält das Unfallrisiko für beherrschbar: Einigen tausend Wildschweinen, Hirschen und Rehen stünden 20 Wisente gegenüber, an betroffenen Straßen würde ein Tempolimit verhängt. Abwandernde Bullen könnten gefangen und etwa in andere Projekte verfrachtet werden. Europäischer Auftrag Riecken sieht das große Ganze: Es gelte, Verantwortung für eine einst bis nach Nordspanien verbreitete Tierart zu übernehmen und die heutige Verbreitung nicht allein auf Vorkommen in Osteuropa zu stützen. Wisente sollen eine "Schlüsselfunktion im Ökosystem wiederbesetzen". Die großräumige Verteilung mindere das Risiko. Denn der Gen-Pool der Tiere, von denen zuletzt auch in deutschen Gehegen einige der Blauzungenkrankheit erlagen, ist begrenzt: Nur ein halbes Dutzend stand vor 50 Jahren am Anfang der Nachzucht. Die geringe genetische Vielfalt erhöht die Anfälligkeit. » zurück |
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Aus der easy.wdss.de, gedruckt am: Sa, 17.05.2008 © easy.wdss Besuchen Sie die www.weitblick.net unter www.weitblick.net Bildschirm-Version |
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