|
 |
|
Aktuell
Mehr Waschbären
22. März, 2008
Zahl der Waschbären in Deutschland wächst rasant
Kassel (dpa) - Außerhalb der documenta-Zeiten findet sich Kassel selten in internationalen Zeitungen. Vor kurzem nahm sich jedoch sogar die ehrwürdige «Times» der nordhessischen Stadt an.
Doch nicht Beuys-Kunst oder die Kasseler Rembrandts schafften es in die Weltpresse, sondern die «Nazi-Racoons», die auf dem «Durchmarsch durch Europa» seien und auch die britischen Inseln erobern würden. Hauptstadt der Bewegung: Kassel. Wovor die «Times» warnt, sind schlicht Waschbären. Doch in der Tat breiten sich die «bebrillten» Kleinbären immer weiter aus, vor allem in den Städten. Ihre europäische Hochburg ist Kassel.
«Nazi-Waschbären» nennt sie die englische Presse nicht wegen ihrer Invasionsabsichten, sondern wegen ihrer Geschichte. Reichsmarschall Hermann Göring höchstselbst ordnete 1934 die Freilassung von zwei Waschbärpaaren am hessischen Edersee an. Der begeisterte Jäger wollte mit den nordamerikanischen Tieren die Fauna des Reichs bereichern. Die Kleinbären mit Migrationshintergrund überlebten die Nazigröße und entwickelten sich prächtig. Fast alle deutschen Waschbären gehen auf die ersten vier vom Edersee zurück. Trotz dieses genetischen Flaschenhalses wächst die Population rasant: Nach dem Krieg lebten ein paar Dutzend Waschbären in Deutschland, 25 Jahre später schon 20 000.
«Heute sind es sicher viele Hunderttausende. Aber das weiß keiner so genau», sagt Frank-Uwe Michler. Der Wildbiologe aus dem Müritz- Nationalpark in Mecklenburg hat über mehrere Jahre die Waschbären in Kassel beobachtet. «In einigen Stadtteilen haben wir 100 Tiere pro Hektar gezählt. Da hat im Sommer jeder Garten seinen Waschbären.» Selbst am Hauptbahnhof würden die Kleinbären mit der Panzerknackermaske leben. «Die Tiere haben jede Zivilisationsscheu verloren. Viele sind sogar in der Stadt geboren und wären im Wald gar nicht mehr lebensfähig.»
Warum ausgerechnet Kassel für die Waschbären so attraktiv ist, hat nicht nur mit den beiden ersten Paaren vom nahen Edersee zu tun. «Nordhessen ist sehr grün und der Wald reicht bis an die Stadt ran. Das ist die perfekte Einflugschneise», sagt Michler. Die Stadt biete genug Rückzugsräume, Wasser und Nahrung im Überfluss. «Jeder Rasen ist ein gedeckter Tisch mit Regenwürmern und Schnecken. Und jeder Komposthaufen und jede Biotonne ein Paradies für die Tiere.» Nicht zuletzt: «Viele Menschen finden die Tiere niedlich und füttern sie regelmäßig.»
Doch die Front gegen die Invasoren wächst. «Ich bekomme hunderte Anrufe und jeder will wissen: "Wie kriege ich die Viecher weg"», stöhnt Dieter König. Der Förster ist auch für das Stadtgebiet verantwortlich und wird der Tiere nicht mehr Herr. «Natürliche Feinde haben sie hier nicht. Waschbären jagen ja sogar Füchse aus ihrem Bau.» Zudem sind die Beutejäger im Gegensatz zu den meisten einheimischen Tieren auf beiden Etagen unterwegs, auf dem Boden und auf den Bäumen: «Ob Schwarzspechte oder Schnepfen, die machen sich über jedes Gelege her.»
Doch die Anrufer erzürnt nicht der Nesträuber, sondern der Untermieter. «Auf Dachböden fühlen sich die Tiere besonders wohl, und irgendwie kommt man da schon rein», sagt König: «Da werden Ziegel runtergeschmissen, Dachluken aufgekratzt oder teure Isolierungen durchgebissen. Und innen geht es weiter.» Vertreiben nütze nichts, «dann freut sich nur der Nachbar». Eine Lösung kennt auch König nicht: «Dann wäre ich Millionär.»
Frank Becker kann zumindest helfen. «Es ist nur eine Frage des Aufwandes, ein Haus waschbärsicher zu machen.» Und des Preises. Bei größeren Gebäuden könnten das mehrere Tausend Euro werden. «Viel Geld, aber wenig im Vergleich zu 20 000 Euro Schaden.» Die Tiere seien inzwischen «eine echte Plage»: «Weggerissene Dämmungen, teilabgedeckte Dächer und Urin auf dem Dachboden. Der Spaß hört auf, wenn es gelb durch die Decke dröppelt.» Dann vergittert Becker Fallrohre, verstärkt Dachelemente und zieht Elektrozäune. «Alles möglichst unsichtbar. Wir wollen ja nicht, dass statt der Waschbären wir das Haus verschandeln.»
Der Biologe Micheler hat bei allen Bedenken Verständnis für diese Maßnahmen, warnt aber vor zu viel Optimismus: «Waschbären sind nicht nur geschickt, sie sind auch zäh.» Nachdem ein Kasseler Mitte Dezember seinen Schornstein verschlossen hatte, hörte er immer wieder ein Kratzen. Gut zwei Monate ging das so. Als er die Esse Ende Februar wieder öffnete, blinzelte ihm ein Waschbär entgegen und trollte sich.
» zurück
|
|
|
 |
|
 |