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Aktuell
Update Entwaldung in China
Plötzliche Stille in der Schatzkiste der Arten
Winterstürme haben in China Waldflächen von der halben Größe Deutschlands zerstört
Von Richard Stone und Li Jiao, Science, bearbeitet von C. Schrader für Süddeutsche Zeitung, 11.3.08
Zarte Orchideen und Magnolien, seltene chinesische Eiben und die Kwangtung-Kiefer: Die Pflanzenwelt des nationalen Schutzparks Nanling in der Provinz Kanton gilt als derart kostbar, dass Ökologen von einer "Schatzkiste der Arten" sprechen. Aber die jüngsten Winterstürme haben den biologischen Brennpunkt in ein Trümmerfeld verwandelt. Schnee, Graupel und Eis hätten 90 Prozent des 58 000 Hektar großen Waldes zerstört, sagt He Kejun, Direktor der zuständigen staatlichen Forstverwaltung in Kanton (SFV).
Das Schutzgebiet Nanling ist eines von vielen Ökosystemen, von der Provinz Anhui im Osten bis zur Provinz Kanton im Süden, die die Stürme Ende Januar und Anfang Februar getroffen haben. In manchen Teilen des Landes haben Schneefall und eisige Temperaturen Rekorde gebrochen. Vor kurzem zog die staatliche Forstverwaltung Bilanz: Die Stürme hätten fast 21 Millionen Hektar Wald beschädigt. Das ist eine Fläche halb so groß wie Deutschland, ein Zehntel der chinesischen Waldflächen und etwa so viel, wie das Land zwischen 2003 und 2006 aufgeforstet hat. Die Behörde schätzt die materiellen Verluste auf 5,2 Milliarden Euro. "Die heftigen Stürme haben einen gewaltigen Schaden angerichtet", sagt Li Jianqiang, ein Taxonom vom Botanischen Garten in Wuhan. "Einen solchen Schaden gab es noch nie." He Kejun und andere Experten nehmen an, dass die am stärksten betroffenen Ökoysteme Jahrzehnte brauchen werden um sich zu erholen.
Der ökonomische und ökologische Verlust erinnert an die vernichtende Flut am Jangtse, die vor zehn Jahren 25 Millionen Hektar Ackerland überschwemmte. Für den Regenwald, der vor allem aus Laubbäumen besteht, "war der Wintereinbruch schlimmer als die Jangtse-Flut. Es war einmalig in der Geschichte von Süd-China", sagt Ren Hai, Ökologe am Botanischen Garten von Kanton. Die Forstbehörde SFA und andere Organisationen haben Wissenschaftler in die Gebiete entsandt, um eine Bestandsaufnahme zu machen und Hilfspläne aufzustellen. Im schlimmsten Winter in Süd-China seit fünf Jahrzehnten hatten Schneemassen und Eis Stromleitungen zerstört und den Verkehr gelähmt- ausgerechnet zur Zeit des Frühjahrsfests, zu dem viele Chinesen in ihre Heimatorte zurückfahren. 1,7 Millionen Menschen wurden durch die Stürme vertrieben und 1,6 Millionen Häuser beschädigt, wie die Zentralregierung bilanziert.
Ökologisches Desaster
Unbemerkt von der Öffentlichkeit nahm das ökologische Desaster seinen Lauf. In der Provinz Jiangxi zum Beispiel wurden ganze Bambuswälder zu Kleinholz. In der Provinz Kanton, so schätzen Behördenvertreter, sind 700 000 Hektar Wald und Anpflanzungen schwer beschädigt. Im Botanischen Garten von Wuhan brach das Dach eines Gewächshauses unter dem Schnee zusammen und zerstörte die größte Sammlung von Wasserpflanzen in Asien. "Eine einmalige Kollektion", klagt der Botaniker Li Xiaodong.
Seine Kollegen von Botanischen Garten in Kanton haben im Wald von Nanling Versuchsflächen, an denen sie die Schäden und die Erholung des Ökosystems ablesen wollen. Im Augenblick sind die Aussichten trüb. Der gesamte Wald auf Höhen zwischen 500 und 1300 Metern ist vernichtet, sagt He Kejun von der zuständigen Forstverwaltung: "Vor dem Sturm haben Vögel in dem Schutzgebiet gesungen. Nun ist es meistens still." Viele Silberfasane sind in dem strengen Wetter umgekommen; ihre Kadaver übersäen die Wege in Nanling. Die Experten sorgen sich nun, dass im Frühling Seuchen unter den Tieren ausbrechen.
Die Sturmschäden machen die Umsetzung einer neuen nationalen Strategie für die Erhaltung der Arten umso dringender, die vor kurzem von der Forstbehörde SFV, der chinesischen Akademie der Wissenschaften und der staatlichen Umweltbehörde verabschiedet wurde. Dem Text zufolge verpflichtet sich China, auf nationaler Ebene biologische Arten und Habitate zu erfassen und bis 2010 ein System aufzubauen, das die 31 000 Pflanzenarten im Land überwacht und schützt. Die Hälfte dieser Spezies ist einheimisch; etwa 5000 Pflanzenarten in China gelten als bedroht.
"Wir müssen hart arbeiten, um die Vegetation zu retten und das Ausmaß der Schäden zu reduzieren", sagt Ren Hai vom Botanischen Garten in Kanton. "Wir wollen einen Weg finden, um den natürlichen Ökosystemen bei der Erholung zu helfen, ohne dass der Mensch stärker eingreift als nötig." Das ist ein schwieriger Balanceakt. Im Gebiet von Nanling hindern die Forstmitarbeiter bereits Anwohner daran, Bruchholz aus dem Wald zu holen. Obwohl das Bergen der umgestürzten Bäume die Brandgefahr verringern würde, nähme dadurch auch die Bodenerosion zu, was dem Ökosystem noch mehr schaden würde. Daher dürfte sich die Aufräumarbeit auf ökonomische Projekte konzentrieren: den Wiederaufbau von Plantagen.
"Wir schätzen unsere bedrohten Pflanzen", sagt Li Jianqiang vom Botanischen Garten in Wuhan. Aber für einige der wertvollen Gewächse unter seiner Obhut und in den südchinesischen Schutzgebieten "können wir einfach nichts mehr tun".
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