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Aktuell
Mega-Plantagen in SO-Asien
Die Ölstaaten Indonesien und Malaysia planen Megaplantagen für
nachwachsende Rohstoffe
Ziel ist ein südostasiatisches Biospritkartell
Von Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta, Stuttgarter Nachrichten online, 4.8.2006
Früher oder später müssen nachwachsende Rohstoffe Erdöl ersetzen.
Südostasien will davon sehr bald schon profitieren und alternative
Energiequellen nutzen. Doch die gigantischen Biokraftstoffpläne sind
umstritten.
Purnomo Yusgiantoro war bis zum Jahr 2004 Generalsekretär der Opec.
Kaum einer ist wohl so davor gefeit, als grüner Spinner zu gelten,
wie der indonesische Energieminister. Umso ungewöhnlicher ist seine
Haltung: "Biokraftstoff kann im Transportsektor Benzin ersetzen",
sagt der Mann. Er will in seinem Land 22 Milliarden US-Dollar (17
Milliarden Euro) in die Förderung von alternativen Energien
investiert sehen. Indonesien will damit erheblich mehr Ölpalmen,
Jatrophabüsche, Maniokpflanzen und Zuckerrohr anbauen als bisher. Elf
geplante Fabriken sollen bis 2010 jährlich 1,3 Milliarden Liter
Biokraftstoff produzieren.
Seit Mai darf Diesel an Indonesiens Tankstellen bis zu zehn Prozent
Biokraftstoff enthalten. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono will,
dass im Jahr 2025 nur noch ein Drittel der Energie, die die etwa 260
Millionen Indonesier verbrauchen, aus Öl stammt. Zwei Drittel sollen
Pflanzen, Erdwärme und Kernkraft liefern. Die Voraussetzungen dafür
sind gut: Das tropische Vulkanland hat fruchtbaren Boden und darunter
heiße Erdschichten.
Indonesien und sein Nachbar Malaysia haben angekündigt, in Zukunft 40
Prozent ihrer Palmölproduktion für Biokraftstoff zu reservieren. Mit
ihren Plänen sind sie in Südostasien keineswegs alleine: Myanmar
möchte seinen Ölimport, täglich 40 000 Barrel, durch den viel
versprechenden Biokraftstoff aus den Früchten der Jatrophabüsche, den
Purgiernüssen, ersetzen. Thailand will bis 2020 satte 230 000 Barrel
Öl pro Tag sparen, ein Viertel seines Bedarfs. Fahrzeuge sollen mit
Gas angetrieben werden oder Benzin tanken, das mit Ethanol versetzt
ist. Und auch die Philippinen wollen den Alkohol verstärkt nutzen und
zudem aus Kokosnüssen Biokraftstoff pressen. Vietnam schließlich will
Diesel mit tierischem Fett mischen, das bei der Fischverarbeitung
abfällt.
Die nationalen Vorhaben passen zur Erklärung der Energieminister des
südostasiatischen Staatenbundes Asean: "Hohe Ölpreise gefährden das
Wirtschaftswachstum. Ein effizienterer Umgang mit Energie und eine
Steigerung des Angebots aus erneuerbaren Energien sind wichtig für
das Erreichen einer nachhaltigen Energiezukunft."
Die Palmölriesen Indonesien und Malaysia haben die größten
Biokraftstoffpläne. Die beiden Staaten bauen insgesamt auf einer
Fläche Ölpalmen an, die größer ist als Bulgarien. So wird derzeit 85
Prozent des Weltmarkts abgedeckt. Das exportierte Pflanzenöl steckt
in jedem zehnten Supermarktprodukt: in Kosmetika, Margarine,
Waschmitteln, Süßigkeiten und vielem mehr. Gleichzeitig kann Palmöl
als Biokraftstoff dienen und konventionellem Sprit beigemischt
werden. Dieser Verwendungszweck soll durch massive
Produktionssteigerung forciert werden.
Dabei wollen Indonesien und Malaysia sich nicht wehtun - im
Gegenteil. Kuala Lumpur und Jakarta denken über ein Kartell nach,
über eine Art Opec für Palmöl. Laurens Rademakers von der
Bioenergieorganisation Biopact sieht "zukünftige Biospritgroßmächte"
auf die Welt zukommen. Das Knowhow für eine massenhafte Vermarktung
wäre vorhanden, denn die Bioinitiativen kommen aus zwei Staaten, die
bereits Öl und Gas fördern. Malaysias Staatsbetrieb Petronas spielt
in der zweiten Weltliga der Energiekonzerne oben mit. Indonesien ist
Opec-Mitglied und weltgrößter Exporteur von natürlichem Flüssiggas.
Beide Länder erklären entschiedener als ihre Ölabnehmer, sich beim
Energiemix breiter aufstellen zu wollen. Indonesiens Präsident
Yudhoyono hat eine Biokraftstoffkommission gegründet, die einen Plan
erstellt. "2006 wird vorbereitet, 2007 umgesetzt", verspricht
Yudhoyono, "die Entwicklung von Biokraftstoff schafft mehr Arbeit und
reduziert Armut." Exarbeitsminister Al Hilal Hamdi, Chef der neuen
Biokraftstoffkommission, hofft auf 3,6 Millionen Arbeitsplätze: "Die
Förderung von Biokraftstoff könnte helfen, eine soziale Wirtschaft zu
entwickeln, in der ländliche Kleinbetriebe und damit die einfachen
Leute profitieren."
Doch die Ökovision hat zwei Haken. Erstens hat Jakarta keine 22
Milliarden US-Dollar, um die alternative Energiebranche in Fahrt zu
bringen. Investoren seien dazu eingeladen, heißt es. Der Dreh geht
schon seit dem Januar 2005 beim Versuch schief, für 91
Infrastrukturprojekte 150 Milliarden ausländische Dollar ins
korrupte, rechtsunsichere, bürokratische Indonesien zu holen. Bislang
kamen nur sechs Milliarden Dollar.
Hinzu kommt die absehbare Umweltzerstörung. Denn die Ökoidee ist nur
auf den ersten Blick grün. Wer sehr viel Biokraftstoff verwenden
will, braucht sehr viel Pflanzenöl. Für die Produktion bestehende
Landwirtschaftsflächen zu nutzen, ist in Indonesien keine gute Idee:
Die Reis- und Gemüseernten würden dadurch zurückgehen, und die
wichtigen Güter damit teurer werden - verheerend in einem Land, in
dem 120 Millionen Menschen mit weniger als zwei US-Dollar über den
Tag kommen müssen. Also kann der Biokraftstofftraum nur auf bisher
landwirtschaftlich nicht genutzter Fläche realisiert werden. "Wir
werden 6,5 Millionen Hektar bereitstellen, davon drei Millionen für
Ölpalmen, jeweils 1,5 Millionen für Jatropha und Maniok sowie 500 000
Hektar für Zuckerrohr", kündigt der Pflanzenölvisionär Hilal an. Wo
die Flächen sein sollen, sagt er nicht. 6,5 Millionen Hektar -
Kroatien ist kleiner.
Indonesiens neue Megaplantagen könnten nur in Papua sowie auf Borneo
und Sumatra entstehen. Nur dort gibt es weite, flache Gebiete, die
dünn oder unbesiedelt sind. Allerdings zählen die Gegenden zu den
letzten Tropenwaldparadiesen der Welt. Wird der Wald für Plantagen,
also für Monokulturen abgeholzt, ist das Aussterben des Orang-Utans
besiegelt. Auf Borneo kämpfen Umweltschützer gegen den längst
bekannten Plan, entlang der Grenze zu Malaysia die größte
Ölpalmenplantage der Welt zu schaffen. Sie soll fast so groß wie
Slowenien werden. Im Eifer ignorieren die Planer aber, dass diese
Grenze fast durchgehend in den Bergen liegt. Dort fühlen sich Orang-
Utans sehr und Ölpalmen gar nicht wohl.
"Es macht keinen Sinn, den Wald aus dem Herzen Borneos herauszureißen
für eine Pflanze, die da nicht wachsen kann", meint Mubariq Ahmad vom
WWF. Und auch eine andere Kleinigkeit scheint Indonesiens Regierung
im Biokraftstoffrausch zu verdrängen: Ölpalmensetzlinge brauchen
einen kahlen Boden. Eine Brandrodung aber würde Singapur, Malaysia
und Teile Indonesiens mit so genanntem "Haze" vernebeln. Schon heute
ist der Rauch, der durch Waldbrände auf Sumatra oder Borneo entsteht,
ein ernsthaftes Umweltproblem in Südostasien.
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