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Soja in Argentinien

Die Sojafizierung einer Volkswirtschaft

Von Helge Holler, Greenpeace-Online, 6.5.08

Argentinien erholt sich gerade von einer ernsten wirtschaftlichen Krise. Den Aufschwung verdankt das Land unter anderem einer Pflanze - einer mit der man im Land des Rindfleischs eigentlich gar nichts anzufangen wusste: der Sojabohne.

Noch vor fünf Jahren lag die argentinische Wirtschaft am Boden. Auslandsschulden konnten nicht mehr bedient werden, die Banken blieben geschlossen, an ihr Erspartes kamen viele Argentinier monatelang nicht heran. Die Regierung wertete die Währung ab, die seit Anfang der 1990er Jahre im Verhältnis 1:1 an den Dollar gekoppelt war. Inzwischen geht es deutlich bergauf: Wachstumsraten von acht bis neun Prozent halfen dem Land wieder auf die Beine. Und eben die erwähnte Sojabohne.

Das Land am Südzipfel Lateinamerikas ist weitgehend von seinen Agrarausfuhren abhängig. Die Landwirtschaft ist einer der wenigen international konkurrenzfähigen Wirtschaftszweige. Kein Wunder: die Durchschnittsgröße der Betriebe liegt bei 580 Hektar und damit weit über den knapp 50 Hektar in Deutschland. Ein großer Teil der Steuereinnahmen Argentiniens beruht auf Ausfuhrzöllen auf Agrarexporte, mit denen nicht zuletzt die Inlandspreise für die wichtigsten Lebensmittel subventioniert werden.

Ausdehnung der Soja

In den letzten Jahren hat insbesondere der Anbau von Soja massiv zugenommen. Waren vor zehn Jahren nur sieben Millionen Hektar mit Soja bepflanzt, sind es heute über 16 Millionen Hektar. Der Ertrag legte von 18,7 Millionen Tonnen im Jahr 1998 auf 47,5 Millionen Tonnen in 2007 zu. Soja macht inzwischen mehr als die Hälfte der gesamten Getreide- und Ölsaatenproduktion des Landes aus und ist die wichtigste Einkommensquelle nicht nur der Farmer, sondern über die Exportzölle auch der Regierung.

Denn ein großer Anteil der Soja wird exportiert - entweder als Bohne zur Weiterverarbeitung im Ausland oder bereits zerquetscht und zu Sojaöl bzw. Sojapellets verarbeitet. Letztere landen als Tierfutter in den Trögen von Schweinen, Rindern und Geflügel - auch in Deutschland. Seit 2007 wird das Sojaöl auch in großem Umfang weiterverarbeitet zu Agrodiesel, ein Prozess der in diesem und den kommenden Jahren noch zunehmen wird, wenn weitere große Anlagen zur Produktion von Agrodiesel ihre Arbeit aufnehmen. Sojaprodukte sind seit Jahren der wichtigste Devisenbringer Argentiniens - weit vor Tourismus und Rindfleisch.

Schattenseiten der Entwicklung

Die Ausbreitung des Sojaanbaus auf über die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche ruft jedoch erhebliche Probleme hervor. In der Provinz Córdoba im Zentrum des Landes wächst zu 80 Prozent Soja auf den Feldern, eine riesige Monokultur, die entsprechend anfällig für Schädlinge ist. Da trifft es sich, dass nahezu die gesamte Soja in Argentinien genmanipuliert ist und immun gegen das Pestizid Glyphosat von Monsanto. Entsprechend großzügig wird Glyphosat über die Anbaugebiete ausgebracht. In zunehmendem Maße reicht das aber nicht mehr, weil der großflächige Einsatz immer desselben Pestizids zu resistenten Gräsern und Wildkräutern geführt hat, denen anders als mit einem gefährlichen Pestizidcocktail nicht mehr beizukommen ist.

Ein großer Teil des jährlich hinzukommenden Landes für den Sojaanbau wurde überdies in den vergangenen Jahren direkt der Natur abgerungen. Tausende Hektar unberührte Wälder und die dort lebenden Ureinwohner wurden Opfer des Expansionsdrangs. Greenpeace setzte Ende letzten Jahres ein Moratorium für die weitere Ausbreitung der Soja auf Kosten der Wälder durch, das ausgearbeitete und mit der lokalen Bevölkerung abgestimmte Nutzungspläne vorsieht.

Daher geht die Ausbreitung der Pflanze nun vor allem auf Kosten anderer wichtiger Futterpflanzen und Ölsaaten wie Mais oder Sonnenblumen weiter. Auch die Anbaufläche von direkt für die menschliche Ernährung bestimmten Getreidepflanzen wie Reis oder Weizen ist in den letzten zehn Jahren zum Teil erheblich geschrumpft. Alarmieren müsste die Regierung von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner auch die Umwandlung von Rinderweiden in Sojafelder, weil das direkten Einfluss auf die Fleischpreise im Inland und damit die Zufriedenheit der Bevölkerung hat. Rindfleisch ist integraler Bestandteil der argentinischen Küche. Im Durchschnitt verdrückt jeder Einwohner pro Jahr rund 65 Kilogramm.

In den letzten Wochen verschwand die Metropole Buenos Aires zum Teil tagelang in einer stinkenden Rauchwolke, hervorgerufen von Rinderfarmern, die bislang ungenutzte Flächen auf Inseln im Delta des Rio Paraná mit Hilfe von Feuer als Weiden nutzbar machen wollten. Das ist in Argentinien eine um diese Jahreszeit gängige Praxis, allerdings nicht im diesjährigen Ausmaß. 300 Feuer brannten unkontrolliert auf den sumpfigen Böden auch nach dem eigentlichen Löschen weiter und verbreiteten ätzenden Qualm über hunderte Kilometer. Auf den bisherigen Weiden wird in Zukunft wohl Soja wachsen. Die Inseln eignen sich dafür nicht.

Die Stimmen, die vor einer weiteren Ausdehnung des Sojaanbaus auf Kosten anderer landwirtschaftlicher Sektoren warnen, werden lauter. Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass sie Gehör finden. Zu verlockend sind die hohen Preise, die international für Soja, Sojapellets und Sojaöl gezahlt werden. Und nicht zuletzt müssen ja auch die Biosprit-Märkte der EU, der USA und immer mehr weiterer Nationen bedient werden. Die Regierung fördert sogar die Produktion von Agrodiesel noch durch eine Befreiung von den Exportsteuern.

Dabei ist Soja in Form von Agrodiesel noch nicht mal ein besonders guter Energielieferant. Für jede Kilokalorie Energie, die man reinsteckt, werden lediglich rund 1,44 Kilokalorien Energie bei der Verbrennung des Agrodiesels freigesetzt. Zum Vergleich: Bei der Verwendung von Palmöl z.B. liegt das Verhältnis im besten Fall bei 1:9,6 - allerdings unter der Voraussetzung, dass nicht vorher Urwald für die Palmplantagen gerodet wird.

Für 2008 rechnet die Argentinische Vereinigung für Biotreibstoffe (AAB) mit einer Produktion von rund 1,7 Millionen Tonnen Agrodiesel, bis 2015 soll die Produktion auf 2,7 Millionen Tonnen steigen. Nahezu die gesamte Produktion basiert auf Sojaöl und rund drei Viertel werden bereits heute exportiert, hauptsächlich in die USA und nach Europa. Neue Märkte für den Sprit aus der Bohne locken auch in Asien, wo ebenfalls der Bedarf an Sojapellets als Tierfutter enorm steigt. Ein Ende der Sojafizierung Argentiniens ist nicht in Sicht.







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