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Amazonien, der wehrlose Gigant

Der wehrlose Gigant

Raubbau im Amazonas-Gebiet: "Es gibt den Punkt, an dem es zu spät sein wird"

Brasiliens Regenwald ist die Lunge der Welt - alle wissen das, und dennoch geht der Kahlschlag in einem immer rücksichtsloseren Tempo voran


Von Peter Burghardt, Süddeutsche Zeitung, 14.5.08

Santarém, im Mai - Kurz vor dem großen Fluss drehen die Spione noch eine Runde über der Invasion. Die achtsitzige Cessna Caravan mit dem Schriftzug Amazon Edge legt sich in die Kurve und sticht durch Wolkenfetzen hinab. Die Passagiere werden in die Sitze gepresst, Amazonien gerät vor ihren Augen aus der Balance. Paulo Adário und seine Mitstreiter von Greenpeace kennen solche Manöver aus vielen Feldzügen. Es gibt eine weitere Niederlage der Natur zu besichtigen und einen weiteren Triumph des Markts. Drunten öffnet sich das dunkelgrüne Dickicht und geht über in hellgrüne bis gelbbraune Felder. Durch die Bordfenster zeigen sich jene Plantagen, die bald halb Brasilien überziehen. "Alles Soja", ruft Adário, "bis vor fünf Jahren gab es hier nichts davon." Die kniehohen Pflanzen wachsen mitten hinein ins prominenteste Ökosystem der Erde.

Minuten später gleitet die Propellermaschine im Landeanflug über Santarém, 250 000 Einwohner, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Pará. Auch die breitet sich aus, das hat ebenfalls mit diesem Gewächs zu tun. Das auffälligste Gebäude neben flachen Häusern ist eine lange Fabrikhalle an der sonst beschaulichen Hafenpromenade mit ihren Holzbooten. Cargill steht auf dem Dach, so heißt der US-Multi aus Minnesota, die größte Landwirtschaftsfirma der Welt. Mit der Filiale endet eine 1767 Kilometer lange Straße durch den Dschungel zum Rio Tapajãs, dessen grünes Wasser in die braunen Fluten des Rio Amazonas fließt. Eine moderne Verladestation auf elf Stahlträgern ragt hinein und füttert ein gewaltiges Frachtschiff mit gemahlenen oder ausgepressten Sojabohnen, bald wird es ablegen nach China oder Holland, viele Tausend Kilometer entfernt. Fast alles in dieser Geschichte ist riesig, auch Gewinn und Zerstörung.

"Cargill ist ein gutes Beispiel für das, was solche Firmen anrichten können", sagt Paulo Adário. Da haben Widerständler keine Chance. Auch nicht Adário, der in Brasilien zu den bekanntesten Kämpfern für den Wald zählt. Über dem Jeanshemd trägt er eine olivgrüne Weste mit der Aufschrift "Greenpeace", beim Landgang nachher wird er das Erkennungszeichen aus Sicherheitsgründen ablegen. Seit 1998 leitet der ehemalige Journalist den Bereich Amazonas für die Organisation, ein PR-freudiger Aktivist von 58 Jahren mit Wuschelkopf und grauem Bart. Gerne führt er Besucher an die Front, gerade vor Ereignissen wie dem UN-Gipfel für Biodiversität, der am 18. Mai in Bonn beginnt. Dort wird es besonders um diesen größten Urwald der Erde gehen, diesen gigantischen Produzenten von Sauerstoff, dieses Reservoir von Süßwasser, diesen Tierpark und botanischen Garten. Also zeigt Adário zunächst von oben, wie eine blühende Landwirtschaft diesen Lungenflügel der Menschheit durchlöchert.

Verkohlte Stümpfe

Der Schlachtplan ist im Cockpit ausgebreitet, eine Karte des brasilianischen Teils von Amazonien, das bis nach Peru, Ecuador, Kolumbien, Bolivien, Venezuela, Surinam und die Guyanas reicht. Sie stammt aus dem Drucker im Greenpeace-Büro in Manaus und wird regelmäßig aktualisiert. Adários Assistent speist Daten in einen Laptop, der mit dem Satellitensystem GPS verbunden ist. Verschiedene Grüntöne illustrieren intakte Natur, Indianer-Reservate und staatliche Schutzgebiete. Brasilien behütet neun Millionen Hektar, bald sollen es zwölf Millionen Hektar sein. Grün ist immer noch die klar dominierende Farbe. Aber Rot holt auf, Rot markiert abgeholzte Flächen und breitet sich aus wie ein Geschwür. Die Flecken bedecken vor allem die Bundesstaaten Rondonia, Mato Grosso und eben Pará, ständig muss rot nachgefärbt werden.

Experten zweifeln schon länger am Umweltverständnis von Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Pragmatische Wirtschaftspolitik hat ihn populär gemacht, der frühere Gewerkschafter aus der Arbeiterpartei wirbt für seine boomende Agrarindustrie und will den Giganten zum Saudi-Arabien der Biotreibstoffe machen. Dennoch versicherte er, der Kahlschlag sei unter Kontrolle. Dann aber gab im Januar die jetzt zurückgetretene Umweltministerin Marina Silva zu, dass laut der Satellitenbilder schlimmer gewütet worden sei als zuvor. Zwischen August und Dezember 2007 wurden 7000 Quadratkilometer Wald geschlagen. Insgesamt verschwanden seit den sechziger Jahren auf 700 000 Quadratkilometern Amazoniens Bäume, das entspricht der doppelten Fläche Deutschlands. Alle acht Sekunden ein Stück von der Größe eines Fußballplatzes, jedes Jahr ein Belgien. Andererseits stehen noch 83 Prozent der Bestände im Amazonas-Becken, das ein Fünftel Südamerikas bedeckt.

Aber was bedeuten solche Dimensionen? Und wo führt das alles hin in Zeiten von Klimawandel und Ernährungskrise?

Die Erkundungstour startet in Manaus, der Metropole am Rio Negro. Früher war es das Zentrum der Kautschuk-Barone, das Opernhaus zeugt davon, heute ist es Freihandelszone, zwei Millionen Einwohner. Greenpeace besitzt hier ein eigenes Flugzeug, Spende eines Gönners, eine fliegende Version des Schiffes Rainbow Warrior. Kennzeichen PR-PAZ, Paz wie Frieden. Der Pilot Fernando Bezerra steuerte früher für Holzhändler und Goldsucher, ehe er die Seiten wechselte. Erst ging es vier Stunden lang Richtung Süden. Über Baumwipfel, die aus 3000 Metern Höhe aussehen wie ein dicht geknüpfter grüner Teppich, durchzogen von blauen Adern, Hunderten Nebenarmen des Amazonas. Der gleichnamige Bundesstaat ist noch weitgehend heil. "Unsere Perle", sagt Adário. Doch am Übergang nach Mato Grosso nehmen die baumlosen Flecken zu. Auf der Karte wird es rot und am Boden giftgrün, gelb, braun.

Im August wäre da wenig zu erkennen, weil dann Hunderte Feuer lodern und der Rauch wochenlang den Himmel vernebelt. Brasilien ist der viertgrößte Verursacher von Kohlendioxid, drei Viertel davon sind Brandrodungen geschuldet. Jetzt, in den Ausläufern der Regenzeit, ist die Sicht klar. Man sieht, wie sich Schneisen für die Baumaschinen in den Wald gefressen haben. Wie Tausende Stämme abgeschlagen auf dem Boden liegen oder als verkohlte Stümpfe in die Landschaft ragen. Manchmal ist auf einem Acker nur ein Baum stehengeblieben, wie ein Denkmal. Bald reiht sich ein immenses Feld an das andere, dazwischen stehen vereinzelte Silos und Gehöfte. Mato Grosso bedeutet so viel wie Großer Urwald, doch der Große Urwald ist zu kleinen Inseln geschrumpft.

Brasilien hat als wichtigste Agrarmacht die USA überholt, ist führender Exporteur von Fleisch, Soja, Benzinersatz, von Zucker, Orangen und Kaffee sowieso. Der Gouverneur von Mato Grosso heißt Blairo Maggi und wird Sojakönig genannt. Adário verlieh ihm 2005 die Goldene Kettensäge als größter Umweltzerstörer. Kürzlich verkündete Maggi, Amazonien könne die Lösung für die weltweite Knappheit an Lebensmitteln sein. Es ist meistens das gleiche Muster. Erst kommen Holzfäller und schlagen die Bäume, zu 80 Prozent illegal. Dann wird angezündet. Es folgen die Viehzüchter, und schließlich wird Soja gepflanzt, Soja für Menschen, Rinder und Schweine in Asien und Europa. Die nationalen Vorschriften schreiben vor, den Anbau zu begrenzen, die Regierung überwacht mit modernster Satellitentechnik. "Aber kaum jemand hält sich an die Regeln", sagt Adário. "Der entscheidende Faktor ist der Preis", und der Preis für Soja, Zuckerrohr und Fleisch steigt.

Drohungen und Anschläge

Deshalb ist Cargill auch in Santarém gelandet. Die Firma belegt Kilometer 0 der Bundesstraße BR 163, die zum Schrecken der Bewahrer quer durch den Regenwald bis nach Cuiabá in Mato Grosso reicht und nach den Wünschen der Benutzer durchgehend asphaltiert werden soll. "Santarém, neue Agrargrenze der Welt", schwärmte der Konzern mit seinem Jahresumsatz von zuletzt 88 Milliarden Dollar. Cargills Hafenanlage funktioniert bestens, obwohl die Prüfung auf Umweltverträglichkeit ignoriert wurde und ein Gericht zwischenzeitlich die Schließung anordnete. Die Bohnen kommen auf Schiffen und Lastwagen aus dem Süden und gedeihen nun sogar gleich nebenan. Soja ist den Tropen fremd, aber Gentechniker haben eine Sorte entwickelt, die fürs Erste der feuchten Hitze trotzt. Soja, Straße, Hafen - das ist für die Betreiber eine traumhafte Kombination und bringt in Santarém vieles durcheinander. "Wir kannten Soja nicht", sagt eine Frau mit den Gesichtszügen der Ureinwohner. "Jetzt ist alles konfus."

Ivete Bastos de Santos vertritt als Vorsitzende der örtlichen Landarbeiter-Vereinigung 30 000 Familien. Viele von ihnen kamen im Zuge der ersten Invasion vor vier Jahrzehnten aus dem kargen Nordosten. "Land ohne Menschen für Menschen ohne Land", warb die Militärregierung damals, um das Hinterland zu bevölkern. Seitdem holzen Siedler ab, um dem Staat zu beweisen, dass sie ihr Land auch nützen. Bislang lebten die meisten vor allem von Fischfang, Kühen und dem Handel mit Pfeffer, Holz, Jute oder Paranüssen. Jetzt fielen die globalen Sojaproduzenten ein. "Cargill kauft alles auf", berichtet die Gewerkschafterin. Für Spottpreise geben oft ungebildete Kleinbauern ihre Weiden ab. Wer sich weigert, den überzeugen Drohungen oder Brandanschläge. Es übernehmen Großgrundbesitzer, Fazendeiros. Die meisten sind europäischstämmige Spezialisten und kommen aus dem südlichen Brasilien. Ihr dortiges Land verkauften sie teurer an Zuckerrohrbarone und machen nun mit Soja Geschäfte.

So verschiebt sich diese Agrargrenze der Welt, und so ändert sich das Klima. Dieses Jahr war der Regen stärker als sonst und das Hochwasser höher, auch zerwühlten plötzlich Wirbelstürme die Flüsse. "Unsere Alten, die früher alles erklären konnten, kennen sich nicht mehr aus", sagt Ivete Bastos. Pestizide und Monokulturen belasten die Böden. Außerdem wachsen am Stadtrand die Slums und Probleme, weil viele Landverkäufer keinen Job mehr finden. Auf modernen Sojafeldern genügt ein Arbeiter für 200 Hektar, und verschifft wird ausnahmslos in ferne Länder. "Soja ist die Kultur des Todes", sagt Ivete Bastos. Hinter ihr im Versammlungsraum wacht ein Aufpasser mit Revolver.

Kritiker leben gefährlich, auch Paulo Adário wurde lange von Leibwächtern begleitet. In Santarém zieht er seine Greenpeace-Weste aus und fährt im gepanzerten Jeep. "Die mögen uns hier nicht", sagt er. "Greenpeace raus, Amazonien gehört uns", stand auf Plakaten. Der Kautschukzapfer und Menschenrechtler Chico Mendes wurde 1988 von Großgrundbesitzern ermordet, die Nonne und Umweltaktivistin Dorothy Stang 2005 - den mutmaßlichen Auftraggeber, einen Sägewerksbesitzer, sprach die Justiz in Pará gerade frei. Die Regierung lässt einerseits Polizisten und Soldaten gegen Brandstifter, Holzfäller, Sklavenhändler und Auftragskiller ausschwärmen. Andererseits sind ihr auch Ökologen verdächtig und sollen künftig stärker kontrolliert werden. Paulo Adário sagt: "Amazonien wird zerstört von der Globalisierung der brasilianischen Wirtschaft, aber wir können auch keine Glocke darüber stülpen. Am Amazonas leben 23 Millionen Menschen."

Manchmal wehrt sich Amazonien, damit beginnt die vage Hoffnung. Nahe Santarém vermodert ein Ort namens Belterra und ein Stück weiter Fordlandia. In den zwanziger und dreißiger Jahren ließ Henry Ford dort Zehntausende Hektar kaufen und Kautschukbäume säen. Es war die Antwort auf die Briten, die mit geschmuggelten Samen seinerzeit auf Plantagen in Malaysia Gummi in Mengen herstellten. Und es war der erste Versuch der Massenproduktion am Amazonas. Der Automobilmagnat aus Detroit verpflichtete damals Scharen von Glücksrittern, bis Pilzbefall die unnatürlich eng aneinander stehenden Pflanzen zerstörte und das Projekt beendete. Dazu behinderten der oft niedrige Wasserstand des Rio Tapajãs und die Malaria-Mücken das Experiment. Heute sind bloß noch blumengeschmückte Holzhäuser und rote Hydranten wie in Michigan übrig. Männer wie Paulo Adário hoffen, dass Amazonien die Sojafelder irgendwann auf ähnliche Weise abstößt. In der Villa des Patrons Ford, die er nie bewohnte, sind Sinnsprüche wie dieser auf Papier gekritzelt: "Misserfolg ist lediglich eine Gelegenheit, noch einmal intelligenter anzufangen."

"Ein Teufelskreis"

In den Dörfern der Umgebung schöpfen Kautschukzapfer die Bäume wieder auf traditionelle Art ab, 30 Jahre lang fließt der weiße Saft. In Hütten basteln Frauen aus dem Latex Handtaschen und Spielzeugtiere. Kleinunternehmer im Dschungel beliefern Reifenfirmen und sind via Satellit mit dem Internet vernetzt. Naturgummi hat wieder an Wert gewonnen. Im Bundesstaat Acre, der ebenfalls zu Amazonien gehört, wurde eine Kondom-Fabrik eröffnet. Der Bundesstaat Amazonas belohnt Gemeinden, die Naturprodukte fördern, und will dafür internationale Kreditgeber gewinnen. Die Holzfirma Precious Woods versucht trotz finanzieller Engpässe so ausgewählt zu fällen, dass der Wald erhalten bleibt. "Ein gesunder Baum ist wertvoller als ein abgeholzter", sagt in Manaus die regionale Umweltministerin Nadja Ferreira. Sie will ihre Bastion vor der globalisierten Belagerung schützen und findet dabei außer Greenpeace auch andere Unterstützer.

Philipp Fearnside stellt im Besprechungsraum des Forschungszentrums Inpa von Manaus die brummende Klimaanlage ab, das passt zum Thema. Wie lange hält die Klimaanlage Amazonas noch durch? Ein Kollege hat am Computer errechnet, dass bei 40 Prozent Abholzung das System kippen würde - bislang wurden laut Statistik 17 Prozent gefällt. "Es gibt den Punkt, an dem es zu spät sein wird", sagt der Klimaforscher Fearnside gelassen, "nur kennt ihn niemand." Seit drei Jahrzehnten forscht der Amerikaner zwischen einem Wust aus Bildschirmen, Kabeln und Ordnern. Zuletzt erlebt er in immer schnellerer Folge ungewöhnliche Dürren und Überschwemmungen. Der wärmere Pazifik erwärmt Amazonien, Amazonien steigert die Erwärmung des Atlantiks, Abholzung und Brandrodung verstärken den Effekt. "Ein Teufelskreis", sagt Fearnside. "Doch man kann etwas tun. Wir haben die Wahl."

Für ihn ist das auch eine schlichte Frage wirtschaftlicher Vernunft. "Die Kosten des Abholzens werden höher sein als das, was du für Holz und Steaks und Soja und so weiter kriegst, das muss man endlich verstehen." Zuckerrohr und Soja seien für Brasilien wichtig, "aber das braucht seine Grenzen. Brasilien kann nicht die ganze Welt versorgen." Fonds mit ausländischem Geld könnten helfen, entscheiden allerdings müsse Brasilien schon selbst. Für seinen Geschmack begeistere sich Präsident Lula allzu sehr für Treibstoffe, Autobahnen, Fabriken und Staudämme und zu wenig für den Regenwald. Umweltschutz sei keine internationale Verschwörung gegen den Fortschritt, "sondern im ureigenen Interesse des Landes. Brasilianer werden den weiteren Klimawandel besonders spüren." Die Greenpeace-Karte mit den roten und grünen Flächen hängt auch bei Philipp Fearnside an der Wand. Bei Gelegenheit will er bei Paulo Adário in der Amazon Edge mitfliegen und von oben sehen, was aus dem Markt und dem Wald geworden ist.

biunt: "Die Kosten für des Abholzens werden höher sein als das, was du für Holz und Steaks kriegst, das muss man endlich verstehen": Seit den sechziger Jahren wurden im Amazonasgebiet auf einer Fläche von 700.000 Quadratkilometern Bäume gefällt, das entspricht der doppelten Fläche Deutschlands. Auf den neu gewonnenen Feldern gibt es nicht einmal viele Jobs.


Dies war einmal Regenwald...

Soja statt Bäume: Jede Minute wird in Brasilien eine Fläche von viereinhalb Fußballfeldern gerodet. Die Lunge der Welt bekommt Atemnot.

Von Roland Knauer, Hamburger Abendblatt, 15.5.08

Berlin - Kaum eine Handbreit ragt der Rand des Einbaums aus dem Wasser. Die unter der brennenden Tropensonne schweißüberströmten Menschen im schaukelnden Kanu blicken zu beiden Seiten an den Ufern auf eine grüne Wand, die senkrecht aus den braunen Fluten scheinbar endlos in den Himmel steigt. Sie ist keine zehn Meter vom Boot entfernt, aber schier undurchdringlich. Noch!

Denn der Regenwald im Amazonasgebiet, größter der Erde und gleichermaßen "grüne Hölle" wie "grüne Lunge der Menschheit", kriegt Löcher. Und das in immer rasanterem Tempo. Schon heute sind fast 20 Prozent dieses Urwaldes verschwunden. Abgeholzt, brandgerodet. Unwiederbringlich. Weiden für Rinder haben die Menschen daraus gemacht, und Plantagen für Soja, mit dem man Rinder in Europa füttert - und neuerdings Biokraftstoff herstellt, damit Autos "klimafreundlicher" fahren können.

Zweimal die Fläche Deutschlands wurde auf diese Weise seit den 60er-Jahren umgewandelt. Allein 2004 waren es nur in Brasilien 27 379 Quadratkilometer, ein Gebiet so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. In jeder Minute verlieren der Ara, der Jaguar, die Boa-Riesenschlange oder der 30 Kilogramm schwere Riesenotter ein Stück Heimat der Größe von viereinhalb Fußballfeldern. Nur weil das Amazonasbecken mit 6,74 Millionen Quadratkilometern fast 20mal größer als Deutschland ist, sind trotz solcher riesigen Verluste noch 80 Prozent des Regenwaldes dort übriggeblieben. Noch!

Die arme Bevölkerung Brasiliens hat von der Brandrodung wenig, die Weiden und Sojaplantagen gehören meist großen Unternehmen in Brasilien und in den USA. Auf hundert Hektar der neu entstehenden Weiden und Sojafelder findet gerade mal ein Mensch Arbeit und Lohn. Der Schaden an der Natur ist dagegen riesig. Selbst die brasilianische Umweltministerin Marina Silva konnte sich gegen die Interessen der großen Unternehmen nicht durchsetzen und das Abholzen des Regenwaldes zumindest bremsen. Gestern gab sie ihr Amt auf.

Aber der Druck auf den Regenwald wird weiter zunehmen, weil die Welt nicht nur Rindfleisch und Viehfutter verlangt, sondern eben auch nach Treibstoff aus Pflanzen hungert. Wenn Biosprit aus Soja im Motor verbrennt, entstehen nur ähnlich große Mengen Kohlendioxid, wie die Sojapflanzen vorher aus der Luft aufgefangen haben. Also würden mit Biodiesel oder Bio-Alkohol betriebene Motoren gar kein zusätzliches Kohlendioxid in die Umwelt blasen, lautet eine gängige Kalkulation, die allerdings eine Milchmädchenrechnung ist.

"Wenn der Bauer zum Beispiel seinen Acker düngt, hat bereits das Herstellen dieser Substanzen Energie gekostet", erklärt Stephan Saupe, der sich beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln mit nachhaltiger Energieversorgung beschäftigt. Den Dünger fährt der Bauer mit dem Traktor auf das Feld und erntet anschließend ebenfalls mit Maschinen, die Energie verbrauchen und dabei Kohlendioxid erzeugen. Während die Pflanzen wachsen, bauen Mikroorganismen im Boden überschüssigen Dünger ab und produzieren dabei Distickstoffoxid, das auch "Lachgas" genannt wird. Lachgas wirkt genau wie Kohlendioxid als Treibhausgas, erwärmt die Atmosphäre aber ungefähr 300-mal stärker. Und weil mehr als ein Prozent des in Düngemitteln eingesetzten Stickstoffs als Lachgas in die Luft entweicht, ist die Klimabelastung aus dieser Quelle beträchtlich. Nach der Ernte werden die Pflanzen dann mit einer chemischen Reaktion zu Biodiesel verarbeitet. Auch dabei wird Energie verbraucht, und es entstehen Treibhausgase.

Berücksichtigt man alle so entstandenen Treibhausgase, bleiben dem aus mitteleuropäischem Raps hergestellten Biodiesel nur noch rund 30 Prozent Klima-Vorteil gegenüber Benzin, das aus Erdöl hergestellt wurde. Viel besser dürften die Bilanz für Biodiesel aus brasilianischer Soja auch nicht aussehen.

Erheblich günstiger sieht dagegen die Rechnung für Ethanol-Alkohol aus, der in Brasilien aus Zuckerrohr gewonnen wird. Weil dort die Erträge gut sind und Pflanzenreste verfeuert werden, um so die energieverzehrende Destillation des Ethanols durchzuführen, schafft der brasilianische Biosprit immerhin rund 60 Prozent Kohlendioxid-Einsparung gegenüber herkömmlichen Erdölprodukten. Zuckerrohr wird aber nicht im Regenwald, sondern an der Küste angebaut. Dort reicht die Fläche, um brasilianische Motoren mit Bio-Alkohol zu versorgen und dem Land so zu einer recht guten Klima-Energie-Bilanz zu verhelfen.

Will Brasilien aber mehr Biosprit als bisher exportieren - Präsident Lula da Silva möchte sein Land zur Nummer eins auf diesem Gebiet machen -, muss für die zusätzlich benötigten Felder weiterer Regenwald niedergebrannt werden. Dabei aber wird das im Holz gespeicherte Kohlendioxid frei und heizt den Klimawandel weiter an. Obendrein fängt das Sojafeld viel weniger Kohlendioxid aus der Luft als vorher der Wald - und die Klimabilanz verschlechtert sich ein weiteres Mal. Da kann es leicht ein paar hundert Jahre dauern, bis der Biosprit zum ersten Mal wirklich Kohlendioxid einspart.

Obendrein ist der Amazonas-Regenwald ein sogenannter "Kippschalter" des Weltklimas. Die "grüne Hölle" verdunstet in der Tropenhitze gigantische Mengen von Wasser, die bald wieder als Regen aus den Wolken niederprasseln. Die meisten Niederschläge im Amazonasbecken stammen also nicht aus Meerwasser, sondern kommen aus der Verdunstung des Regenwaldes selbst. Sojafelder anstelle von Bäumen bedeuteten aber auch weniger Verdunstung und damit weniger Niederschlag. Irgendwann könnte daher das Klima kippen, weil zu wenig Regen fällt. Dann könnten sich selbst jene Teile des Amazonaswaldes, die der Mensch noch nicht gerodet hat, in Steppe verwandeln, und das Weltklima würde eine seiner grünen Lungen verlieren, befürchten Klimaforscher.

Die Bundeskanzlerin und Naturwissenschaftlerin Angela Merkel hat also eine Fülle dringender Gründe, mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva über Sojafelder im Regenwald zu reden. Ob der auf sie hören und den Naturschutz mehr als bisher im Augen behalten wird, scheint aber eher zweifelhaft.

Umweltschützer hegen deshalb die leise Hoffnung, dass es mit dem Sojaanbau ähnlich ausgehen möge wie einst mit den vom amerikanischen Auto-Pionier Henry Ford angelegten Kautschuk-Wäldern: Pilzbefall zerstörte auf Zehntausenden Hektar die Bäume und beendete den ersten Versuch der Massenproduktion am Amazonas. Die Natur habe sich selbst gewehrt, sagt man in Amazonien.







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