Aktuell


Greenpeace-Protest vor Lateinamerika-Gipfel

Proteste am Machu Picchu

Von Antonia Berndt, Greenpeace-Online, 15.5.08

Am Donnerstag haben Greenpeace-Aktivisten in der historischen Ruinenstadt Machu Picchu in Peru protestiert. Auf Transparenten war zu lesen "Gefahr Biosprit! Schützt die Urwälder - Schützt das Klima". Mit der Aktion wiesen die Greenpeacer darauf hin, das Urwaldschutz auch Klimaschutz ist.

Derzeit treffen sich Regierungen von Regenwaldländern wie Peru, Brasilien, Venezuela, Ecuador und Bolivien zum Lateinamerikagipfel in der peruanischen Hauptstadt Lima. Greenpeace fordert die Regierungschefs auf, Maßnahmen gegen die rasante Regenwaldzerstörung zu ergreifen.

Große Gebiete des Waldes werden abgeholzt, um Platz für Energiepflanzen und Futtermittel zu schaffen. Bei der Rodung werden enorme Mengen an CO2 freigesetzt.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt sich in Machu Picchu auf. Sie machte dort einen Zwischenstopp auf ihrer Lateinamerika-Reise. Auf der Agenda der Kanzlerin in Lateinamerika stehen neben Wirtschaftsbeziehungen auch Energie- und Klimafragen.

Corinna Hölzel begleitet als Greenpeace-Urwaldexpertin die Verhandlungen in Lima. Zu Merkels Forderungen nach einem verantwortungsvollen Ausbau der Bioenergie sagt sie: "Die Sichtweise der Kanzlerin ist naiv. Zur Erfüllung der europäischen Beimischungsquoten werden riesige Anbauflächen für Energiepflanzen benötigt."

Weiter: "Urwaldzerstörung, die Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion sowie steigende Rohstoffpreise sind vorprogrammiert. Wenn Frau Merkel den Klimaschutz ernst nimmt, muss sie die deutsche Beimischungsquote sofort stoppen."

Ab Montag richtet Deutschland den UN-Biodiversitätsgipfel CBD in Bonn aus. Um effektiven Urwald- und Klimaschutz leisten zu können, fordert Greenpeace die Bundeskanzlerin auf, sich mit einer Finanzierungsinitiative von zwei Milliarden Euro pro Jahr einzusetzen.


15.5.08

Merkel beim EU-Lateinamerika-Gipfel in Peru

Lima (AP) Delegationen aus 60 Ländern kommen am Freitag in der peruanischen Hauptstadt Lima zum fünften EU-Lateinamerika-Gipfel zusammen. Hauptthemen werden Armutsbekämpfung, Klimaschutz und Energie sein. Prominentester europäischer Teilnehmer neben EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ist Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aus anderen großen EU-Staaten wie Großbritannien, Frankreich oder Italien reisen keine Staats- oder Regierungschefs an.

Merkel wird am Rande des Gipfels mehrere bilaterale Gespräche führen. Fest vereinbart ist bereits ein Abendessen mit der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet.

Möglicherweise wird die Kanzlerin auch dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez begegnen. Der hatte sie am Wochenende scharf attackiert und sie in die Nähe von Adolf Hitler gerückt. Merkel hatte ihm zuvor das Recht abgesprochen, die Interessen anderer lateinamerikanischer Staaten zu vertreten.


15. Mai, 2008

Merkel will Biosprit in Peru zum Thema machen

São Paulo / Lima (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Probleme bei der Biosprit-Herstellung auch auf dem am Freitag beginnenden EU-Lateinamerika-Gipfel in Peru ansprechen.

Das kündigte die Bundeskanzlerin am Donnerstag bei einem Besuch von VW do Brasil in São Paulo zum Abschluss ihres Brasilien-Aufenthalts an. Unter anderem will die Kanzlerin die Frage diskutieren, ob der Sojaanbau in lateinamerikanischen Ländern dazu führe, dass weniger Nahrungsmittel in der Landwirtschaft produziert werden. Soja wird zum Beispiel in Argentinien zur Biosprit-Herstellung verwandt.

Es wird erwartet, dass Merkel auf dem Gipfel auf den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez trifft, der die Kanzlerin am Wochenende in die Nähe von Adolf Hitler gerückt hatte. Die Regierung in Caracas bestätigte am Donnerstag die Teilnahme Chávez' an dem Treffen. Ob er dabei ein direktes Gespräch mit Merkel plane, wurde nicht mitgeteilt. Die Bundeskanzlerin soll dort an dem Forum zur Armutsbegrenzung teilnehmen und ein Referat halten.

Merkel hatte in Brasilien mehrfach deutlich gemacht, dass sie bei dem Treffen von rund 60 Staaten in der peruanischen Hauptstadt nicht die direkte Konfrontation mit Chávez suchen wolle. Sie war in ihren Statements auf der Reise nie auf die Hitler-Aussage des linkspopulistischen Staatschefs eingegangen, der internationale Treffen schon mehrfach durch provozierende Aussagen mitbeherrscht hatte. Neben Fragen des Klimawandels solle in Lima vor allem über die Armutsbekämpfung in Lateinamerika gesprochen werden. Merkel hatte sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, die Hilfen der EU auf diesen Punkt zu konzentrieren.

Bei der Besichtigung des VW-Werks bezeichnete sie die starke Nutzung von Biosprit in Brasilien auch als Vorbild für Deutschland. Die Schritte, die in Brasilien bereits gegangen worden seien, würden in Deutschland «später genommen» werden. Merkel betonte aber erneut, dass dies nicht auf Kosten «der Wälder der Erde» getan werden dürfe. Bei ihren Gesprächen in Brasilien hatte sie auch darauf gedrungen, die soziale Lage der Landarbeiter mehr in den Blick zu nehmen.

Bei dem Lateinamerika-Gipfel wollen die Länder des Subkontinents und die Staaten der EU versuchen, ihre strategische Partnerschaft zu vertiefen. Der Prozess der Annäherung war allerdings in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten. Auch weil die Länder Lateinamerikas unterschiedliche Positionen vertreten. Nach Informationen aus der Delegation will Merkel am Rande des Gipfels auch versuchen, mit linksnationalistisch ausgerichteten Regierungschefs wie Boliviens Präsident Evo Morales zusammenzukommen.

Merkel wird auf dem Gipfel auch deshalb eine wichtige Rolle einnehmen, weil die anderen großen europäischen Länder wie Großbritannien, Frankreich und Italien nicht durch die Spitzen der Regierung vertreten sind. So wird Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nicht nach Lima reisen.

Mit der Besichtigung des Werks in Sao Paulo würdigte Merkel nach eigenen Worten auch, dass in der 20-Millionen-Stadt die größte Ansammlung deutscher Unternehmen im Ausland tätig ist. Rund 1000 Firmen haben hier ihren Sitz. In dem VW-Werk werden Pkw's mit sogenannten flexiblen Motoren hergestellt, die jede bekannte Art von Benzin und Biokraftstoffen vertragen. Brasilien ist weltweit der zweitgrößte Hersteller von Biokraftstoff. Ein hoher Prozentsatz der Autos in dem 180 Millionen Einwohner zählenden Land fährt bereits mit Benzin-Biokraftstoff-Mischungen.


EU-Lateinamerika-Gipfel: Die Knackpunkte

n-tv, 15.5.08

Beim fünften EU-Lateinamerika-Gipfel ab Freitag in Peru trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf rund 50 weitere Staats- und Regierungschefs. Ganz oben auf der Agenda des zweitägigen Treffens stehen der Klimaschutz und die Handelsbeziehungen.

Klima- und Artenschutz

Die EU will die Staaten Lateinamerikas auf einen stärkeren Klima- und Artenschutz verpflichten. Dies wäre ein deutliches Signal vor der UN-Biodiversitätskonferenz ab Montag in Bonn. Im Zentrum steht der Erhalt des Regenwaldes im Amazonas-Gebiet. Allein in Brasilien wurden im zweiten Halbjahr 2007 rund 7000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt, fast das Dreifache der Fläche des Saarlands.

Biosprit

Besonderes Augenmerk richtet sich auf die boomende Biosprit-Produktion. Brasilien ist nach den USA der weltweit zweitgrößte Hersteller von Bioethanol. Die EU will ihren Biosprit-Anteil am Treibstoffverbrauch bis 2020 auf zehn Prozent erhöhen und ist dafür auf Importe angewiesen. Sie verlangt aber eine umweltfreundliche Herstellung. Umweltschützer machen Biotreibstoffe für die Abholzung der Urwälder Lateinamerikas und für den Anstieg der Lebensmittelpreise mitverantwortlich.

Handel

In den Handelsbeziehungen gab es zuletzt nur begrenzt Fortschritte. Freihandelsabkommen mit der EU haben bisher nur Mexiko und Chile abgeschlossen. Die Verhandlungen mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay liegen dagegen seit 2004 auf Eis. Brasilien und Argentinien pochen in der schleppend verlaufenden Welthandelsrunde von Doha auf den Abbau europäischer Handelsschranken etwa für Rindfleisch und Geflügel.

Armutsbekämpfung

Der Kampf gegen die Armut wird durch die rasant steigenden Nahrungsmittel- und Energiepreise erschwert. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erinnerte vor dem Gipfel daran, dass immer noch 227 Millionen Menschen in Lateinamerika in Armut leben. Das entspricht 44,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.


Caritas: Merkel soll sich in Kolumbien für Menschenrechtler einsetzen

epo.de, 14. Mai 2008

Freiburg. - Der deutsche Caritasverband hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gebeten, sich bei ihrem Staatsbesuch in Kolumbien für den Schutz von Mitarbeitern von Menschenrechts- und Hilfsorganisationen einzusetzen. "Wer sich in Kolumbien für Opfer der Paramilitärs und der Guerilla einsetzt, macht sich zur Zielscheibe von Anschlägen und Entführungen. Der kolumbianische Staat muss Menschenrechtsorganisationen und ihre Mitarbeiter besser schützen sowie die von bewaffneten Gruppen begangenen Verbrechen juristisch aufklären", forderte Peter Neher, Präsident des deutschen Caritasverbandes.

Mehrere engagierte Priester und Mitarbeiter katholischer Hilfsorganisationen stehen auf so genannten Todeslisten. Die Bundeskanzlerin will sich am 18. Mai in Bogota u. a. mit Vertretern der katholischen Kirche treffen.

Kolumbien, so die Caritas, ist nach dem Sudan das Land mit der höchsten Zahl von Binnenflüchtlingen. Aufgrund von sozialer Not und kriegerischen Auseinandersetzungen sind vier Millionen Menschen vertrieben worden. Viele Vertreibungen gehen auf Auseinandersetzungen zwischen linker Guerilla und rechten Paramilitärs zurück. Zivilisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen geraten immer wieder ins Visier der bewaffneten Gruppen, da ihnen vorgeworfen wird, Partei für die jeweils andere Seite zu ergreifen.

Menschenrechtler und die katholische Kirche beklagen seit einiger Zeit eine immer stärkere Verflechtung von Staat und Paramilitärs. Zugleich werden der Guerilla massive Verletzungen humanitären Rechts vorgeworfen. Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, setzt sich in Kolumbien seit den 90er Jahren in mehreren Regionen des Landes für Gewaltvertriebene ein.


terre des hommes: Empfehlungen des Welternährungsrates umsetzen

epo.de, 13. Mai 2008

Osnabrück/Bonn. - Die Bundesregierung soll beim EU-Lateinamerika-Gipfel in Lima und der derzeit tagenden 9. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt in Bonn auf eine energische Umsetzung der Empfehlungen des Internationalen Agrarrates drängen. Diese Forderung hat die Kinderhilfsorganisation terre des hommes erhoben. Um ausreichende landwirtschaftliche Produktion mit dem Schutz von Wasser, Böden, Wäldern und Artenvielfalt zu verbinden, sieht der internationale Agrarrat, ein UN-Gremium von 400 Wissenschaftlern, die Änderung weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen als dringlich an.

"Grüne Revolution und die Missachtung der sozialen und wirtschaftlichen Rechte der Kleinbauern im internationalen Handelsregime haben zur Zerstörung biologischer Vielfalt und der Lebensgrundlagen der kleinbäuerlichen Bevölkerung geführt", kritisierte Bodo von Borries, der das terre des hommes-Programm in Südamerika koordiniert. "Unsere Partner zeigen jedoch seit Jahren, dass mit der Wiedergewinnung der traditionellen Agrarkultur die natürliche Vielfalt bewahrt und die Ernährung gesichert werden kann."

Statt jedoch solche erfolgreichen Initiativen verstärkt zu fördern, würden viele von gegenläufigen Regierungsentscheidungen bedroht, so von Borries. In Peru etwa durch die Bevorzugung von Bergwerksprojekten. Die jedoch vergifteten Luft, Wasser und landwirtschaftliche Produktion. Statt Bauern zu schützen, verfolge die peruanische Justiz ihre Vertreter derzeit als "Terroristen". In Kolumbien würden Bauernfamilien vertrieben, um naturzerstörenden Exportplantagen für Agrospritproduktion Platz zu machen.

Zwar bedauere das jüngste Positionspapier des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zum Thema Agrartreibstoffe, dass es bislang nicht gelungen sei, verbindliche soziale Standards in der Welthandelsordnung zu verankern und verweise deshalb "zunächst" auf freiwillige Initiativen. Verschwiegen werde jedoch, dass die EU einer der Hauptbremser bezüglich der Etablierung von Sozialstandards sei, kritisiert von Borries. Verbindlicher Menschenrechts- und Umweltschutz müsse über Konferenzerklärung und politische Nischenregelungen hinaus Eingang in die Welthandelsordnung finden.


Ein Balanceakt für die Kanzlerin

Von Wolfgang Kunath, Frankfurter Rundschau, 15.5.08

São Paulo. Zum Auftakt von Angela Merkels Lateinamerika-Reise ging es in Brasilien um den Biokraftstoff Ethanol - das ganz große Geschäft der Zukunft. Der in seiner Verbrennung recht umweltfreundliche Biosprit wird aus Zuckerrohr destilliert und benötigt riesige Anbauflächen. Deshalb steht er im Verdacht, die Preise für Nahrungsmittel zu treiben und den Amazonas-Urwald weiter zu gefährden.

Wie unbekümmert Brasiliens Unternehmer solche Bedenken vom Tisch wischen, das bekam die Bundeskanzlerin von Paulo Skaf, dem Präsident des brasilianischen Unternehmerverbandes, vorgeführt. Er beklagte sich über "ungerechte Anschuldigungen". Biosprit-Zuckerrohr beanspruche doch nur ein Prozent der kultivierbaren Fläche des riesigen Landes, sagte Skaf. Genauso argumentieren die Soja-Farmer und dennoch wird der Amazonas-Wald im Takt der Soja-Konjunktur abgeholzt.

Bundeskanzlerin Merkel machte zwar klar, dass sie den brasilianischen Biotreibstoff um des Weltklimas willen für unerlässlich hält, aber dass sie es sich nicht so einfach machen will wie die brasilianischen Biosprit-Verfechter. Im Argen liegen auch die sklaverei-ähnlichen Arbeitsverhältnisse bei der Zuckerernte. Als sie in Brasília mit Präsident Luiz Inacio Lula da Silva zusammensaß, sprach Merkel diese Probleme an. Die Brasilianer wissen, dass sie um der Zukunftsgeschäfte willen auf solche Bedenken eingehen müssen.

An der Basis wird genauso gedacht: Brasilianische Anwälte, die im Auftrag der Landarbeitergewerkschaft für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, sind froh über die kritischen Fragen aus dem Ausland, denn die Unternehmer reagieren darauf. Ein Gütesiegel, mit dem Brasilien soziale und ökologische Standards bei der Biosprit-Produktion durchsetzen will, kommt dem entgegen.

Präsident Lula unterstrich die Souveränität Brasiliens über sein Amazonasgebiet; Merkel wählte die Formulierung "der Planet" - und nicht: das Amazonasbecken - sei die Verantwortung der ganzen Welt. Ausdruck brasilianischer Empfindlichkeiten und der Rücksichtnahme darauf.

Im Gespräch mit Präsident Lula, der die deutsche Bundeskanzlerin mit militärischen Ehren empfangen hatte, schob sich das Thema Energie vor die bilateralen Dauerbrenner wie die Neuverteilung der Sitze im UN-Sicherheitsrat oder die Doha-Welthandelsrunde. Dass die brasilianische Presse nicht allzu viel Aufhebens um den Besuch der Kanzlerin machte, lag an Marina Silva, der weltweit anerkannten Umweltministerin. Sie hatte, während Merkel noch im Flugzeug saß, ihren Rücktritt eingereicht - eine innenpolitische Sensation mit hohem Aufmerksamkeitswert im Ausland.

Dass Lula, aus der Gewerkschaftstradition sozialdemokratischer Prägung stammend, ein besonders ausgeprägtes ökologisches Gespür hätte, lässt sich nicht feststellen: Umweltschutz ja, aber nur, wenn er dem Wachstum nicht in die Quere kommt.

Marina Silvas Nachfolger Carlos Minc hat zwar eine grüne Vergangenheit, aber für Lula scheint vor allem sein sogenannter Pragmatismus zu zählen. Als Umweltminister im Bundesstaat Rio de Janeiro hat er sich vor allem profiliert, weil er einen acht Milliarden Dollar schweren petrochemischen Komplex so schnell genehmigt hat, dass man schon fast von Durchwinken sprechen kann.

Angela Merkel besichtigte am Donnerstag Volkswagen do Brasil und eröffnete ein sogenanntes Virtuelles Reality Center - ein Riesenbildschirm, den die VW-Leute als "Power Wall" bezeichnen und an dem sie ihre Autos planen, entwerfen und virtuell ausprobieren können. Dessen Daten können von Brasilien aus den VW-Ingenieuren weltweit zugänglich gemacht werden.

Merkel wird von VW-Chef Martin Winterkorn als "stets kompetente Gesprächspartnerin der Autoindustrie" gelobt. Dass in Brasilien geforscht und entwickelt, geplant und gezeichnet wird - der "Power Wall" ist das modernste Design-Zentrum in ganz Lateinamerika und auch des VW-Konzerns -, "entspricht dem Selbstverständnis Brasiliens", lobte sie. Präsident Lula habe ihr von seiner Zeit als Metallarbeiter erzählt, als das Land erste Erfahrungen in innerbetrieblicher Mitbestimmung sammelte - und zwar bei VW. Der seit 1953 in Brasilien vertretene Konzern habe nicht nur seine Autos in Brasilien heimisch gemacht, sagte Merkel, sondern auch die soziale Marktwirtschaft.


"Die Brasilianer sind uns hier voraus"

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer im STANDARD-Interview: Biospritproduktion ist nicht generell abzulehnen

Der Standard, 16.5.08

Kanzler Alfred Gusenbauer lehnt die Biospritproduktion nicht generell ab. Man müsse unterscheiden, wo sie die Nahrungsmittelproduktion verdränge und wo nicht, sagte er auf seiner Lateinamerika-Reise zu Erhard Stackl.

STANDARD: Herr Bundeskanzler, Sie befinden sich auf einer zehntägigen Reise durch Südamerika, eine 50-köpfige Wirtschaftsdelegation begleitet Sie. In Österreich werden sich viele fragen: Steht das dafür?

Gusenbauer: Wir sind in Europa sehr gut aufgestellt, vor allem in Mittel- und Osteuropa. Wir sind aber eine kleine, offene Volkswirtschaft. Alles, was unsere Industrie produziert, hat Exportraten von 85 bis 95 Prozent, weil der heimische Markt einfach zu klein ist für das, was man heute als industrielle Produktion und auch als Dienstleistungsproduktion betreibt. Daher müssen wir uns nach neuen Märkten umsehen. Lateinamerika wurde aus österreichischer Sicht oft nur als Problem betrachtet, mit Militärdiktaturen, Hyperinflation und Auslandsverschuldung.

Jetzt ist das ein Kontinent, der ökonomisch boomt, der dabei ist, sein großes Potenzial zu entfalten, und das ist eine enorme Chance für die österreichische Wirtschaft. Es würden nicht so viele Wirtschaftsvertreter mitfahren, wenn sie sich nicht ausrechneten, dass man hier Geschäfte machen kann. Außerdem kandidiert Österreich für den Weltsicherheitsrat. Das heißt, wir melden einen Anspruch an, wir wollen an einer vernünftigen, friedlichen Gestaltung der Welt mitwirken. Deshalb müssen wir uns für weltpolitische und regionale Probleme interessieren.

STANDARD: Bisher war das zu wenig?

Gusenbauer: In der Vorbereitung stellte ich erstaunt fest, dass in Brasilien, obwohl wir zu diesem Land immer gute Beziehungen hatten, noch nie ein österreichischer Regierungschef zu Besuch war. Den Beginn hat Bundespräsident Heinz Fischer vor ein paar Jahren gemacht. So, wie wir hier aufgenommen werden, stärkt das auch in Europa unsere Position.

STANDARD: Es bemüht sich ja die gesamte EU um eine Vereinbarung mit dem Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay). Die argentinische Präsidentin hat allerdings gesagt, dass auch Venezuela endgültig in den Mercosur aufgenommen werden soll. Wird damit, weil Venezuelas Präsident Hugo Chávez Freihandelsabkommen ablehnt, eine neue Hürde aufgebaut?

Gusenbauer: Das glaube ich nicht. Der Mercosur integriert die starken internen Märkte, vor allem des bevölkerungsreichen Brasilien mit den produktiven Landwirtschaften von Argentinien und Chile und dem Rohstoffreichtum vor allem Venezuelas. Man kann hier in Südamerika gar nicht auf ein Land verzichten, das da Wesentliches beitragen kann – wie Venezuela. Das macht es nicht einfacher, aber letztendlich ist es unverzichtbar, dass man alle Stärken bündelt.

STANDARD: Venezuela und andere beklagen die Spekulation mit Rohstoffen. Sie haben die Idee einer Weltfinanzorganisation aufgebracht, die Regeln erstellen und bei Verstößen Strafen verfügen können soll. Wie waren die Reaktionen?

Gusenbauer: Das trifft auf größtes Interesse. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler, der ja Chef des Weltwährungsfonds war, wollte sofort Näheres wissen. Der Vorschlag soll einen internationalen Diskussionsprozess anstoßen. Dass Selbstkontrolle nicht reicht, haben wir ja in der größten Finanzkrise seit langer Zeit gesehen.

STANDARD: Beim EU-Lateinamerika-Gipfel in Lima werden Sie einen Arbeitskreis zu den Themen Energie und Umwelt leiten. Sie waren in Brasilien, dem Land des Biosprits ...

Gusenbauer: Des Ethanols, vor allem ...

STANDARD: UNO-Berater Jean Ziegler nennt das in einem STANDARD-Interview „ein Verbrechen an den Hungernden“. Seine Kritik entzündet sich an sich an Ländern wie Mexiko, wo aus Mais statt Tortillas Treibstoff erzeugt wird.

Gusenbauer: In Brasilien werden sechs Prozent der Anbaufläche schon seit langem, nicht erst jetzt, der Ethanolproduktion gewidmet. Wir müssen differenzieren zwischen jenen Bereichen, wo die Nahrungsmittelproduktion verdrängt und verteuert wird und jenen, wo das nicht geschieht. Ziegler hat im Grundsatz recht, aber sieht die Sache etwas zu oberflächlich.

Ethanol aus Zuckerrohr ist hochproduktiv, verglichen mit anderen Biosprit-Produkten. Brasilien ist auch bei Forschung und Entwicklung der nächsten Biodiesel-Generation schon weiter. Ich habe mit brasilianischen Firmenvertretern gesprochen, die Altöl, also Abfall, zu Biosprit machen. Die sind in einem Jahr produktionsreif, wir in Europa nicht. Sie sind uns hier voraus.

STANDARD: Viele der mit Ihnen reisenden Firmenvertreter arbeiten im Umweltbereich. Sind die Entwicklungsländer bei der Festlegung von Umweltstandards aber nicht sehr zurückhaltend, weil sie nicht auf eine kostengünstige industrielle Entwicklung verzichten wollen?

Gusenbauer: Ich glaube, dass sich da das Bewusstsein stark gewandelt hat. Wenn eine Firma denkt, alles, was bei uns umweltschutzmäßig verboten ist, wäre hier erlaubt, so ist das ein gefährlicher Irrtum. In Wahrheit sind die Umweltschutzauflagen jetzt auch hier erheblich. Und auch vom Bewusstseinsstand ist hier wirklich ein großer Sprung vorwärts geschehen.

STANDARD: In Österreich denkt man bei Südamerika auch an Polizisten, die Straßenkinder töten, oder an Großgrundbesitzer, die Bauern vertreiben. Spielen die Menschenrechte bei Ihren Gesprächen eine Rolle?

Gusenbauer: Sie spielen natürlich eine Rolle. Man muss aber bei allen Unterschieden, die es zwischen Chávez, Kirchner, Lula und Bachelet gibt, feststellen, dass eine einheitliche Klammer existiert: Das ist, dass es jetzt doch Regierungen gibt, die Armutsbekämpfung nicht nur politisch, sondern auch als ökonomische Produktivkraft auf ihre Fahnen schreiben.







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