Aktuell


Amazonas-Urwald zum Abschuss freigegeben

Amazonasurwald zum Abschuss freigegeben

Brasiliens Umweltministerin Marina Silva tritt zurück
Bis zu 40 Prozent des Regenwalds vor Abholzung


Von Karl Weiss, Berliner Umschau, 17.5.08

Am vergangenen Dienstag hat die brasilianische Umweltministerin Marina Silva endgültig das Handtuch geworfen und ist zurückgetreten. Jetzt ist der Weg frei, auch noch die letzten Hemmungen abzulegen im Abbrennen und Abholzen des weltgrößen Regenwaldes im Amazonasbecken(„die Lunge der Menschheit“). Der parlamentarische Führer der brasilianischen Grossagrarier hat dies - wenn auch in verschleierter Form – bereits angekündigt.

Die Umwelt-Ministerin Marina Silva war eine der Ikonen der Regierung Lula in Brasilien. Sie kam aus Amazonien, sie war Begleiterin von Chico Mendez in seinem Kampf gegen die Grossagrarier und Holzkonzerne und für die Rechte der Kleinbauern und den Schutz des regenwaldes, bevor er im Auftrag von einem von ihnen ermordet wurde. Sie hat es von einer Analphabetin zu einer gebildeten Ministerin geschafft. Sie schien für die international Umwelt-Bewegten die Garantie zu sein, die Vernichtung des Regenwaldes würde gebremst werden.

Wenn man also später einmal im Rückblick ein Datum festlegen will, wann es endgültig klar wurde, das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, wird nicht mehr aufzuhalten sein, dann könnten einige der wenigen Überlebenden auf die Idee kommen, es könnte der 13. Mai 2008 gewesen sein.

Nach 6 Jahren des Kampfes für diese Ziele (Marina Silva war Umwelt-Ministerin seit dem ersten Amtsantritt Lulas; der Berichterstatter nimmt an, sie habe gekämpft, wirklich zu sehen war von außen nie etwas) und nachdem sie wieder und wieder zwar als Gallionsfigur genutzt wurde, sich aber nie durchsetzen konnte, hat sie nun aufgegeben. Die Wut, mit der sie das Handtuch geworfen hat, kann man an der Art und Weise ablesen, wie sie ihren Rücktritt inszenierte. Sie liess ihr Rücktrittsschreiben im Büro des Präsidenten abgeben, der aber damit beschäftigt war, unserer Merkelin die Aufwartung zu machen und deshalb nicht da war. Gleich danach gab sie eine Presse-Erklärung über ihren Rücktritt heraus und stellte somit sicher, Lula würde durch die Medien davon erfahren.

Nicht dass sich wirklich viel ändern würde mit ihrem Abgang. Auch in diesen 6 Jahren wurde die Vernichtung des Amazonasregenwaldes bereits fast ununterbrochen beschleunigt. Zwar gab es ein Jahr mit einem geringfügigen Rückgang der neu vernichteten Fläche, aber das lag an den extrem niedrigen Agrarpreisen. Jetzt, mit erhöhten Preisen für Soja und Fleisch und mit weiterhin himmelstürmenden Preisen für Tropenholz, sind endgültig alle Dämme gebrochen. Es locken Millionen und Abermillionen von leichten Profiten!

Falls die Ministerin noch ein Hindernis war, so ist auch dies jetzt beseitigt. Der neue Minister Minc hat bereits verlauten lassen, er werde die „Bürokratie“ für Umwelt-Zulassungen verringern. Nachtigall ick hör dir trapsen!

Dass die Ministerin doch noch eine gewissen Barriere darstellte und es nun noch schlimmer wird, geht auch aus einem Interview mit dem brasilianischen Bundestagsabgeordneten Valdir Colatto hervor. Dieser ist der Führer der „Frente Parlamentar da Agropecuária“, das sind die mit den Grossgrundbesitzern verschmurgelten Abgeordneten, etwa ein Drittel des Hauses, quer durch alle Parteien.

Er sagte in bemerkenswerter Offenheit zum Rücktritt, „die Ministerin erlitt die Konsequenzen der Reaktion des 'produktiven Sektors'“. Er bezeichnet als 'produktiver Sektor' die Grossgrundbesitzer, die intensive Raubbau-Landwirtschaft betreiben.

Das Banner des Kampfes gegen die Vernichtung des Regenwaldes, so sagt er, sei eine ideologische Position, die lediglich vorgeschoben sei. Das wirkliche Ziel dieser Umweltschützer sei, in einem Land zu leben, in dem es nur Umweltschutz gebe, in dem nicht produziert würde und es überhaupt keine ökonomischen Aktivitäten gäbe.

Er weist in dem Interview darauf hin: Es gibt in Brasilien offiziell das Gesetz mit der Nummer 4771, das erlaubt, 40% des Amazonas-Urwaldes zu vernichten. Er sagt, bisher seien erst 7% vernichtet (diese Zahl ist 'leicht geschönt'), also seien alle Aktivitäten des Abbrennens und Abholzens erlaubt.

Vom neuen Minister verlangt Colatto: „Er soll die Situation verstehen und die notwendigen Planungen durchführen, damit diese Frage [des Umweltschutzes] nicht auf den Privatbesitzer zurückfällt und den Schlaf derer raubt , die nichts anderes wollen als produzieren und als Gesetzesbrecher dargestellt werden.“

Kurz zusammengefasst: Der Amazonas-Urwald ist zum Abschuss freigegeben.

Alle Experten sind sich einig: Wenn das Amazonasgebiet zu einer Steppe und/oder Wüste geworden ist, gibt es keine Möglichkeit mehr, die Klimakatastrophe aufzuhalten, die dann zur Vernichtung der Menschheit, wie wir sie kennen, führen würde.


Brasilien hat kaum Erfolg im Kampf gegen illegale Rodungen

Menschen im Amazonasgebiet fehlen die Alternativen

Von Michael Astor, AP, 17.5.08

Tailandia/Brasilien - Der beißende Rauch aus der Holzkohle-Herstellung liegt wieder über der Stadt Tailandia im Amazonasbecken. Dabei waren erst vor drei Monaten brasilianische Bundespolizisten in die Stadt eingerückt und hatten Sägewerke geschlossen, Holz beschlagnahmt und die Öfen zur Holzkohle-Herstellung zerstört. Die Razzia war Teil der Bemühungen der brasilianische Regierung, die illegalen Rodungen im Regenwald am Amazonas einzudämmen.

In Tailandia rollen die Lastwagen aber wieder, und die Menschen machen aus Holzresten wieder Holzkohle. Umweltministerin Marina Silva hat in dieser Woche die Konsequenzen aus der gescheiterten Aktion gezogen und ist zurückgetreten. Sie reagierte damit darauf, dass es ihr nicht gelungen war, sich in Orten wie Tailandia durchzusetzen. Sie kritisierte aber auch die Regierung, weil sie den Menschen in dem Gebiet keine echten Alternativen zu den illegalen Rodungen aufgezeigt habe. 70 Prozent der Arbeitsplätze in der Region hängen am Holzeinschlag. Nach der Razzia stiegen Arbeitslosigkeit und Kriminalität drastisch an.

Die «Operation Feuerbogen» war gestartet worden, nachdem Satellitenaufnahmen gezeigt hatten, dass die illegalen Rodungen im Amazonasgebiet wieder um 34 Prozent zugenommen hatten. Die Polizei beschlagnahmte 15.500 Tonnen illegal geschlagenes Holz, 19 Kettensägen, zehn Schusswaffen und 95 Fahrzeuge. Sägewerke ohne Genehmigung wurden geschlossen, registrierte Betriebe, die die legale Herkunft ihres Holzes nicht nachweisen konnten, mit Geldstrafen belegt. Die brasilianische Umweltbehörde Ibama verhängte insgesamt Strafen über mehr als 16 Millionen Euro.

Nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes fördern

«Buchstäblich jeder wurde hier bestraft», sagt Flavio Sufredini, der ein kleines Sägewerk betreibt, in dem illegales Holz gefunden wurde. Es sei fast unmöglich, hier legal zu arbeiten, da es für das meiste Land keinen Besitzer gebe. Holzfäller müssen aber Landrechte nachweisen, um Rodungsgenehmigungen zu erhalten.

Um die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes zu fördern, hat die Regierung das Programm «Grüner Bogen» gestartet. Es gewährt den Landbesitzern Kredite und bietet ihnen Unterstützung, erklärt die Gouverneurin Ana Julia Carepa des Staates Para, in dem Tailandia liegt. «Es ist wichtig, dass die Regierung Anreize schafft, um den Wald zu erhalten», sagt Carepa. «Es muss mehr wert sein, den Wald zu erhalten, als ihn zu roden.»

Aber Joao Medeiros, der Präsident der Vereinigung der Holzbetriebe in Tailandia, erklärt, die Regierung hätte dieses Programm vor ihrer Razzia starten sollen. Viele Holzfäller warteten seit zwei Jahren darauf, dass ihre Pläne genehmigt würden. «Ich sage, sieben von zehn Holzfäller wollen legal arbeiten, aber die Regierung hat nicht genügend Leute, um die Anträge zügig zu bearbeiten», sagt Medeiros. «Und die Menschen warten nicht und hungern.»


WWF: Zehn Millionen Euro für Klimaschutz an den Amazonaswald

Offensive Österreichs auf UN-Artenschutzkonferenz in Bonn gefordert

WWF Österreich, 18.5.08

Zehn Millionen Euro soll die österreichische Bundesregierung beim Ministertreffen auf der am Montag beginnenden UN-Artenschutzkonferenz in Bonn für die Rettung des Amazonasregenwaldes bereit stellen. Das fordert die österreichische Sektion der Umwelt- und Naturschutzorganisation WWF. Diese Summe soll in den Ausbau des ARPA-Schutzgürtels fließen. Dieses größte Naturschutzprojekt der Welt soll in den nächsten Jahren mehr als 500.000 Quadratkilometer Regenwald in Brasilien unter dauerhaften Schutz stellen. Der WWF stellt außerdem weitere Forderungen an die Bundesregierung für das Ministertreffen am 28. und 29. Mai bei der UN-Konferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt der Vereinten Nationen in Bonn (CBD). "Die gesamte Bundesregierung, allen voran Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, muss sich auf eine nationale Strategie einigen und Umweltminister Josef Pröll unterstützen, damit auch Österreich seine globalen Verpflichtungen erfüllen kann", fordert WWF-Geschäftsführerin Hildegard Aichberger.

Der Amazonasregenwald speichert knapp 400 Milliarden Tonnen Kohlendioxid und ist eines der artenreichsten Gebiete der Erde. Wenn dieser größte zusammenhängende Regenwald der Erde zerstört wird, wird dies den Klimawandel massiv beschleunigen. Seit den 70er-Jahren wurden mehr als eine Million Quadratkilometer des Regenwaldes am Amazonas abgeholzt. Bis 2050 sind durch Abholzung und Brandrodung zur Schaffung von Viehweiden und Monokulturen weitere 1,5 Millionen Quadratkilometer gefährdet. Bis 2012 soll deshalb von der brasilianischen Regierung ein Wall aus Schutzgebieten (ARPA = Amazon Region Protected Areas) geschaffen werden, der die Entwaldungsfront stoppt. Zur Errichtung dieser Schutzgebiete hat die deutsche Regierung bereits 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. "Auch dieösterreichische Bundesregierung muss sich im Kampf gegen den Klimawandel und für die Erhaltung der Artenvielfalt am Amazonas einsetzen und ihren Beitrag leisten. Zehn Millionen Euro sollten die Untergrenze für dieses weltweit wichtige Projekt sein", so Aichberger.

Der WWF fordert von der Bundesregierung auch die Ausweitung und Erhaltung des österreichischen Schutzgebietsystems um das Überleben der heimischen bedrohten Arten zu sichern. Dies betrifft besonders die Renaturierung der Flusslandschaften und die Sicherung der Natura 2000-Gebiete.

Der Schutz der Artenvielfalt und die Erhaltung der wertvollen Naturlandschaften der Erde und die weltweite Armut hängen eng zusammen. Daher fordert der WWF die Bundesregierung auf die internationalen Programme im Kampf gegen die Armut aktiver zu unterstützen. "Österreich sollte seinen Beitrag in der Entwicklungszusammenarbeit von 0,5 auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen", so Andreas Wurzer, Leiter der WWF-Naturschutzabteilung.

Österreich muss außerdem bei seinen Importen dazu beitragen, seinenökologischen Fußabdruck zu verringern. Derzeit ist Österreich unter den 20 Ländern mit dem größten Naturverbrauch der Welt. Hier wären etwa klare gesetzliche Regelungen notwendig, die den Import von Papier und Holz nur dann erlauben, wenn sie aus nachvollziehbaren Quellen stammen und sozial und ökologisch nachhaltig produziert wurden.


Bis zu vierzig Prozent Sojaöl in Agrodiesel

Greenpeace: Beimischungspolitik führt zu Urwaldabholzung

Greenpeace Österreich, 17.5.08

Wien- In den vergangenen Wochen hat Greenpeace Dieselproben von mehreren Tankstellen in Österreich analysieren lassen. In allen untersuchten Proben wurde nicht nur Raps, sondern ebenso Sojaöl gefunden, in manchen auch Palmöl. "Unsere Analysen zeigen, dass Urwald abgeholzt wird, damit die Ölfirmen ihre Beimischungsquote erfüllen können", kritisiert Greenpeace-Energiesprecher Jurrien Westerhof.

Die Dieselproben stammen von OMV-, BP- und Shell-Tankstellen in Wien, Innsbruck und Klagenfurt. Überall wurde Sojaöl nachgewiesen, in den meisten Fällen fünfzehn bis zwanzig Prozent, bei Shell in Klagenfurt gleich vierzig Prozent. "Und das Palmöl, das in deutlich geringeren Mengen gefunden wurde, stammt wahrscheinlich aus der Wiederverwertung von Speiseölen", vermutet Westerhof. "Bei den großen Mengen an Sojaöl muss jedoch davon ausgegangen werden, dass es sich um frisches handelt, das für Treibstoffzwecke importiert wird." Keines der genannten Unternehmen wollte bisher beantworten, welche Rohstoffe sie für ihren Agrodiesel verwenden.

Die Importe von Palm- und Sojaöl steigen seit einigen Jahren stark an. Bei Palmöl gibt es seit 2003 beinahe eine Verdreifachung, allein von 2006 auf 2007 legten die Importe um rund ein Viertel zu. Bei Sojaöl für industrielle Zwecke nahm die Einfuhr noch stärker zu: So ist es in den letzten Jahren zu einer Verzehnfachung der Importe gekommen. "Zum Teil steigt die Einfuhr, weil das Öl direkt für Agrotreibstoff verwendet wird, so etwa bei Soja", erläutert Westerhof. "Bei Palmöl wiederum sind Verschiebungen am Pflanzenöl-Markt für die Import-Zunahme verantwortlich, wobei das verfügbare Rapsöl für Agrodiesel verwendet wird und die damit am Markt entstandene Lücke mit Palmöl gefüllt wird", so Westerhof.

Die Folge davon ist, dass in Südostasien und Südamerika immer größere Waldflächen in Palmöl-Plantagen oder Sojafelder umgewandelt werden, wobei man gewaltige Mengen an CO2 freisetzt. Dem Wissenschaftsmagazin "Science" zufolge würde es 319 Jahre dauern, bis die durch die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes freigesetzte Menge CO2 durch den Einsatz von Sojadiesel kompensiert würde.

"Die aktuelle Beimischungspolitik zwingt die Autofahrer dazu, für die Urwaldzerstörung in Südamerika und Indonesien mitverantwortlich zu zeichnen, und dabei soll die Agrosprit-Quote bis 2010 sogar auf zehn Prozent erhöht werden", erklärt Westerhof. "Deshalb fordert Greenpeace, dass Umweltminister Pröll von seinem zerstörerischen Zehn-Prozent-Ziel Abstand nimmt. Wer das Klima schützen will, muss sich nämlich zuallererst schützend vor unsere letzten Urwälder stellen", so Westerhof.







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