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Aktuell

Deutsch-Brasilianer in Amazonien

Verbrannte Erde in der „grünen Hölle“

Wie die deutsch-brasilianische Familie Schulze den Urwald urbar machen wollte.

Von Carl D. Goerdeler, Die Presse, 10.10.08

Der Bus bockt wie ein störrischer Esel. Bei jedem Schlagloch bleibt einen Herzschlag lang alles in der Schwebe. Aber dann schüttelt sich die Karosse wie ein nasser Hund, rappelt sich auf und rumpelt grollend weiter. Diesel und Schwaden von schwelendem Holz ziehen süßlich durch die rostigen Ritzen herein. Vor den verschmierten Fensterscheiben verschwimmen Wälder und Aschefelder zu einem graugrünen staubigen Meer. Je mehr Stunden vergehen, desto zäher scheint das Land den Bus zurückzuhalten. Hin- und hergeworfen wie Kartoffelsäcke, starren die Reisenden apathisch vor sich hin.

In der Nacht zieht ein Gewitter auf, chromblitzende Adern huschen über das Firmament. Für Bruchteile von Sekunden taucht das Land in ein mesmerisierendes Licht. Baumskelette von toten Urwaldriesen recken ihre knochigen Arme gegen den flackernden Himmel, Tropfen prasseln herab. Als der Morgen langsam durch den Nebel kriecht, tauchen die ersten Hütten von Apuí auf.

Zwischen dem Umweltministerium in Brasília und der Hütte von Eluardo Schulz in Apuí, Amazonien, liegen mehr als zweitausend Kilometer und mehrere Millionen Bäume. Zwischen dem, was Umweltminister Carlos Minc kürzlich verkündete – er wolle mindestens 3000 neue Umweltpolizisten nach Amazonien schicken, um die Abholzung zu verhindern –, und dem Dorado, von dem die Schulzes einst träumten, liegen Äonen.

Abgebrannte Fläche verdoppelt

Der rührige Minister Minc hatte endlich die „schwarze Liste“ veröffentlicht, auf der die schlimmsten Urwaldkiller stehen. Jene Leute, die dafür verantwortlich sein sollen, dass die Vernichtung des wertvollen Biotops weitergeht. Gegenüber 2007 hat sich die abgebrannte Waldfläche im August mehr als verdoppelt. Einen nicht geringen Anteil daran sollen ausgerechnet die Siedler haben, denen die Agrarbehörde INCRA Areale zur Bewirtschaftung schenkte.

Die Behörde steht mit rund 100 Mio. Euro in der Kreide – so hoch sind die Strafen, die sie wegen illegaler Abholzung in Amazonien zahlen müsste. Der Minister arbeite mit alten Karten und Satellitenbildern, wehrte sich die Behörde. Der „Luftkrieg“ über Amazonien war wieder voll entbrannt.

An der Tankstelle von Apuí gibt es frischen, heißen Cafezinho. „Pão do queijo? Käsbrot?“, fragt die Bedienung. Sie hat tatsächlich „Käsbrot“ gesagt. Deutsch? „Não, não, Rio Grande do Sul. Nos somos Gaúchos, aus dem Süden.“

Die ersten dieser deutschstämmigen Gaúchos waren mit dem Bau der Transamazônica in den Regenwald gezogen: Die Rollbahn durch die sogenannte „grüne Hölle“ werde Menschen ohne Land in ein Land ohne Menschen bringen. Eine Million Familien, also rund fünf Millionen Menschen, würden entlang der 1253 Kilometer langen „Straße des Fortschritts“ eine neue Existenz finden. Dies hatte die Militärregierung jedenfalls im Jahr 1972 versprochen.

Böden laugen aus

20.000 Hektar hatten die Schulzes bekommen. Geschenkt. Das war in Rio Grande do Sul ein Vermögen. So zogen sie also weg vom Boden, den ihre Ahnen unter dem Kaiser Pedro gewonnen und gerodet hatten, hinauf nach Amazonien. Und dort stand nur der Wald im Weg.

Also: Abgefackelt, abgesägt und umgelegt. Und dann? Ein, zwei Jahre gehen ins Land, dann dämmert den Letzten, dass sie ihre Hoffnung buchstäblich auf Sand gebaut haben. Die rostrote Erde verwandelt sich nach dem Regen in einen Morast, der erstarrt unter der sengenden Sonne zu steinharter Kruste. Ohne das schützende Blätterdach laugt der Boden rasch aus und verdorrt in der Hitze.

Hartnäckige „Teuto-Brasilianer“

Aus Apuí mit seinen 18.000 Seelen sind im Laufe der Jahre dreimal mehr Leute geflohen als hingezogen. Jene, die blieben, bekamen genug Kinder, um den Weggang auszugleichen. Man blieb unter sich. Auf dem Markt Radieschen, Karfiol und Äpfel statt Ananas und Bananen: Die Teuto-Brasilianer aus dem Süden haben in Apuí das Sagen. Weil sie geblieben sind.

Die Schulzes sind mittlerweile ergraut – und genügsam geworden. Wenn sie ihren Matetee trinken können, dann ist es schon recht. Viel mehr braucht man ja kaum im Leben. Nur ihr Enkel, der träumt von einer Yamaha, 125 ccm. Jetzt, wo er ein paar Hängematten an Durchreisende vermietet hat, kann er sich die Maschine sogar leisten.

Die Politik versagt

Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, haben die Alteingesessenen von Apuí bitter erfahren müssen. Erst gaukelte ihnen die üppige Natur vor, in Amazonien wachse alles von alleine; dann glaubten sie, dass mit Rinderzucht ein Vermögen zu machen sei – und mussten das verdurstende Vieh notschlachten.

Sie haben gelernt: Man darf nicht gegen die Natur wirtschaften, man muss mit der Erde leben und die Bäume stehen lassen. Doch es ist ja viel leichter, ein Stück Erde von der Agrarbehörde INCRA zu ergattern, den Wald zu roden, das Holz zu verkaufen und das Vieh in die Asche zu schicken, als mühselig unter dem Blätterdach Gemüsebeete anzulegen.

Also geht die Vernichtung des Waldes weiter; die kleinen Siedler sind nur die Vorhut, es folgen Holzhändler und Viehbarone. Und die Provinzpolitiker hüten sich, einzugreifen – am allermeisten, wenn Wahlen anstehen. Genau das hatte Carlos Minc, der Umweltminister im fernen Brasília, ja vor der Presse auch beklagt.

AUF EINEN BLICK

Brasilien will mit einem ganzen Maßnahmenpaket die Abholzung und Brandrodung im Amazonasgebiet stoppen. Die Umweltpolizei soll um 3000 Beamte verstärkt werden, um illegale Rodungen zu unterbinden. Zudem plane man „aggressive“ Aufforstungsprojekte. Seit 1970 verlor der Amazonas-Urwald rund 700.000 km, das entspricht fast der zweifachen Fläche Deutschlands. Derzeit ist er rund sechs Mio. km groß.







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