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Goldrausch in Amazonien

Der neue Goldrausch in Amazonien

Die Finanzkrise spornt Glücksritter an: Immer mehr Männer zieht es mit Hacke und Schaufel in den Dschungel.

Von Carl D. Goerdeler, Die Presse, 12.10.08

Das Tal des Rio Verde bei Km 45 der Straße Marabá – Carajás gleicht einer Großbaustelle nach einer Explosion. Plastikrohre und Holzgerüste, Bretter, Siebe, Kanister, Säcke, Schaufeln, Hacken, Kisten, und Schläuche liegen zwischen Geröllhalden verstreut. Trampelpfade winden sich durch das Gerümpel die Talhänge hinauf zu den Bretterbuden und Baracken, die wie Papierfetzen an der Bergflanke hängen.

Eine Handvoll halbnackter Männer, überzogen von einer Schicht aus Schlamm, Schweiß und Staub, hackt im knöcheltiefen Fluss nach goldhaltigem Gestein. Keuchend schieben sie schwere Karren mit Abraum fort. Andere schleppen Säcke mit nassem Sand herbei. Motorpumpen saugen das Wasser aus dem Flussbett und leiten es über Bretter-Viadukte auf Schotterhaufen, an denen sich zerlumpte Gestalten zu schaffen machen. Sie schaufeln Kies und Geröll in den Trichter der Gesteinsmühle und spülen mit Wasser nach. Aus der Mühle sabbert der gemahlene Dreck über ein schräges Brett, das mit einem Lappen bespannt ist. In seinem Gewebe fängt sich: Gold.

Steigt Preis, steigt Stimmung

Joao da Silva wohnt in einem Bretter-Palast am Rande der Barackensiedlung, komplett mit Fernseher, Hausbar, und Gummibaum. Vor drei Jahren kam er an den Rio Verde, fand hier eine neue Frau – und Gold. Acht Kilogramm in einem Jahr, 20 Caboclos (Mestizen) arbeiten für Joao. Vorsichtig zieht er eine Schublade auf, packt eine Balkenwaage aus, einen Wiegesatz und einige Medikamentenröhrchen. Die Goldkrümel, die er daraus auf die Waagschale schüttet, sind die karge Ernte eines Monats – nur 115 Gramm. „Aber es wird besser, bestimmt!“ Jeder im Camp kennt den Preis, mit dem eine Unze in London gehandelt wird. Die Kurve geht steil nach oben – und so ist auch die Stimmung gestiegen, sagt Joao.

„Kilometer 06 – um Gottes willen!“, klagen die Bürger von Marabá. Ein Schandfleck an einer Kreuzung der „Transamazônica“. Wer weiter will, muss hier warten – auf den Bus, den Lkw, das Fuhrwerk. In der „Bar Moura“ lackiert sich Maria die Fußnägel. Sie hockt in einem gerupften Vinyl-Sofa neben dem WC. Um die Tanzfläche stehen fünf verrostete Tische. „Heute Abend ist Forró. Montags, mittwochs, freitags und samstags ist Tanz“, sagt Ivan gelangweilt.

Auch er hat in der Serra Pelada nach Gold gegraben, wie so viele. 1981 war das. Erst kamen die Männer, dann die Frauen. Denn wo Männer sind, seien auch Frauen, oder? Er kannte einen, Chico, der war ein Glückspilz, fand richtig viel Gold. Chico band Geldscheine an ein Hundehalsband und zog damit durch die Stadt. Sein Leben lang war er hinter dem Geld hergelaufen, nun sollte es einmal umgekehrt sein.

Eines Tages sind Ivan, Maria und all die anderen aufgetaucht, aus Maranhão, Ceará, Pauí, Bahia oder woher auch immer. Als das Gold nicht für alle reichte, hieß es, beim Bau der Erzbahn von Carajás würden Leute gebraucht. Als die letzte Schwelle verlegt war, blieben sie trotzdem. Versprachen nicht die Politiker, in Ostamazonien werde ein großes Industriegebiet entstehen? Sollten nicht immer neue Straßen gebaut werden?

Goldkronen im Mund

Jetzt sind die Goldgräber wieder da, sie wittern Morgenluft. Ende September haben sich zehntausend Goldsucher vor der Cooperative in Curionópolis versammelt. Sie wollten ihren bisherigen Anführer am liebsten lynchen. Sie werfen dem Alten vor, mit den Politikern und den Bossen des Minenkonzerns „Vale“ unter einer Decke zu stecken: zum Schaden der Goldsucher, die nun endlich wieder Hoffnung haben.

Bei einem Preis von schon fast 900 Dollar pro Unze wäre es ja dumm, nicht selbst wieder die Hacke in die Hand zu nehmen. Täglich treffen sie mit Mann und Maus am Busbahnhof von Marabá ein. Die Weltfinanzkrise hat in Ost-Amazonien einen neuen Goldrausch ausgelöst.

Die Nacht bricht an. Vor den Hütten hocken die Alten, Kinder spielen im Staub. Ivan holt seine Gitarre. In der „Bar Moura“ rücken Kunden und Mädchen zusammen. Sie singen traurige Lieder von Lampiao, dem Banditen, und Maria Bonita, seiner Geliebten. Die Mädchen heulen ein bisschen, und in den Mündern der Männer blitzen Goldkronen auf.

AUF EINEN BLICK

Vier arme Landarbeiter fanden Ende 2005 im Urwald am Rio Juma im Bundesstaat Amazonas Gold. Seither suchten Tausende Menschen ihr Glück im Regenwald. Gerüchten zufolge haben sie schon mehr als eine Tonne Gold aus dem Fluss gewaschen.

Die Behörden haben alle Mühe, im „Dorado de Juma“ für Ordnung zu sorgen. Über weite Strecken herrscht das Recht des Stärkeren vor. Viele, die sich als Besitzer eines Claims wähnen, müssen der Gewalt weichen, wenn sie keine Leibwächter anheuern. Längst bieten rund um die Goldgruben Glücksritter ihre Dienste aller Art an – zu Wucherpreisen.








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