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Aktuell

Agrosprit-Diskussion geht weiter

15. April, 2008

Wieczorek-Zeul kündigt mehr Geld für Ernährungsprogramm an

Entwicklungsministerin für Ende von Agrarsubventionen

(AFP) - Angesichts der weltweiten Nahrungsmittelkrise hat Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) eine Erhöhung der Bundesmittel für das Welternährungsprogramm (WFP) um weitere zehn Millionen Euro angekündigt. Unterdessen setzte eine heftige Diskussion über die Verwendung von Biosprit ein. Die Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, forderte, die Herstellung des Biokraftstoffs zu überdenken.

"Wir finanzieren das Programm regulär mit 23 Millionen Euro, haben im März bereits zusätzlich drei Millionen Euro zu Verfügung gestellt und werden diese Summe noch einmal um zehn Millionen Euro erhöhen," sagte Wieczorek-Zeul der "Berliner Zeitung". Zugleich forderte sie mittel- und langfristige Maßnahmen. Dabei müssten nicht nur die Geberländer, sondern auch die von der Krise direkt betroffenen Länder wieder stärker in den Landwirtschaftssektor investieren.

"Außerdem sollte diese Krise als Anlass genommen werden, endlich die Agrarexportsubventionen abzuschaffen", verlangte Wieczorek-Zeul. "Sie sind ein Hemmnis und demotivierend für die Bauern in Entwicklungsländern."

"Es ist ein Skandal, dass wir uns den Luxus von Biokraftstoffen in unseren Tanks erlauben, anstatt genügend Nahrungsmittel für die Menschheit zu produzieren. 800 Millionen Menschen hungern", sagte Ingeborg Schäuble. Vor dem Hintergrund von Hungerprotesten in Entwicklungsländern warnte sie davor, "zu wenig Lebensmittel für eine wachsende Weltbevölkerung" zu produzieren. In den USA werde bereits ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche für Mais reserviert, der zu Biokraftstoff verarbeitet wird. Das habe zu einem drastischen Preisanstieg in Mexiko geführt.

Der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Entwicklung, Thilo Hoppe, verteidigte die Biosprit-Offensive der EU und Deutschlands, wandte jedoch ein: "Wenn es zu einem Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Hungerbekämpfung kommen sollte, hat das Menschenrecht auf Nahrung Vorrang." Notfalls müsse das Ziel der EU, bis 2020 einen Biosprit-Anteil von zehn Prozent zu haben, nach unten korrigiert werden, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte, sie halte die Diskussion für "hysterisch", und sprach sich gegen den Verzicht auf Biosprit aus. "Wenn Pflanzenreste benutzt werden oder solche, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen, ist das kein Problem", sagte sie.


Mittwoch, 16. April 2008

Biosprit macht Hunger - oder doch nicht?

Berlin (Glocalist): Der Faktor Biosprit ist heftig umstritten. Wie viel darf es denn sein? Ist er überhaupt gut? Verursacht er eine Lebensmittelkrise oder nicht? Die Meinungen dazu gehen weit auseinander.

Mit einer neuen Aktion "Biosprit macht Hunger" macht derzeit das INKOTA Netzwerk e.V. auf sich aufmerksam und fordert damit von Bundesumweltminister Gabriel einen sofortigen Kurswechsel in der Biospritpolitik. Ihre Argumentation: Weltweit gibt es immer mehr Belege dafür, dass die Förderung der Agrokraftstoffproduktion nicht nur aus umweltpolitischen Erwägungen höchst zweifelhaft ist, sondern auch in erheblichem Maße für die aktuelle globale Hungerkrise aufgrund von Nahrungsmittelpreissteigerungen verantwortlich ist. Der geplanten Erhöhung des Biokraftstoffanteils wollen sie mit Protestpostkarten und Großbanner-Aktionen begegnen.

"Kimapolitisch macht die Biospritpolitik der Bundesregierung keinen Sinn", so von Massenbach, Geschäftsführer des INKOTA-netzwerks. Studien belegen, dass Agrokraftstoffe keinen effektiven Beitrag zum Klimawandel leisten. Oft ist die Klimabilanz des Biosprits durch die Abholzung von Regenwäldern, den klimaschädlichen Einsatz von Düngemitteln und lange Transportwege sogar negativ. "Nachhaltiger Klimaschutz muss anders aussehen", fordert INKOTA-Campaignerin Evelyn Bahn. "Die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs und eine Steigerung der Energieeffizienz im Mobilitätsbereich bieten weitaus größere Potenziale im Kampf gegen den Klimawandel".

Betroffen von der derzeitigen Diskussion um Anbauflächen, Preisen und Biosprit zeigt sich der Deutsche Bauernverband und versucht zu kalmieren:

Die Nahrungsmittelproduktion ist und bleibt die Kernkompetenz der deutschen und europäischen Bauern. Daher erhalten die Verbraucher von den Bauern verlässlich preiswerte und sichere Lebensmittel in ausreichender Menge, die unter hohen Standards für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen erzeugt wurden. Aufrufe zum Stopp der Nutzung von Bioenergie als angeblicher Verursacher von Preissteigerungen bei Lebensmitteln weist der DBV darin entschieden zurück. Tatsächlich werde die jetzige Agrarpreisentwicklung weniger durch die Bioenergie als vielmehr durch einen weltweit entstehenden Nachfragesog nach Nahrungs- und Futtermitteln befördert. Zudem werde es einzig und allein der Markt entscheiden, wie viel Bioenergie erzeugt wird.

Derzeit seien landwirtschaftliche Produkte wie Getreide stärker nachgefragt, während Bioenergie in dieser Situation derzeit an Wettbewerbsfähigkeit verliere. Der DBV spricht sich dafür aus, die nationale und europäische Förderpolitik für Bioenergie behutsam weiterzuentwickeln und die Förderpolitik stabil zu halten.

Biosprit ist kein Allheilmittel - in Europa kann die Klimabilanz damit nicht verbessert werden, wenn anderorts dafür der Wald daran glauben muss, Monokulturen entstehen und wieder ein Stück ökologisches Gleichgewicht in Schieflage gerät. Dass wir in der industrierten Welt nicht vom Hunger direkt betroffen sind, bleibt zu erwarten. Fakt ist, dass für ein mehr an Anbauflächen wieder CO2 Speicher geopfert werden. Greenpeace rechnet vor, dass in Deutschland der Bedarf an Biosprit durch Anbau nie erreicht werden kann, es muss also zugekauft werden. Dies sind jährlich zwei Millionen Tonnen Öl für die Treibstoffherstellung. Das macht minus Wald plus Transportweg = ?

Thomas Henningsen, Waldexperte bei Greenpeace, sieht im Einsatz von Biomasse und Bio-Treibstoffen darum keine generelle Lösung für den Klimawandel. Im Gegenteil, warnt er. Wenn wir sie nicht vernünftig einsetzen, könnten sie den Klimawandel sogar noch anheizen. Das zeigen die Beispiele am Amazonas und in Indonesien. Der massive Einsatz kann sogar zu Hunger und Armut führen, wenn Nahrungsmittel als billiger Ersatz getankt werden können.

Biosprit ist umstritten, unumstritten bleibt, wird jedoch bis dato zu wenig diskutiert, wir müssen unseren Bedarf senken. Biosprit scheint eine Loch auf - Loch zu Lösung zu werden, in dem wir ein Problem mit einem neuem lösen. Mag es hierzuland er Industrie auch nicht gefallen, das Auto braucht einen Evolutionsschub in Richtung Nachhaltigkeit. Und der Mensch darf sich wieder auf seine Beine besinnen.

Damit die Welt nicht zur Anbaufläche wird, ist es außerdem ratsam sich wieder mehr pflanzlich zu ernähren. Denn die steigende Erzeugung von Viehfutter ist ebenso ein Problem. Aber das wissen sie vielleicht eh schon.


16. April, 2008

UN-Umweltdirektor sagt Verschärfung der Nahrungskrise voraus

Paris (dpa) - Der Direktor der UN-Umweltbehörde UNEP, Achim Steiner, rechnet mit einer Verschärfung der Nahrungsmittelkrise. Unterdessen geht dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) wegen der hohen Nahrungspreise das Geld für die Nothilfe gegen Hungersnöte aus.

«Wir haben auf den Weltmärkten einen Preiszuwachs bei Lebensmitteln, der die Grundversorgung von hunderten Millionen Menschen bedroht», sagte UNEP-Chef Steiner dem Bayerischen Rundfunk. «Die Preiseskalation macht uns große Sorgen.» Der Trend werde «uns noch lange, lange beschäftigen». Die Konkurrenz des Anbaus von Biospritpflanzen hält er für überbewertet. Grundsätzlich gebe es derzeit weltweit genug Lebensmittel. Allerdings würden die Reserven an Getreide und Reis zu niedrig gehalten, dazu kämen Ernteausfälle und eine hohe Nachfrage.

Seit Sommer vergangenen Jahres sind die Preise für Hauptnahrungsmittel damit um 55 Prozent gestiegen, rechnet das WFP vor. «Wir müssen davon ausgehen, dass der Betrag von 500 Millionen Dollar (316 Millionen Euro) nicht mehr reichen wird.", sagte der Leiter des deutschen WFP- Büros, Ralf Südhoff, in einem Gespräch mit der dpa. "Wir werden wahrscheinlich eine noch höhere Summe nennen müssen», sagte Südhoff. Die UN-Organisation hatte einen Appell an die wichtigsten Geldgeber gerichtet, um die Finanzlücke von 500 Millionen Dollar zu stopfen. Mit dem Geld sollen die 70 Millionen bedürftigsten Menschen auf der Welt versorgt werden.

«Wir reden überhaupt noch nicht über die Frage, wie viele neue Bedürftige es gibt», sagte Südhoff. «In Afghanistan muss man davon ausgehen, dass dort rund zweieinhalb Millionen neue Bedürftige hinzugekommen sind, weil sich die Weizenpreise um mehr als zwei Drittel erhöht haben.»

Die Bundesregierung gab im vergangenen Jahr 48 Millionen Euro an das WFP. Die US-Regierung stellt 200 Millionen Dollar (126 Millionen Euro) Soforthilfe bereit.

Angesichts von Nahrungsmittelkrise und Hungerrevolten fordert der gestern vorgestellte Weltagrarbericht internationaler Experten eine radikale Neuausrichtung der globalen Landwirtschaft. Die Anbaumethoden müssten weltweit geändert werden, um Arme besser zu versorgen und den Gefahren sozialer Unruhen und ökologischer Katastrophen zu begegnen, heißt es in einem Bericht.

Die industrielle Landwirtschaft mit Monokultur und intensivem Einsatz von Kapital oder Pestiziden sei an Grenzen gestoßen. Die Zeit zum Handeln sei knapp. An dem Weltagrarbericht (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development/IAASTD) haben fast 400 Wissenschaftler sowie Regierungsvertreter mitgewirkt. Die Arbeiten an dem zwischenstaatlichen Projekt dauerten drei Jahre.


16. April, 2008

Ziegler: Biotreibstoffe sind «Verbrechen gegen die Menschheit»

(sda) - Weltweit mehren sich die Anzeichen, dass es zu neuen Hungerkrisen kommen könnte. Grund sind die rasant steigenden Nahrungsmittelpreise, unter anderem weil immer mehr Nutzpflanzen für Bio-Sprit angebaut werden.

In einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk bezeichnete der UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, die Herstellung von Biotreibstoffen als «Verbrechen gegen die Menschheit».

Die Unruhen in Haiti, Bangladesch und Kairo seien nur der Anfang, sagte der Genfer Soziologe. Allein die USA hätten 2007 die Herstellung von Biosprit mit sechs Milliarden Dollar subventioniert.

Biotreibstoffe

Auch die EU und die Schweiz setzen auf Biokraftstoffe, um den klimaschädlicheh CO2-Ausstoss zusenken, wie die EU-Umweltminister an einem Treffen vom Wochenende erneut betonten. Auch der Schweizer Umweltminister Moritz Leuenberger nahm daran teil.

Die EU-Kommission betonte am Montag erneut, der avisierte Anteil von 10 Prozent Biotreibstoffen an Krafstoffen bis 2020 könne die Union weitestgehend auf eigenen Flächen anbauen.

Dies könne durch Ertragssteigerungen und die Urbarmachung grosser brach liegender Flächen in Ländern wie Polen, Bulgarien und Rumänien erreicht werden, erklärte EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel in Brüssel.

Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel hatte schon am Samstag erklärt, für die Preissteigerungen sei auch der weltweit steigende Fleischkonsum verantwortlich. Immer mehr Nutzpflanzen würden zu Futtermitteln statt zu Nahrungsmitteln verarbeitet.

Attac: Blanker Zynismus

Aus Angst vor neuen Hungerkrisen hatten Weltbank und Währungsfonds (IWF) am Sonntag zu umfangreicher Nothilfe aufgerufen.

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac warf dem IWF und der Weltbank vor, ihre Empfehlungen seien «an Zynismus kaum zu überbieten». Beide stünden seit Jahrzehnten für eine systematische Vernichtung kleinbäuerlicher Existenzen.


Internationaler Landwirtschaftsbericht fordert radikale Umkehr bei Agrarforschung und Entwicklung

epo.de, 15. April 2008

London. - Ein am Dienstag von der UNESCO veröffentlichter Bericht zur Lage der Landwirtschaft geht hart mit der industriellen Landwirtschaft ins Gericht. Das International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development (IAASTD) ruft die Weltgemeinschaft zu fundamentalen Veränderungen in der Landwirtschaft auf, um rasant steigenden Preisen, Hunger, sozialer Ungerechtigkeit und ökologischen Katastrophen Einhalt zu gebieten. Der Bericht stellt einen Kompromiss dar, auf den sich mehr als 400 Wissenschaftler geeinigt haben und der gemeinsam von Regierungen, UN-Organisationen, Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen bestätigt wurde.

Das alte Paradigma einer industriellen Landwirtschaft mit hohem Energie- und Chemikalieneinsatz ist nicht mehr zeitgemäß, lautet das Fazit des Berichts. Die volle Einbeziehung lokalen und indigenen Wissens, die Stärkung von Frauen, die die Hauptlast landwirtschaftlicher Arbeit in den Entwicklungsländern tragen, und ein Forschungsschwerpunkt auf kleinbäuerliche und agro-ökologische Anbaumethoden seien wesentliche Elemente einer Landwirtschaft, die den Weg aus der derzeitigen Krise weisen könnte.

Deutlicher als je zuvor betont der Bericht, dass die Landwirtschaft kein Produktionssystem wie jedes andere ist, sondern seine Funktionen für Natur und Gesellschaft ebenso wichtig sind. Er weist darauf hin, dass Staaten und Gemeinden demokratisch und souverän ihre Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik selbst bestimmen müssen und die kleinsten Landwirte die größten Verlierer des Weltmarktes sind.

Der Bericht, der vergangene Woche im südafrikanischen Johannesburg von 60 Regierungen verabschiedet wurde, ist in einem mehrjährigen, einzigartigen Prozess entstanden. Auf Initiative der der Weltbank hatten Regierungen, UN-Agenturen, führende Forschungseinrichtungen, Industrie und Zivilgesellschaft sich gemeinsam auf unabhängige Experten geeinigt, deren Ergebnisse zweimal zur öffentlichen Diskussion gestellt und überarbeitet wurden ehe sie nun von den Regierungsvertretern verabschiedet wurden. Die deutsche Bundesregierung hatte sich daran nicht beteiligt.

Nach Angaben nichtstaatlicher Organisationen stellten sich nur Kanada, die USA und Australien zum Schluss ins Abseits. Nachdem sie zunächst wichtige Formulierungen in den Zusammenfassungen aufgeweicht hätten, hätten sie den Bericht zum Schluss als unausgewogen abgelehnt. Vertreter der Agrochemie- und Biotechnologie-Industrie hatten bereits zum Jahreswechsel den gemeinsamen Prozess verlassen, als sich abzeichnete, dass ihre Favorisierung gentechnischer Methoden von den wissenschaftlichen Ergebnissen nicht gerechtfertigt und von den Experten nicht geteilt wird. Dies ändere freilich nichts daran, dass die Wissenschaftler, die zu diesem Ergebnis kamen, auch von der Industrie und den drei Staaten an ihrer Seite ausgewählt wurden, so die NGOs.

Die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die an dem Prozess beteiligt waren, seien nicht mit allen von den Regierungen ausgehandelten Schlussfolgerungen einverstanden, teilten Sprecher der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und von Greenpeace International mit. Aber sie respektierten die Tatsache, "dass der Bericht den gegenwärtigen Konsens der Wissenschaft wiedergibt".

Die NGOs riefen die Regierungen, internationalen Organisationen und die Zivilgesellschaft dazu auf, die Ergebnisse des Berichts nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern seine Empfehlungen jetzt auch umzusetzen.

"Der IAASTD-Bericht beweist: Die Intensivierung der Landwirtschaft muss künftig lokal selbstbestimmt sein und auf ökologischen Prinzipien beruhen - kurz gesagt, der Ernährungssouveränität dienen", sagte Patrick Mulvany von der britischen Organisation Practical Action. Lim Li Ching vom Third World Network in Malaysia sagte, der Bericht mache deutlich, "dass Kleinbauern und die Natur zu Opfern der Handelsliberalisierung geworden sind. Entwicklungsländer müssen das Recht haben, den Import von billigen, subventionierten Agrargütern aus dem Norden zu verhindern".

IAASTD-Bericht (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development)


INKOTA fordert sofortigen Kurswechsel in der Biospritpolitik

epo.de, 15. April 2008

Berlin. - Angesicht der internationalen Nahrungsmittelkrise hat das INKOTA-Netzwerk von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel einen sofortigen Kurswechsel in der Biospritpolitik gefordert. Weltweit gebe es immer mehr Belege dafür, dass die Förderung der Agrokraftstoffproduktion nicht nur umweltpolitisch höchst zweifelhaft, sondern auch mitverantwortlich für die aktuelle globale Hungerkrise sei, erklärte INKOTA am Dienstag zum Auftakt der Aktion "Biosprit macht Hunger" in Berlin.

Mit Protestpostkarten und Großbanner-Aktionen will INKOTA Umweltminister Gabriel dazu bewegen, auf die Erhöhung der Zwangsbeimischungsquote von Biodiesel zu verzichten. In den letzten Monaten seien die Nahrungsmittelpreise explodiert und die weltweiten Vorräte an Mais, Reis und Weizen weitgehend dahingeschwunden. Eine neue Hungerkatastrophe bahne sich an. Experten seien sich einig, dass neben klimabedingten Ernteausfällen und gestiegener Futtermittelnachfrage der forcierte Anbau von Pflanzen für Kraftstoffe eine wichtige Ursache dafür ist, da er in direkter Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht.

Seit 2005 sind die Nahrungsmittelpreise insgesamt um rund 83 Prozent gestiegen. Je nach Land sind 30 bis 70 Prozent dieser Teuerung auf die Herstellung von Bioethanol oder Biodiesel zurückzuführen, erklärte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unter Berufung auf das International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington.

"Für die 1,2 Milliarden Menschen, die schon heute mit weniger als einem US-Dollar auskommen müssen, ist das eine Katastrophe", so Arndt von Massenbach, Geschäftsführer des INKOTA-Netzwerks. "Die Hungeraufstände in Nigeria, Indien, Ägypten oder jüngst in Haiti wären erst der Anfang, wenn immer mehr Grundnahrungsmittel in unseren Autotanks verschwinden."

Umweltminister Gabriel halte jedoch ungeachtet aller Warnungen an seinen ehrgeizigen Biospritzielen fest. Zwar musste er Anfang April die für 2009 geplante Verdopplung des Ethanolanteils im Normal- und Superbenzin auf Druck der Autofahrerlobby stoppen, da ältere Fahrzeuge dieses Gemisch nicht vertragen. Der Biodieselanteil soll aber weiter steigen, ebenso wie die Verwendung reiner Pflanzenkraftstoffe. Bis zum Jahr 2020 sollen 12 bis 15 Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs mit Agrosprit gedeckt werden. Damit gehe die Bundesregierung über das Ziel der Europäischen Union hinaus, die einen Beimischungsanteil von 10 Prozent bis 2020 plant, kritisierte INKOTA. Diese Ziele könnten nur mit Hilfe von Importen aus Entwicklungsländern erreicht werden.

"Gabriel verschließt die Augen vor den dramatischen Folgen für Millionen von Menschen in den Anbauländern der Energiepflanzen in Asien, Afrika und Lateinamerika", sagte INKOTA-Campaignerin Evelyn Bahn. "Die Quote muss weg! Die Politik der zwangsweisen Beimischung gefährdet weltweit die Ernährungssicherheit."

"Auch klimapolitisch macht die Biospritpolitik der Bundesregierung keinen Sinn", sagte von Massenbach. Studien belegten, dass Agrokraftstoffe keinen effektiven Beitrag zum Klimawandel leisten. Oft sei die Klimabilanz des Biosprits durch die Abholzung von Regenwäldern, den klimaschädlichen Einsatz von Düngemitteln und lange Transportwege sogar negativ.


Was machen die Brasilianer?

Die brasilianische Zucker- und Alkoholbranche ist heftiges Fahrwasser gewohnt.

Von Alexander Busch, Wirtschaftswoche, 11.4.08

Aber in den letzten Wochen hat sich die internationale Debatte über Brasiliens Biotreibstoffe noch verschärft: Da schimpfte der französische Präsident Nicolas Sarkozy über brasilianisches Dumping. Das Nachrichtenmagazin „Time“ erklärte, dass der Amazonas-Regenwald wegen Biotreibstoffen abbrennt. Der US-Zentralbank-Chef Ben Bernanke dagegen empfahl zur Inflationseindämmung, die Zölle auf brasilianisches Ethanol zu reduzieren. Jean Ziegler, UNO-Sonderbotschafter wiederum hält Biotreibstoffe verantwortlich für neue Hungerprobleme weltweit – mit der Ausnahme Brasiliens: „Brasiliens Produktion von Biotreibstoffen ist sozial verträglich und respektiert das Recht auf Nahrung.“

Was machen die Brasilianer? Die Autofahrer freut der gewachsene Widerstand gegen brasilianisches Ethanol. An den Tankstellen des Landes ist es jetzt billiger als Benzin – und das sogar zu Beginn der Zuckerrohrernte, wenn die Ethanollager eigentlich leer sein sollten und die Preise entsprechend hoch. Da alle neuen PKW inzwischen mit Flex-Fuel-Motoren ausgestattet werden, die mit Benzin und Alkohol in allen Mischungsverhältnissen fahren, tanken die brasilianischen Autofahrer derzeit fast nur Alkohol. Ohne befürchten zu müssen, dass die Zapfsäulen so bald austrocknen. Denn die Industrie investiert massiv. Zwischen 2007 und 2012 will die Branche 33 Milliarden Dollar in neue Plantagen und Anlagen investieren. Letztes Jahr brannten die brasilianischen Destillen 22 Milliarden Liter Ethanol. In zwei Jahren sollen es bereits 30 Milliarden Liter sein. Davon würden dann 6,5 Milliarden Liter exportiert werden, erwartet der Branchenverband Unica. Bisher kaufen die USA rund die Hälfte und Europa 28 Prozent des brasilianischen Ethanols auf.

Der brasilianische Spitzenverband wie die Diplomatie verfolgt deshalb genau, was sich da bei uns im Norden gegen den Biosprit aus Brasilien zusammenbraut. So etwa das Argument von Umweltminister Sigmar Gabriel, dass mehr als drei Millionen Autos in Deutschland keine Alkoholbeimischung von zehn Prozent vertragen würden. „Wir bezweifeln das“, sagt Geraldine Kutas von Unica, „in Brasilien, China oder Kolumbien fahren alte Autos seit Jahrzehnten problemlos mit weit höheren Beimischungen.“ Der abgefackelte Amazonas? „Es wird in Brasilien kein Zuckerrohr im Amazonas angebaut“, sagt Kutas. Sie hält auch die Kausalkette an den Haaren herbei gezogen, wonach Rinderzüchter, die von kapitalkräftigen Zuckerbaronen verdrängt werden, nach Norden in den Amazonas ziehen und dort brandrodend neue Weiden schaffen. „Der Zuckeranbau nimmt in Brasilien so geringe Flächen ein, dass überhaupt keine Rinder verdrängt werden.“

Schon aus eigenem Interesse steigert die Branche jedoch seit Jahren die Effizienz ihrer Zucker- und Ethanolproduktion. Denn das Zuckerrohr muss möglichst nahe der Destillen geerntet werden, denn nach der Ernte nimmt der Zuckergehalt des Rohrs stündlich ab. Doch Destillen sind teuer: Rund 100 Millionen Dollar kostet so eine Schnapsbrennerei. Die Transportkosten des Ethanols zu den Ballungszentren an die Küste oder zu Ballungszentren sind ebenfalls hoch. Je mehr Ethanol also pro Hektar gewonnen werden kann, umso besser: Rund 7000 Liter brennen die Produzenten heute pro Hektar Zuckerrohr – und gewinnen in Biomassekraftwerken, wo sie Blätter und Stängel verbrennen gleich noch den eigenen Strom dazu. In Pilotanlagen werden bereits 12.000 Liter gewonnen. „Die Energiebilanz brasilianischen Ethanols ist heute schon sieben Mal so hoch wie die Ethanol, das aus Mais gebrannt wird“, sagt Unica-Präsident Marcos Jank.

Der Wettbewerbsvorteil der Brasilianer wird noch zunehmen: Intensiv wird in brasilianischen Agro-Instituten bereits an der zweiten Generation von Ethanolprodukten geforscht. Mit Enzymen sollen dann alle möglichen landwirtschaftlichen Abfälle verarbeitet werden. Die Ethanolgewinnung aus Zellstoffen verspricht Brasilien gewaltige Effizienzsprünge: Denn dafür kann auch Zellulose verwendet werden Und nirgends auf der Welt wird so preiswert Zellulose gewonnen aus Eukalyptus wie in Brasilien. Der deutsche Ethanol-Experte Peter Gross von Cana Brava Participacões in São Paulo: ,,Brasilien wird auch mit der zweiten Generation der Ethanolgewinnung am billigsten weltweit produzieren können.“


Palmöl in britischem Agrodiesel

Von Sigrid Totz, Greenpeace-Online, 14.4.08

Greenpeace-Rechercheure haben in Großbritannien einen hohen Anteil an Palmöl im Agrodiesel der Firma Tesco gefunden. Für Palmöl werden in Indonesien die Urwälder abgebrannt und dabei immense Mengen an CO2 erzeugt. In Europa soll Agrodiesel die CO2-Bilanz verbessern.

Tesco unterhält in Großbritannien mehr als 400 Tankstellen und besetzt damit 13 Prozent des britischen Treibstoffmarktes. Noch vor kurzem hat das Unternehmen behauptet, seinem Diesel kein Palmöl beizumischen - aus Sorge wegen der Umweltschäden, die durch den Ölpalmenanbau entstünden.

Unter öffentlichen Druck geraten, relativierte das Unternehmen diese Behauptung: Ein Tesco-Sprecher gab zu, dass in einigen britischen Regionen möglicherweise auch geringe Mengen Palmöl verwendet würden. Mit dem Ergebnis der Greenpeace-Analyse konfrontiert, hieß es dann, man versuche, den Anteil so gering wie möglich zu halten. Die beigemischte Menge schwanke, eine Obergrenze könne man nicht angeben.

Im Tesco-Diesel sind fünf Prozent Beimischung enthalten. Diese fünf Prozent bestanden bei den von Greenpeace gezogenen Dieselproben zu 30 Prozent aus Palmöl und zu 70 Prozent aus Sojaöl. Beides steht für Urwaldvernichtung im großen Stil. Was Palmöl für Indonesien ist, ist Sojaöl für Südamerika, vor allem Argentinien.

Eine Studie der Universität Minnesota hat ergeben, dass Agrodiesel von umgewandelten Flächen, oft verharmlosend Biodiesel genannt, 420-mal mehr CO2 erzeugt als er einspart.

Belinda Fletcher von Greenpeace Großbritannien: "Es ist doch verrückt. Wer Diesel von Tesco kauft, pumpt Palmöl in seinen Tank. Palmöl ist einer der Hauptgründe für Urwaldzerstörung in Ländern wie Indonesien. Und Urwaldzerstörung heizt den Klimawandel an."


16. April, 2008

Biosprit? - Fragen und Antworten

Frankfurt/Main (AP) – Weltbank-Präsident Robert Zoellick macht die wachsende Nachfrage nach Biokraftstoffen für den drastischen Anstieg der Nahrungsmittelpreise mitverantwortlich, der in einzelnen Entwicklungsländern schon zu Unruhen geführt hat. In den folgenden Fragen und Antworten soll ein Überblick über verschiedene Aspekte des Themas gegeben werden:

Was ist Biosprit?

Unter Biosprit versteht man Kraftstoffe, die nicht aus Erdöl, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden. Man unterscheidet Ethanol, das herkömmlichem Benzin beigemischt wird, und Biodiesel, der Diesel beigemischt wird. Ethanol ist ein Alkohol, der aus stärke- oder zuckerhaltigen Pflanzen wie Getreide (vorwiegend Mais, Weizen oder Roggen) oder Zuckerrohr sowie Zuckerrüben hergestellt wird. Biodiesel wird aus ölhaltigen Pflanzen wie Raps oder Sojabohnen hergestellt.

Wieviel Biosprit wird derzeit verbraucht?

Der Anteil von Biosprit am gesamten Kraftstoffaufkommen beträgt derzeit in Deutschland und auch den USA unter fünf Prozent bezogen auf den Energiegehalt. Trotzdem stieg die weltweite Produktion bereits in den vergangenen Jahren drastisch an: Beim Ethanol allein von 2000 bis 2005 auf das Doppelte, beim Biodiesel sogar auf das Vierfache. Laut der Welthungerhilfe wurden 2007 mehr als 60 Milliarden Liter Biokraftstoffe produziert, 2000 war es erst weniger als 20 Milliarden Liter.

Wieviel soll in Zukunft verbraucht werden?

Die Europäische Union plant jedoch, bis 2020 einen Anteil von 10 Prozent am Gesamtkraftstoffverbrauch über Biokraftstoffe zu decken. Das Ziel der Bundesregierung ist mit 20 Prozent noch deutlich ambitionierter. In den USA sollen es bis 2017 rund 15 Prozent sein. Auch andere Staaten wie China oder Indien wollen den Anteil der auch Agrosprit genannten Kraftstoffe deutlich erhöhen.

Warum setzen viele Staaten auf Biosprit?

Lange Zeit galt der Einsatz von Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen als umweltfreundlicher als fossile Brennstoffe. Dies ist inzwischen jedoch sehr umstritten. Außerdem verspricht man sich von Biosprit mehr Unabhängigkeit vom Erdöl. Allerdings kann Deutschland allenfalls zehn Prozent seines gesamten Energiebedarfs aus Biomasse decken.

Wo kommt der Biosprit her?

Die derzeit weltweit führenden Staaten in der Produktion von Biokraftstoffen sind für Biodiesel die EU und für Ethanol die USA. Sehr große Mengen an Ethanol werden auch in Brasilien, das seit den 1970er Jahren das Pionierland für Biosprit war, und Argentinien hergestellt. Laut Greenpeace beträgt allein in diesen Gebieten die Anbaufläche rund 23 Millionen Hektar. Würden darauf Nahrungsmittel für eine vegetarische Ernährung angebaut, könnten davon 350 bis 450 Millionen Menschen leben.

Wie wirkt sich die Produktion von Biosprit auf die von Nahrungsmitteln aus?

Je größer die Anbauflächen für Biosprit sind, desto kleiner sind diejenigen für Nahrungsmittel, desto weniger Nahrungsmittel werden auch produziert. Es sei denn die verfügbaren Anbauflächen werden vergrößert, wie etwa durch Rodung von Regenwald oder die Bewirtschaftung von bisher brachliegenden Flächen. Dies wird aber derzeit nicht in großem Umfang praktiziert und ist ökologisch höchst umstritten.

Die entsprechend knapper gewordenen Lebensmittel werden teurer. Laut Weltbank sind die Nahrungsmittelpreise seit 2005 um durchschnittlich 83 Prozent gestiegen. Je nach Land sind davon 30 bis 70 Prozent auf die Produktion von Biosprit zurückzuführen.

Die drastisch gestiegenen Preise für Lebensmittel führen zu Problemen vor allem in den ärmeren Ländern, in denen die Menschen 50 bis 70 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben.

Für die zumeist exportorientierte Landwirtschaft dieser Länder können höhere Preise auch eine Chance auf höhere Einnahmen bedeuten. Der nicht mehr auf dem Land lebenden armen Stadtbevölkerung kommt dies allerdings nicht zugute.







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