Aktuell


Globale Biodiversitäts-Krise

Samstag, 19. April, 06:30 Uhr

Gabriel: Dramatischen Artenrückgang stoppen

Osnabrück (ddp). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat von der UNO-Konferenz zur Artenvielfalt konkrete Zusagen für wirtschaftliche Ausgleichszahlung an Entwicklungs- und Schwellenländer verlangt. Der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Samstagausgabe) sagte Gabriel: «Die UNO hat sich darauf verständigt, den dramatischen Rückgang der Arten bis 2010 zu stoppen - und davon sind wir weit entfernt.» Deshalb müsse die UNO-Konferenz, die mit 5000 Teilnehmern aus 200 Staaten im Mai in Bonn stattfindet, Signale setzen. «Die Konvention zur Artenvielfalt steht am Scheideweg», betonte Gabriel. «Entweder wir schaffen es, in den nächsten zwei Jahren Fortschritte zu machen. Oder wir müssen der Weltöffentlichkeit mitteilen, dass solche Verträge nicht wirken.»

Der Schutz der Artenvielfalt sei mittlerweile auch ein ökonomisches Gebot, da der Rückgang von Tier- und Pflanzenarten auch zum Verlust von Rohstoffen führe, die etwa für die Arzneimittelgewinnung nutzbar seien. Staaten, die genetische Ressourcen schützen, sollten von dem Geld, das beispielsweise mit neuen Medikamenten verdient wird, «auch etwas zurückbekommen», forderte Gabriel. «Das geschieht bisher viel zu selten.»

Gleichzeitig gehe es um den Schutz der Wälder. «20 Prozent unseres Klimaproblems stammen aus der Vernichtung von Wäldern. Die Industriestaaten müssen bereit sein, den Entwicklungs- und Schwellenländern einen Ausgleich dafür zu zahlen, dass sie ihre Regenwälder und Moore schützen», sagte Gabriel. Wenn die UNO in dieser Frage nicht vorankomme, werde dies Rückwirkungen auf die Klimaverhandlungen haben.


Mittwoch, 23. April, 09:23 Uhr

Der Genpool wird immer kleiner

Frankfurt/Main (AP) Im Jahr 1900 gab es in Bayern noch 35 verschiedene Rinderrassen - 2003 waren es gerade noch vier. In Sri Lanka wurden 1959 noch 2.000 verschiedene Reissorten angebaut - 2002 waren es nur noch fünf. Weltweit geht die Artenvielfalt - die sogenannte Biodiversität - immer weiter zurück, nur noch rund zehn Pflanzenarten und fünf Nutztierrassen bilden heutzutage die Basis der gesamten Welternährung. Eine UN-Konferenz in Bonn wird sich im Mai damit beschäftigen, wie der Artenschwund gestoppt oder zumindest verlangsamt werden kann.

«Die Erhaltung der biologischen Vielfalt zählt neben dem Klimawandel zu unseren dringlichsten Aufgaben - sie ist die vernachlässigte Schwester des Klimawandels», erklärte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel Anfang April bei der Biodiversitätskonferenz des Landes Rheinland-Pfalz. Allerdings sei das Thema Biodiversität «nicht ganz nordkurventauglich», räumt der Minister ein: Während den Klimawandel viele als bedrohlich für das eigene Leben empfinden, ist der Artenschutz als Thema in der Bevölkerung nicht sehr präsent.

Dabei hängen Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt eng miteinander zusammen: Einerseits ist der menschengemachte Klimawandel eine der Ursachen für den weltweiten Artenschwund, andererseits kann der Verlust der biologischen Vielfalt gleichzeitig auch den Klimawandel beschleunigen. So speichern etwa Moore große Mengen Kohlenstoff, der sich bei Trockenlegung mit Sauerstoff verbindet und in die Atmosphäre entweicht.

Nutzen aus genetischen Ressourcen

Der Schutz der Artenvielfalt folgt somit nicht nur rein ethisch-altruistischen Aspekten. Vielmehr geht es auch ganz handfest um den Nutzen, den Natur und Menschheit aus der Biodiversität ziehen. So sind Pflanzen, Tiere und ihre Produkte auch wirtschaftlich nutzbar, ebenso wie die genetischen Informationen einzelner Individuen, etwa als Ausgangsmaterial für pharmazeutische Forschungen.

Gabriel verweist als Beispiel auf die Erkenntnisse, die Medizin und Pharmazie aus dem Speichel der Vampirfledermaus gezogen haben: Ein Enzym dieses Speichels, das gegen Blutgerinnung wirkt, soll bei der Behandlung von Schlaganfallpatienten helfen. «Wer was gegen Fledermausschutz hat, spielt möglicherweise mit seinem eigenen Leben», wehrt Gabriel folgerichtig Kritik an Naturschutzinteressen ab, die gerne als Hemmschuh für wirtschaftliche Entwicklung gesehen werden.

Der Zugang zu den genetischen Ressourcen spielt eine große Rolle bei der 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD), die vom 19. bis 30. Mai in Bonn stattfinden wird. Das CBD gehört wie das Klimarahmenabkommen und die Wüstenkonvention zu den drei völkerrechtlichen Abkommen, die 1992 beim UN-Gipfel für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro beschlossen wurden. Hauptziele sind der Erhalt der biologischen Vielfalt, deren nachhaltige Nutzung sowie der gerechte Vorteilsausgleich aus der Nutzung der biologischen Vielfalt.

Mittlerweile gehören der Konvention 189 Vertragsparteien und die EU an. Alle zwei Jahre treffen sich diese Vertragsstaaten zu einer Konferenz, auf der die Bestimmungen der einzelnen Artikel der CBD durch Beschlüsse konkretisiert werden. Bei der neunten derartigen Konferenz in Bonn soll es vor allem darum gehen, das Konventionsziel umzusetzen, den Verlust der Biodiversität bis 2010 weltweit deutlich zu reduzieren.

Flächenverbrauch wieder beschleunigt

Umweltminister Gabriel ist sich als Gastgeber des UN-Treffens durchaus bewusst, dass «kein grundsätzlicher Wandel in einer einzigen Konferenz» zu erreichen ist. «Aber wir brauchen einen substanziellen Wandel in einer Reihe von Bereichen» betont er. Und es werde auch beobachtet, wie sich das Gastgeberland Deutschland bei dem Thema verhalte.

Schließlich hat Deutschland bei den Arten und Lebensräumen laut Bundesamt für Naturschutz mit die höchsten Gefährdungsraten in Europa: 40 Prozent der einheimischen Tierarten sind bestandsgefährdet oder extrem selten, fast die Hälfte der Pflanzengesellschaften sind aktuell gefährdet. Von den in Deutschland vorkommenden Lebensräumen sind rund 72 Prozent gefährdet.

Gründe dafür sind neben der Intensivierung von Land- und Forstwirtschaft vor allem die Zerstörung und Zerschneidung von Lebensräumen. «Der Flächenverbrauch pro Tag ist wieder auf 115 Hektar gestiegen - er war schonmal unter 100 Hektar», kritisiert Gabriel. Unzerschnittene verkehrsarme Räume von mindestens 100 Quadratkilometern Größe kommen nur noch auf 21 Prozent der Bundesfläche vor.

Artenschutz, der für viele vor allem Schutz von Elefanten oder Eisbären bedeutet, beginnt somit nicht erst in Afrika, meint Gabriel: «Ein Afrikaner wird wenig Verständnis haben, wenn bei uns der erste Bär, der um die Ecke kommt, gleich erschossen wird.»


Demo für Vielfalt statt Monokultur

Von Antonia Berndt, Greenpeace-Online, 25.4.08

Vielfalt ist das entscheidende Überlebensprinzip der Natur. Industrielle Landwirtschaft und Urwaldvernichtung zerstören sie. Das internationale Netzwerk Planet Diversity setzt anlässlich der UN-Artenschutzkonferenz (CBD) in Bonn ein Zeichen gegen diese Zerstörung: mit einer Demo für Artenvielfalt am 12. Mai. Wer mitdemonstrieren will, ist herzlich eingeladen.

Planet Diversity setzt sich für die Erhaltung der biologischen Artenvielfalt ein. Denn durch die Dezimierung der Arten werden Mensch und Natur ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Die Fähigkeit, sich neuen Umweltbedingungen anzupassen, geht verloren.

Parallel zur UN-Konvention für Biologische Vielfalt (CBD) finden neben der Demo auch das Festival der Vielfalt und vom 13. bis 15. Mai der Internationale Kongress zur Zukunft von Lebensmitteln und Landwirtschaft statt. Planet Diversity läd Sie auch dazu gerne ein.

Die Demonstration startet am 12. Mai um 10 Uhr auf der Kleinen Blumenwiese in den bonner Rheinauen. Im Anschluss von 14 bis 22 Uhr findet dann auf der Kleinen Blumenwiese das Festival der Vielfalt statt.

Mit diesen Aktionen setzt sich Planet Diversity ein für

  • das Menschenrecht auf ausreichende, vielfältige und gesunde Ernährung - gegen Agrar-Sprit und internationale Rohstoff-Spekulationen.
  • Selbstbestimmung von Verbrauchern und Landwirten - gegen gentechnische Experimente auf dem Acker, im Essen und in der Umwelt.
  • freien Austausch von Saatgut und Wissen - gegen Bio-Piraterie und Patent auf Leben.
  • den Erhalt der regionalen Vielfalt - gegen globale Monokulturen und weltweites Bauernsterben.
Auf dem Internationalen Kongress zur Zukunft von Lebensmitteln und Landwirtschaft wird vom 13. bis 15. Mai gegen die industrielle Monokultur und Gentechnik gearbeitet. Teilnehmer aus unterschiedlichsten Bereichen entwickeln gemeinsam Alternativen. Ein weiterer Schwerpunkt ist der freie Austausch von Saatgut und Wissen ohne Patent.

Internetseite Planet Diversity


Donnerstag, 17. April, 20:35 Uhr

UN-Gremium zu Klimafolgen für Ökosysteme gefordert

Stockholm (AP) Der Kampf gegen den Klimawandel konzentriert sich nach Auffassung internationaler Experten zu sehr auf die Verringerung von Treibhausgasen. Der Erhaltung von Ökosystemen müsse in den klimapolitischen Diskussionen mehr Bedeutung eingeräumt werden, forderten mehr als 600 Teilnehmer einer Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung in Stockholm am Donnerstag. Sie sprachen sich für die Gründung eines UN-Gremiums zu diesem Thema aus.

Bei der Diskussion über globale Erwärmung stünden vor allem die Minderung von Emissionen und die Entwicklung alternativer Treibstoffe im Mittelpunkt, kritisierten die Konferenzteilnehmer. Zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde dabei den Auswirkungen des Klimawandels auf die Ökosysteme von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen. Beides stehe in Zusammenhang, betonte der Europa-Abgeordnete Anders Wijkman. «Wir können uns nicht nur auf klimatische Entwicklung konzentrieren», erklärte Wijkman.


Dienstag, 22. April, 11:47 Uhr

Klimawandel bedroht Hälfte der Arten

Berlin (AP) Der Klimawandel könnte nach Einschätzung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten auslöschen. Sollte die Erwärmung bis 2100 vier bis fünf Grad betragen, «könnte mit großer Wahrscheinlichkeit etwa die Hälfte der Arten verschwinden», sagte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) der «Bild»-Zeitung. Bei einer Erwärmung zwischen zwei und drei Grad seien immer noch weltweit 20 bis 30 Prozent aller Arten bedroht.

Der wissenschaftliche Chefberater der Bundesregierung erwartet zudem einen deutlichen Anstieg des Meeresspiegels als Folge des Klimawandels. «Ein Meeresspiegelanstieg von ein bis zwei Metern bis zum Jahr 2100 ist nicht unrealistisch», sagte er. Ursache sei das schnelle Abschmelzen des Eises in Grönland und der Antarktis in den vergangenen Jahren.

«Bei einem Anstieg um 1,5 Meter würden langsam, aber stetig die fruchtbaren Flussdeltas in Ländern wie Ägypten, China oder Bangladesch buchstäblich absaufen», warnte der Wissenschaftler vor den Folgen. Nach und nach müssten sich hunderte Millionen Menschen eine neue Bleibe suchen.» Auch für die deutsche Nordseeküste sagt der Regierungsberater negative Folgen voraus: Die heutigen Deiche «würden nicht mehr ausreichen. Für den Ausbau wäre mit vielen Milliarden Euro Zusatzkosten zu rechnen.»







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