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Aktuell
Chemiker für Wiederaufforstung
Laßt uns Bäume pflanzen
Von Uta Bilow, FAZ, 21. Dezember 2004
Im Kampf gegen den vom Menschen verursachten Klimawandel gibt es viele Ideen. Weitgehend Einigkeit herrscht darüber, daß die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre - allen voran des Kohlendioxyds - bedenklich hoch ist und nicht weiter ansteigen darf. Die Pessimisten unter den Klimaschützern meinen, daß es wohl nicht ausreichen wird, die Freisetzung des Gases in Zukunft zu begrenzen.
Sie wollen der globalen Erwärmung dadurch Einhalt gebieten, daß man das vorhandene Kohlendioxyd bindet und dadurch unschädlich macht. Dazu müßte man das Kohlendioxyd aus den Abgasen abscheiden und anschließend in einem geeigneten „Endlager” deponieren. In Frage kommen beispielsweise ehemalige Erdöl- oder Erdgaslagerstätten sowie salzhaltiges Grundwasser.
Aufforstung sinnvoller
In die Erforschung dieser Optionen wird zur Zeit viel Geld investiert. Das ruft auch Kritik hervor. So meldete sich kürzlich die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) zu Wort und wies darauf hin, daß eine natürliche Kohlendioxyd-Verklappung durch Aufforstung wesentlich sinnvoller und billiger sei.
Neue Nahrung erhält die Diskussion durch einen Aufsatz von Aloys Hüttermann von der Universität Göttingen und Jürgen Metzger von der Universität Oldenburg, beides Mitglieder der Umweltchemie-Fachgruppe der GDCh. In einem Beitrag in der Zeitschrift „Nachrichten aus der Chemie” (Bd. 52, S. 1133) plädieren beide für die Wiederaufforstung. Die Produktion von Biomasse sei, so die Forscher, „die über Millionen Jahre erprobte Form der Festlegung von Kohlendioxyd aus der Atmosphäre”.
Billige Alternative
Am Beispiel verschiedener Regionen und Baumarten rechnen Hüttermann und Metzger vor, daß ein Hektar Wald in einem Zeitraum von 50 Jahren 2000 bis 3000 Tonnen Kohlendioxyd in Form von Holz und Humus akkumuliert. Selbst durch Wiederaufforstungen in der Wüste lassen sich pro Hektar Anbaufläche der Atmosphäre noch rund 500 Tonnen des Treibhausgases entziehen. Eine Tonne Kohlendioxyd könnte in Deutschland nach Angaben der Forscher für weniger als fünf Euro gespeichert werden.
Dagegen dürfte die technische Endlagerung von Kohlendioxyd erheblich teurer sein. Schätzungen reichen hier von 20 bis mehr als 100 Euro pro Tonne. In die Waagschale zugunsten der Aufforstung werfen Hüttermann und Metzger zudem, daß man damit der fortschreitenden Entwaldung und Wüstenbildung entgegenwirken kann. Anpflanzungen verhindern, daß der Erdboden erodiert, und sie verbessern dessen Fähigkeit, Wasser zu speichern.
Mangelndes Wissen über Auswirkungen
Der Vorschlag, der Klimaerwärmung mit großflächigen Aufforstungen beizukommen, ist durchaus nicht neu. Die Einwände gegen diese Form von Klimaschutz sind ebenso altbekannt. Die Anrechenbarkeit von Waldflächen gegen konkrete Emissionseinsparungen gilt als eine der Schwachstellen im Kyoto-Protokoll.
Zu den zahlreichen Unsicherheiten, mit denen die Berechnungen zum Kohlenstoff-Haushalt der Erde behaftet sind, kommt das mangelnde Wissen, wie sich großflächige Aufforstungen tatsächlich auf das Klima auswirken werden.
Klimaerwärmung durch Wälder?
Einige Forscher sind der Ansicht, daß zusätzliche Wälder die Erwärmung der Atmosphäre noch beschleunigen könnten, da die Bäume die Rückstrahlung des Sonnenlichts von der Erdoberfläche, die sogenannte Albedo, verringern, wodurch mehr Wärme absorbiert wird.
Andere Wissenschaftler haben berechnet, daß sich die als Kohlenstoffspeicher genutzten Wälder bei einer weiteren Klimaerwärmung in gewaltige Kohlenstoffquellen umwandeln werden. Dazu treten Befürchtungen, mit unkontrollierten Aufforstungen könnten wertvolle Landflächen wie Feuchtgebiete oder Steppen zerstört werden.
Weltwirtschaft ökologisch umbauen
All dieser Schwierigkeiten ungeachtet propagieren Hüttermann und Metzger Aufforstungen als nachhaltige und effiziente Form der Kohlenstoff-Speicherung. Ihre entscheidende Trumpfkarte: „Grundsätzlich läßt sich aus Holz all das herstellen, was wir als Grundlage für unsere Zivilisation benötigen.”
Diese Feststellung nutzen die beiden Forscher zum Appell, die Weltwirtschaft ökologisch umzubauen. Anstatt aus fossilen Ressourcen sollen Treibstoffe und Chemikalien - kohlendioxydneutral - aus der Biomasse von den aufgeforsteten Flächen gewonnen werden.
Vorzeigeprojekt
Zwar werden sich Chemiegiganten wie BASF oder Bayer nicht mit Industriewäldern betreiben lassen. Aber für kleinere, dezentrale Anlagen kann Holz durchaus ein attraktiver Rohstoff sein. Im sächsischen Freiberg beispielsweise produziert die Firma Choren Industries einen Dieselkraftstoff auf Holzbasis, an dem VW und Mercedes gleichermaßen großes Interesse zeigen, da er sauber und effizient verbrennt.
Ein Vorzeigeprojekt, von dem die GDCh gerne mehr sähe. „Holz gilt doch fast nur als Energielieferant”, klagt GDCh-Geschäftsführer Wolfram Koch. „Die stoffliche Nutzung der nachwachsenden Rohstoffe wird noch zuwenig gefördert.”
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