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Aktuell

UN-Klimakonferenz (2)

Montag 28. November 2005, 19:52 Uhr

UN-Klimakonferenz in Montréal begonnen

Montréal (AFP) - Unter eindringlichen Appellen von Umweltschützern, Forschern und Politikern zur Erweiterung des Kyoto-Protokolls hat die Weltklimakonferenz im kanadischen Montréal begonnen. Der Präsident der britischen Royal Society, Lord Robert May, warnte, die Auswirkungen der Erderwärmung seien mit denen von Massenvernichtungswaffen vergleichbar. Laut Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) werden die Dimensionen des Klimawandel "immer noch unterschätzt und in verantwortungsloser Weise ignoriert". Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf forderte Sanktionsmöglichkeiten gegen Länder, die sich nicht ans Kyoto-Protokoll halten.

In Montréal werden rund 10.000 Delegierte aus 189 Ländern knapp zwei Wochen lang über Maßnahmen gegen die Erderwärmung und den weiteren Umgang mit dem Kyoto-Protokoll beraten. Auch die Einbindung Chinas und Indiens in den Klimaschutz steht zur Diskussion. Die Konferenz dauert bis zum 9. Dezember. In den letzten drei Tagen werden rund hundert Umweltminister erwartet.

In einem vorab in London veröffentlichten Redemanuskript erklärte May, der Treibhauseffekt habe "zahlreiche und ernste" Auswirkungen etwa auf den Meeresspiegel, die Verfügbarkeit von Trinkwasser und die Zunahme von "Extremereignissen" wie Überschwemmungen, Dürren und Wirbelstürmen.

Allein der Hurrikan "Katrina" habe Schäden in Höhe von 1,7 Prozent des diesjährigen Bruttoinlandsprodukts der USA angerichtet. Die US-Golfküste werde Ende des Jahrhunderts möglicherweise "praktisch unbewohnbar" sein. Jüngsten Studien zufolge wirke sich der Anstieg der Meeresoberflächentemperatur zwar nicht auf die Häufigkeit von Wirbelstürmen aus, dafür jedoch umso mehr auf deren Stärke.

Auch Klimaforscher Rahmstorf mahnte eine rasche Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen an. Bis zur Mitte des Jahrhunderts müsse die Menge der Treibhausgase um die Hälfte verringert werden, sagte er dem Deutschlandradio Kultur. Der Kohlendioxidwert in der Atmosphäre sei so hoch angestiegen wie seit 650.000 Jahren nicht mehr. Für die Zeit nach 2012 müssten schärfere Ziele und Durchsetzungsmechanismen festgelegt werden.

Gabriel sagte, es sei "nicht mehr zu übersehen, dass die Häufung extremer Wetterlagen und die Verschiebung ganzer Klimazonen katastrophale wirtschaftliche und soziale Folgen haben kann". Dem Klimawandel entgegenzutreten sei "eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". Kyoto sei nur ein erster Schritt. Zu den verbindlich festgesetzten Emissionsgrenzen gebe es keine Alternative.


Die Zeit drängt!

Erste Weltklimakonferenz seit Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls

Von Nadine Behrens, Greenpeace-Online, 28.11.05

Zum Auftakt der zweiwöchigen Weltklimakonferenz im kanadischen Montreal hat Greenpeace am Montag eine vier Meter große Sanduhr vor dem Tagungsgebäude enthüllt. Damit sollten die Delegierten daran erinnert werden, dass die Zeit für den Klimaschutz abläuft. Der Klimagipfel ist der Erste nach Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls.

Greenpeace Klimaexpertin Stephanie Tunmore ist bei der Konferenz dabei und fordert von den Regierungen ein schnelles und entschiedenes Handeln: "Die Zeit für das Klima läuft ab. Der Klimawandel ist nicht ein entferntes Problem, mit dem man sich irgendwann in der Zukunft beschäftigen kann. Tatsächlich bleibt uns nur sehr wenig Zeit, um die katastrophalsten Einflüsse zu vermeiden."

Greenpeace erwartet vom Klimagipfel, dass das Kyoto-Protokoll für die Zeit nach der ersten Verpflichtungsphase ab dem Jahr 2012 gestärkt und erweitert wird. Das bedeutet, dass schärfere Emissionsobergrenzen für die Industrienationen festgelegt werden müssen. Außerdem soll die Industrie dazu ermutigt werden, in neue Kohlenstoff-Technologie zu investieren.

"Die 156 Regierungen, die das Kyoto Protokoll ratifiziert haben, müssen jetzt zeigen, dass sie es auch so meinen. Sie müssen mit den Verhandlungen für die nächste Phase von Kyoto fortfahren," fordert Tunmore. "Wir verwalten diesen Planeten für unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder. Sind wir wirklich bereit ihnen in die Augen zu schauen und zu sagen: Entschuldigung, die Zeit ist uns davon gerannt."


Montag 28. November 2005, 13:43 Uhr

Forscher: Klimafolgen mit Massenvernichtungswaffen vergleichbar

London (AFP) - Unmittelbar vor Beginn der Weltklimakonferenz in Kanada hat der Präsident der Britischen Akademie der Wissenschaften, Lord Robert May, die Folgen der Erderwärmung mit der Wirkung von Massenvernichtungswaffen verglichen. Der Treibhauseffekt habe "zahlreiche und ernste" Auswirkungen etwa auf den Meerespegel, die Verfügbarkeit von Trinkwasser und die Zunahme von "Extremereignissen" wie Überschwemmungen, Dürren und Hurrikanen, hieß es in einem am Montag in London vorab veröffentlichten Redemanuskript. Allein der Hurrikan "Katrina" habe Schäden in Höhe von 1,7 Prozent des diesjährigen Bruttoinlandsprodukts der USA angerichtet. Die US-Golfküste werde Ende des Jahrhunderts möglicherweise "praktisch unbewohnbar" sein.


Sigmar Gabriel: Deutschland wird weiterhin Vorreiterrolle im Klimaschutz einnehmen

In Montreal beginnt heute die erste Klimaschutzkonferenz nach Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls

BMU Pressemitteilung, Berlin, 28.11.2005

In Montreal ist heute die erste Konferenz der Staaten des Kyoto-Protokolls eröffnet worden. Das Treffen findet gleichzeitig mit der jährlichen Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention statt. Insgesamt werden ca. 10.000 Teilnehmer zu dieser bisher größten Weltklimakonferenz erwartet. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel wird in der nächsten Woche vom 7. bis zum 9. Dezember am Ministersegment der Konferenz teilnehmen und die deutsche Delegation leiten.

Bundesumweltminister Gabriel: "Die Dimensionen des Klimawandels werden immer noch unterschätzt und in verantwortungsloser Weise ignoriert. Dabei ist es nicht mehr zu übersehen, dass die Häufung extremer Wetterlagen und die Verschiebung ganzer Klimazonen katastrophale wirtschaftliche und soziale Folgen haben kann. Wer jetzt noch über die Kosten des Klimaschutzes klagt, sollte sich die gewaltigen Kosten vor Augen führen, die unterlassener oder halbherziger Klimaschutz verursachen kann. Wir müssen dem Klimawandel entgegentreten, das ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Deshalb wird die Bundesregierung eine konsequente Klimaschutzpolitik betreiben und Deutschland weiterhin eine führende Rolle im Klimaschutz wahrnehmen."

Im Mittelpunkt der Montrealer Konferenz werden die vollständige Umsetzung des Kyoto-Protokolls, Verbesserungen an bestehenden Instrumenten und die Einleitung eines Verhandlungsprozesses für die Zeit nach 2012 stehen.

Bei der Frage der vollständigen Umsetzung des Kyoto-Protokolls geht es um die Einrichtung eines Überprüfungsausschusses, der die Einhaltung der Verpflichtungen, die die einzelnen Vertragsstaaten eingegangen sind, beobachtet und überwacht. Damit werden die Vereinbarungen der Klimakonferenz von Marrakesch (2001) formal angenommen.

Verbesserungen soll es im Verfahren des "Clean Development Mechanismus" (CDM - sauberer Mechanismus) und bei der Anpassung an den Klimawandel geben. Der CDM erlaubt Staaten - im Rahmen des EU-Emissionshandels auch einzelnen Unternehmen - einen Teil der eingegangenen Reduktionsverpflichtungen durch Projekte zu erfüllen, die den Ausstoß von Treibhausgasen in Entwicklungsländern mindern.

Schließlich wird die Frage einer Fortentwicklung des Kyoto-Protokolls und der Klimarahmenkonvention diskutiert werden. Die im Kyoto-Protokoll für Industrieländer verankerten Obergrenzen für den Ausstoß von Treibhausgasen sind bisher nur bis Ende 2012 festgelegt. Die Bundesregierung wird sich dafür einsetzen, dass in Montreal ein Verhandlungsprozess für die Fortentwicklung des Klimaregimes für die Zeit nach 2012 gestartet wird. Um diesen Prozess effektiv zu gestalten, sollte ein Zeitplan für die Verhandlungen festgelegt werden, mit dem Ziel, am Ende wesentlich ehrgeizigerer Reduktionsziele festzulegen.

"Kyoto ist nur ein erster Schritt, dem bald weitere anspruchsvolle Schritte folgen müssen. Zu dem mit dem Kyoto-Protokoll eingeschlagenen Weg und seinen völkerrechtlich verbindlich festgelegten Emissionsgrenzen gibt es keine Alternative. Das Kyoto-Protokoll ist das einzige internationale Instrument, das Staaten tatsächlich Emissionsreduktionen abverlangt. Über den Emissionshandel liefert das Kyoto-Protokoll zudem die Mittel, diese Reduktionen so kostengünstig wie möglich vorzunehmen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir auf dieser Basis in Montreal einen effektiven Prozess der Fortentwicklung einleiten, der es möglichst vielen Staaten erlaubt, sich anzuschließen und eigene Beiträge zum Klimaschutz zu leisten. Wenn alle Staaten am Ende der Konferenz von Montreal bereit sind, in diesem Prozess mitzuarbeiten, haben wir schon viel gewonnen", so Bundesumweltminister Gabriel.

Das Kyoto-Protokoll, 1997 von der damaligen Umweltministerin Angela Merkel in der japanischen Kaiserstadt Kyoto ausgehandelt, ist am 16. Februar dieses Jahres in Kraft getreten. Es verpflichtet Industrieländer zur Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen. Wie weit die Emissionen gesenkt werden müssen, ist für jedes Industrieland individuell in einem Reduktionsziel festgelegt. Deutschland hat sich im Rahmen der Lastenteilung der EU verpflichtet, in der Zeit von 2008 bis 2012 eine Reduktion der Treibhausgase von 21% gegenüber 1990 zu senken. Davon sind bereits 18,5% erreicht.

Das Kyoto-Protokoll baut auf der Klimarahmenkonvention von 1992 auf, mit der sich die Vertragsstaaten verpflichtet haben, gefährlichen Klimawandel zu verhindern. 189 Staaten sind Mitglied der Klimarahmenkonvention, davon haben 156 - wie Deutschland - auch das Kyoto-Protokoll ratifiziert. Die USA sind zwar Vertragsstaat der Klimarahmenkonvention, lehnen aber das Kyoto-Protokoll und verbindliche Reduktionsziele für Treibhausgase ab.


Dienstag 29. November 2005, 07:04 Uhr

Analyse: Ist der Klimawandel noch zu stoppen?

Montréal (dpa) - Die ersten zehn Monate dieses Jahres waren weltweit gesehen wärmer als die im bisherigen Rekordjahr 1998. «2005 ist auf dem besten Wege, das weltweit wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 150 Jahren zu werden», erläutert Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Die Tropenstürme werden stärker, auch ihre Zahl ist außergewöhnlich hoch. Im Jahr 2004 wurde der erste Hurrikan im Südatlantik registriert. Die Eisfläche um den Nordpol nimmt rapide ab, und auch auf Grönland und in der Schweiz hat eine große Eisschmelze eingesetzt.

Um die Erderwärmung auf ein für Mensch und Natur «erträgliches Maß» zu bremsen, hatten 189 Staaten 1992 die Klimarahmenkonvention in Rio de Janeiro verabschiedet. Als erster konkreter Schritt folgte das Protokoll von Kyoto 1997, bei dem sich die Industrieländer verpflichteten, ihre Treibhausgase bis 2012 zu verringern oder zumindest zu begrenzen. Seit diesem Montag diskutiert die internationale Gemeinschaft auf der UN-Klimakonferenz in Montréal, wie es mit dem Klimaschutz künftig weitergehen soll.

Für einen wirksamen Klimaschutz sind die USA und China - die beiden weltweit größten Kohlendioxid-Produzenten - nötig. China hat zwar die Ausweitung alternativer Energien angekündigt. Es möchte sein Wirtschaftswachstum dadurch aber nicht bremsen und sich schon gar kein Reduktionsziel für seine Treibhausgase auferlegen lassen. Die USA haben dem Kyotoprotokoll den Rücken gekehrt, und kein Experte erwartet, dass sie es sich unter der derzeitigen Regierung anders überlegen. Washington hatte jedoch die Klimarahmenkonvention von Rio angenommen und sitzt damit in Montréal mit am Verhandlungstisch.

Doch die Verhandlungen werden schwierig: China hat im Kyoto- Protokoll als Entwicklungsland noch keine Auflagen bekommen. Nun soll es mit einem Belohnungssystem zum internationalen Klimaprozess gelockt werden. So könnte es beispielsweise im Verkehrsbereich oder der Zementproduktion feste Obergrenzen für den Kohlendioxidausstoß erhalten. Überschreitet es diese, geschieht nichts. Bleibt der Ausstoß jedoch unter der gesetzten Marke, dann darf es die eingesparten Tonnen Kohlendioxid als Emissionsgutscheine auf dem Weltmarkt verkaufen. Das funktioniert natürlich nur, wenn der in der EU eingeführte Handel von Kohlendioxid-Zertifikaten weitergeführt und ausgebaut wird.

Im Fall der USA setzen die meisten Umweltschützer derzeit eher auf die Industrie, die ein Interesse am wirtschaftlichen Gewinn durch den Verkauf alternativer Energietechniken hat, und auf einzelne US- Bundesstaaten, die sich schon ähnliche Auflagen wie im Kyoto- Protokoll vereinbart gegeben haben.

Um die Erderwärmung erträglich zu halten, sollte der Temperaturanstieg nach Meinung vieler Forscher auf zwei Grad begrenzt werden. Das wäre nur zu schaffen, wenn der Ausstoß der Treibhausgase pro Jahr weltweit bis 2050 um die Hälfte verringert würde, die Industrieländer müssten den Großteil übernehmen. «Technisch und ökonomisch ist es möglich, dass die Industriestaaten ihre Treibhausgase bis 2050 um 70 bis 80 Prozent reduzieren», meint Klimaexperte Hermann Ott vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Bis zum Jahr 2030 würden weltweit schätzungsweise 16 Billionen US- Dollar (14 Billionen Euro) für Investitionen im Energiebereich ausgegeben. Entscheidend sei, welcher Anteil davon in herkömmliche und welcher in alternative Energieerzeugung gesteckt werde. Einige Weichen in Richtung erneuerbarer Energien zu stellen, das haben sich viele Politiker und Umweltschützer für Montréal vorgenommen.


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