AktuellUN-Klimakonferenz (3): Kaltes Europa, trockenes Afrika
Mittwoch 30. November 2005, 19:19 Uhr Kyoto-Protokoll vollständig in Kraft getretenMontréal (AFP) - Das Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der Treibhausgase ist auch formell in Kraft gesetzt worden. Die Teilnehmer der Weltklimakonferenz im kanadischen Montréal verabschiedeten das endgültige Regelwerk zur Umsetzung des Umweltabkommens. Darin verplichten sich die 34 Unterzeichnerstaaten, bis zum Jahr 2012 den Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid zu verringern.Das Kyoto-Protokoll wurde zwar bereits im Februar offiziell in Kraft gesetzt, in die Praxis umsetzbar wird es jedoch erst durch die Verabschiedung des in den vergangenen vier Jahren erarbeiteten Regelwerks. Auf der zweiwöchigen Weltklimakonferenz in Montréal beraten rund 10.000 Delegierte aus 189 Ländern über Maßnahmen gegen die Erderwärmung und den weiteren Umgang mit dem Kyoto-Protokoll. Das Abkommen legt weltweit gültige Obergrenzen für den Ausstoß von Treibhausgasen fest, die für den Klimawandel verantwortlich gemacht werden. Die USA haben das Protokoll nicht unterzeichnet. Washington will für die Emissionen keine Grenzwerte festschreiben, sondern plädiert für eine freiwillige Reduzierung. Auch Australien widersetzt sich einer Unterzeichnung des Protokolls. Mittwoch 30. November 2005, 23:28 Uhr Ohne US-Beteiligung: Kyoto-Klimaregeln in KraftMontréal (dpa) - Die Klimakonferenz von Montréal hat das Kyoto-Protokoll zum Leben erweckt. Die rund 160 Kyoto-Mitgliedstaaten nahmen das detailreiche Regelwerk zu diesem Klimavertrag offiziell an.Diese Ausführungsbestimmungen waren 2001 nach jahrelangem Ringen auf der Klimakonferenz in Marrakesch vereinbart worden und gelten nun für alle beteiligten Staaten. Der amtierende Chef des UN-Klimasekretariats, Richard Kinley, sagte, nun seien der Emissionshandel und weitere Regeln des Kyoto-Protokolls formal in Gang gesetzt. Kohlendioxid habe jetzt einen wirtschaftlichen Wert. Die Industriestaaten dürfen unter anderem Emissionsgutscheine handeln. Der Präsident der Klimakonferenz, Stéphane Dion, sprach von einem historischen Schritt. Im Kyoto-Protokoll, das im Februar in Kraft getreten war, hatten mehr als 30 Industriestaaten vereinbart, ihren Treibhausgasausstoß bis 2012 zu reduzieren oder zumindest zu begrenzen. Die USA sind nicht darunter. Die weiteren Aussichten für einen international verbindlichen Klimaschutz sind allerdings getrübt. «Wir sind kein Teilnehmer des Kyoto-Protokolls, und wir befürworten einen derartigen Ansatz auch für künftige Verpflichtungen nicht», sagte der US-Verhandlungsleiter Harlan Watson am Dienstag (Ortszeit) auf der Konferenz. Von 2000 bis 2003 habe sein Land den jährlichen Ausstoß der Treibhausgase um fast ein Prozent verringert, während die Wirtschaft stark gewachsen sei. Dies sei unter anderem durch den Einsatz fortschrittlicher Energietechnik geschehen. Vor dem Jahr 2000 war der Treibhausgasausstoß allerdings stark gestiegen, nach Daten des UN- Klimasekretariats von 1990 bis 2003 um 13 Prozent. Der deutsche Verhandlungsleiter Karsten Sach meinte zur Position der Vereinigten Staaten, in den USA passiere tatsächlich vieles. Sach verwies auf die aktive Klimapolitik einiger US-Bundesstaaten wie Kalifornien und auf mehr als 160 Städte, die ähnliche Ziele hätten wie die des Kyoto-Protokolls. Mittelfristig sehe er in den USA ein großes Potenzial für den Klimaschutz. Es sei jedoch bedauerlich, dass die US-Administration diesbezüglich nicht zu den fortschrittlichen Kräften zähle. EU-Verhandlungsleiter Runge-Metzger betonte, das Wirtschaftswachstum sei auch in der EU längst vom Kohlendioxidausstoß abgekoppelt. Die 15 alten EU-Staaten hatten nach Angaben der EU-Kommission von 1990 bis 2003 ein Wirtschaftswachstum von 27 Prozent. Der Treibhausgasausstoß sei zugleich um 1,7 Prozent gesunken. In Montréal werde nicht über konkrete Zielvorgaben verhandelt, es sei jedoch nötig, die Diskussion über den künftigen Klimaschutz zu beginnen. Die 15 alten EU-Länder verursachen nach jüngsten Daten der Internationalen Energie Agentur pro Einwohner weit weniger Kohlendioxid als die USA: Ein US-Bürger produzierte 2003 im Schnitt 19,7 Tonnen Kohlendioxid, ein Bürger der alten EU-Staaten 8,7 Tonnen, ein Bundesbürger brachte es auf 10,4 Tonnen. Zum Vergleich: Der Pro-Kopf-Ausstoß in China betrug 2,9 Tonnen und in Indien eine Tonne. Internet: Klimakonferenz: http://unfccc.int/2860.php Mittwoch 30. November 2005, 16:10 Uhr USA verweigern sich verbindlichen Klimaschutzzusagen auch nach 2012Montreal (AP) Die USA sind auf der Weltklimakonferenz von Montreal massiv in die Kritik geraten. Greenpeace äußerte sich empört über die Haltung von US-Präsident George W. Bush, bindende Verpflichtungen zur Reduzierung von Treibhausgasen auch für die Zeit nach dem Auslaufen der ersten Phase des Kyoto-Protokolls 2012 zu verweigern. Die Amerikaner wollten ein Scheitern der Konferenz, sagte Bill Hare von Greenpeace International.«Wenn man hier durch den Konferenzsaal geht, sagen die Delegierten, es gebe eine Menge wichtiger Themen, aber nur ein echtes Problem, und das sind die Vereinigten Staaten», sagte Hare am Dienstag. Bei dem Treffen beraten mehr als 8.000 Regierungsvertreter, Wissenschaftler und Umweltschützer zehn Tage lang über den Klimaschutz nach 2012. Im Kyoto-Protokoll hatten sich 1997 die Industrieländer verpflichtet, bis zu dem Jahr rund fünf Prozent weniger Klimagase auszustoßen als 1990. Die USA verhandelten zunächst mit. Die damals neue US-Regierung Bush schockte 2001 die Partner mit der Ankündigung, sie werde das Protokoll nicht ratifizieren. Die USA allein verursachen ein Viertel der Emissionen. Das Protokoll trat dennoch im Februar dieses Jahres in Kraft. Der Leiter der US-Delegation in Montreal, Harlan Watson, sprach sich am Rande der Konferenz erneut gegen eine Vereinbarung verbindlicher Vorgaben für die Verminderung von Treibhausgasen nach 2012 aus. Die internationale Zusammenarbeit bei der Klimaschutzpolitik sollte nicht auf Zwang beruhen, sagte Watson am Dienstag in einer Pressekonferenz. Die USA wollten ihre freiwillige Bemühungen fortsetzen, mit wissenschaftlichen und technischem Fortschritt sowie bilateralen Vereinbarungen der globalen Erwärmung entgegenzuwirken. Watson wies darauf hin, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in den USA in den ersten drei Jahren der Präsidentschaft Bush um fast ein Prozent zurückgegangen sei. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP betonte Watson ferner, es sei nicht erwiesen, dass Naturkatastrophen wie die jüngsten Hurrikane in den amerikanischen Südstaaten mit dem Klimawandel in Zusammenhang stünden. Bush hat das Ziel ausgegeben, bis 2012 die Treibhausgasintensität um 18 Prozent zu reduzieren, und Investitionen von jährlich fünf Milliarden Dollar in wissenschaftliche und technische Projekte zum Klimaschutz zugesagt. Alden Meyer von der Union besorgter Wissenschaftler sagte, das Wirtschaftswachstum pro Kopf werde aber eher dafür sorgen, dass die Emissionen von Treibhausgasen in den USA von 1990 bis 2012 um 30 Prozent stiegen. Er begrüßte die Milliardeninvestitionen, die Ergebnisse würden aber zu spät kommen. Es gebe kein Konzept, die neuen Techniken schnell genug auf dem Markt zu bringen, sagte Meyer. Ein parallel zur Weltklimakonferenz in Montreal tagender Jugendgipfel forderte die Industriestaaten zu mehr Engagement auf. Die Industrieländer sollten sich dazu verpflichten, ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent zu reduzieren, heißt es in der am Dienstag verabschiedeten Erklärung der Internationalen Jugend. Die Folgen des Treibhauseffekts hätte die heutige Jugend zu tragen, mahnten die jungen Gipfelteilnehmer und appellierten an die Politiker: «Hört auf zu fragen, wie viel es (der Klimaschutz) euch kosten wird, und fragt, wie viel es (die globale Erwärmung) uns kosten wird.» Mittwoch 30. November 2005, 18:58 Uhr Europas Heizung lässt nach: Meeresströme langsamerLondon/Hamburg (dpa) - Die gewaltige atlantische Meeresströmung, die Nordeuropa mildes Klima bringt, verlangsamt sich. Was Computerprogramme seit Jahren vorhersagen, haben Messungen britischer Forscher nun erstmals bestätigt.Das Strömungssystem, das wie eine riesige Umwälzpumpe warmes Wasser in den Nordatlantik bringt und kälteres Wasser wieder in südlichere Breitengerade transportiert, habe sich seit 1957 um etwa 30 Prozent abgeschwächt. Das berichten der Ozeanograph Harry Bryden und Kollegen vom britischen Zentrum für Ozeanographie in Southampton im Fachmagazin «Nature» von diesem Donnerstag. Die Forscher um Bryden untersuchten dazu Wasserproben, die in den Jahren 1957, 1981, 1992, 1998 und 2004 entlang des 25. Breitengrades in verschiedenen Wassertiefen entnommen wurden. Sie fanden dabei zwar keine direkte Veränderung des Golfstroms, dessen warmes Wasser sich in geringer Tiefe nordwärts bewegt, stellten aber fest, dass sich die Umwälzbewegung insgesamt langsamer vollzieht. So zeigte sich, dass die Menge des in großer Tiefe nach Süden zurückfließenden Kaltwassers um 50 Prozent abgenommen hat. Zudem konnte Bryden messen, dass die Menge des warmen Wassers, das nur noch in subtropischen Regionen zirkuliert und gar nicht mehr in den großen Kreislauf nach Norden eingespeist wird, um die Hälfte anstieg. «Das ist ein wichtiger Schritt, weil die berechnete Entwicklung nun erstmals nachgewiesen wurde», sagte der Meereskundler Detlef Quadfasel von der Universität Hamburg, der auch einen Begleitartikel in «Nature» (Bd. 438, S. 565) verfasst hat. Er verweist auf Vorhersagen der Klimaforscher aus Potsdam, wonach die Strömung durch den stetig vermehrten Zufluss von Schmelzwasser im Norden nicht langsam, sondern plötzlich versiegen könne. «Das ist kein linearer Prozess.» Die Schätzung einer 30-prozentigen Abschwächung hält Quadfasel jedoch noch für relativ unpräzise. «Es könnten auch 10 oder 50 Prozent sein.» Um genaue Aussagen machen zu können, müsse nicht nur punktuell und damit störungsanfällig, sondern regelmäßig gemessen werden. Ein entsprechendes Projekt ebenfalls am 25. Breitengrad laufe seit anderthalb Jahren, sagte Quadfasel. «Dennoch: Die Abschwächung ist eindeutig, es ist nur die Frage wie viel.» Mittwoch 30. November 2005, 13:48 Uhr Klimawandel wird Afrika austrocknenModelle warnen: Trockene Regionen werden noch trockenerLondon/Washington (pte) - Nach jüngsten Klimamodellen wird Afrika schwer unter der globalen Erwärmung leiden, denn bisher trockene Regionen wie die Sahelzone und Teile Südafrikas werden noch weniger Niederschläge erfahren wie bisher. Die Ergebnisse der US-Forscher kommen gerade im rechten Augenblick, denn noch ist die große Klimakonferenz in Montreal im Gang. Allerdings weigern sich die USA immer noch vehement, die Treibhausgas-Emissionen zu verringern. Im 20. Jahrhundert sind die Regenfälle in der Sahelzone in Westafrika rapide nach unten gegangen. Die darauf folgende Dürre in den 70-er Jahren hat Mio. Menschen das Leben gekostet. "Unsere Klimaprognose sagt eine extrem trockene Sahelzone voraus", erklärt Isaac Held von der US National Oceanographic and Athmospheric Administration NOAA in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS. "Wenn wir die 70-er und 80-er Jahre mit den Prognosen des 21. Jahrhunderts vergleichen, sehen wir um 30 Prozent weniger Niederschläge auf diese Region zukommen." Die Situation hat sich in der Sahelzone in den späten 80-er Jahren gebessert. "Die Niederschlagsmengen vor 1970 sind aber noch nicht erreicht worden", erklärt der Forscher. Ein zweites NOAA-Forscherteam um Marty Hoerling hat die Region im südlichen Afrika untersucht. Ganz so dramatisch wie im Sahel sei es dort nicht, allerdings warnen die Experten, werde es auch hier zu massiven Trockenperioden kommen. "Zwischen 1950 und 1999 gab es eine 20-prozentige Abnahme der Niederschlagsmengen", so Hoerling, der davon ausgeht, dass sich das Epizentrum der Trockenheit weiter gegen Süden verlagern werde. Hoerlings Untersuchungen werden im Journal of Climate veröffentlicht. Experten wie der britische Meteorologe Chris Folland erklären dazu, dass ein wärmerer Nordatlantik und ein kühlerer Südatlantik zu einem Ausbleiben der Niederschläge in der Sahelzone führt. "Hinzu kommen noch die negativen Effekte des Mittelmeers, die auch einen Einfluss auf das Klima in Nordafrika hat." Das bedeute, dass die Niederschläge in der Sahelzone auf die Temperaturen im Atlantik zurückzuführen seien. Umgekehrt sieht Hoerling die Trockenheit im südlichen Afrika in Verbindung mit den Temperaturen im Indischen Ozean. "Studien zur Klimaänderung in Afrika gibt es schon lange", erklärt Karl Schellmann, Klimaexperte der Umweltorganisation GLOBAL2000 im pressetext-Interview. "Die drastische Veränderung des Klimas wird die Fluchtbewegung von Süd nach Nord weiter verschärfen." Das sei in den beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla deutlich geworden. Solche Völkerwanderungen werde es auch in anderen Teilen der Welt geben. "Die Klimaschutzmaßnahmen müssen dringend umgesetzt werden. Die Prognosen gibt es bereits länger, es fehlt allerdings an der Klimapolitik", argumentiert der Experte. "Es wird klar, dass die Industrieländer ihre Hausaufgaben einfach nicht gemacht haben." Kyoto sei nur eine Trainingseinheit gewesen, die Signale für die Zeit nach Kyoto wären bereits heute gestellt, erklärt Schellmann im pressetext-Gespräch abschließend. » zurück |
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