AktuellUN-Klimakonferenz (9): Letzter Tag
Freitag 9. Dezember 2005, 10:16 Uhr Kein Durchbruch bei UN-Klimakonferenz zu erwartenMontréal (AFP) - Wenige Stunden vor dem geplanten Abschluss der UN-Klimakonferenz im kanadischen Montréal hat sich kein Durchbruch abgezeichnet. Die Verhandlungen machten in der Nacht zum Freitag keinerlei Fortschritt, wie aus Verhandlungskreisen verlautete. Grund war die Weigerung der USA, über eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Erderwärmung nach dem Ablauf des Kyoto-Protokolls 2012 zu diskutieren, hieß es. Selbst das Wort "Dialog" lehnten die USA in diesem Zusammenhang ab, hieß es aus Verhandlungskreisen. Der US-Delegationsleiter habe den Verhandlungstisch verlassen. Ex-US-Präsident Bill Clinton wurde nach kanadischen Medienberichten am Freitag in Montréal erwartet.Freitag 9. Dezember 2005, 07:15 Uhr Abschluss der UN-Klimakonferenz in MontréalMontréal (AFP) - Nach zehntägigen Beratungen geht heute die UN-Klimakonferenz im kanadischen Montréal zu Ende, auf der bis zum Schluss um eine Fortschreibung des Kyoto-Protokolls gerungen wurde. Die kanadische Präsidentschaft legte während des am Mittwoch begonnenen Ministertreffens einen Kompromissvorschlag vor, der auch von Australien, aber nicht von den USA mitgetragen wird. Darin wird angeregt, in den kommenden zwei Jahren eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung der Treibhausgase über das Jahr 2012 hinaus auszuhandeln.Rund 8700 Teilnehmer reisten zu der UN-Konferenz nach Montréal. Dabei häuften sich die Appelle an die US-Regierung, sich auf verbindliche Klimaschutzziele festzulegen. Donnerstag 8. Dezember 2005, 20:49 Uhr Kanada fordert USA zu Kampf gegen Klimawandel aufMontréal (AFP) - Der kanadische Regierungschef Paul Martin hat die USA bei der Weltklimakonferenz zur Beteiligung am Kampf gegen den Klimawandel aufgefordert. "Allen Ländern, die noch zögern, einschließlich der USA, will ich eines sagen: Es gibt ein Weltgewissen und es wird Zeit, darauf zu hören", sagte Martin in Montréal. Wer sich bislang zurückgehalten habe, müsse "zur Weltgemeinschaft aufschließen" und sich am Kampf gegen die Erderwärmung beteiligen. Derweil erklärte sich Australien bereit, einen Kompromissvorschlag Kanadas über die Reduzierung der Emissionen ab 2012 zu unterstützen. "Es ist nicht mehr die Zeit, um über die Auswirkungen des Klimawandels zu diskutieren", sagte Martin. "Wir brauchen niemanden mehr nach den Auswirkungen zu fragen, denn wir können sie sehen." Winter würden milder, Sommer heißer, Eis verwandle sich in Wasser.Vertreter der Inuit warfen Washinton anlässlich der Klimakonferenz Menschenrechtsverletzungen vor. Die Erderwärmung laufe auf eine Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen hinaus, sagte der Inuit-Bevollmächtigte Robert Corell. Die früher als Eskimos bezeichneten Inuit fürchten wegen der Erderwärmung das Aussterben von Eisbären, Robben und Karibus. Sie erklärten, Washington verletze durch die Weigerung zur Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls die Amerikanische Erklärung über die Menschenrechte und Bürgerpflichten von 1948. 25 US-Wirtschaftswissenschaftler appellierten an die Regierung in Washington, eine Kontrolle der Treibhausgasemissionen zu beschließen. Der Preis, der für die Auswirkungen des Klimawandels bezahlt werden müsse, werde ständig weiter steigen. "Die USA müssten die führenden Hersteller von sauberen Technologien sein", forderten die Experten um den Wirtschaftswissenschaftler Geoffrey Heal von der Columbia Business School. Australien unterstütze den Kompromissvorschlag Kanadas für den langfristigen Kampf gegen den Klimawandel, sagte Umweltminister Ian Campbell. Sein kanadischer Kollege Stéphane Dion regte an, in den kommenden zwei Jahren eine Fortschreibung des Kyoto-Protokolls auszuhandeln, das eine Reduzierung der Treibhausgase bis 2012 vorsieht. Auf Dauer sei diese Reduzierung nur möglich, wenn sich alle großen Staaten daran beteiligten, erklärte Campbell. Bislang sind beispielsweise China und Indien von den Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls ausgenommen. Freitag 9. Dezember 2005, 11:22 Uhr Nachfolgeabkommen für Kyoto bis 2008 angestrebtMontreal (AP) Die internationale Staatengemeinschaft will bis 2008 ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz erreichen, kann dabei aber immer noch nicht auf eine Mitwirkung der USA hoffen. Dieses Ergebnis zeichnete sich am Freitag zum Abschluss der Weltklimakonferenz in Montreal ab.Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kündigte vor den Teilnehmern aus mehr als 182 Staaten an, dass Deutschland die Maßnahmen zum Klimaschutz in den Entwicklungsländern mit einer Million Dollar unterstützen werde. Die Bundesregierung wolle auf diese Weise die Politik einer nachhaltigen Entwicklung fördern, sagte Gabriel und wies darauf hin, dass elf Prozent der Stromerzeugung in Deutschland aus erneuerbaren Energiequellen stammten. Der indonesische Umweltminister rief die USA am Freitag eindringlich auf, das Kyoto-Protokoll doch noch zu unterzeichnen. «Der Klimawandel wird harte Konsequenzen haben, besonders für uns», sagte Rachmat Witoelar der Nachrichtenagentur AP. Indonesien besteht aus 13.000 Inseln, die beim Abschmelzen von Gletschern und Eisbergen von einem Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind. Kurz vor Abschluss des Klima-Gipfels wollte Expräsident Bill Clinton der US-Delegation noch einmal ins Gewissen reden. Clinton wurde am Freitag überraschend als Redner der UN-Konferenz angekündigt. Seine Regierung stimmte 1997 dem internationalen Kyoto-Protokoll für den Klimaschutz zu, dessen Ratifizierung in Washington jetzt hartnäckig abgelehnt wird. In der offiziellen Delegation der USA löste die Ankündigung von Clintons Auftritt Verärgerung aus. «Sie haben nicht formell protestiert, sind aber verstimmt», sagte ein kanadischer Konferenzteilnehmer. Clinton wurde von der Stadt Montreal eingeladen, wie UN-Sprecher John Hay mitteilte. Auch wenn er in keiner offiziellen Funktion reden sollte, wurde sein Beitrag von den Delegierten mit Spannung erwartet. Clintons Vizepräsident Al Gore war 1997 entscheidend an den Verhandlungen in Kyoto beteiligt. Damals verpflichteten sich 35 Industriestaaten, bis 2012 rund fünf Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990. Wie es danach weiter geht, ist noch völlig offen. Unter Wissenschaftlern gilt es inzwischen als Konsens, dass die von Autos, Kraftwerken und Industrie verursachte Emission von Kohlendioxid und anderen Gasen entscheidend dazu beigetragen hat, dass die globale Temperatur im vergangenen Jahrhundert um 0,7 Grad gestiegen ist und weiter steigt - mit unabsehbaren Folgen für die Menschen in Küstenregionen oder in der Arktis. Der Anteil der USA am weltweiten Ausstoß der gefährlichen Treibhausgase liegt bei über 25 Prozent. Die Konferenz von nahezu 10.000 Delegierten war die erste Klimakonferenz der Vereinten Nationen seit dem Inkrafttreten des Kyoto-Abkommens im Februar. Bei den Verhandlungen in Montreal zeichnete sich am Donnerstag ab, dass es bis 2008 ein Nachfolgeabkommen für Kyoto geben soll. Die USA haben es jedoch abgelehnt, sich an den Verhandlungen darüber zu beteiligen und wollten in Montreal nur eine allgemein gehaltene Erklärung mittragen. Donnerstag 8. Dezember 2005, 16:41 Uhr Gabriel will Entwicklungsländer bei Klimaschutz einbeziehenMontréal (dpa) - Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will die Entwicklungsländer aktiv in den Klimaschutz einbeziehen. «Wir müssen alle gemeinsam handeln - jeder nach seinen Möglichkeiten», sagte er in der Nacht zum Donnerstag auf der Weltklimakonferenz in Montréal.Er betonte jedoch: «Wir wollen ihnen nicht das für Industrieländer geltende System überstülpen.» Deutschland sei offen, neue Ideen zu erörtern, insbesondere solche aus Entwicklungsländern. Die Hilfen zur umweltfreundlichen Entwicklung müssten verbessert werden. Ein Teil ihrer Klimaschutzziele könnten die Industrieländer durch Projekte in ärmeren Staaten erfüllen. Deutschland werde den UN- Ausschuss, der diese Projekte bewilligt, mit einer Million US-Dollar (850 000 Euro) unterstützen, kündigte Gabriel an. Den deutschen Klimaschutz sieht der Bundesumweltminister optimistisch: «Elf Prozent des Stroms in Deutschland kommen heute schon aus erneuerbaren Energien. 2020 werden es 20 Prozent sein.» Das Kyoto-Ziel für Deutschland, die Treibhausgase zwischen 1990 und 2012 um 21 Prozent zu vermindern, sei mit einer Reduktion von 18,5 Prozent schon bald erreicht. «Mit unserem Klimaschutzprogramm, insbesondere Maßnahmen im Verkehrs- und Haushaltsbereich, schaffen wir auch den Rest.» Gabriel bekam am Donnerstag vom Umweltverband BUND symbolisch rund 2000 Holztäfelchen mit Klimabotschaften aus vielen Ländern überreicht und beschrieb selbst eine Tafel: «Man muss oft das Leben (Klima) nehmen wie es ist, aber man darf es nie so lassen.» EU-Umweltkommissar Stavros Dimas sagte den Delegierten aus 182 Staaten, der Emissionshandel in der Union sei erfolgreich gestartet. Er habe ein Handelsvolumen von etwa 230 Millionen Tonnen Kohlendioxid mit dem Wert von 3 bis 4 Milliarden Euro erreicht. Der französische Präsident Jacques Chirac sagte in einer bewegenden Grußbotschaft per Video: «Der Klimawandel ist zu einer brutalen und drängenden Realität geworden.» Er sei «die größte Bedrohung», die über der Zukunft der Menschheit hänge. Die Menschen würden von der Klimakonferenz mutige Entscheidungen erwarten. Die Industrieländer müssten ihren Treibhausgas-Ausstoß bis zum Jahr 2050 um 75 Prozent reduzieren. Insgesamt sollte der Treibhausgasausstoß bis dahin weltweit halbiert werden. Die Kosten dafür seien wesentlich geringer als die, wenn man nichts tue. Donnerstag 8. Dezember 2005, 13:55 Uhr Klima-Rahmensekretariat der UNO in Bonn wird weiter ausgebautMontréal/Bonn (AFP) - Das Klima-Rahmensekretariat der Vereinten Nationen (UNFCCC) bleibt in Bonn und wird weiter ausgebaut. Derzeit habe das Klima-Rahmensekretariat rund 200 Mitarbeiter und sei damit die größte UN-Einrichtung in der Bundesstadt, sagte ein Sprecher des Regionalen Informationsbüros der UNO in Bonn am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Wegen des Inkrafttretens des Kyoto-Protokolls entstehe beim Rahmensekretariat neuer Personalbedarf. Die UNFCCC-Niederlassung in Bonn wurde 1996 eingerichtet. Ihr weiterer Ausbau wurde am Mittwoch bei der Weltklimakonferenz in Montréal beschlossen.Verheizt nicht unsere Zukunft - Handelt jetzt!Greenpeace-Jugendliche fordern Umweltminister Gabriel auf, sich für ihre Zukunft einzusetzenVon Nadine Behrens, Greenpeace-Online, 8.9.05 In der entscheidenden Phase der UN-Klimaschutzkonferenz in Montreal haben sich zwei Jugendliche vom Greenpeace-Projekt Solar Generation mit dem neuen Umweltminister Sigmar Gabriel getroffen. Während des zwanzigminütigen Gesprächs haben sie von ihm ein klares Bekenntnis zu wirkungsvollem Klimaschutz gefordert und dem Minister über 17.000 Unterschriften sowie eine Flasche mit Gletscherschmelzwasser von der Zugspitze überreicht. "Das Gespräch war echt gut, total offen und freundlich," erzählt die 18-jährige Steffi Retzar. Sie hat von dem Umweltminister einen wirkungsvollen Klimaschutz auch über 2012 hinaus gefordert. "Bisher ist weniger passiert, als ich mir erhofft habe. Deshalb setze ich große Erwartungen in Sigmar Gabriel, dass er hier in Montreal ein eindeutiges Zeichen für den Klimaschutz und Kyoto setzt." Steffi Retzar und Florian Pithan sind die zwei Deutschen der insgesamt 26 Jugendlichen aus zwölf Ländern, die seit einer Woche auf der Konferenz sind. Sie alle wollen ihren jeweiligen Ministern und Delegierten vor Augen führen, dass es bei den Verhandlungen vor allem um die Zukunft der nächsten Generationen geht. Vor der Konferenz waren die Jugendlichen zuvor an den HotSpots in ihren Ländern, also den Orten, an denen der Klimawandel besonders stark sichtbar ist. In Deutschland haben die Jugendlichen der Solar Generation im September auf der Zugspitze Gletscherschmelzwasser abgefüllt, um zu zeigen, wie stark der Gletscher in den kommenden 15 Jahren durch den Klimawandel schrumpfen wird. Die Filmaufnahmen aus ihren Ländern präsentieren die Jugendlichen zusammen mit einem etwa 2,50 Meter hohen Modell, einer brennenden Erde mit dem Slogan 'Verheizt nicht unsere Zukunft - Handelt jetzt!' Freitag 9. Dezember 2005, 06:25 Uhr Kalzium erzählt KlimageschichteForscher suchen nach Entschlüsselung der BiomineralisationKiel (pte) - Wissenschaftler am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) untersuchen im neuen europäischen Forschungsprojekt CASIOPEA die biochemischen Prozesse der Kalziumaufnahme in Verbindung mit früheren Temperaturbedingungen im Ozean. Über das Schlüsselelement Kalzium, ein Hauptbestandteil von Kalk, können die Forscher wichtige Erkenntnisse über zahlreiche biologische Vorgänge gewinnen. Die Forschungsergebnisse sollen aber nicht nur Aufschluss über die Klimageschichte geben, sondern auch in der Humanmedizin helfen. Die Forscher vom IFM-GEOMAR haben ein neues Verfahren entwickelt, mit dem die verschiedenen Formen des Kalziums, dessen so genannte Isotopen, erstmalig präzise gemessen werden können. Aus dem Verhältnis der verschiedenen Kalzium-Isotope können die Meeresforscher Informationen über die Meereswassertemperatur der Vergangenheit gewinnen. Besonders interessieren sich die Wissenschaftler für die Entwicklung der Ozean-Temperaturen im Lauf der vergangenen Jahrmillionen. Gemessen werden die Isotopen in so genannten Foraminiferen - das sind die kleinsten kalkbildenden Lebewesen im Meer (Foto). Das Verhältnis, mit dem bestimmte Foraminiferen die verschiedenen Kalzium-Isotope aufnehmen, hängt stark von der Temperatur ab. Das Hauptziel der Untersuchung ist die Beziehung zwischen den beiden Faktoren Isotopenwert und Temperatur, die so genannte Kalibrierung, herzustellen. Diese Kalibrierung bildet sozusagen das Thermometer für vergangene Umweltbedingungen. Zusätzlich zur Rekonstruktion der Meerestemperatur kann die Messung der Isotopenverhältnisse auch Aufschluss über die Biomineralisation geben. Unter Biomineralisation versteht man das biochemische Verfahren, mit dem kalzifizierende Lebewesen wie die Foraminiferen im Meer und auch der Mensch, ihr Skelett bilden. Dieser Prozess konnte bis heute nicht entschlüsselt werden. Ein Rätsel bleibt zum Beispiel die Frage, wie der Mechanismus funktioniert, mit dem Foraminiferen die notwendigen Materialien für ihr Kalkgerüst aus dem Meerwasser ziehen. Die präzisen Isotopenmessungen liefern wertvolle Einblicke, die auch einen Beitrag zum Verständnis von Vorgängen im menschlichen Körper leisten können, unter anderem von Krankheiten wie Kalziummangel bei Kleinkindern und Osteoporose. Das Forschungsprojekt Casiopeia bringt Forscher aus verschiedenen Europäischen Ländern zusammen. Die Koordination liegt bei Anton Eisenhauer vom IFM-Geomar. "Casiopeia ist ein schönes Beispiel dafür, wie Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung Anwendung in vielen Bereichen des täglichen Lebens finden", meint Projektleiter Eisenhauer. » zurück |
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