AktuellInterview mit neuem WWF-Deutschland-Chef
Interview mit Eberhard Brandes, dem neuen Geschäftsführer des WWF DeutschlandWWF-Online, Dezember 2006Eberhard Brandes (44) ist seit 1. Oktober 2006 neuer Geschäftsführer des WWF Deutschland. Er studierte Wirtschafts- und Organisationswissenschaften in Hamburg und blickt bereits auf eine erfolgreiche Karriere in Unternehmen zurück. Verschiedene Auszeichnungen gehen auf seine Initiative zurück: So der renommierte BAUM-Umweltpreis des Jahres 2001 und der Innovationspreis der Stadt Hamburg für einen geschlossenen Kreislauf tragbarer Medizintechnik. Herr Brandes, Sie waren zuletzt in der Geschäftsleitung eines auf Medizintechnik spezialisierten Unternehmens tätig. Wie kommt man von dort in die Chefetage des deutschen Naturschutzes? Brandes: Seit meiner Kindheit bin ich von Tieren und Natur begeistert und wollte eigentlich Biologe und Verhaltensforscher werden. Daher ist diese Aufgabe die Verwirklichung eines Jugendtraumes. Nach fast 20 interessanten Jahren im Gesundheitswesen möchte ich nun meine unternehmerischen Erfahrungen mit meiner Leidenschaft und meinen Kenntnissen für Naturschutz und Nachhaltigkeit verbinden. Ich bin ein passionierter Naturbeobachter und habe mich auch ehrenamtlich im Natur- und Umweltschutz engagiert. Da der WWF die international führende Organisation auf diesem Gebiet ist und ich deren Erfolge seit meiner Mitgliedschaft im Jahr 1988 kenne, habe ich diese spannende Aufgabe gern angenommen und werde mich mit vollem Elan für die Ziele des WWF einbringen. Wird der WWF Deutschland mit Ihnen an der Spitze wirtschaftsfreundlicher? Brandes: Der WWF wird seine erfolgreiche Strategie konsequent ausbauen. Konkret heißt dies, immer mehr Unternehmer und Unternehmen für ein nachhaltiges Wirtschaften zu gewinnen und sie davon zu überzeugen, dass umweltbewusstes Handeln und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze sind, sondern Hand in Hand gehen. Hier liegen noch enorme Potenziale in weiteren Partnerschaften – was aber auch heißt, dass der Panda, wo notwendig, seine Zähne zeigen muss. Ich sehe den WWF nicht als Nein-Sager, sondern als Wie-Sager, der Probleme adressiert und Lösungswege aufzeigt. Ist nachhaltiges Wirtschaften für Sie auch als WWF-Chef ein vorrangiges Thema? Brandes: Die Erhaltung der Arten und ihrer Lebensräume hat nach wie vor unsere höchste Priorität. Nachhaltiges Wirtschaften gewinnt jedoch immer mehr an Bedeutung, da unser ökologischer Fußabdruck zu steigender Lebensraumvernichtung führt. Je weniger Ressourcen wir für unser Leben benötigen, umso besser ist dies nicht nur für die Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch für uns Menschen. Die Verbrennung fossiler Energieträger beeinflusst direkt und langfristig das Klima und beeinträchtigt damit die Lebensbedingungen vieler Menschen. Außerdem trägt ein nachhaltiges Wirtschaften direkt zum Artenschutz bei. So bleibt zum Beispiel in Wäldern, die durch den Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert wurden, die biologische Vielfalt erhalten. Das gleiche gilt für den Fischfang, der durch den Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert ist. Der Naturschutz steht vor schwierigen Zeiten: Immer weniger wird auf dessen Belange Rücksicht genommen. Der aktuelle Living Planet Index des WWF zeigt weiter abwärts. Wie kann der WWF heute seinem Ziel näher kommen, „eine lebendige Erde für unsere Kinder zu bewahren“? Brandes: Es stimmt, hier haben wir enormen Handlungsbedarf. Es gilt nun, die wesentlichen Erfolgsfaktoren weiterzuentwickeln, wie zum Beispiel international abgestimmtes Handeln, vielschichtige Kommunikation mit allen Entscheidungsträgern, politische Arbeit, überzeugende, sachliche Argumentation und das Aufzeigen von Lösungswegen. Besonders in einer zunehmend globalisierten Welt sind die Netzwerke und Kooperationen von zentraler Bedeutung. Das allein reicht aber nicht: Wir wollen auch die Herzen der Menschen für unsere Mission gewinnen und sie von dem jeweiligen Nutzen des Natur- und Umweltschutzes überzeugen und soweit möglich in die Projekte einbinden. Neueste Studien sagen uns nicht nur schlimme ökologische Folgen, sondern auch fatale wirtschaftliche Konsequenzen voraus, wenn wir nicht endlich beherzt gegen den Klimawandel aktiv werden. Welche Bedeutung messen Sie diesem Thema bei? Brandes: Die Klimapolitik hat einen sehr hohen Stellenwert in unserer Arbeit. Der Klimawandel wird nicht nur das ökologische Gefüge unseres Planeten stark verändern, sondern auch die Lebensbedingungen der Menschen in vielen Regionen dramatisch verschlechtern. Natürlich sind auch viele Schutzgebiete direkt betroffen und man muss sich die Frage stellen, was beispielsweise der Schutz des Wattenmeeres nützt, wenn der Meeresspiegel ansteigt und damit dieser Lebensraum verloren ginge? Wichtig ist meiner Meinung nach besonders bei diesem Thema eine ideologiefreie Diskussion, die uns zu raschen und tragfähigen Lösungen bringt, bevor der Klimawandel auf die kritische Schwelle von zwei Grad Erwärmung gegenüber vorindustriellen Werten zusteuert. Hier bleibt uns nicht viel Spielraum. Wir müssen jetzt handeln und dürfen nicht zögerlich zusehen und nur auf Anpassungsfähigkeit setzen. Eine kurzfristig wirksame Maßnahme ist zum Beispiel das Stoppen der globalen Waldvernichtung, da diese allein fast ein Viertel des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verursacht. In diesem Zusammenhang gehören auch eine deutlich verbesserte Energieeffizienz und eine nachhaltige Energieerzeugung zu den wichtigen Zielen des WWF-Klimaschutzprogramms. Haben Sie eine Lieblingstierart? Brandes: Besonders beeindrucken mich Tiger und Delfine mit ihrer Eleganz, Intelligenz und Kraft. Und eine Ökoregion, die sie besonders fasziniert? Brandes: Die Weite und Schönheit der Savannen und Prärien mit ihren großen Tierherden sind für mich etwas Großartiges. Vielleicht auch deshalb, weil wir Menschen uns in dieser Landschaft entwickelt haben, wie man zum Beispiel in der Olduvai-Schlucht in Tansania bewundern kann. Außerdem bin ich besonders begeistert von alten Wäldern. Neben der Beobachtung der interessanten Tier- und Pflanzenwelt findet man hier Ruhe und Abstand vom Tagesgeschäft und kann neue Kräfte sammeln. Was mich jedoch ganz besonders fasziniert, ist gerade die enorme Vielfalt an ganz unterschiedlichen Lebensräumen. Diese Vielfalt ist einer der ganz wertvollen Schätze unserer Erde, die wir unbedingt bewahren sollten. Die Fragen stellte Constanze Oelighoff, WWF » zurück |
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