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Aktuell

Hunger durch Agrosprit?

Freitag, 9. November, 09:07 Uhr

Verfeuerte Nahrung

Frankfurt/Main (AP) Wenn der Ölpreis in ungeahnte Höhen steigt, müsste die Alternative Biomasse eigentlich glänzend dastehen. Doch um den Energieträger mit dem sauberen Image gibt es neuerdings heftigen Streit. Die Frage lautet: Verschärft sich das Hungerproblem in den Entwicklungsländern, weil in europäischen Autos immer mehr Nahrungsmittel verfeuert werden?

Jean Ziegler jedenfalls schlägt Alarm. Die Welt sei «auf einem Weg in eine Katastrophe», sagte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung kürzlich. Wenn die Produktion von Biokraftstoffen weiter - wie politisch gewollt - steige, werde sich Getreide, Mais, Zucker und Palmöl in nächster Zukunft noch weiter verteuern. Dann drohe ein direkter Wettlauf zwischen 800 Millionen Autobesitzern und den zwei Milliarden ärmsten Menschen der Welt. Für fünf Jahre, fordert Ziegler, müsse deshalb die Produktion von Biotreibstoff ausgesetzt werden.

Heftiger Widerspruch kommt vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). «Die gestiegenen Preise für Nahrungsmittel sind vor allem auf die gestiegene Nachfrage aus China und Indien sowie auf Missernten zurückzuführen», sagt Generalsekretärin Petra Sprick. Zwar trage die Nachfrage nach Bioenergie zu den Verteuerungen bei. «Sie ist aber nicht der Hauptfaktor.»

Sprick spricht aber auch von den zwei Seiten der Biosprit-Medaille: «Es ist richtig, dass die Ärmsten der Armen besonders betroffen sind, wenn Lebensmittelpreise steigen. Man darf aber nicht verkennen, dass steigende Rohstoffpreise für Entwicklungsländer auch ein positives Signal sind: In vielen Fällen wird sich ein unrentabel gewordener Anbau wieder lohnen.» Mit der Biomasse verfügten arme Länder plötzlich über ein gefragtes Export-Produkt.

Die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) sieht die Politik indes im Biosprit-Dilemma. «Auf der einen Seite müssen wir etwas für den Klimaschutz tun», sagt DWHH-Experte Rafael Schneider. Andererseits können wir die geplante Erhöhung der Beimisch-Quote für Biomasse mit unserer heimischen Landwirtschaft allein unmöglich schaffen.» Seiner Ansicht nach müssten die deutschen Bauern «drei- oder sogar vierstöckig arbeiten», wenn der Biospritverbrauch allein mit deutscher Produktion gedeckt werden sollte. Zudem soll laut dem deutschen Klimaschutzplan im Jahr 2020 die Beimischung von Biokraftstoff zwanzig Prozent betragen. Auf dem deutschen Markt werde es also «ganz, ganz eng» - eine Einschätzung, die der Erzeugerverband bestätigt.

Bleibt der Import von Weizen-, Mais- oder Palmöl-Produkten aus Entwicklungsländern. Doch die dortige Landwirtschaft ist oftmals «nicht einmal in der Lage, die eigene Bevölkerung zu ernähren», sagt der Experte der Welthungerhilfe. Trotzdem werde vielerorts in den Anbau von Biosprit-Rohstoffen statt in die Ernährungslandwirtschaft investiert. «In Angola beispielsweise wird gerade die Anbaufläche für Palmöl verzehnfacht.» Gleichzeitig belege das Land einen der letzten Plätze auf dem weltweiten Hunger-Index.

«Beimisch-Quote war die schlechteste Klimaschutz-Idee»

«Food first», verlangt deshalb die Umweltschutzorganisation Greenpeace. «Die Erde ist begrenzt, die Ackerfläche ist begrenzt, und die Ernährung von Menschen muss Vorrang vor Tankfüllungen haben», sagt Greenpeace-Landwirtschaftexperte Martin Hofstetter. Ohnehin hätten Biokraftstoffe die Bezeichnung Bio gar nicht verdient: «Schließlich werden sie aus konventionell erzeugten Pflanzen und unter dem Einsatz ganz gewöhnlicher Mineralstickstoffe und Pestizide hergestellt.»

Auch werde in vielen Regionen, etwa in Indonesien und Südamerika, in großem Stil abgeholzt, um die rasant steigende Nachfrage bedienen zu können. Von einer CO2-Neutralität des dort produzierten Diesel-Rohstoffs könne daher keine Rede sein. «Unsere Biosprit-Beimisch-Quote war also die schlechteste Klimaschutz-Idee, die wir haben konnten.»

Soll Entwicklungsländern also die Biokraftstoff-Produktion untersagt werden, wie UN-Sonderberichterstatter Ziegler meint? «Diesen fahrenden Zug kann man nicht mehr anhalten. Man sollte ihn besser umlenken», meint Rafael Schneider. Seiner Ansicht nach könnten die ärmsten Länder ihre Lebensbedingungen erheblichen verbessern, wenn sie mehr Biokraftstoff zur Verfügung hätten - für Fahrzeuge, aber auch für Licht oder Wasserpumpen.

Derzeit, so Rafael Schneider, werde die Erzeugung von Biomasse jedoch vor allem zur Energiesicherung in den USA und Europa genutzt. «Und wenn sie zur Verletzung des Menschenrechts auf Nahrung führt, müssen wir unsere hohen Beimischungs-Quoten ändern.» In jedem Fall müssten die Industrieländer sicherstellen, dass die importierte Biomasse sozialverträglich und ressourcenschonend angebaut werde. Helfen könnten hier Handelsbestimmungen und Zertifikate.»


Freitag, 9. November, 13:19 Uhr

Tanken wird mit Biokraftstoffen langfristig noch teurer

Berlin (AP) Die verstärkte Nutzung von Biokraftstoffen im Sinne des Klimaschutzes wird nach Erwartung von Umweltminister Sigmar Gabriel das Tanken langfristig noch teurer machen. Zu rechnen sei mit einem «leichten Anstieg der Kraftstoffpreise», wenn die Quote von Biokraftstoffen wie geplant bis 2020 auf 20 Prozent gesteigert werde, erklärte eine Sprecherin des Umweltministeriums am Freitag in Berlin.

Sie bestätigte damit einen Bericht der «Berliner Zeitung». Das Blatt hatte aus der Vorlage für ein neues Immissionsschutzrecht zitiert. Bislang liegt der Anteil von Biokraftstoffen am gesamten Absatz von Diesel bei etwa fünf Prozent; bei Benzin sind es zwei Prozent. Die Quoten sollen bis 2020 auf 20 Prozent steigen. Dies werde zu «Mehrkosten für die Wirtschaft» und einem Anstieg der Kraftstoffpreise führen. Die Herstellung der Biokraftstoffe sei teurer als die herkömmlicher Treibstoffe. Wie viel dies beim Preis ausmachen wird, sagt das Ministerium nicht.

Dies sei für die Jahre 2015 bis 2020, um die es gehe, jetzt noch nicht zu beziffern, sagte Gabriels Sprecherin. Die Auswirkung auf die allgemeinen Verbraucherpreise seien gering. Die verstärkte Nutzung von Biokraftstoffe diene dazu, die deutschen Klimaziele zu erreichen. «Das ist nicht ganz kostenlos», sagte die Sprecherin.

Der Mineralölwirtschaftsverband schätzte den Preisaufschlag auf acht bis zwölf Cent je Liter Diesel oder Benzin. «Wir werden die Mehrkosten an die Kunden weiter geben», sagte Sprecherin Barbara Meyer-Bukow. Peter Schrum vom Bundesverband Bioenergie rechne ebenfalls mit Preissteigerungen. «Je höher die Beimischquote, desto teurer das Benzin», sagte er.







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