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Aktuell
Bali: Erstes Ergebnis
12. Dezember 2007
UN-Klimakonferenz auf Bali tritt in entscheidende Phase
(AFP) - Mit dem Beginn der Verhandlungen auf Ministerebene tritt die UN-Klimakonferenz auf Bali heute in ihre entscheidende Phase. Bis Freitag müssen die mehr als 180 Delegationen versuchen, sich auf ein Mandat und einen Fahrplan für die Verhandlungen über ein Folgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu einigen, das 2012 ausläuft. Vor allem die USA wollen sich nicht auf konkrete Zielvorgaben zum Abbau von Treibhausgasen und andere Maßnahmen zum Klimaschutz festlegen. Ohne Zustimmung der Vereinigten Staaten kann jedoch kein Verhandlungsmandat beschlossen werden.
UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon warnte: "Jetzt ist die Zeit zum Handeln, wir dürfen nicht unsere Kinder ihrer Zukunft berauben". Mehrere hundert Millionen Menschen seien durch den Klimawandel schon im Jahr 2020 von Wassermangel bedroht, warnte der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer. "Die Aussage der Wissenschaft ist klar. Der Klimawandel ist im Gange. Die Folgen sind real", sagte Ban weiter. Der UN-Generalsekretär hat eine klare Vision, wie der Klimawandel gestoppt werden kann: "Wir dürfen unsere Kinder nicht ihrer Zukunft berauben". Die Industriestaaten müssten die Führung übernehmen, um die Emissionen zu reduzieren. Auch müssten sie den Entwicklungsländern helfen, ihrerseits die Zunahme ihrer Emissionen zu begrenzen. Die Aufgabe sei es nun, dieser "großen Herausforderung unseres Zeitalters zu begegnen". Die Kosten jedes Zögerns überstiegen bei weitem die Kosten schnellen Handelns, ökologisch, für die Menschen und finanziell.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) drang bei seiner Ankunft am Dienstag in Nusa Dua noch einmal vehement auf konkrete Zielvorgaben im Verhandlungsmandat für den Abbau von Treibhausgasen. Der Minister forderte konkrete Absprachen ein: "Die Ziele müssen stehen", sonst "können wir uns nicht nach Hause trauen". Gabriel nannte unter anderem die Halbierung des Treibhausgasausstoßes bis 2050 und die Begrenzung der weltweiten Erwärmung auf zwei Grad als Ziele.
11. Dezember, 2007
Bali: Fonds für ärmere Länder
Nusa Dua (dpa) - Die Weltklimakonferenz auf Bali hat mit einem Fonds für ärmere Länder ein erstes greifbares Ergebnis erzielt. Das Geld soll unter anderem helfen, Häuser und Küstenschutz an den Klimawandel anzupassen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bezeichnete die Ausstattung des Fonds am Dienstag jedoch als viel zu niedrig. Zu Beginn seines Aufenthaltes auf Bali betonte er zudem, er wolle im Gegensatz zu den USA für konkrete Ziele bei der Treibhausgasminderung kämpfen. Vor Beginn des erwarteten dreitägigen Verhandlungsmarathons der Minister an diesem Mittwoch feierten die Konferenzteilnehmer den zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls.
Nach Angaben von Gabriel stehen bis zum vorgesehenen Konferenzende Freitagnacht noch "erhebliche Konflikte" bevor. Er rechne mit äußerst schwierigen Verhandlungen, sagte Gabriel im Konferenzort Nusa Dua. Eine Verständigung darüber, nur weiterzuverhandeln, reiche nicht. "Völlig ohne klare Zielsetzung für 2020 und 2050 können wir uns nicht nach Hause trauen." Auf Bali wird über ein Verhandlungsmandat für ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls verhandelt. Das neue Abkommen soll Ende 2009 verabschiedet werden.
USA nicht als "böse Buben" darstellen
Die Europäer wollen schon im Bali-Mandat das Ziel erwähnt haben, dass die Industrieländer ihre Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent senken müssen. Das lehnen die USA ab. Man dürfe das Ende der zweijährigen Verhandlungen nicht jetzt schon vorwegnehmen, sagen sie. Die USA dürften aber nicht nur als "böse Buben" dargestellt werden, betonte der deutsche Umweltminister. Die Amerikaner, die am meisten Treibhausgase ausstoßen, würden für eine Lösung gebraucht. "Im Kern wird es darauf ankommen, die Amerikaner beim Ziel mitzunehmen."
Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) begrüßte die Einigung auf den Anpassungsfonds als "wichtigen Schritt, um auf den Klimawandel zu reagieren". Im vergangenen Jahr waren nach dem neuen Klima-Risiko-Index 2008 der Umweltorganisation Germanwatch die Philippinen, Nordkorea und Indonesien am stärksten von Unwettern und Überschwemmungen betroffen. Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre waren die Schäden in Honduras, Nicaragua und Bangladesch am größten. Deutschland landet in diesem Zehn-Jahres-Index überraschend auf Platz zehn, weil die Studienautoren von mehr als 7000 Toten durch den Hitzesommer 2003 ausgehen.
Dem Anpassungsfonds für die ärmeren Länder steht bislang kaum Geld zur Verfügung - nur etwa 25 Millionen Euro. Nötig sind laut Gabriel und Umweltverbänden aber weit mehr. Aus dem Fonds sollen unter anderem Umsiedlungen, Küsten- und Landschaftsschutz sowie der Bau sturmsicherer Häuser bezahlt werden.
Finanziert wird der Fonds aus einer Abgabe - derzeit zwei Prozent - auf Umsätze im Mechanismus für saubere Entwicklung (Clean Development Mechanism/CDM). Über diesen Weg können Unternehmen aus Industrieländern ihre Verpflichtungen zur Minderung von Treibhausgas-Emissionen erfüllen, indem sie klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern finanzieren.
Die Weltbank stellte auf Bali einen neuen Fonds zum Waldschutz vor, bei dem Deutschland der größte Geldgeber ist. Der Fonds soll Anreize für den Waldschutz honorieren. Tropenwälder sind riesige Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2). Ihre Vernichtung setzt große Mengen CO2-Emissionen frei. Das macht nach Schätzungen rund ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen aus. "Mit diesem Fonds wird es finanziell wertvoll, den Wald zu erhalten, nicht nur, ihn abzuholzen", sagte Weltbankpräsident Robert Zoellick.
Wieczorek-Zeul sagte dafür von Deutschland 40 Millionen Euro zu. Insgesamt hat der Fonds Zusagen von rund 110 Millionen Euro. Benötigt werden nach Angaben von Zoellick gut 200 Millionen Euro. "Wir legen besonderen Wert auf zwei Aspekte", sagte Wieczorek-Zeul. "Die Rechte der einheimischen Bevölkerung müssen respektiert und der Erhalt der Artenvielfalt berücksichtigt werden." Umweltverbände warnten davor, dass der Fonds auch für korrupte Bürokraten in Empfängerländern neue Tore öffnen könne.
1.12.2007 15:10 Uhr
Deutschland auf Platz 10 beim Klima-Risiko-Index
Nusa Dua (dpa) - Ärmere Länder sind von den Folgen des Klimawandels weit stärker betroffen als die Industriestaaten. Allerdings steht Deutschland aufgrund des Hitzesommers 2003 überraschenderweise auf Platz zehn beim Klima-Risiko-Index 2008.
Die Umweltorganisation Germanwatch legte den Report am Dienstag bei der Weltklimakonferenz auf Bali vor. Die Auswertungen basieren auf Daten des Versicherungskonzerns Münchener Rück. Die Entwicklungsländer haben danach zum Teil schwer unter Stürmen, Überschwemmungen und Dürren zu leiden. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre (1997 bis 2006) haben Honduras, Nicaragua und Bangladesch laut Index die größten Auswirkungen erfahren. Deutschland belegt überraschend Rang 10 - die Autoren gehen von mehr als 7000 Toten durch den Hitzesommer 2003 aus.
Werde allein das Jahr 2006 betrachtet, sei vor allem Asien durch extreme Wetterereignisse geschädigt worden, sagte Germanwatch- Experte Sven Harmeling. Die weltweit am stärksten betroffenen Länder waren 2006 die Philippinen, Nordkorea und Indonesien. In den Philippinen und in Indonesien habe es durch Stürme und Überschwemmungen jeweils fast 1300 Tote sowie Schäden in Milliardenhöhe gegeben. Deutschland belegt im Jahr 2006 Rang 17 mit 56 Todesopfern und Schäden von etwa zwei Milliarden US-Dollar durch Unwetter.
Seit 1980 habe sich die Zahl der Naturkatastrophen durch Stürme verdoppelt, sagte Peter Hoeppe von der Münchener Rück. Im gleichen Zeitraum habe sich die Häufigkeit von Überschwemmungen sowie anderer Wetterextreme wie Hitzewellen und Dürren sogar vervierfacht. «Dies belegt deutlich eine wachsende Gefahr.» Die Industrienationen hätten als Hauptverursacher des Klimawandels die Verantwortung, den betroffenen Ländern zu helfen.
Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch, forderte von den Konferenzteilnehmern auf Bali eine Initiative für Frühwarnungssysteme für Überflutungen und Dürren. «Mit einem Euro Investition kann ein Mehrfaches an Katastrophenhilfe vermieden werden.»
Germanwatch stellt Globalen Klima-Risiko-Index vor
Klimagipfel in Bali in der Region, die 2006 am stärksten durch Wetterkatastrophen betroffen war
Germanwatch Pressemitteilung, 11. Dezember 2007.
Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch hat heute gemeinsam mit der Münchener Rück bei den UN-Klimaverhandlungen in Bali den Klima-Risiko-Index vorgestellt. Der Index zeigt, dass weniger entwickelte Länder unter Stürmen, Überschwemmungen und Wetterextremen häufig sehr viel stärker leiden als die Industrieländer. Im Jahr 2006 war vor allem Asien betroffen. Germanwatch betrachtet die Ergebnisse des Index als einen weiteren Beleg dafür, dass eine zentrale Aufgabe des Klimagipfel in Bali ist, sich auf ein Verhandlungsmandat zu einigen, das die Risiken des Klimawandels deutlich begrenzt und die besonders Betroffenen stärker bei der Anpassung an die negativen Folgen unterstützt.
Sven Harmeling, Referent für Klima und Entwicklung bei Germanwatch und Autor der Studie: "Meistbetroffene Länder im Jahr 2006 waren die Philippinen, Nordkorea und Indonesien, Gastgeber des Klimagipfels. Auf den Philippinen und in Indonesien sind jeweils fast 1300 Menschen durch Stürme und Überschwemmungen ums Leben gekommen und Schäden in Milliardenhöhe entstanden." Zwar seien diese absoluten Auswirkungen deutlich geringer als jene in den USA oder in China. Die absoluten Zahlen alleine reichten aber laut Harmeling nicht aus, um die tatsächliche Betroffenheit eines Landes zu beurteilen. "Daher bezieht der Klima-Risiko-Index von Germanwatch auch relative Indikatoren mit ein. So sind in Nordkorea, pro 100.000 Einwohner gerechnet, etwa viermal so viele Menschen durch Wetterextreme gestorben wie in Indonesien", erläutert Harmeling.
Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre haben Honduras, Nicaragua und Bangladesch die größten Auswirkungen erfahren. Deutschland belegt Rang 17 im Jahr 2006, mit 56 Todesopfern und Schäden von ca. zwei Milliarden US-Dollar. Bezogen auf die letzten zehn Jahre (1997-2006) belegt Deutschland Rang 10. Hier hat sich vor allem der Extremsommer 2003 mit mehr als 7000 Todesopfern ausgewirkt.
Peter Höppe, Leiter der GeoRisikoForschung bei der Münchener Rückversicherung, auf deren weltweit anerkannter Datenbank zu Wetterextremen der Klima-Risiko-Index basiert: "Aus den Ereignissen eines Jahres kann nicht direkt auf einen Zusammenhang mit dem Klimawandel geschlossen werden. Dennoch, seit 1980 hat sich die Häufigkeit von Naturkatastrophen aufgrund von Überflutungen um das Vierfache, durch Windstürme um das Zweifache und weitere Wetterextreme wie Hitzewellen oder Dürren um das Vierfache erhöht", so Höppe, "was deutlich eine Erhöhung der Gefährdungssituation anzeigt. Bei geophysikalischen Katastrophen hat sich die Häufigkeit hingegen nur um das 1,5fache erhöht. Während diese Zunahme höchstwahrscheinlich auf sozioökonomischen Faktoren beruht, ist der viel stärkere Anstieg bei den wetterbezogenen Katastrophen mit immer größerer Sicherheit zu einem guten Teil auf den Klimawandel zurückzuführen", erläutert Peter Höppe. "Insbesondere die Länder, die in der Vergangenheit bereits stark durch Wetterextreme betroffen waren, sollten dies zum Anlass nehmen, der Vorsorge gegenüber solchen Gefahren eine größere Aufmerksamkeit zu widmen", rät Höppe. "Die Industrieländer als Hauptverursacher des Klimawandels stehen in der Verantwortung solche Prozesse zu unterstützen."
Thomas Loster, Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, unterstreicht, dass die Menschen in Entwicklungsländern am stärksten von Wetterkatastrophen betroffen sind. Langzeituntersuchungen belegen, dass rund 80 Prozent der Katastrophenopfer in armen Ländern zu beklagen sind. "Auch die zehn Naturkatastrophen mit den meisten Todesopfern im Jahr 2007 ereigneten sich in armen Ländern" weiß Loster. "Nur eine war nicht wetterbedingt. Der Klimawandel bringt mehr Wetterextreme und die ärmeren Menschen sind besonders verletzlich. Das wird die Herausforderungen in der Katastrophenvorsorge und in der Entwicklungszusammenarbeit weiter vergrößern." fügt er hinzu.
Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender von Germanwatch, unterstreicht die Bedeutung solcher Projekte für die internationale Klimapolitik. "Die effektive Vorsorge gegenüber Wetterextremen ist von zentraler Bedeutung für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels, die bei der Klimakonferenz in Bali weit oben auf der Verhandlungsagenda steht", so Milke. "Die Regierungen sollten den Vorschlag der kleinen Inselstaaten und der am wenigsten entwickelten Länder, der sogenannten LDC, hier in Bali unterstützen, und eine Initiative für Frühwarnungssysteme für Überflutungen und Dürren auf den Weg bringen. Solche Schritte lohnen sich, wie viele Studien zeigen: Mit einem Euro Investition kann ein Mehrfaches an Katastrophenhilfe vermieden werden", betont Milke. "Es geht in Bali auch darum, Verhandlungen über verbindliche Zahlungen zur Unterstützung der besonders betroffenen an den Klimawandel aufzunehmen. Durch diese sollten Anpassungsmaßnahmen der lokalen Bevölkerung, Anreizsysteme für Anpassung und Versicherungssysteme für die besonders Betroffenen finanziert werden."
12. Dezember, 2007
Weltklimakonferenz auf Bali vom 3. bis 14. Dezember
OECD fordert gerechte Kostenteilung für Kampf gegen Klimawandel
Paris/Bali (AP) Die Kosten zur Bekämpfung des Klimawandels sind nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nur zu bewältigen, wenn die Lasten gerecht verteilt werden. «Die entwickelten Länder sollten einen Großteil der Kosten übernehmen, obwohl die meisten Maßnahmen in den Entwicklungsländern notwendig sind», forderte OECD-Generalsekretär Angel Gurría am Mittwoch auf dem Weltklimagipfel in Bali. «Wir müssen ein gesundes wirtschaftliches Fundament für den Post-Kyoto-Prozess schaffen.»
Als effektivste Werkzeuge zur Reduktion von Treibhausgasemissionen nannte Garría neben Innovationsanreizen CO2-Steuern sowie den bereits teilweise etablierten Handel mit Emissionsrechten. Dabei müssten den Schwellenländern Vorteile eingeräumt werden.
Laut OECD-Analysen würde das globale Bruttosozialprodukt (BSP) bis 2050 jährlich um 0,1 Prozentpunkte sinken, wenn sich die Staatengemeinschaft auf ehrgeizige Ziele zur CO2-Reduzierung einigt. Bei einer harmonisierten CO2-Steuer träfe es die Wirtschaften der OECD-Länder mit 0,2 Punkten im Jahr 2030 und mit 1,1 Punkten im Jahr 2050. In Brasilien, Russland, Indien und China wären die wirtschaftlichen Folgen dagegen fünf Mal so hoch, erklärte die OECD in Paris. Ein globales System für den Handel mit Emissionsrechten könnte die Kosten für diese vier Länder halbieren.
12. Dezember, 2007
Gabriel hofft auf Einigung bei Welt-Klimakonferenz
Köln (ddp). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) geht davon aus, dass bis zum Abschluss der Welt-Klimakonferenz am Freitag konkrete Vorgaben für die Industrie- und Entwicklungsländer formuliert werden. Kein Land könne es sich mehr leisten, die Diskussion zu blockieren, sagte Gabriel am Mittwoch im Deutschlandfunk.
«Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, sowohl für die Industrienationen Vorgaben zu machen, als auch die Entwicklungsländer dazu zu bewegen, mit Verhandlungen darüber zu beginnen, was sie selber eigentlich einbringen können in einen engagierten Klimaschutz», sagte der SPD-Politiker. Mit Blick auf die USA fügte der Minister hinzu, er glaube nicht, dass es sich ein Land leisten könne, «nach Hause zu fahren und zu sagen, ich habe die Weltgemeinschaft blockiert bei der Frage eines der größten Menschheitsprobleme».
Gabriel bekräftigte, um das Klima einigermaßen stabil zu halten, müssten bis zur Mitte dieses Jahrhunderts die weltweiten Treibhausgasemissionen um die Hälfte reduziert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Industrienationen bis 2020 ihre Emissionen um 30 Prozent reduzieren.
Seit mehr als einer Woche tagen die Teilnehmer der UN-Klimakonferenz auf Bali. Verständigt haben sie sich bereits auf einen Anpassungsfonds, der Entwicklungsländer bei der Bewältigung der Folgen der Erderwärmung unterstützen soll. Experten halten das angepeilte Volumen von 300 bis 500 Millionen US-Dollar bis 2012 allerdings für zu gering.
Mittwoch, 12. Dezember, 06:37 Uhr
Weltklimakonferenz auf Bali vom 3. bis 14. Dezember
USA bleiben im Klimastreit hart
Bali (AP) Die USA bleiben im Streit über Klimaziele für die Industriestaaten hart. Man wolle kein Bekenntnis zu einer Verminderung der Treibhausgase um 25 bis 40 Prozent in der Schlusserklärung der Weltklimakonferenz auf Bali, bekräftigte die US-Delegation am Mittwoch auf Bali. «Wenn wir Zahlen hätten, wäre dies eine Vorentscheidung», sagte Delegationschefin Paula Dobriansky. Grundsätzlich seien die USA aber bereit, «nationale Ziele» zu akzeptieren. Auch ein langfristiges Klimaziel sei nötig.
Der Klimaberater von Präsident George W. Bush, James Connaughton, sagte, der Zielkorridor einer Treibhausgasreduktion um 25 bis 40 Prozent von 1990 bis 2020 orientiere sich an der Wissenschaft. Doch müssten sich Ziele auch danach richten, ob sie machbar seien und ob sie der Umwelt etwas nützten.
Beide äußerten sich sehr zuversichtlich und betonten die Verhandlungsbereitschaft der USA. «Wir stehen am Scheideweg», sagte Dobriansky. Die Vereinigten Staaten seien dafür, auf Bali konkrete Verhandlungen über ein neues Klimaabkommen für die Zeit nach 2012 zu starten und sie bis 2009 zu terminieren. «Wir sind davon überzeugt, dass wir ein konstruktives Ergebnis haben werden», sagte Connaugton.
12. Dezember, 2007
Tiere und Pflanzen regieren auf den Klimawandel
Bali (AP) Während auf der UN-Klimakonferenz noch diskutiert wird, bekommen Tiere und Pflanzen die globale Erwärmung schon zu spüren: In Australien fielen tausende Fledermäuse während einer Hitzewelle tot aus den Bäumen, in den Alpen sterben Schmetterlinge aus, während Eisbären und Pinguinen der Lebensraum wegschmilzt. Betroffen sind die meisten Arten und der Wandel kommt zu schnell für sie, als dass sie sich darauf einstellen könnten.
«Viele Arten sind in Schwierigkeiten», sagt der Direktor des Zentrums für Tropische Artenvielfalt und Klimawandel an der James-Cook-Universität in Australien, Stephen Williams. «Ich glaube nicht, dass irgendein Zweifel besteht, dass wir ein Artensterben erleben werden.» Es gebe aber auch schon Auswirkungen, bevor eine Art aussterbe. «Die meisten Arten in den feuchten Tropen werden auf 15 Prozent ihres derzeitigen Lebensraums reduziert.»
Weltweit könnten 30 Prozent der Arten verschwinden, wenn die Temperaturen um 2,5 Grad Celsius steigen. Bei einem Anstieg um 3,5 Grad wären es sogar 70 Prozent, wie die UN-Klimawissenschaftler im vergangenen Monat erklärten. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Erde. In den vergangenen 520 Millionen Jahren gab es nach Einschätzung der Forscher fünf große Perioden des Artensterbens, vier davon werden mit höheren Temperaturen in Verbindung gebracht.
Am schwersten betroffen sind Pflanzen und Tiere in kälteren Regionen oder in höheren Lagen sowie solche mit einem begrenzten Lebensraum oder einer geringen Toleranz gegenüber Temperaturschwankungen, wie die Biologin Wendy Foden von der World Conservation Union erklärte. Die Treibhausgase lassen aber auch das Wasser der Meere saurer werden - das Todesurteil für Korallenriffe und Planktonarten, von denen wiederum Blauwale und andere Meeressäuger abhängig sind.
«Langfristig wird jede Art betroffen sein», sagte Foden. Nur wenige Arten könnten nach Einschätzung der Wissenschaftler vom Klimawandel profitieren. Dazu zählen solche, die sich rasch vermehren, schon jetzt in verschiedenen Klimaregionen überleben und sich schnell anpassen können: Kakerlaken, Tauben und sogenanntes Unkraut.
Ein tödlicher Pilz, der unter warmen Bedingungen gedeiht, hat bereits Froschpopulationen in Südamerika, Afrika und Europa dezimiert. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel stellen aber die Fliegenden Füchse dar, riesige Fledermäuse, die in Australien leben. Mehr als 3.500 von ihnen verendeten 2002, als die Temperaturen in New South Wales über 42 Grad stiegen, wie aus einem Bericht des britischen Wissenschaftsmagazins «Royal Society B» hervorging. «Es war richtig heiß und plötzlich regnete es Fliegende Füchse aus den Bäumen», sagte der Autor Justin Welbergen. «Es war grauenvoll. Die Kolonie hatte zwischen 20.000 und 30.000 Tiere und rund zehn Prozent davon kamen um.»
Während die Temperaturen steigen, suchen Tiere nach einem Ausweg. Nach einer Untersuchung von 1.500 Arten kam die Biologin Camille Parmesan von der Universität von Texas zu dem Schluss, dass 40 Prozent bereits ihren Lebensraum verschoben haben, zumeist in Richtung der Pole. In Großbritannien wanderten zum Beispiel rund zwölf Vogelarten 19 Kilometer nach Norden, in Europa und Nordamerika sind 39 Schmetterlingsarten 200 Kilometer weiter nördlich zu finden als noch vor einigen Jahren. Millionen Mittelmeerquallen tauchten vor Nordirland und Schottland auf.
Gleichgewicht zwischen Tieren und Pflanzen gestört
Das wärmere Wetter verändert auch die Zeit der Fortpflanzung vieler Tiere und Pflanzen. 60 Prozent brüteten und blühten heute früher als bisher, sagte Parmesan. Dies gelte jedoch nicht für alle Arten, was die Beziehungen zwischen Vögeln und Insekten sowie Insekten und Pflanzen stören könnte. «Frösche, Vögel und Schmetterlinge reagieren stärker auf warme Winter und Frühlinge als Pflanzen», erklärte Parmesan. «Es ist zu befürchten, dass damit die Populationen von Tieren und Pflanzen gleichermaßen zurückgehen.»
Wissenschaftler erwägen jetzt, die Tiere zur Wanderung in kühlere Regionen zu ermutigen oder sogar umzusiedeln. Ein solcher Schritt ist allerdings umstritten. «Man spielt gewissermaßen Gott. Man ändert bewusst die Evolution», sagte Foden. «Wenn unser Job als Biologen darin besteht, die Arten zu erhalten, dann müssen wir sie umsiedeln. Wenn er aber darin besteht, den natürlichen Evolutionsprozess zu erhalten, dann müssen wir ihnen Korridore verschaffen und sie in Ruhe lassen.»
Zehn Jahre Kyoto - Zehn Jahre Klimaschutz?
Von Viktoria Thumann, Greenpeace-Online, 11.12.07
Vor zehn Jahren war es der erste Schritt in Richtung Klimaschutz. Heute feiert das Kyoto-Protokoll Geburtstag. Gleichzeitig verhandeln auf Bali Politiker aus rund 190 Ländern über ein Nachfolgeabkommen. Wir haben uns anlässlich dieses Jubiläums mit dem Greenpeace-Klimaexperten Karsten Smid unterhalten und gefragt, was dieses Abkommen seiner Meinung nach bewirkt hat und wie es weitergehen muss.
Online-Redaktion: Karsten, was verbindest du mit dem heutigen Geburtstag des Kyoto-Protokolls?
Karsten Smid: Zehn Jahre Kyoto heißt für mich zehn Jahre Diskussion über den Klimawandel. Es ist ein verbindliches internationales Protokoll zur Reduktion von Treibhausgasen entstanden. Das Problem hierbei war sicherlich, dass die USA mit der Bush-Administration sich dem Kyoto-Abkommen verweigert haben.
Online-Redaktion: Würdest du Kyoto dennoch einen gewissen Erfolg zusprechen?
Karsten Smid: Es ist schon erstaunlich, wenn man sieht, dass trotz dieser Verweigerungshaltung Amerikas ein solches internationales Abkommen mit Russland ratifiziert werden und gegen eine Hegemonialmacht in Kraft treten konnte. Amerika mit der Bush-Regierung und der Öl-Industrie im Hintergrund ist jetzt isoliert. Insofern war das sehr wohl ein Erfolg. Aber Kyoto muss jetzt weiterentwickelt werden, muss verschärft werden. Die Reduktionsraten, die man in Kyoto für die Industrieländer festgelegt hat, reichen hinten und vorne nicht aus.
Online-Redaktion: Woran liegt das? War die vom Klimawandel ausgehende Gefahr vielleicht damals noch nicht ausreichend bekannt?
Karsten Smid: Letztendlich wusste man über die Dramatik des Klimawandels vor zehn Jahren auch schon sehr viel. Das Wissen hat sich jetzt aber doch sehr vertieft. Wir wissen, wir müssen jetzt alles tun, damit die Treibhausgase bis zur Mitte des Jahrhunderts halbiert werden. Es liegt vor allen Dingen in der Verantwortung der Industrieländer und insbesondere natürlich der G8-Staaten, der großen Industrieländer, die Treibhausgase zu reduzieren.
Online-Redaktion: Tun sie das laut Kyoto-Protokoll nicht schon?
Karsten Smid: Das ist ja das eigentlich Fatale: Man hat sich vor zehn Jahren darauf geeinigt, dass die Industrienationen zuerst beginnen, ihren Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren. Auch hat man sich darauf geeinigt, dass die Industrienationen den Entwicklungsländern helfen, einen Sprung zu machen, hin zur Nutzung von erneuerbaren Energien.
Online-Redaktion: Und das haben sie nicht getan?
Karsten Smid: Nein. Rückblickend müssen wir feststellen, dass die Industrienationen diesen Prozess verraten haben und bisher für den Klimaschutz nicht viel mehr als leere Worte übrig hatten. Sie haben die Entwicklungsländer nicht unterstützt, sie haben im eigenen Land kaum die Treibhausgase reduziert, sie haben sich von der Energieindustrie an der Nase herumführen lassen und sie setzen nach wie vor auf das Verfeuern von fossilen Energieträgern. Das müssen wir stoppen.
Online-Redaktion: Was ist demnach der nächste Schritt?
Karsten Smid: Es ist wichtig, jetzt die Auseinandersetzung zu beginnen, mit den Verweigerern aus der Energieindustrie, mit Vattenfall, mit RWE, mit Shell und BP. Es wird einen Kampf geben um die Vorherrschaft auf dem Energiemarkt. Dort müssen diese Verweigerer des Klimaschutzes abgelöst werden durch Erneuerbare Energiesysteme.
Online-Redaktion: Wie muss es nach diesen zehn Jahren jetzt international weitergehen? Kein Kyoto-Protokoll mehr, weil sich niemand daran hält?
Karsten Smid: Nein, es ist enorm wichtig, dass Kyoto weiterverfolgt wird. Das Protokoll muss jetzt verschärft werden. Wir brauchen ein Nachfolgeabkommen, das letztendlich die Grundzüge, die Basis von Kyoto hat. Das heißt, verbindliche Reduktionsmaßnahmen auf staatlicher Ebene.
Online-Redaktion: Danke, Karsten!
Wie Bushs Wissenschaftsberater die Erderwärmung erklärt
Von Holger Dambeck, SPIEGEL-Online, 12.12.07
In Bali ringen die Nationen um eine Übereinkunft zum Klimaschutz, in San Francisco diskutieren Tausende Geologen die Erderwärmung. Ein Redner auf dem Forschertreffen präsentierte eine etwas andere Sichtweise: Der Wissenschaftsberater von George W. Bush.
John Marburger betritt die Bühne. Es ist ein gewagter Auftritt, denn der wissenschaftliche Berater von US-Präsident George W. Bush spricht auf dem Herbsttreffen der American Geophysical Union (AGU) in San Francisco. Der Klimawandel ist das Topthema auf dem fünftägigen Treffen, an dem nach Schätzungen insgesamt 15.000 Wissenschaftler teilnehmen. In Hunderten Vorträgen geht es um die teils dramatischen Folgen der Erderwärmung - und nun will Marburger den Geologen erklären, warum die US-Regierung in Sachen Klimawandel eigentlich alles richtig macht.
"Es ist sehr schwer in diesen Tagen, vernünftig über den Klimawandel zu diskutieren", sagt Marburger, "mit Wissenschaftlern geht das immer noch am besten". Der Direktor des Office of Science and Technology Policy im Weißen Haus will erst mal gut Wetter machen. Dann beklagt er, dass die Dinge in den Medien vereinfacht dargestellt, Theorien als Fakten und Meinungen als Wissenschaft verkauft würden. "Die Wissenschaft hat eine Menge Glaubwürdigkeit in dieser Diskussion verloren."
Marburger stellt den menschlichen Einfluss auf das Klima nicht in Frage - doch er versucht, ihn zu relativieren: "Der Klimawandel ist nicht die einzige Gefahr für die Menschheit, denken Sie nur an die Überbevölkerung." Gleichzeitig warnt er vor - in seinen Augen - voreiligen Schlüssen: "Was die Abschätzung der Folgen des Klimawandels betrifft, gibt es noch viele Unsicherheiten, etwa die Wirkung von Aerosolen oder der genaue Anstieg des Meeresspiegels." Die jüngst veröffentlichte Zusammenfassung der IPCC-Berichte geißelt er als "undifferenziert". "Lesen Sie die Originalberichte, die sind wirklich gut", empfiehlt Marburger den Versammelten.
Unverständnis und Angst
Immer wieder schütteln Zuhörer im Saal den Kopf, mancher kann sich das Lachen kaum verkneifen über das, was der Mann hier verkündet, der Bushs Wissenschaftsexperte ist. "Die Gletscher erzählen uns eine ganz andere Geschichte über den Klimawandel", sagt eine Wissenschaftlerin, die in einer US-Behörde forscht und aus Angst vor Repressalien ihren Namen nicht nennen will.
Vor allem Marburgers Appell an die Wissenschaftler, doch die Unsicherheiten in ihren Prognosen nicht unter den Tisch fallen zu lassen, sorgt für Unmut. Ben Santer vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien hat kein Verständnis für Marburgers Argumentation: "Das ist absurd. Man kann sich nicht immer hinter den Unsicherheiten der Wissenschaft verstecken", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Glücklicherweise ist er nicht mehr lange im Amt."
Zweifel an dem von Menschen verursachten Klimawandel hält Santer für vollkommen falsch. "Wir haben unsere gesamte Forscherkarriere investiert, um den Einfluss des Menschen auf das Klima zu untersuchen. Wir wissen, dass der Mensch für den Hauptanteil der Erderwärmung verantwortlich ist."
Santer hat gemeinsam mit Kollegen den Wasserhaushalt des Westens der USA der letzten 50 Jahre untersucht. Die auf dem Geologentreffen vorgestellten Ergebnisse sind eindeutig: Schon jetzt fallen im Winter in den Rocky Mountains mehr Niederschläge als Regen denn als Schnee - entsprechend niedriger ist die Schneedecke. Schon jetzt schmilzt der Schnee nachweisbar früher als noch vor 50 Jahren, und auch die Temperaturkurve der letzten 50 Jahre hat einen eindeutigen Trend: nach oben.
"Wir müssen handeln"
"Der Mensch ist für diese Veränderungen verantwortlich, und nicht etwa natürliche Schwankungen", sagt Santers Kollege Tim Barnett von der University of California in San Diego. In aufwendigen Modellrechnungen habe man dies nun zeigen können. "Wie auch immer wir die Daten angefasst haben, der Einfluss des Menschen war immer nachweisbar. Wir haben keine Zweifel", betont Barnett, "wir müssen handeln".
Bush-Berater Marburger ist in diesem Punkt sogar prinzipiell auf einer Linie mit Forschern wie Barnett oder Santer. Doch unter Handeln versteht er etwas anderes. "Derzeit wird vor allem diskutiert, wie man den Klimawandel verhindern oder abschwächen kann", sagt Marburger. Dabei seien Strategien zur Anpassung an die Erderwärmung mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, weil sie das Leben der Menschen heute und in den nächsten Jahren verbessern könnten. Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels würden hingegen erst langfristig Ergebnisse zeigen. "Wir werden eine Erderwärmung bekommen", sagt Marburger, "wir erleben sie sogar schon heute".
Experiment mit dem Klima
Es sei nicht sinnvoll, aufstrebenden Ländern wie China oder Indien Emissionsgrenzen aufzuzwingen. "Die Menschen wollen ihr Leben verbessern", das könne man ihnen nicht verweigern. Und dann erklärt Marburger, warum seiner Meinung nach auch die USA ihren CO2-Ausstoß nicht drastisch reduzieren können: "Die Kosten sind sehr hoch. Wir können nicht ignorieren, dass es einen ökonomischen Wettbewerb gibt." Man könne nicht einfach Kraftwerke abschalten. "Ohne Strom funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Die Energiebranche ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Welt." Der denkbare Handel mit Emissionsrechten oder die Chancen klimafreundlicher Technologien - in der Rede des Bush-Beraters kommen sie nicht vor.
Tausende US-Forscher, die in San Francisco über abschmelzende Gletscher, drohende Dürren und Temperaturkurven diskutieren, sehen die Welt mit etwas anderen Augen als die Strategen im Weißen Haus. "Wir machen derzeit ein Experiment, das wir nicht unter Kontrolle haben", lautet die nüchterne Analyse der Situation Thomas Painters von der University of Utah, der die Veränderungen bei Schnee und Gletschern in Gebirge untersucht. "Dieses Experiment könnte desaströse Folgen haben, für manche hat es sie schon heute." Reduktionen des CO2-Ausstoßes sind für den Assistenzprofessor deshalb unumgänglich. "Wir müssen versuchen, unseren Einfluss auf das System Erde zu vermindern."
Wirtschaft schwenkt nach Bali um
Von Timm Krägenow, Financial Times Deutschland, 11.12.07
Die Wirtschaft hatte auf Klimakonferenzen lange Jahre vor allem eine Strategie: Blockieren. Auf Bali ist alles anders. Die Unternehmen wollen mitreden, mitgestalten - und natürlich Geld verdienen.
Schade um das schöne Foto. Eine Gruppe Konzernchefs, die in der stechenden Sonne von Bali "Act Now"-Plakate halten. Bosse von Ölmultis, Chemiegiganten und Autoherstellern, die an die Politik appellieren, entschlossene Maßnahmen gegen die Erderwärmung zu ergreifen. "Das Foto wäre rund um die Welt auf Seite eins gedruckt worden, garantiert", sagt Björn Stigson, Präsident des World Business Council für nachhaltige Entwicklung. Doch die Aktion ging den CEOs dann doch zu weit.
Dafür gab es einen anderen Termin. Der Verband, dem Konzerne wie General Motors, Dow Chemical und Shell angehören, richtete mit der internationalen Handelskammer in einem klimatisierten Hotel einen "Business Day" aus, bei dem Nobuo Tanaka, Chef der Internationalen Energieagentur, als Hauptredner auftrat. Seine Botschaft: Wenn die Emissionen rund um die Welt weiter so zunehmen wie bisher, droht dem Klima ein Temperaturschock. Niemand widersprach.
Über 10.000 Teilnehmer verhandeln beim Uno-Klimagipfel auf der indonesischen Urlaubsinsel Bali seit Anfang vergangener Woche, wie das Weltklima gerettet werden kann. Delegationen aus mehr als 180 Ländern ringen um einen Kompromiss. Bis Freitag soll der Startschuss für neue verbindliche Klimaschutzpflichten für die Jahre nach 2012 fallen.
Die Meinungsverschiedenheiten sind groß. Zehn Jahre nach der Klimakonferenz im japanischen Kioto, wo sich die Teilnehmer erstmals auf Begrenzung der Treibhausgasemissionen geeinigt hatten, steht allerdings ein Ergebnis fest: Der Klimawandel ist bei der Wirtschaft angekommen. Bei keiner der Konferenzen haben Unternehmen eine so konstruktive Rolle gespielt wie auf Bali.
Während viele Konzerne lange Jahre die Erderwärmung in Zweifel zogen, zu blockieren versuchten und Hardliner auf Klimakonferenzen schickten, akzeptieren immer mehr Unternehmen das Phänomen - und wittern sogar Chancen für neue Geschäfte. "Bei der Aushandlung des Kioto-Protokolls wurden die Vorhallen noch von sehr aggressiven Lobbyisten dominiert. Die waren von der Erdölindustrie bezahlt und wollten Beschlüsse um jeden Preis verhindern", erinnert sich Hans Joachim Schellnhuber, Klimaberater der Bundesregierung. "Diese Phase des Misstrauens und der Aggression ist vorbei. Jetzt sagt die Wirtschaft erstmals: Wir machen mit. Aber die Politik muss den richtigen Rahmen vorgeben."
Es herrscht ein neuer Umgangston zwischen der Politik, den Umweltschutzgruppen und der Wirtschaft. "Es gibt keinen Don Pearlman mehr", sagt Jennifer Morgan vom Klimainstitut E3G. Pearlman, US-Anwalt mit schlecht geschnittenen Anzügen, aber vorzüglicher Kenntnis der Geschäftsordnung, hatte es auf früheren Klimakonferenzen 1995 in Berlin und 1997 in Kioto zu trauriger Berühmtheit gebracht. Mit dem Geld anonymer Konzerne hatte er die Delegationen der USA und Saudi-Arabiens bei jeder Gelegenheit aufgefordert, die Beratungen zu blockieren. Jetzt ist sein "Climate Council" von der Bildfläche verschwunden.
"Wir müssen nicht mehr vor den Gefahren des Treibhauseffekts warnen", sagt Peter Höppe, Experte für Georisiken bei der Münchener Rück. "Diese Botschaft ist bei der Wirtschaft angekommen."
Das belegen auch die Teilnehmerlisten der Bali-Konferenz. Zu den früheren Klimagipfeln schickten Umweltorganisationen wie Greenpeace und WWF die meisten Beobachter. Auf Bali stellt die Internationale Emissionshandels-Vereinigung (IETA) mit mehr als 300 Beobachtern die größte Gruppe. Denn in Europa wird inzwischen eifrig mit Rechten gehandelt, die den Ausstoß von Kohlendioxid erlauben. Große Industrieanlagen dürfen seit 2005 nur noch betrieben werden, wenn sie die entsprechenden Emissionsrechte vorweisen können - eine direkte Folge des vielfach gescholtenen Kioto-Protokolls.
Zum großen Käufer von Emissionsrechten wird wohl unter anderem der Essener Stromkonzern RWE aufsteigen. "Ab 2008 brauchen wir voraussichtlich Emissionsrechte für 140 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Kostenlos vom Staat erhalten wir aber wohl nur noch 70 bis 75 Millionen Tonnen Emissionsrechte", sagt Wolfgang Straßburg, RWE-Vertreter auf Bali. "Deshalb ist es wichtig für uns, hier mitzubekommen, wie es bei den Regeln für die Anrechenbarkeit von Klimaschutzprojekten weitergeht."
Fachleute wie Lee Solsbery lassen auf Bali keinen Zweifel daran, dass der Emissionshandel immer schneller wachsen wird. "Die Unternehmen gehen davon aus, dass es einen anspruchsvollen Klimavertrag geben wird", sagt der Manager für Emissionshandel, der in Singapur arbeitet. "Wenn diese Erwartung enttäuscht wird, dann gibt das einen Rückschlag für den Markt."
Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Handel mit Emissionsrechten in diesem Jahr auf 70 Mrd. $ verdoppelt. "In den nächsten Jahren erwarte ich weiter ein exponentielles Wachstum, vor allem, wenn weitere US-Bundesstaaten mitmachen", sagt Solsbery. Spätestens in fünf Jahren werde es auch in den USA ein Emissionshandelssystem geben, prognostiziert Jonathan Lash, Präsident des Washingtoner World Resources Institute. Der Preis pro Ausstoß von einer Tonne Kohlendioxid werde voraussichtlich über 20 $ liegen.
Viele Unternehmen begreifen mittlerweile sogar, dass weitere Klimaschäden nur zu vermeiden sind, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen viel Geld kostet. Denn erst ab einem Preis von rund 30 $ würde die Technologie zur Abscheidung von Kohlendioxid aus den Abgasen von Kohlekraftwerken wirtschaftlich. Die aber ist nach Aussicht von vielen Klimaexperten notwendig, um in Staaten wie China und Indien das starke Wachstum der Emissionen zu begrenzen.
Es sind erstaunliche Bilder, die in diesen Tagen im Kongresszentrum in Nusa Dua zu sehen sind. Überall in den engen Gängen haben Unternehmen und Institute Stellwände postiert, die erklären, wie sich mit Emissionshandel, Biomasse oder erneuerbaren Energien dickes Geld verdienen lässt. "Dies ist eine Chance, die der Wirtschaft gegeben wurde", schwört Andrei Marcu, IETA-Chef, bei einem luxuriösen Dinner seine Kollegen ein. "Jetzt müssen wir zeigen, dass Klimaschutz auch ohne Ordnungsrecht und detaillierte Eingriffe des Staates funktioniert."
Ein Nachfolgevertrag für das Kioto-Protokoll mit konkreten Reduktionspflichten für den Treibhausgasausstoß wird von vielen Konzernen nicht mehr als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit angesehen. Der Klimaexperte des Ölkonzerns Shell, David Hone, fordert auf Bali sogar, dass die Staaten "definitive Emissionsziele" erhalten sollten, verbunden mit einem fixen Zeitrahmen. Nur so könne die Sicherheit für die notwendigen Investitionen geschaffen werden.
Verbindlichkeit muss her, das fordert mittlerweile auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). "Wo Wettbewerb herrscht, müssen ungefähr gleiche Bedingungen gelten", sagt der BDI-Vertreter Klaus Mittelbach auf Bali. "Es geht nicht, dass die Amerikaner einen Sonderweg gehen und überhaupt keine Anstrengungen unternehmen."
Mittelbach hat am Montagabend in einem provisorisch abgeteilten Vortragssaal die McKinsey-Studie vorgestellt, mit der der Industrieverband im Herbst eine überraschende Kehrtwende hinlegt. Von der Raumbeleuchtung bis zur Dieseltechnologie hatten die Unternehmensberater jede denkbare Einsparmöglichkeit für Kohlendioxid durchleuchtet - und überraschend festgestellt, dass 30 Prozent Emissionssenkung bis zum Jahr 2020 ohne Wohlstandsverlust möglich sind. Mehr noch: Viele der Maßnahmen kosten weniger, als sie einzusparen versprechen. "Viele Unternehmen haben in der Folge angefangen zu untersuchen, warum sie diese Einsparpotenziale nicht nutzen. Es ist einiges in Gang gekommen", sagt Mittelbach.
"Vor einem Jahr hat BDI-Präsident Thumann noch die Kanzlerin gewarnt, dass Klimaschutz zur Deindustrialisierung Deutschlands führen würde", sagt ein Vertreter der Bundesregierung vor dem Konferenzgelände: "Heute ist der BDI mit seiner Studie ein positives Vorbild für Industrieverbände in anderen Ländern." Gerade hat der britische Industrieverband eine ähnliche Untersuchung vorgelegt, die zu vergleichbaren Ergebnissen kommt.
"Die Botschaft der Wissenschaft ist kristallklar. Jetzt müssen es nur noch die Politiker verstehen", fasst Yvo de Boer, Leiter des Uno-Klimasekretariats, die neue Stimmung zusammen. Und macht sich deshalb Hoffnung, dass auf Bali trotz Widerstands der US-Administration konkrete Emissionsreduktionsziele anvisiert werden können.
"Hier wird der Rahmen für das gesetzt, was hinterher auf EU-Ebene und in den einzelnen Ländern umgesetzt wird", sagt Klimaexperte Höppe von der Münchener Rückversicherung: "Die Wirtschaft sollte stärker vertreten sein. Als Lösungsanbieter und -entwickler ist sie ein ganz zentraler Akteur beim Vorgehen gegen den Klimawandel."
Nicht auszuschließen also, dass es beim nächsten Weltklimagipfel 2009 dann doch ein schönes Foto von Managern gibt.
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