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Aktuell

Aufforstung in Mazedonien

Bäume, die in den Himmel wachsen?

Freiwillige pflanzen zwei Millionen Bäume in Mazedonien

Am «Tag des Baumes» haben in Mazedonien bis zu 200 000 Freiwillige rund zwei Millionen Bäume gepflanzt. Die privat organisierte Initiative thematisiert Umweltschutzfragen. Die Motivation zur Teilnahme verrät aber auch gesellschaftspolitische Gründe.


Neue Zürcher Zeitung, ahn. Govrlevo, 12. März, 2008

Geht das: zwei Millionen Bäume an einem Tag zu pflanzen? Wenn man auf Freiwillige angewiesen ist, die eine längere Busfahrt bis in abgelegene Täler auf sich nehmen müssen? Geht das in einem Land wie Mazedonien, dessen zwei Millionen Bürger nicht für ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein bekannt sind? Es geht. Der «Tag des Baumes» dauerte tatsächlich nur sechs Stunden. Kurz nach 14 Uhr gingen die Bäume aus. Und noch immer kamen Familien, Pärchen und Jugendliche in Gruppen zu den 63 Pflanzstellen und wollten ihren Baum pflanzen. Zwischen 150 000 und 200 000 Personen sollen teilgenommen haben. Für Vladimir Mandicevski ist das «jenseits aller Erwartungen». Nur eines ärgert ihn: «Wir hätten vier oder fünf Millionen Bäume bestellen sollen», sagt der 48-jährige Marketingmanager.

«Teil von etwas Grossem sein»

Wir stehen auf einem Hügel bei Govrlevo zehn Kilometer südlich von Skopje. Ein warmer Frühlingstag: Unten bei den Dörfern blühen die Kirschbäume, im Norden markiert Skopjes Hausberg Vodno den Horizont, im Westen sieht man die schroffen Felswände der Matka, und weit weg im Osten gleissen die Schneehänge der Kitka im Sonnenschein. Die Arbeiter der staatlichen Forstverwaltung haben lange Gräben gezogen, in die nun die Freiwilligen ihre Bäume pflanzen: Eichen, Tannen, Buchen werden unter Anleitung von Förstern gepflanzt und mit Wasser begossen. Ivan, ein 23-jähriger Student aus Skopje, ist hierhergekommen, weil er die Waldbrände im letzten Sommer hier gesehen hat. Aber nicht nur: «Ich will auch Teil von etwas Grossem sein.» Von etwas Grossem? Ja, er habe drei Bäume gepflanzt, zwei Eichen, eine Tanne. «Diese Bäume werden viel älter werden als ich. Und etwas von mir wird in ihnen sein.» Irinas Ziel ist kurzfristiger. Sie freut sich darauf, in ein paar Jahren, wenn sie Kinder hat, hierherzukommen und ihnen «meinen Baum» zu zeigen. Vlado ist prosaischer: Er wollte den freien Tag für einen Ausflug nutzen. Und einen Baum habe er noch nie gepflanzt.

Ob aus Naturmystik, für den Erosionsschutz oder künftigen Erholungswert: Es gibt viele gute Gründe, Bäume zu pflanzen. Für Mandicevski, den Initiator, war dies ein Beweggrund: «Man kann einfach nicht dagegen sein.» Die Idee für den «Tag des Baumes» hätten sie nach den Waldbränden des letzten Sommers gehabt. Er sei mit dem Opernsänger Boris Trajanov in einer Kafana (einem Café) gesessen. «Während sich die Politiker die Schuld an den Katastrophen gegenseitig in die Schuhe schoben, dachten wir, man könnte einfach wieder aufforsten.» Aber es geht ihm nicht nur um die Bäume. «Wir müssen ein neues Bewusstsein für die natürliche Umgebung schaffen.»

Auf Staatsboden gepflanzt

Es gibt zwar eine grosse Zahl von Erholungsgebieten und Naturschönheiten in Mazedonien – doch fast überall ärgert sich der Besucher über den Abfall, den die Leute achtlos zurücklassen. Für Dragica, die Advokatin mittleren Alters, die sich mit ihrem Mann von der Pflanzstelle auf den Heimweg macht, war es eines der schönsten Erlebnisse seit langem. Der Tag erinnere sie an ihre Jugend, als unter Tito «Arbeitsaktionen» organisiert wurden und man gemeinsam ausgerückt sei, um etwas Sinnvolles zu machen. «Mit Zwang hatte das nichts zu tun. Jeder wollte mitmachen.» Dies ist wohl eines der positivsten Signale des «Tag des Baumes». Es war weder der Staat noch eine ausländische Umweltorganisation, welche die Initiative ergriffen. Es waren einfache Bürger – allerdings mit Marketingwissen und Organisationstalent –, die andere Bürger von ihrer Idee überzeugten. «Wir auf dem Balkan sind es gewohnt, die Schuld immer bei andern zu suchen – und auch die Rettung», sagt Mandicevski. Der Erfolg dieser Aktion zeige ihm, dass die Lage nicht ganz hoffnungslos sei. «Wären wir gescheitert, hätte ich den nächsten Flug nach Australien genommen.» Es ist nicht ganz klar, ob er scherzt.

Doch der Staat spielte eine Rolle. Die Bäume wurden auf Staatsboden gepflanzt. Die Forstverwaltung grub die Furchen, und Förster standen mit Rat und Tat bei. Der Tag wurde arbeitsfrei erklärt – aber am Samstag wird nachgeholt. Man werde die Aufforstung fortsetzen, sagte Ministerpräsident Nikola Gruevski in die Kameras, nachdem er unter Applaus ein Tännchen gesetzt hatte. Beim Matka-Stausee wurden 7200 Bäume gepflanzt. Einen Baum für jeden der mazedonischen Juden, die vor fast auf den Tag genau 65 Jahren von den bulgarischen Besatzern eingesammelt und von den Deutschen nach Treblinka gebracht und ermordet wurden. Ein anderes Wäldchen wurde Kroatien gewidmet, als Dank für die Löschflugzeuge, welche die ehemalige Schwesterrepublik zur Bekämpfung der Brände letztes Jahr zur Verfügung stellte.

Aktion soll wiederholt werden

Die Umwelterziehung werde hoffentlich bald verbessert, sagt die Grundschullehrerin in der Koco-Racin-Schule in Skopje. «Was wir hier machen, ist erst der Anfang.» Am «Tag des Baumes» mussten die Grundschüler den Schulhof verschönern und einen Garten anlegen. Während ein paar Mädchen mit Steinen und Jungbäumchen sorgsam einen japanisch anmutenden Garten anlegen, sind ein paar Knaben kreischend mit einem defekten Schlauch zugange. Etwas daneben steht der elfjährige Kyril und langweilt sich. Er wäre viel lieber in den Wald gegangen. Vielleicht nächstes Jahr. Mandicevski will die Aktion wiederholen. «Aber grösser: auf dem ganzen Balkan – oder europaweit.»







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