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Aktuell

Buchenwälder in Europa

Geerbte Natur

Von Stephan Börnecke, Frankfurter Rundschau, 13.3.08

Buchenwälder dominieren weite Teile Mitteleuropas seit etwa 3500 Jahren. Noch immer wandern sie gen Norden, dehnen sich weiter in England und Südskandinavien aus. Doch ihr Weltareal, in dessen Zentrum Deutschland liegt, ist gemessen etwa an Fichtenwäldern verschwindend klein.

Die artenarmen Buchenwälder dulden unter ihrem Schirm kaum andere Baumarten. Überdies gibt es, zumal in Deutschland, nur noch winzige Refugien, in denen Buchen Urwaldcharakter haben; die wenigen Bestände sind inselartig verteilt.

"Den" Buchenwald gibt es nicht. Ohnehin sind heute nur 0,4 Prozent der deutschen Buchenwälder geschützt, und nur sechs Prozent der Rotbuchen (Fagus sylvatica) dürfen hierzulande älter als 160 Jahre werden.

Spätestens mit 140 Jahren haut der Forstmann sie um, weil der Zuwachs bescheidener wird und die "Gefahr" der angeblich von Möbelbauern wenig geschätzten Rotkernigkeit zunimmt. Angesichts des Erwartungshorizonts einer Buche von 300 oder sogar 500 Jahren sind die meisten der Bäume als "best agers" bereits von der Waldbühne verschwunden.

Richtig alte Buchen gibt es nur wenige: Selbst die Buchenwälder deutscher Nationalparks - ob Kellerwald in Nordhessen, Jasmund auf Rügen, Hainich in Thüringen oder Müritz in der ostdeutschen Tiefebene - können dem Betrachter einen Urwald allenfalls vorgaukeln. Schlechte Aussichten, mit diesen Resten international reüssieren zu wollen.

Intensive Holznutzung

Zu sehr hat der Mensch diese Wälder genutzt und gestaltet, und zu sehr geht die nacheiszeitliche Einwanderung der Buche aus ihren südeuropäischen Refugien einher mit der Entwicklung der Landwirtschaft, dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht, mit intensiver Holz- und Streunutzung, mit Waldweiden. Mit Buchenwäldern sind deshalb, halten die Autoren einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) fest, "eine Reihe kulturhistorischer Aspekte" verbunden.

Doch die rechtfertigen kaum, wovon zahlreiche Buchenfans und Naturschützer träumen: den deutschen Buchenwald respektive bedeutsame Teile davon zum Unesco-Weltnaturerbe erklären zu lassen.

Dafür gibt es trotz aller Schwächen eine Reihe guter Motive, meint Georg Sperber, einer der Väter des Nationalparks Bayerischer Wald: Denn Deutschland als Zentrum der Buchenwälder werde sich vor den Entwicklungsländern verantworten müssen, "die wir zur Rettung ihrer Tropenwälder drängen". Leider nähmen sich im weltweiten Vergleich die Bemühungen um den Buchenwaldschutz derzeit "kläglich" aus.

Doch um den Weltstandard zu rechtfertigen, müssten die deutschen Buchenwälder eine außergewöhnliche Klasse erreichen, die Experten mit "OUV" bezeichnen, sie also einen "outstanding universal value" aufweisen. Die Autoren der BfN-Studie, darunter der Marburger Naturschutz-Professor Harald Plachter, sind da eher pessimistisch: "Für eine nationale Nominierung", vorgesehen für die Welterbekonferenz 2009, "werden keine Chancen gesehen."

Das gilt umso mehr, bestätigen die Fachleute, weil die Welterbekonvention seit Jahren Konjunktur hat: War sie Anfang der 90er Jahre noch "weitgehend eine Sache für Spezialisten" mit rein wissenschaftlichem Charakter, mutierte sie inzwischen nach Darstellung der BfN-Experten zu einer der "wesentlichen Säulen der globalen Schutzgebietsstrategie".

Die Folge: Das Welterbe-Komitee sieht sich mit einer Flut von Neuanmeldungen konfrontiert. Ohnehin akzeptiert die Unesco je Land und Jahr nur eine Bewerbung, und weil Europa einschließlich Russlands bereits fast die Hälfte aller Welterbestätten repräsentieren, sinken die Chancen der deutschen Buchen ein weiteres Mal.

Nicht mit Ruhm bekleckert

Wenig hilfreich dürfte auch sein, dass sich Deutschland bei der diesjährigen Bewerbung, deren Frist gerade auslief, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat: Erst wurde eine 200 Jahre alte Buche vor der Kulisse des Dresdener Weltkulturerbes umgelegt, weil sie dem Bau der umstrittenen Elbtalbrücke im Wege stand, und dann stieg Hamburg aus der Meldung des Wattenmeeres zum Weltnaturerbe in letzter Sekunde aus: Dabei hat gerade diese Bewerbung einen Charme, der angesichts der Meldewelle den Erfolg beflügeln könnte: Denn je mehr Länder nicht nur ihre Kultur-, sondern auch ihre Naturbesonderheiten weltweit adeln lassen wollen, umso mehr achtet das Komitee auf internationale Zusammenarbeit.

Was beim Wattenmeer durch die Beteiligung der Niederlande und die angestrebte Nachmeldung Dänemarks an der Bewerbung gesichert ist, könnte sich nun beim deutschen Buchenwald wiederholen. Denn erst im letzten Jahr hat die Unesco fast 30 000 Hektar europäischer Buchenwälder mit einer fast 50 000 Hektar großen Pufferzone zum Weltnaturerbe erklärt, die tatsächlich viel eher Urwaldflair besitzen als jene vergleichbaren Wälder in Deutschland: die Karpaten.

Grenzübergreifend und auf zehn Areale verteilt haben in der Slowakei die Naturschutzgebiete Havesová, Vihorlat und Rozok sowie der Nationalpark Poloniny und in der Ukraine das Biosphärenreservat Karpaten, der Nationalpark Uzhanskyi und die transkarpatische Region Svydovets den Status als Weltnaturerbe.

An diese werbeträchtige, von der Tourismusbranche wie von Naturschützern begrüßte Auszeichnung osteuropäischer Wälder knüpfen nun deutsche Buchenfreunde größte Hoffnungen: Man könnte die deutsche Bewerbung als Beitrag zu einem internationalen, länderübergreifenden europäischen Buchenwalderbe begreifen. Die deutschen Wälder wären dann, zumal landschaftlich und biologisch anders geprägt als die Karpatenwälder, eine sinnvolle Ergänzung zum seit 2007 bereits bestehenden Buchenwald-Naturerbe.

Plachter spricht von einem "Cluster", von einem zunächst aus fünf deutschen Gebieten bestehendem Buchenwaldbündel, das verschiedene Ausprägungen des Erscheinungsbilds eines Buchenwaldes widerspiegelt. Es könnte nun von den einzelnen Bundesländern zur Unesco nach Paris gemeldet werden. Gerade weil die Unesco kaum Doppelungen zulässt, also ein ähnliches "Weltwunder" kein zweites Mal einen Unesco-Titel bekommt, wäre eine internationale Erweiterung der Karpatenwälder mit allerbesten Chancen versehen, glauben die Wissenschaftler.

Denkbar wäre sogar, sagt Plachter, auf lange Sicht Flächen weiterer europäischer Länder mit in das Welterbe europäischer Buchenwald einzubeziehen. Denn Buchen wachsen auch in Frankreich, auf dem Apennin, dem Balkan und den Pyrenäen.







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