Aktuell


Rodungen in Liechtenstein

«Der Holzschlag ist längst überfällig»

Ein Baum nach dem anderen fällt der Motorsäge zum Opfer. Ganze Waldstücke verschwinden in Liechtenstein – zum Entsetzen vieler Naturfreunde. Doch die radikale Aktion macht Sinn: Vor allem dient sie der Sicherheit der Bevölkerung.

Von Niki Eder, Liechtensteiner Vaterland, 19.3.08

Überall ist Motorsägenlärm zu hören. Forstkrane beladen Lastwagen mit unzähligen Baumstämmen, die anschliessend abtransportiert werden. Dieser Anblick bietet sich dem Betrachter zwischen Nendeln und Schaanwald. Doch nicht nur hier findet der Kahlschlag statt. In ganz Liechtenstein sind Forstarbeiter dabei, Waldbestände abzuholzen, welche an Strassen grenzen – so auch im Rietle in Schellenberg, in Hinterschellenberg sowie im Schlosswald.

Ein Anblick, der so manchen Naturfreund schmerzt und auf Unverständnis stösst. Werden die Wälder sinnlos abgeholzt? «Keineswegs», ist die klare Antwort von Norman Nigsch vom Amt für Wald, Natur und Landschaft. «Wir verstehen die Bedenken der Bevölkerung, da es sich um gravierende Eingriffe in die Landschaft handelt. Aber die Bäume hätten bereits seit Langem gefällt werden sollen – und zwar aus guten Gründen.»

Gefahr des Baumschlags

«In erster Linie ist der Holzschlag notwendig, da die bestehenden Waldbestände völlig überaltet sind», erklärt Norman Nigsch. «Stehen sie an vielbefahrenen Strassen, sind faule Bäume ein nicht zu unterschätzender Gefahrenherd für die Bevölkerung – gerade in einer Zeit, in der es immer mehr und immer stärkere Stürme gibt.» In Schaanwald habe man zum Beispiel teils 100-jährige Fichtenbestände nachweisen können, deren Stämme durch und durch morsch waren.

Ausserdem macht zurzeit das Fällen des Baumbestands laut Norman Nigsch «doppelten Sinn», da die Holzpreise sehr hoch liegen. «Das macht die Aktion natürlich wesentlich interessanter.» Noch vor wenigen Jahren wäre beispielsweise der weiträumige Holzschlag in Schaanwald kaum kostendeckend gewesen. «Und heute erlaubt uns der aktuelle Holzpreis sogar, gewinnbringend zu fällen. Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist gut.»

Förderung von Mischwäldern

Im Gleichzug mit dem Fällen der morschen Bäume soll die Aufforstung naturgerechter und gesunder Mischwälder gefördert werden. Ein Vorhaben, das laut Norman Nigsch bereits seit Jahrzehnten verfolgt wird. «Allerdings wurde das bisher von der Bevölkerung nicht so wahrgenommen, da wir im Waldinneren arbeiteten. Erst seit Kurzem sind wir am Waldrand angelangt.» Dass diese Aktion Sinn macht, zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass heute in Schaanwald 80 Prozent des Waldes aus Fichten bestehen. Dabei handelt es sich um standortwidrige Bestände. Fichten wachsen natürlicherweise erst ab 1000 Meter über dem Meer.

Wie die Fichten dorthin gekommen sind, lässt sich damit erklären, dass vor zirka 100 Jahren eine bewusste Umforstung vom ursprünglichen Buchenwald zum Fichtenwald stattgefunden hat. «Damals sah man nur die Vorteile des Nadelbaums», sagt Nigsch. Dazu gehören der gerade Wuchs, das rasche Wachstum, die geringen Ansprüche an den Standort sowie die gute Verwendbarkeit des Holzes. Ausserdem bieten Fichtenwälder einen guten Schutz gegen Wind, Unwetter, Steinschläge und Lawinen.

«Es wurde allerdings nicht bedacht, dass Fichten bedeutend mehr zur Fäulnis neigen als Laubbäume», erklärt Norman Nigsch. Langfristig wird in Liechtenstein deshalb das Ziel verfolgt, wieder naturgetreue Laubmischwälder anzupflanzen – mit Buchen, Eschen, Ahorn, Lerchen und Föhren. Gleichzeitig soll damit auch eine abwechslungsreichere Nahrungsgrundlage für Tiere geschaffen werden.

Alles in allem verfolgt die radikale Abholzung also einen guten Zweck – auch wenn es wohl noch sehr, sehr lange dauern wird, bis sich die neuen Mischwälder in ihrer ganzen Pracht präsentieren.







» zurück

Aus der easy.wdss.de, gedruckt am: So, 12.10.2008 © easy.wdss • Besuchen Sie die www.weitblick.net unter www.weitblick.netBildschirm-Version

< zurück | nach oben scrollen^