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Kürzungen bei Schweizer Luchsprojekt

Deutliche Spuren hinterlassen

Nach drei Jahren wird das Budget der Luchs-Wiederansiedlung massiv gekürzt - Populations noch nicht gesichert Das Projekt Luchsumsiedlung Nordostschweiz («Luno») reduziert, aber nicht aufgegeben. Mit der Entwicklung zeigt sich der Projektverantwortliche Klaus Robin zufrieden - auch wenn das Ziel noch nicht erreicht ist.

Martin Steinegger, St. Galler Tagblatt, 15.12.03

«Es war unser ehrgeiziges Ziel, in diesen drei Jahren eine sich selbst erhaltende Luchspopulation in der Nordostschweiz zu gründen», sagt der Uzner Wildtierbiologe Klaus Robin. «Wenn man die heutige Situation betrachtet, ist uns das noch nicht gelungen.» Von den neun seit Anfang 2001 in der Nordostschweiz ausgesiedelten Luchsen leben heute fünf in den für sie «vorgesehenen» Gebieten.

Ins Gewicht fällt die Tatsache, dass nur unter den männlichen Tieren Verluste zu beklagen sind. Die Entwicklung sei deshalb mit Unsicherheiten belastet, sagt Klaus Robin. Am Ende sei das Projekt aber nicht. Mitte November war vom strategischen Lenkungsausschuss des Luchsumsiedlungsprojektes, dem die zuständigen Regierungsvertreter aus den Kantonen Zürich, St. Gallen, Thurgau, den beiden Appenzell sowie der Direktor des Buwal angehören, die erste Projektphase abgeschlossen und Phase zwei eingeläutet: «Luno» wird weitergeführt, allerdings mit einem um rund zwei Drittel gekürzten Budget.

Wildbestand reagiert auf Luchs

Seit März 2001 wurden im Zürcher Oberland und im Toggenburg insgesamt neun Luchse aus der Westschweiz angesiedelt. Mit dem Projekt sollten nicht nur der Luchs, sondern auch die Auswirkungen seiner Präsenz auf die Umwelt beobachtet und dokumentiert werden. So wurde beispielsweise die Auswirkung der Luchse auf die Waldentwicklung untersucht. «Da der Luchs einen Einfluss auf das Verhalten der Wildtiere hat, wirkt sich das auch auf den Wald aus, was etwa am Verbiss an den Bäumen beobachtet werden kann», sagt Robin.

Weniger Präsenz im Feld

«Bei den Luchsen selber wurde die Bewegung der Tiere in ihrem Lebensraum, ihr Sozialsystem sowie der Beute-Erwerb beobachtet», sagt Klaus Robin. Die Verfolgung der Luchsaktivität gehe in stark reduziertem Umfang weiter. «Uns stehen weniger Mittel zur Verfügung. Das heisst, unsere Präsenz im Feld wird weniger», erklärt Robin. Statt wie bisher zweimal pro Woche, werde man die Tiere nun einfach alle zwei Wochen im offenen Gelände beobachten. Zudem stehe man in speziellen Fällen, beispielsweise bei der Identifizierung von Rissen an Haus- oder Wildtieren, nach wie vor zur Verfügung. Robin betont, dass es sich dabei nicht um eine Alibi-Übung handle: «Wir werden eine reduzierte, aber nach wie vor wirkungsvolle Beobachtung betreiben.» Beobachtet wurden seit 2001 nicht nur die Luchse. Vielmehr koordinierten die «Luno»-Leute auch die Wildbeobachtung und entwickelten für die Erhebung des Wildbestandes in den Luchsgebieten ein einheitliches Zählsystem. Nach der Reduzierung dürfte dieses von den Kantonen übernommen und weitergeführt werden. «Die entsprechenden Verträge sind bereits in Arbeit», sagt Klaus Robin.

Erste Trends erkannt

Der Vorteil dieser grenzübergreifenden Vereinheitlichung liegt für den Wildtierbiologen auf der Hand: «So können erstmals schlüssige Vergleiche zwischen den Regionen gemacht werden.» Es sei möglich, die Entwicklung der Wildtierpopulation in Luchsgebieten mit jenen Gebieten zu vergleichen, in denen es keine Luchse gebe. Nach drei Jahren Erhebung seien zwar noch keine aussagekräftigen Statistiken verfügbar. Allerdings gebe es bereits Trends zu beobachten: In «luchslosen» Gebieten steigt die Wildpopulation eher; in Gebieten mit Luchsen nimmt sie eher ab. Aufgegeben wird das Begleitprojekt, bei dem die Auswirkung des Luchses auf die Auerhahn-Population in der Nordostschweiz untersucht wurde - es hat schlicht nichts ergeben.

Einzigartiges Projekt

Rückblickend zeigt sich Robin stolz auf das bisher Geleistete: «Ein derart gut dokumentiertes und begleitetes Raubtier-Umsiedlungsprojekt ist in Westeuropa einzigartig.» Es sei aber auch ein gehöriger «Lehrblätz» gewesen, meint er. Vor allem die Informations- und Überzeugungsarbeit in der Bevölkerung sei anspruchsvoll gewesen.

Hoffen auf den Stadt-Luchs

Seit 2001 sind neun Luchse in der Nordostschweiz angesiedelt worden. Danach bereiteten vor allem die Männchen, die Luchskuder, dem Biologen Klaus Robin Kopfzerbrechen: Vino starb an den Folgen einer Herzerkrankung, Rocco gilt als verschollen. Als einziger befindet sich Odin dort, wo er sein sollte. Sein Revier liegt im Alvier-Gebiet, im Südosten des Kantons St. Gallen.

Als besonderer Spezialist hat sich Turo herausgestellt. Er hält sich am Pfannenstiel nahe der Stadt Zürich auf. Dorthin gelangte er nach einer abenteuerlichen Reise, die ihn über mehrere Autobahnen und über den Rhein vom Toggenburg nach Schaffhausen und zurück in die Nähe der Stadt Zürich brachte. «Aktuell bewegt er sich wieder westwärts», sagt Robin. Er spricht in fast bewunderndem Tonfall von Turo. «Das Tier ist sehr speziell.» Andere Luchse würden sich nie in die Nähe von Autobahnen trauen - Turo überquert solche Hindernisse reihenweise. Dennoch wäre es Robin lieber, wenn der Kuder sein «Stadtleben» aufgeben und ostwärts marschieren würde. Dort würde er auf mehrere Weibchen treffen, etwa auf Baya, die drei Junge zur Welt gebracht, oder auf Nura, die ein Junges aufgezogen hat. Um die genetische Vielfalt zu gewährleisten, wäre es laut Robin wichtig, dass Turo sich Richtung Osten bewegen würde. (mst)


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