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Vom Walde draussen

Vom Walde draußen

Erst stirbt der Baum, dann der Mensch - hieß es vor zwanzig Jahren. Horrorszenarien wurden entworfen. Wie geht s eigentlich heute dem Wald?

Frank Junghänel, Berliner Zeitung, 24.12.03

THARANDT, im Dezember. Am Sonnabend hatte Mario Marsch fünfhundert Mitarbeiter der Firma Vodafon im Wald. Sie waren zum kollektiven Weihnachtsbaumschlagen mit integriertem Glühweintrinken in den echten Winterwald nach Tharandt gekommen. Die Weihnachtsfeier im Eventformat wird als Betriebsvergnügen immer beliebter, sagt Marsch, Leiter des Sächsischen Forstamtes Tharandt. In Tharandt, südlich von Dresden, wurde vor zweihundert Jahren der moderne Wald entwickelt. Die Forstakademie dort gilt als die älteste der Welt. Und noch immer bietet der Wald ungeahntes Entwicklungspotenzial. "Für uns ist so eine Weihnachtsfeier im Revier ideal", sagt Marsch, "die Leute geistern hier nicht mit der Axt herum, wir organisieren ihnen das schön und verdienen noch daran."

Für ein paar Tage im Jahr wollen die Deutschen ihrem Wald besonders nahe sein. Dann kaufen, hauen oder klauen sie ein schönes Stück des Waldes und stellen es sich ins Zimmer. Doch wenn die Nadeln fallen, lässt die Zuneigung nach. Wenig später fallen auch die Bäume. Sie fliegen nackt aus den Fenstern. Die Müllabfuhr erledigt den Rest.

Die Menschen haben zum Wald, den sie in ihren Märchen und Liedern besingen, ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits gilt ihnen der deutsche Wald von jeher als romantischer Fluchtort aus der Wirklichkeit; andererseits unterliegt er wie alles in ihrem Leben einem kalkulierten Zweck. Im Winter soll der Wald nicht nur verschneit, sondern auch von gut präparierten Loipen durchzogen sein, im Sommer wäre Vogelgezwitscher schön und im Herbst möchten Pilze, möglichst essbare, aus dem Boden sprießen. Ab und zu ein Hirschbraten wäre angenehm. Die Deutschen lieben ihren Wald, sie brauchen ihn, aber sie verstehen ihn nicht. Die meisten wissen nicht einmal, wem der Wald gehört. Er gehört nicht allen, selbst wenn er frei von Zäunen ist. Mehr als die Hälfte des deutschen Waldes befindet sich in privater Hand. Kommunen, Länder, Bund, Kirche; sie alle besitzen Wald, sie alle wollen von ihm profitieren.

Als Forstexperten 1983 immense Waldschäden feststellten, schien die Lage erschreckend klar zu sein: "Wenn gegen den Sauren Regen nichts unternommen wird, verwandeln sich in zwanzig, vielleicht schon in zehn Jahren, Deutschlands Forste in Gespensterwälder", war damals nicht nur in der Münchener Abendzeitung zu lesen, es stand in jeder westdeutschen Zeitung. "Mit dem Wald wird auch der Mensch sterben." Das klang eindeutig, auch für den Osten. Nie zuvor hatte ein Umweltskandal die Gesellschaft im gesamten geteilten Land getroffen. Die kahlen Kammlagen des Erzgebirges oder die toten Flecken im Schwarzwald konnte jeder sehen, im Fernsehen wie in Wirklichkeit.

Zwanzig Jahre sind jetzt um, vom Waldsterben spricht heute kaum noch jemand. Das Sterben wurde bürokratisiert; es wird jetzt erfasst, bearbeitet und abgeheftet. Einmal im Jahr veröffentlicht die Bundesregierung ihren Waldzustandsbericht, der den Zeitungen nur wenige Zeilen wert ist. Die Politiker verstehen den Wald ja auch nicht. Vor einem halben Jahr erklärte die Ministerin Renate Künast, das Waldsterben sei gestoppt: "Wir haben den Trend umgekehrt". Vor einer Woche erklärte ihr Staatssekretär, dem Wald gehe es so schlecht wie lange nicht.

Der Wald lebt, der Wald stirbt. Er schert sich weder um grüne Ministerinnen noch um Legislaturperioden. "Die Politik rechnet in kurzen Fristen", sagt Michael Müller, Professor für Forstschutz. "Wir rechnen in Zeiträumen von wenigstens hundert Jahren." Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wird in Tharandt der Gesundheitszustand des Waldes wissenschaftlich beobachtet. Indizien dafür, dass mit dem Wald etwas nicht stimmt, gab es schon lange vorher. Bereits 1699 hatte ein Pfarrer Lehmann verdächtige Zeichen erkannt: "Giftiger Thau fällt auf die Wälder und verursacht eine große Fäulnis". Die systematische Rauchschadensforschung begann 1864 an der neu gebauten Eisenbahnstrecke von Dresden nach Tharandt. Der Schwefeldampf der Lokomotiven brachte die an den Gleisen wachsenden Fichten reihenweise um.

Seit dieser Zeit ist viel passiert, auf der Welt, im Wald und in Tharandt. Sowohl der Wald als auch die Forsthochschule haben es überstanden. Und nun fällt Müllers Blick auf diese aktuelle Schlagzeile: "Der Wald stirbt immer noch".

"Ja, der Wald stirbt immer noch", sagt er, "aber er lebt eben auch immer noch." Waren die apokalyptischen Szenarien vor zwanzig Jahren übertrieben? "Die Wissenschaft hat gesagt, wenn wir so weiter machen, werden wir in bestimmten Gegenden, etwa in den Kammlagen der Gebirge, große Probleme bekommen", sagt der Professor. "Die hatten wir ja auch. Von einem totalen Waldsterben war nie die Rede. Das wurde in den Medien überspitzt dargestellt."

Also alles halb so schlimm? "Es war schlimm, aber es hat sich in den Jahren enorm viel getan", sagt Müller, "wir haben eben nicht so weiter gemacht". Autos bekamen Katalysatoren, Kraftwerke Filter. Es war Innenminister Friedrich Zimmermann von der CSU, der 1983 die so wirksame Großfeuerungsanlagen-Verordnung durchsetzte, in deren Folge der Ausstoß an Schwefeldioxid minimiert wurde. Nach dem Kollaps des Ostblocks wurden auch Kraftwerke in Polen, Tschechien und der früheren DDR mit Schwefelfiltern nachgerüstet; finanziert von der Europäischen Union.

"Die klassischen Rauchschäden spielen heute nicht mehr die Rolle", sagt Müller. "Die Nadelhölzer im Erzgebirge haben sich gut erholt." Die Gespensterwälder, die es ja tatsächlich gab, wurden aufgeforstet. Aber es ist im Wald nicht alles gut, was für den Spaziergänger gut aussieht. "Im Moment haben wir ganz andere Probleme", sagt Müller. Er zeigt ein paar Fotografien, auf denen ein Schmetterling zu sehen ist, es ist die Nonne, deren Larven Nadeln und Blätter zu sich nehmen. Die Nonne frisst die Wälder und auch das ist im Grunde nicht neu. "Wir wissen, dass sich dieses Insekt alle elf Jahre in Massen vermehrt", sagt Müller, "nach zwei Jahren stirbt die Nonne wieder ab, immer. Die Frage ist, ob dann der Wald noch steht."

Die Nonne und der Borkenkäfer sind jedoch nicht Verursacher, sie sind die Nutznießer der so genannten neuartigen Waldschäden. Ursächlich macht heute vor allem Stickstoff den Bäumen zu schaffen. Der Stickstoffüberschuss im Boden, er entsteht durch intensive Landwirtschaft und in Folge des Autoverkehrs, führt zunächst dazu, dass die Bäume schneller wachsen, als es für sie gesund wäre. Stickstoff ist ein Nährstoff, der bei einem Überangebot andere Spurenelemente wie Magnesium und Kalium verdrängt. Die einseitige Ernährung des Baumes schwächt seine Stabilität und seine Abwehrkräfte. Trockenheit und Hitze taten in diesem Jahr ein Übriges. Der Baum war ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer.

Doch sollte man ihn nicht dämonisieren. "Diese Tierchen sind hier heimisch", sagt Michael Müller, "sie gehören in unsere Wälder." In einem funktionierenden Ökosystem seien sie notwendig, um Lichtungen zu schaffen, den Wald aufzulockern. Schädlich seien sie streng genommen nicht für den Wald, sondern für die idyllischen Vorstellungen, die sich der Mensch von seinem Wald macht. Der gesunde Wald ist eine Projektion. Es hat ihn nie gegeben. Wo der Wald lebt, kränkelt er auch. Aber er muss nicht an jeder Krankheit sterben. Eine Kiefer, die achtzig Prozent ihrer Nadeln verloren hat, kann sich wieder erholen, wenn die Umstände es erlauben.

Wie man es auch betrachtet, vom Borkenkäfer wird im nächsten Jahr noch viel zu hören sein. Vom Waldumbau auch - seit der Steinzeit baut der Mensch den Wald um, passt ihn seinen Bedürfnissen an. Wobei Umbau lange Zeit nichts anderes als Abbau hieß. Von Natur aus war das Tiefland bis in die Mittelgebirge hinein mit Laubbäumen bewachsen. Fichten und Kiefern kamen nur in den Kammlagen vor. An der Wende zum 19. Jahrhundert drohte allerdings in absehbarer Zeit gar nichts mehr vorzukommen. "Es gab eine Holzkrise", sagt Amtsleiter Mario Marsch, der in Tharandt nebenbei auch Forstgeschichte lehrt.

In dieser kritischen Situation erfand der sächsische Gelehrte Hans Carl von Carlowitz die Nachhaltigkeit. Was als Begriff "sustainable development" 1992 bei der UNO-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro international groß herauskam, hat seinen Ursprung im Tharandter Forst. Dieser Wald war vor zweihundert Jahren das erste Gebiet, in dem das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung praktisch umgesetzt wurde. Jeder gefällte Baum verlangt nach einem neuen. Da die Fichte schnell wächst, enstanden überall Fichtenwälder; riesige Monokulturen, anfällig für Krankheiten.

Deshalb wird der Wald zurzeit erneut umgebaut. Die ausschließlich auf Nutzung ausgerichtete Philosophie des 19. Jahrhunderts wird von der des multifunktionalen Waldes abgelöst. Heute soll ein Wald nicht nur Holz liefern, er muss dem Naturschutz genügen, als Erholungsgelände dienen, gefährdete Tierarten beherrbergen und er soll bei allem auch noch Gewinn abwerfen.

Der moderne Mischwald ist das Ziel. Mario Marsch hat im Tharandter Forst abertausende Rotbuchen, die Mutter des Waldes genannt, angesiedelt. Sie bilden bereits das Unterholz der Fichten. Insgesamt soll sich in Sachsen die Waldfläche in näherer Zukunft um drei Prozent erhöhen. Erosionsflächen, die vor anderthalb Jahren für die Hochwasserkatastrophe im Tal der Weißeritz mitverantwortlich waren, wurden aufgeforstet. Mischwälder können mehr Feuchtigkeit aufnehmen.

Im Tharandter Forst ist nicht nur die Vergangenheit des Waldes zu besichtigen, und zwar konkret an einem Fichtenstreifen, der als Naturdenkmal erhalten bleibt, hier hat auch dessen Zukunft begonnen.

Der Wald ist in Bewegung, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. Mario Marsch führt zu frisch angelegten Teichen, wo der Fischotter wieder heimisch ist, er zeigt Weihnachtsbaumplantagen, Sägewerke, eine Wildverkaufsstelle und Erlebnispfade. Er kann auch schon die Fichte präsentieren, die für den Dresdner Striezelmarkt vom nächsten Jahr vorgesehen ist. Sie wächst planmäßig heran. Der Forstamtsleiter sagt: "Wir arbeiten mit einer Werbeagentur an einem Corporate Design, das dann für alle Produkte unseres Waldes gültig ist".

Um die Lebenserwartung des gefällten Weihnachtsbaumes künstlich zu verlängern, empfehlen Tahrandter Forstwissenschaftler, ihn in einen Eimer Wasser zu stellen. Täglich zwei Löffel Zucker dazu geben.


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