AktuellWildschweine in der Schweiz
Wildschweine fühlen sich wohl in der SchweizWildtiere Sich rasch ausbreitende Bestände machen auch der Romandie zunehmend zu schaffenDas Wildschwein erobert seinen Lebensraum zurück. Nicht nur in den Mittellandkantonen Aargau, Solothurn und Baselland wird es zum Problem. Neuenburg plant sogar ein Spezialpatent für die Wildschweinjagd. Denise Lachat Pfister, Mittelland Zeitung, Mittwoch 31. Dezember 2003 Schweizer Wälder sind für Wildschweine ein veritables Schlaraffenland. Buchnüsse und Eicheln sind in Hülle und Fülle vorhanden, seit ein natürlicherer Waldbau nicht nur Nadel-, sondern auch wieder Laubbäume spriessen lässt. Der Schweizer Wald wird zudem zusehends «produktiver», wie Reinhard Schnidrig vom Bereich Wildtiere im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) sagt. Überdies futtern die Wildschweine konkurrenzlos, seit die Bauern ihre domestizierten Artgenossen nicht mehr zum Fressen in den Wald treiben, wie dies im 19. Jahrhundert üblich war. Damals wurden die Wildschweine bei uns auch stark bejagt und schliesslich ausgerottet. Doch nun kehren sie wieder zurück, vor allem aus Frankreich und aus Deutschland. Wenig begeistert von dieser im Grunde erfreulichen Tatsache sind die Bauern. Die cleveren Schweine haben ihren Speisezettel nämlich ungeniert um knackigen Mais, frisch gepflanzten Salat und süsse Trauben erweitert. Auf den gedüngten Fettwiesen finden die Allesfresser zudem reichlich Käfer und Würmer. Dass die Tiere dafür mit dem Rüssel den Boden regelrecht umpflügen, ist im Wald erwünscht. Die in Wiesen und Weiden gegrabenen Löcher hingegen behindern die Landwirte bei der Arbeit mit den Maschinen. Fast 3 Millionen Franken Schäden Die Schäden am Kulturland betrugen im Jahr 2002 gesamtschweizerisch 2,8 Millionen Franken. 1992 war es noch eine Million. Die Zahlen steigen in dem Masse, wie sich die Tiere vermehren. Rasch zugenommen hat ihre Zahl ab den späten 1960er-Jahren, als die Maisanbaufläche in der Schweiz ausgedehnt wurde. Aufschluss über die rasante Entwicklung gibt die Jagdstatistik: Wurden 1992 noch 1000 Tiere geschossen, waren es zehn Jahre später bereits 6200. Dem Verdacht, die Wildschweine würden lediglich stärker bejagt, widerspricht die Unfallstatistik. Sie verläuft parallel zur Jagdstatistik: 180 Tiere starben 1992 bei Strassenunfällen, 500 waren es im Jahr 2002. Heimisch sind die Wildschweine bisher vorab in den Grenzkantonen zu Frankreich und Deutschland, im Gürtel von Genf über Schaffhausen bis in den Süden St. Gallens. Stoppen kann die Ausbreitung der Tiere, die auch Flüsse durchschwimmen, höchstens eine Autobahn. Lange markierte die A1 die Grenze zum Wildschwein-Territorium. Inzwischen haben die Tiere aber - zum Glück für Mensch und Tier angesichts der gefährlichen Unfälle - Übergänge über Wildbrücken gefunden. Von Maisgaben bis zu Elektrozäunen Die Kantone, die in der Regel für die Schäden der Landwirte aufkommen, haben gegen «das Problem Wildschwein» unterschiedliche Massnahmen ergriffen. In Genf etwa, wo die Jagd fünf staatlichen Wildhütern vorbehalten ist, werden die Wildschweine zum Teil durch Maisgaben im Wald von den Feldern ferngehalten, und Winzer sichern teure Rebsorten sogar mit Elektrozäunen. Der Kanton Neuenburg plant die Einführung eines Spezialpatents für die Wildschweinjagd, um den Bestand der Tiere besser kontrollieren zu können. Dass die Neuenburger Jäger mit dem Referendum dagegen kämpfen, hat nicht nur sachliche Gründe. Sie sind verärgert, weil das Departement «vergessen» hat, sie als Direktbetroffene zu konsultieren. Schlaue Tiere passen sich Jägern an Tatsächlich lässt sich die Zahl der Wildschweine laut Reinhard Schnidrig vom Buwal nur durch eine gezielte Jagd effizient regulieren. So müssten bis zu 90 Prozent der jungen (maximal zwei Jahre) und etwa zehn Prozent der älteren Tiere, keinesfalls aber die Leitbachen, geschossen werden. Leitbachen sind die Chefinnen der im Matriarchat organisierten Rotten (Gruppen) und bringen auch Ordnung in die Paarung. Fallen die Rotten auseinander, vermehren sich die Tiere unkontrolliert und damit noch rascher. Die neue Wildart stellt neue Anforderungen an die Jäger, bestätigt Biologe Schnidrig, «die Tiere sind intelligent und passen sich dem Jäger an». In einer vom Bund geleiteten Arbeitsgruppe werden derzeit kantonale Erfahrungen zusammengetragen. Das Resultat soll im März unter dem Titel «Praxishilfe Wildschwein» vorliegen. Spaziergänger brauchen sich trotz des kürzlichen Vorfalls im Aargau, wo ein Mann von einem verletzten Wildschwein angegriffen worden war (die MZ berichtete), nicht zu sorgen. In der Regel meiden sie die Menschen, weil ihnen diese viel zu laut sind. So suchen die Tiere im Sommer gerne ein ruhiges Plätzchen ausserhalb der von Joggern und Bikern bevölkerten Wälder. Zum Beispiel mitten im Maisfeld. Keine Angst Wildschweine meiden in der Regel die Menschen. » zurück |
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