AktuellÖkol. Umbau im Reichswald
Revier ,aufgemischt'Förster schaffte ökologischen Umbau im ReichswaldMARKUS JÄKEL, Nürnberger Nachrichten, 31.12.03 Der Bund Naturschutz ist stolz auf den gelungenen "Umbau" des Nürnberger Reichswaldes dank eines staatlichen Förderprogrammes. Der in 20 Jahren aufgebaute Mischwald sei heute nicht nur gesünder und schöner, lobt BN-Vorsitzender Hubert Weiger, sondern auch weniger anfällig für Schädlinge und Waldbrand. Auch ein Rückersdorfer Förster hat frühzeitig die Chancen der Vielfalt erkannt und ist ökologisch "aktiv" geworden. RÜCKERSDORF - Wenn Helmut Reingruber frische Luft inhaliert und jeden Morgen durch den Wald streift, ist er in seinem Element. "Das hält mich jung und gesund. Ich war seit 30 Jahren nicht mehr bei einem Arzt", sagt der 65-Jährige überzeugend. Und obwohl seit wenigen Wochen im Ruhestand, lässt es sich der ehemalige Leiter der Dienststelle Rückersdorf des Altdorfer Forstamtes (Kreis Nürnberger Land) nicht nehmen, mit Argusaugen "sein" Revier zu inspizieren. Er kennt jeden Winkel Meist sehr früh verlässt er das Forsthaus, in dem er noch zur Miete wohnt. Denn sein eigentliches Zuhause ist der Wald. Hier kennt er jeden Winkel, fast Blatt, jede Pflanze. Mit seinem Schuh schiebt er vorsichtig das feuchte Laub weg, durchwühlt mit seinen Händen den Boden und schnuppert an der schwarzen Erde. "Wie frisch und gesund das duftet. Da sind mehr Organismen drin, als es Menschen auf der Welt gibt", schwärmt Reingruber. Mikroorganismen, die Laub zersetzen und so Humus erzeugen, haben ganze Arbeit geleistet. Nichts erinnert mehr an den trockenen, ausgebleichten Sandsteinboden, der mit seiner spärlichen Vegetation aus Moosen und Flechten für den Nürnberger Reichswald typisch ist. Über die bunte Mischung aus Laub- und Nadelbäumen, die sich vor ihm erstreckt, strahlt Helmut Reingruber. Kiefern und Tannen bilden mit Eichen, Buchen und Ahorn sowie Farnen, Sträuchern und Beeren einen natürlichen Lebensraum. "Ein vitaler, robuster Mischwald verkraftet sogar extreme Hitzeperioden wie in diesem Sommer", sagt Reingruber stolz. Kräftig verjüngt Doch dafür hat der pensionierte Revierleiter jahrelang geackert. Denn die über Jahrhunderte gesäte und gepflegte Monokultur von Kiefern, denen der Reichswald den Namen "Steckerlaswald" verdankt, hat auch im Boden ihre Spuren hinterlassen. "Lange waren Forstexperten der Meinung, dass auf dem sandigen Boden nichts anderes wächst, als Nadelbäume", erinnert er sich. Verjüngt und aufgeforstet wurde nur mit Fichten. Der Wald diente vor allem als Holzlieferant. Erst Naturkatastrophen wie der verheerende Orkan Wiebke oder die Borkenkäferinvasion veranlassten seiner Ansicht nach endgültig zum Umdenken. Doch als einer der Ersten hat der vielseitig interessierte Förster, der sich seit jeher mit Naturphilosophie beschäftigt, sein rund 1500 Hektar großes Revier mit Laubbäumen aufgemischt: bereits 1973 bei seinem Dienstantritt in Rückersdorf. Und das flächendeckend. "Das war viel Arbeit, denn einen Wald umzustrukturieren, ist ein langwieriger Prozess", sagt er. Junge Bäume hat er über Jahre gepflanzt und Laub ausgestreut, damit der Boden nährstoffreich wird. Zentnerweise Eicheln hat er in den Wald geschleppt. "Mit ein bisschen Anschub hilft sich die Natur dann selbst", sagt er und spielt auf den Eichelhäher an. Der Vogel hat die Samen über das Revier verstreut. Das Wild musste mangels natürlicher Feinde im Bestand dezimiert werden, damit es die jungen Triebe nicht anfrisst. Die Mühe hat sich gelohnt. Die bio logische Vielfalt und der Artenreichtum sorgen für eine gesunde Öko-Struktur mit einem besseren Grundwasserspeicher. Nach mittlerweile 30 Jahren regelt der Mischwald sein biologisches Gleichgewicht selbst. Ganz ohne Menschenhand. Reingruber kann sich über die Früchte seiner Arbeit freuen. Heute ist sein ehemaliges Revier ein gelungenes Beispiel für den ökologischen Waldumbau, der seit 30 Jahren von Naturschützern gefordert und seit 20 Jahren von den Forstbehörden gefördert wird. Und der mit staatlichen Mitteln in die Wege geleitet wurde, um die Nachteile der Monokultur wieder auszubügeln und den Reichswald nach und nach zu dem vitalen Mischwald zu machen, der er einst einmal war. "Ein Förster ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern eine Investition in die natürlichen Ressourcen vor unserer Haustür", sagt Reingruber. Für ihn hat der Reichswald als "Grüne Lunge" für Erholungssuchende unschätzbaren Wert. Deshalb wurmen ihn auch die aktuellen Spardiskussionen, in denen über eine Privatisierung der staatlichen Wälder nachgedacht wird: "Dann wird der Wald zur reinen Holzplantage und es droht ein Kahlschlag, nur um große Gewinne einzufahren." » zurück |
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