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Aktuell
Rückkehr des Wolfes
Die Wölfe sind zurück
Bundesumweltministerium, Berlin, 05.12.2004
Der Wolf hatte ursprünglich eines der größten Verbreitungsgebiete aller Säugetiere. Ganz Nordamerika, Europa und Asien waren nördlich des 20. Breitengrades von den Tieren besiedelt. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts und vor allem nach dem 2. Weltkrieg wurde der Wolf jedoch in weiten Teilen Europas ausgerottet.
Nur auf der Iberischen Halbinsel, in Finnland, auf dem Balkan und in Italien überlebten die Raubtiere bis heute. Von dort und aus Osteuropa, wo noch heute größere Bestände vorkommen, kehrt Isegrim nun in seine alte Heimat zurück. Die Einführung von Schonzeiten und Schutzbestimmungen in vielen Ländern seit den 70iger Jahren und schließlich die strenge Unterschutzstellung in den meisten Staaten der EU durch die Berner Konvention von 1979 haben ermöglicht, dass sich in Skandinavien, Frankreich und Deutschland wieder einige Wolfsrudel niedergelassen haben.
Ist der Heimkehrer gefährlich? - Märchen, Mythen, Fakten
"Unter die Wölfe fallen" oder "mit den Wölfen heulen" - selbst die Alltagssprache spiegelt das negative Bild wider, das die meisten Menschen vom Wolf haben. Auch wenn seit einigen Jahren immer mehr Menschen im Wolf das Symbol einer wilden unberührten Natur sehen, so bleibt doch das Bild der reißenden Bestie vorherrschend, die neben Rotkäppchens Großmutter auch alles andere verschlingt, dessen sie habhaft werden kann.
Hinter solchen Vorstellungen bleibt die wahre Natur des Wolfes im Allgemeinen verborgen. Nach einer großen internationalen Studie, die das Norwegische Institut für Naturforschung 2002 über Wolfsangriffe auf Menschen vorgelegt hat, bleibt von der Idee der gefährlichen und angriffslustigen Bestie nichts übrig. Obwohl in ganz Europa etwa 18 000 bis 20 000 Wölfe leben, konnten die Experten keine glaubwürdig belegten Fälle finden, bei denen in den letzten 50 Jahren Menschen von einem Wolf angegriffen und verletzt oder gar getötet wurden. Die sehr seltenen Ausnahmen (9 Fälle) betrafen Tiere, die Tollwut hatten oder etwa in ihrer Höhle in die Enge getrieben wurden. Aus Nordamerika, wo mit etwa 60 000 Tieren weltweit die meisten Wölfe leben, ist überhaupt kein Fall bekannt, in dem ein freilebender Wolf einen Menschen angegriffen und getötet hat.
Was bisher geschah - Wölfe in der Lausitz
Der so genannte "Tiger von Sabrod" galt bis vor kurzem als der letzte deutsche Wolf. Er wurde 1904 bei Hoyerswerda geschossen. Seitdem sind immer wieder Wölfe aus den östlichen Nachbarländern nach Deutschland herübergewechselt - 22 zwischen 1945 und 1990 erlegte Tiere belegen das.
Eine Wiederbesiedlung gelang den Wölfen jedoch erst vor wenigen Jahren. Revierförster beobachteten 2000 auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in Sachsen erstmals ein Paar mit 4 Welpen. Seitdem gab es dort in jedem Frühjahr Nachwuchs. Insgesamt 14 Wolfswelpen haben bislang in der Muskauer Heide das Licht der Welt erblickt. Die meisten von ihnen sind nach Erreichen der Geschlechtsreife mit etwa 2 Jahren abgewandert. Eines der 2000 geborenen Weibchen hat sich allerdings in der Nähe der Eltern angesiedelt und bei Neustadt ein eigenes Revier besetzt. Dort zeugte sie 2003 mit einem Hunderüden neun Welpen.
Diese Wolf-Hund-Mischlinge sind mittlerweile fast alle gestorben. Nur ein Weibchen lebt noch in einem Gehege im Nationalpark Bayrischer Wald. Ihre Mutter, die Neustädter Wölfin, konnte in diesem Jahr gemeinsam mit einem Wolfsrüden beobachtet werden. Ob es sich dabei um einen Bruder oder ein aus Polen zugewandertes Tier handelt, soll durch Analyse des Erbmaterials geklärt werden.
Zusammen mit dem Muskauer Heide Rudel, das neben den beiden Eltern vier bis fünf mittlerweile eineinhalbjährige Jungtiere aus dem letzten Jahr umfasst, leben in Sachsen derzeit also acht bis neun Wölfe. Hinzu kommen möglicherweise die drei Nachkommen von 2002, die sich vielleicht noch in der Gegend aufhalten. Ob die Muskauer Heide Wölfe in diesem Jahr Welpen haben ist noch unbekannt.
Wie geht es weiter? - Passt der Wolf ins moderne Mitteleuropa?
Das moderne dichtbesiedelte Mitteleuropa scheint kein Platz zu sein für ein Wildtier, das im Allgemeinen mit weiten unberührten Wäldern in Verbindung gebracht wird. Doch auch wenn solche Wälder für Wölfe ein sehr vorteilhafter Lebensraum sind, so sind die Tiere keineswegs an diese gebunden.
Tatsächlich sind Wölfe so anpassungsfähig, dass es nahezu keinen Lebensraumtyp gibt, den diese Wildhunde nicht besiedeln. Letztlich können Wölfe überall dort vorkommen, wo sie genügend Nahrung finden und nicht durch Menschen vertrieben werden. Dabei stört die Wölfe die bloße Nähe von Menschen keineswegs.
Wie Beobachtungen aus Italien und Rumänien zeigen, können sich die Tiere auch in unmittelbarer Nähe von Städten und Dörfern aufhalten. Die scheuen Tiere vermeiden dabei allerdings jede Begegnung, so dass die Menschen von der Existenz ihrer heimlichen Nachbarn gar nichts wissen.
Eine weitere Ausbreitung von Wölfen ist in Mitteleuropa prinzipiell möglich, weil es vielfach sehr hohe Wilddichten gibt. Der Anspruch der Wölfe an die Größe ihrer Territorien hängt ebenfalls fast nur von der Größe und der Dichte der Beutetiere ab. In Europa schwankt die Reviergröße zwischen 100 und 500 Quadratkilometern. Ein Hinderungsgrund für die weitere Ausbreitung könnte zunächst das Fehlen von Fortpflanzungspartnern sein. Da Wölfe sich normalerweise nicht mit engen Verwandten paaren, werden Jungtiere, die aus dem Revier der Eltern abwandern, sich vor allem dort ansiedeln und ein eigenes Rudel gründen, wo sie auf nichtverwandte Wölfe treffen.
Der entscheidende Faktor für die weitere Ausbreitung der Wölfe in Mitteleuropa ist jedoch die Einstellung der Menschen. Denn die Erfahrungen aus anderen Ländern haben gezeigt, dass Wölfe nur dort langfristig eine Chance haben, wo die Bevölkerung vor Ort ihre Gegenwart akzeptiert oder zumindest toleriert.
Eine Koexistenz von Wolf und Mensch ist möglich: Wolfsmanagement
Beobachtungen aus den italienischen Abruzzen und den rumänischen Karpaten zeigen, dass eine Koexistenz von Wölfen und Menschen möglich ist. In beiden Regionen leben Wölfe und Menschen seit langem auf engem Raum, ohne dass es zu nennenswerten Konflikten kommt. Lediglich die Schäfer verlieren gelegentlich einige ihrer Tiere an die Wölfe.
In Italien ist deshalb die Entschädigung der Schafhalter gesetzlich geregelt. Auch in Sachsen haben die Wölfe einige Schafe gerissen. Die Halter wurden daraufhin entschädigt. Da Verluste von Haustieren durch Wölfe ein wesentliches Problem für die Akzeptanz von Wölfen darstellen, ist die Lösung dieses Konfliktes eine Hauptaufgabe des Wolfsmanagements. Darunter werden alle Maßnahmen verstanden, die notwendig sind, um Probleme, die durch Wölfe entstehen könnten, zu verhindern oder zu lösen.
Neben der Regelung von Entschädigungen gehört dazu vor allem die Aufklärung über die Eigenarten der Wölfe und die Möglichkeiten einer Schadensvorbeugung. So lassen sich Schafherden durch Elektrozäune mit zusätzlicher optischer Markierung gut gegen Wölfe schützen. Die gerissenen Schafe in Sachsen waren dagegen gar nicht oder nur unzureichend geschützt.
Mit der Beratung der Bevölkerung in der Lausitz ist seit 2002 das Wildbiologische Expertenbüro "Lupus" durch das sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft beauftragt. Zu dessen Aufgaben zählt außerdem die Beobachtung der Bestandsentwicklung und der Wanderbewegungen der Wölfe sowie die Aufklärung über Wölfe in den Medien.
Um zukünftig Entscheidungsgrundlagen für angemessenes Verwaltungshandeln in Bezug auf Wolfsvorkommen zu haben, wird das Bundesumweltministerium 2005 die Entwicklung eines "Managementplans für den Wolf in Deutschland" in Auftrag geben, der 2006 vorgelegt werden soll.
Der Wolf als Jäger - welchen Einfluss hat er auf das Wild
Wölfe ernähren sich vorwiegend von Huftieren, die das Rudel in gemeinschaftlicher Jagd erbeutet. Doch ähnlich wie bei der Wahl des Lebensraumes erweist sich der Wolf auch beim Fressen als wenig wählerisch. Rehe und Mäuse, selbst Insekten und Aas stehen auf dem Speisezettel. Was die Wölfe fressen, hängt letztlich davon ab, welche Tiere sie in ihrem Revier finden.
In Sachsen jagen die Wölfe nur wenige Arten. Das zeigte eine Untersuchung der unverdauten Haare im Kot der Wölfe durch den Zoologen Hermann Ansorge am Staatlichen Museum für Naturkunde in Görlitz. Demnach machen Rehe die Hälfte der Beutetiere aus, ein Drittel sind Rothirsche und ein Viertel Wildschweine. Hinzu kommen mit geringen Anteilen zwischen ein und fünf Prozent Mufflons, Feldhasen, Kleinsäuger und Fische.
Die deutschen Wölfe ernähren sich damit sehr ähnlich wie ihre Artgenossen in Finnland, Weißrussland und Polen. Auch dort fressen die Raubtiere vorwiegend wildlebende Huftiere. Aus dem polnischen Urwald Bialowieza ist darüber hinaus bekannt, dass beim Rotwild und den Wildschweinen vorwiegend Jungtiere gerissen werden. Die Wölfe entnehmen in Bialowieza beim Rotwild etwa 12 Prozent und bei den Rehen etwa 3 Prozent des Frühjahrs- und Sommerbestands. Deshalb können Reh- und Rotwild nicht die hohen Bevölkerungszahlen erreichen, wie sie durch das Angebot an pflanzlicher Nahrung möglich wären. Eine starke Nahrungskonkurrenz zwischen den Pflanzenfressern mit den Folgen einer verschlechterten Konstitution und erhöhter Krankheitsanfälligkeit, wird so durch die Wölfe verhindert.
Weltweit ist die Verfolgung durch den Menschen noch immer die größte Bedrohung für Wölfe. Obwohl der Wolf heute in den meisten europäischen Ländern streng geschützt ist, fallen viele Tiere der Wilderei zum Opfer. In Ostpolen und Italien sind dies jährlich bis zu 20 Prozent des Bestands. Dort wo die Wolfsbevölkerung sehr klein ist - wie in Deutschland - kommt ein weiteres Risiko hinzu. Bereits durch zufällige Ereignisse wie harte Winter oder Krankheiten können alle Wölfe einer Region aussterben. Deshalb ist für den Schutz der deutschen Wölfe die Zusammenarbeit mit polnischen Experten und Behörden besonders wichtig.
In Sachsen ist 2003 eine weitere Gefahr deutlich geworden; die Paarung von Wölfen mit Haushunden. Diese kommt gelegentlich vor, weil Wölfe und Hunde sehr eng miteinander verwandt sind. Da die dabei gezeugten Mischlinge fruchtbar sind, kann es zu weiteren Verpaarungen mit Wölfen kommen. Bei sehr kleinen Beständen kann das dazu führen, dass nach einiger Zeit in der Region kaum noch echte Wölfe vorhanden sind.
Deshalb sollten Wolf-Hund-Mischlinge nach einhelliger Auffassung der Experten aus dem Bestand entfernt werden. Diese Maßnahme ist auch zu erwägen, wenn Einzeltiere zum Problem werden, etwa weil sie regelmäßig Schafe töten. Mit Zustimmung der Naturschutzbehörden kann in solchen Fällen eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden. Ansonsten ist der Wolf jedoch durch europäisches Recht (Berner Konvention und FFH-Richtlinie) sowie durch die Bundesartenschutzverordnung in Verbindung mit dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt und wird in Deutschland als "vom Aussterben bedrohte Art" geführt.
Weiterführende Informationen:
www.bmu.de
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