|
Aktuell
NABU-Stiftung für Flächenkauf
Neue Stiftung setzt auf Flächenkauf
Naturschutzbund rettet mit Spenden wertvolle Lebensräume
Von Stephan Börnecke, Frankfurter Rundschau, 27.12.04
Auch das europäische Naturschutznetz Natura 2000 wird nicht verhindern, dass sich der Staat aus der Verantwortung für die Natur immer weiter zurückzieht. Private Initiative für Arten- und Lebensraumschutz ist gefragt: Naturschützer kaufen Land und geben es der Natur und damit dem Menschen zurück. Um diesen Prozess anzukurbeln, hat der hessische Naturschutzbund Nabu eine Stiftung gegründet.
Am Anfang, erzählt Hartmut Mai, Landesgeschäftsführer des Naturschutzbundes (Nabu), stand eine Erkenntnis, die eine Umweltorganisation vor ein Dilemma stellt: "Die Menschen finden den Naturschutz gut." Aber wenn sie spenden, sagt Mai, "dann haben sie die Befürchtung, dass ihr Geld für politische Aktivitäten verbraten wird. Sie wollen, dass ihre Spende nachhaltiger wirkt, sie wollen ein Stück Heimat bewahren."
Das aber ist nur dann möglich, wenn nicht der Staat oder ein Privatbesitzer Eigner einer bestimmten, für den Arten- und Habitatschutz wichtigen Parzelle ist, sondern nur dann, wenn eine Naturschutzorganisation Eigentümer eines Refugiums ist. Nur dann ist dieser Flecken Erde wirklich sicher vor Zugriffen. Da schließt sich der Kreis: "Die Menschen wollen, dass wir mit ihrer Spende etwas erwerben, das sie angucken und anfassen können." Die Umsetzung dieser Vorgaben ist leichter gesagt als getan, denn eine Umweltorganisation ohne politische Arbeit, die personalintensiv und deshalb teuer ist, wäre kaum denkbar. Dennoch haben Mai und sein kleines Team eine Antwort gefunden: Die politische Arbeit und der Naturschutz auf der Scholle werden getrennt. Hier der Verband mit seinen jetzt knapp 35 000 Mitgliedern, dort die Stiftung Hessisches Naturerbe, die Spenden und Zustiftungen annehmen soll, um sie gezielt und ausschließlich für den Kauf interessanter Biotope zu verwenden.
Dabei ist der Weg, Grundstücke zu kaufen, für eine Naturschutzorganisation wie den Nabu nicht neu. Schon Gründerin Lina Hähnle hatte 1911 am Federsee in Baden-Württemberg Land kaufen lassen, um es vor Naturzerstörung zu bewahren. Und auch die 420 Orts- und 23 Kreisgruppen des hessischen Nabu besitzen heute 2700 Hektar Land. Tümpel, Magerrasen, Vogelschutzgehölze, manche 5000 Quadratmeter groß, andere messen zwei Hektar. "Der Schrotschuss des Naturschutzes in der Landschaft", nennt Mai dieses zwar wichtige, aber wenig koordinierte Eigentumsgebilde.
Vogelsbergteiche gekauft
Land im größeren Stile zu kaufen, das war bisher im Wesentlichen eine Sache der Naturschutzverbände im Osten der Republik, wo etwa Teile von ehemaligen Truppenübungsplätzen an sie übergingen. Im dicht besiedelten Hessen ist das weitaus schwieriger, und dennoch gelang vor kurzem ein Coup: Für rund 630 000 Euro Spendengelder hatte der Nabu im Dezember 2003 zunächst die Vogelsbergteiche kaufen können. Um dieses gerade für Vogelarten wichtige Teichgebiet hatte es zuvor ein Gerangel gegeben: Was hatte unbedingten Vorrang, der Naturschutz oder die Fischerei? Dieser Streit ist ausgeräumt, seit die 52 Hektar Teichlandschaft dem Nabu gehören.
Der überträgt sie nun der Stiftung, die der Nabu bisher jedoch nur mit einem kleinen Startkapital ausstatten konnte. Das soll Zug um Zug vermehrt werden. Spender, Stifter, Erblasser - viele Menschen, das weiß Mai, hielten sich bisher mit Zuwendungen zurück, weil sie zum Beispiel auch mit der Politik des Nabu nicht immer einverstanden waren. "Diese Menschen wollen ein Stück Heimat erhalten", und dafür steht die Stiftung gerade. Und zwar ohne Abstriche: Denn der Nabu-Landesverband wird die Verwaltungskosten der Stiftung übernehmen. Nur Notarkosten und Grunderwerbssteuer müssen abgezogen werden, der Rest "geht eins zu eins in den Flächenkauf".
Damit hat die Stiftung längst begonnen: Zu den bisherigen 180 Hektar des Landesverbands kommen zum Beispiel 23 Hektar Rheinauen-Ufer bei Eltville, wo die Naturschützer einen Au-Wald schaffen wollen. Im Ohm-Becken bei Marburg soll die Radenhäuser Lache (ein Trittstein für Kampfläufer) erworben werden, mit dem Hegeküppel einen Kalkmagerrasen bei Solz, bei Steinau im Kinzigtal ein Fledermaus-Wäldchen und in der Fulda-Aue fünf Hektar nasse Wiesen. Nicht um "Nistkästen für Raufußhühner geht es uns, sondern um ganze Lebensräume", sagt Mai, also um Flächen oberhalb von fünf Hektar. "Dabei sollte man wissen, dass bei uns fünf Hektar so bedeutsam sind wie 500 Hektar im deutschen Osten. "Wir wollen einen Beitrag leisten zum Schutz der Lebensräume und uns zu dieser Verantwortung bekennen." Entscheidend ist, dass dies vor der Haustür passiert: "Viele Menschen geben Geld für Ostafrika. Das ist wichtig. Andere interessiert mehr die eigene Heimat." Genau dort setzt die Stiftung Hessisches Nauturerbe an.
» zurück
|