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Aktuell
Flughafen und Wald
"Den Wald wird es dann nicht mehr geben"
BUND-Sprecherin Brigitte Martin: Nordwest-Landebahn belastet Rhein-Main-Region enorm
Von Markus Lachmann, Allgemeine Zeitung, 30.12.2005
RHEIN-MAIN Halbzeitpause bei der Erörterung zum Flughafenausbau in Offenbach. Der BUND Hessen zeichnet ein düsteres Bild, sollte die Nordwest-Bahn gebaut werden. Wir sprachen mit Sprecherin Brigitte Martin über Fluglärm und die Auswirkungen auf Flora und Fauna.
Sind die Berechnungsmethoden für Fluglärm, die dem Antrag für die Nordwest-Landebahn zugrunde liegen, veraltet?
Martin: Die Berechnungen sind vor allem falsch und beruhen zudem auf einem klaren Bruch der Zusagen in der Mediation. Die Fluglärmbelastung wird mit der viel zu geringen, jetzt beantragten Kapazität von 650 000 statt der möglichen 900 000 Flugbewegungen pro Jahr berechnet. Gerade im südlichen Rüsselsheim, in Nauheim und in Trebur wird es künftig viel lauter werden. Schlicht inakzeptabel ist die Mittelwertbildung über die Anflugrichtungen, mit der der Lärm im Anflug auch über Mainz und die Mainspitze zusätzlich kleingerechnet wird. Besonders problematisch ist der fehlende Rechtsschutz, wenn die Flugrouten nicht ebenfalls planfestgestellt werden. Da können schnell ganz andere Wohngebiete von massivem Fluglärm betroffen sein.
In Offenbach wurde Kritik am Gutachten zur Auswirkung von Fluglärm geübt.
Martin: Die von der Fraport beauftragten vier Professoren haben sich mit der Situation, die uns nach einem Ausbau droht, gar nicht auseinandergesetzt, sondern ihre veraltete und völlig überholte Lehrmeinung doziert. Professor Gerd Jansen musste eingestehen, dass sein "Jansen-Kriterium" auf einer Versuchsanordnung mit zwei gesunden, 35 Jahre alten Männern bestand. Trotzdem behauptet er, dass dieses Kriterium allgemein zur Bestimmung einer Gesundheitsschwelle durch nächtlichen Fluglärm tauge. Neuere Forschungsergebnisse belegen hingegen, dass bei steigendem Fluglärm zuerst empfindliche Personen und dann kontinuierlich immer mehr Menschen geweckt werden. Die meisten Menschen hier wissen auch nicht, dass es nach dem Ausbau mehr Flugbewegungen in der Nacht geben soll als je zuvor. Statt heute 120 sollen dann 150 Nachtflüge stattfinden, die alle in die freien Randstunden von 22 bis 23 und von 5 bis 6 Uhr gepresst werden.
Muss Fraport bei den Lärmgutachten nachbessern?
Martin: Wenn es nach uns geht: ja. Wenn es nach dem Willen der Landesregierung geht: wohl kaum. Roland Koch und Wirtschaftsminister Rhiel fordern ja immer wieder schnelle Genehmigungsverfahren. Kaum vorstellbar, dass sie dann im größten hessischen Genehmigungsverfahren Planungsfehler eingestehen und neue Gutachten fordern.
Rund 300 Hektar Wald sollen für den Flughafenausbau gerodet werden.
Martin: Den Kelsterbacher Wald wird es nach dem Ausbau nicht mehr geben. Südlich des Flughafens sollen weitere 80 Hektar fallen. Der reale Waldverlust wird durch die Folgeerscheinungen wohl eher bei 500 Hektar liegen. Der Verlust an Naherholungsflächen ist gravierend. Der Wald geht als Luftfilter und Wasserreiniger verloren, denn die Aufforstungsflächen liegen überwiegend außerhalb der Region.
Sind die geplanten Ausgleichsmaßnahmen ausreichend?
Martin: Keinesfalls. Der Verlust für den Naturschutz ist nicht zu ersetzen. Die Wälder bestehen seit der Eiszeit und die Bestände sind teilweise uralt. So hat der Bannwald seine besondere Auszeichnung auch dafür bekommen, dass er genau an diesem Ort mit seinen vielfältigen Funktionen für die Menschen und als Lebensraum für die Natur da ist. Der lässt sich nicht verpflanzen. Und ein zweijähriger Baum muss sich erst 150 und mehr Jahre entwickeln, bis er die heute dort stehenden Bäume mit ihren vielfältigen Funktionen ersetzen kann. Ein FFH-Gebiet und ein Vogelschutzgebiet ist durch nichts zu ersetzen.
Was kommt Ihrer Meinung nach an Schadstoffbelastung auf die Region zu?
Martin: Kritisch wird es für die gesamte Rhein-Main-Region von Mainz bis Aschaffenburg und vom Taunus bis zur Bergstraße. Dort steigt die Belastung und dadurch die Gesundheitsgefährdung enorm. Gar nicht untersucht wurde von Fraport die Kombination von steigender Lärm- und Luftschadstoffbelastung. Da zeigen Studien erschreckende Zunahmen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs bei Nichtrauchern oder auch einen Zusammenhang mit der Zunahme des plötzlichen Kindstods. Das kann man dann nicht wie die Gutachterin von Fraport mit "Populationsrisiko im Rhein-Main-Gebiet" abtun.
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