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Aktuell

Schweizer Naturpark-Konzepte

Neue Naturpärke als Chance für die Regionalentwicklung

Die Kombination von Schutz- und Nutzungszielen gewinnt an Bedeutung

Von Lukas Denzler, Neue Zürcher Zeitung, 31. Dezember 2005

Während vieler Jahrzehnte lag der Schwerpunkt bei grossen Schutzgebieten in der Gründung von Nationalpärken, in denen der Schutz natürlicher Prozesse im Vordergrund steht. Seit einigen Jahren gewinnen andere Konzepte, die Schutz- und Nutzungsziele kombinieren, an Bedeutung. Immer mehr stellt sich die Frage, wie die durch menschliche Nutzung entstandenen Kulturlandschaften erhalten werden können.

Berücksichtigt man die Vorgeschichte, so war es eine Zangengeburt. Mitte Dezember hat der Schweizer Nationalrat der Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes zugestimmt. Das revidierte Gesetz schafft die Voraussetzungen für die Gründung von Natur- und Landschaftspärken. Damit sollen wertvolle Naturräume geschützt werden. Die Politiker erhoffen sich davon aber auch neue Impulse für die Randregionen, in welchen derzeit ein tiefgreifender Wandel stattfindet. Im Berggebiet zieht sich die Landwirtschaft immer mehr zurück. In der Schweiz wächst die Waldfläche jedes Jahr um die Grösse des Thunersees (rund 48 Quadratkilometer).

Das ETH-Studio Basel der Architekten Herzog, de Meuron, Diener und Meili beschäftigte sich während fünf Jahren mit der zukünftigen Entwicklung der Schweiz. Die Alpen teilten sie in zwei Gebiete: in touristisch nutzbare alpine Resorts und alpine Brachen. Letztere werden sich laut den Architekten hauptsächlich um das Gotthardgebiet, das Herz der Schweiz, herausbilden. Brachliegendes Land: Für viele ist dies gleichbedeutend mit Vergandung, der erste Schritt des Niedergangs. Andere sehen in dieser Entwicklung die Chance, neue Naturräume bis hin zu grossen Wildnisgebieten zu schaffen.

Wildnis - faszinierend und bedrohlich

Über Wildnis existieren jedoch sehr unterschiedliche Bilder, wie Nicole Bauer von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf herausfand. Die Forscherin befragte mehr als 1500 Personen über ihre Einstellung zu Wildnis. Laut Bauer lässt sich die Schweizer Bevölkerung in vier Gruppen einteilen. Interessanterweise halten sich Befürworter und Gegner von Wildnis ungefähr die Waage. Ein Teil der Gegner fühlt sich verpflichtet, die Bemühungen ihrer Vorfahren weiterzuführen und möglichst viel Kulturland zu erhalten. Sie empfinden Wildnis als etwas Bedrohliches, und die Abwesenheit menschlicher Eingriffe wird mit Kontrollverlust in Verbindung gebracht.

Die Befürworter empfinden demgegenüber Faszination für Wildnis. Zu ihnen zählen Naturliebhaber, aber auch viele Stadtbewohner ohne grossen Bezug zur Natur. Die Skeptiker wohnen eher auf dem Land, und ihr Anteil ist grösser unter den älteren Menschen. In der Deutschschweiz wird Verwilderung tendenziell positiv, in der Westschweiz eher negativ und im Tessin vergleichsweise sehr negativ bewertet. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die meisten Befragten kein klar definiertes Bild von Wildnis besitzen. Nicole Bauer erklärt sich dies damit, dass es in der Schweiz keine wirklich grossen, vom Menschen unberührte Wildnisgebiete mehr gibt.

Selbst das Gebiet des Schweizerischen Nationalparkes wurde bis zu seiner Gründung 1914 intensiv genutzt. Strenggenommen handelt es sich deshalb nicht um ein ursprüngliches Wildnisgebiet. In Mitteleuropa spricht man jedoch häufig von Wildnis, wenn in einem Gebiet die menschliche Nutzung bewusst unterlassen wird und natürliche Prozesse ungehindert ablaufen können. Als Inbegriff für Wildnis gelten die nordamerikanischen Nationalpärke. Doch kritische Stimmen bemängeln, die touristische Kommerzialisierung werde teilweise zu weit getrieben.

Zunächst hatten Nationalpärke zum Ziel, ein Stück Wildnis und die Natur in ihrer Schönheit zu erhalten. Beim Schweizerischen Nationalpark spielte auch wissenschaftliche Neugier eine Rolle. In einem Freiluftlabor wollte man schauen, wie sich eine Landschaft ohne menschliche Eingriffe langfristig entwickelt. Erst später wurde auch argumentiert, dass die Natur um ihrer selbst willen zu schützen sei, weil ihr unabhängig jeglicher Nutzung ein eigener Wert zukommt.

Eigenwert der Natur

Ein wichtiger Meilenstein war 1970 die Gründung des ersten deutschen Nationalparkes im Bayerischen Wald. Besonders hitzige Diskussionen wurden laut Hans Bibelriether, dem ehemaligen Leiter des Nationalparks, in den 1980er Jahren geführt, als der Borkenkäfer grosse Waldflächen befallen hatte. Man entschied sich, in der Kernzone nichts zu tun. In den Augen vieler Besucher sah der abgestorbene Wald schlimm aus, und Bibelriether sagt heute, dass man das Nichteingreifen nur habe rechtfertigen können, indem man der Natur und den natürlichen Abläufen einen eigenen Wert zugestanden habe. In der Schweiz könnten die Verantwortlichen in eine vergleichbare Situation geraten, falls im Nationalpark ein natürlicher Waldbrand ausbrechen sollte. Derzeit würden nicht nur die durch Menschen verursachten Brände gelöscht, sondern auch die durch Blitzschläge natürlich entstandenen, obwohl dies eigentlich ein natürlicher Vorgang wäre, der strenggenommen zugelassen werden müsste.

Neuen Schwung für Grossschutzgebiete in Europa brachte der Fall des Eisernen Vorhangs. Laut Eva Pongratz, der Direktorin von Europarc, der Dachorganisation der europäischen National-, Natur-, Regionalpärke und Biosphärenreservate, existierten zwar schon vor der Wende Kontakte zwischen Ost und West. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sei die Zusammenarbeit jedoch verstärkt worden. Die Westeuropäer hätten ihr Know-how beim Management von Grossschutzgebieten eingebracht, während die Osteuropäer den staunenden Kollegen aus dem Westen ihre zum Teil noch grossen und unberührten Landschaften zeigten. In den Augen von Pongratz besteht heute die Herausforderung nicht mehr primär in der Schaffung neuer Pärke, sondern vielmehr in der Weiterentwicklung und qualitativen Sicherung der bisherigen Schutzgebiete.

Im Verlauf der Zeit sind zu den Nationalpärken weitere Schutzgebietskategorien hinzugekommen. Insbesondere in Frankreich und Italien, später auch in anderen europäischen Ländern, sind Natur-, Regional- und Landschaftspärke gegründet worden. Diese entstanden meistens in ländlichen Gebieten und hatten primär zum Ziel, die regionale Wirtschaft zu fördern. Weitere Schutzgebietstypen sind die Biosphärenreservate und Weltnaturerbe-Gebiete der Unesco. Beide Auszeichnungen stellen internationale Labels dar. Bei Biosphärenreservaten steht die Erhaltung der natürlichen und kulturellen Vielfalt im Vordergrund. Sie sollen Modellregionen für eine nachhaltige Entwicklung sein und zudem Beiträge für die Forschung, Ausbildung und Erziehung leisten. Weltnaturerbe-Gebiete sind dem Schutz des Naturerbes der Erde verpflichtet. In der Schweiz sind bisher zwei solche Gebiete von der Unesco anerkannt worden: die Region Jungfrau, Aletsch und Bietschhorn sowie der Monte San Giorgio mit seinen Fossilien.

Prosperität als Hemmschuh

Seit der Gründung des Nationalparks vor fast 100 Jahren sind in der Schweiz lange Zeit keine grossen Schutzgebiete mehr ausgewiesen worden; bezüglich Grossschutzgebieten schneidet die Schweiz im Vergleich zu den anderen Alpenländern schlecht ab. Pro Natura regt deshalb schon seit vielen Jahren die Gründung eines zweiten Nationalparkes an und hat als Starthilfe eine Million Franken in Aussicht gestellt. Auch der frühere Bundesrat Flavio Cotti ist Anfang der 1990er Jahre mit seinem Vorschlag, in den Westschweizer Alpen einen Nationalpark zu gründen, auf Ablehnung gestossen. Mario Broggi, ein versierter Kenner des Naturschutzes in der Schweiz und Europa, ist der Ansicht, dass die Kleinflächigkeit der Schweiz, der Föderalismus und paradoxerweise auch die relativ lang anhaltende wirtschaftliche Prosperität im Schweizer Berggebiet der Gründung neuer Grossschutzgebiete wenig förderlich waren. Eine Rolle spielte möglicherweise auch der Schutz der Moore und Moorlandschaften. Die Umsetzung der Moorschutzinitiative war eine schwierige Angelegenheit und sorgte in vielen Regionen für Unmut.

Doch mittlerweile hat der Wind gedreht. Im Entlebuch waren es ausgerechnet die geschützten Moorflächen, welche genutzt wurden, um ein Biosphärenreservat - heute Biosphäre Entlebuch genannt - zu gründen. Aus der Not machte man eine Tugend. Die anfängliche Skepsis der Bevölkerung konnte überwunden werden, weil vor allem die Verantwortlichen des Tourismus im Biosphärenreservat eine Chance sahen. Sämtliche Gemeinden haben dem Projekt schliesslich mit grossen Mehrheiten zugestimmt. Hans Elsasser vom Geographischen Institut der Universität Zürich wertet dies als Erfolg. Eine gewisse Gefahr bestehe allerdings darin, dass mit dem Ausscheiden von Schutzgebieten zu hohe wirtschaftliche Erwartungen geweckt würden.

Touristische Wertschöpfung

Studien aus Deutschland zeigen, dass die Vermarktung lokaler Produkte für eine Region bedeutsam sein kann. Für das Biosphärenreservat Rhön wurden anhand der Durchschnittsausgaben eines Besuchers und der Übernachtungen die jährlichen touristischen Einkommenswirkungen auf 140 Millionen Euro geschätzt. In der Schweiz wurde die Bedeutung des Nationalparks auf die Regionalwirtschaft untersucht. Gemäss einer Studie des Geographischen Instituts der Universität Zürich beträgt die durch den Park verursachte Wertschöpfung über 17 Millionen Franken, was gut 4 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Nationalparkregion ausmacht. Mit einem Viertel der touristischen Wertschöpfung kommt dem Nationalpark insbesondere im Sommer eine wichtige Bedeutung zu. Neue wirtschaftliche Impulse könnte auch das geplante Biosphärenreservat im Münstertal auslösen (Biosfera Val Müstair - Parc Naziunal). Die Region besitzt mit dem Kloster Müstair bereits ein Unesco-Weltkulturerbe. Elsasser sieht die Chancen jedoch nicht allein in einer Zunahme der Übernachtungen, sondern eher bei einem stärkeren Absatz von landwirtschaftlichen, kunstgewerblichen und handwerklichen Produkten.

In den letzten Jahren sind in der Schweiz über 30 Initiativen für neue National-, Natur- und Naturerlebnispärke entstanden. Anfang November gründeten die Promotoren dieser Initiativen ein Netzwerk, dessen Ziel es ist, den Erfahrungsaustausch zu fördern, die Projekte einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen und auf Bundesebene Einfluss auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu nehmen. Nach der Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes gilt es nun, die Details zu regeln. Laut Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft sollen die neuen Naturpärke mithelfen, wertvolle Kulturlandschaften im ländlichen Raum zu erhalten. Der Bund will jedoch nur Projekte unterstützen, die auf regionalen Initiativen beruhen und von der Bevölkerung mitgetragen werden. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass solche Initiativen in der Regel nur Aussicht auf Erfolg haben, wenn die lokale Bevölkerung mit einbezogen wird.

Aufweichung der Fronten

In den letzten Jahren haben sich die Fronten zwischen den strikten Naturbewahrern und den traditionellen Landbewirtschaftern aufgeweicht. Die Naturpark- und Biosphärenreservatkonzepte ermöglichen es, verschiedene Anliegen zu kombinieren. Eine Balance zwischen Schutz- und Nutzungszielen, die sich teilweise gegenseitig sogar bedingen, erscheint möglich. Deshalb wird dieser Ansatz gelegentlich auch als «dritter Weg» bezeichnet. So wünschbar die Gründung eines zweiten Nationalparkes in der Schweiz auch ist, angesichts des Strukturwandels in der Berglandwirtschaft stellt die Erhaltung auch nur eines Teils der Kulturlandschaft im Alpenraum derzeit die wohl grössere Herausforderung dar.

Um überleben zu können, wird die Menschheit immer darauf angewiesen sein, die natürlichen Ressourcen auch zu nutzen. An einem Treffen der Träger des Binding-Preises für Natur- und Umweltschutz in Liechtenstein sagte Michael Succow, ein international sehr erfolgreicher Naturschützer aus Deutschland, für ihn sei die grösste Herausforderung, dass einerseits die Bedürfnisse der Menschen befriedigt und andererseits die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme langfristig gesichert würden. Ein Schlüssel dafür sei, dass die ökologischen Leistungen von Ökosystemen einen Preis erhielten. Weil dies derzeit aber noch nicht der Fall sei, brauchten wir Schutzgebiete. Succow ist überzeugt, dass wir Naturschutz letztlich nicht um der Natur willen betreiben, sondern in unserem eigenen Interesse - um, wie er sagte, das Überleben der Menschheit zu sichern.

Lukas Denzler ist Forstingenieur ETH und freier Journalist mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima, Wald und Energie.


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