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Aktuell

Kehrseite des Brennholzbooms

9. November, 2006

Die Holzindustrie brummt

Naturschützer warnen: Wald wird verheizt

Hamburg (dpa) - Auf deutschen Bäumen scheint Geld zu wachsen. Hohe Öl- und Gaspreise haben einen Boom bei Holzöfen und Biomasse- Kraftwerken ausgelöst. Die Nachfrage nach Holz ist so stark, dass der Nachschub kurz vor Einbruch des Winters knapp wird. Die Industrie läuft auf Hochtouren, riesige Sägewerke schießen aus dem Boden und sogar Private Equity Fonds interessieren sich für den Wald als Anlage. Naturschützer warnen jedoch vor den Folgen. Sie befürchten, dass die Deutschen ihren Wald verheizen.

"Es brummt an allen Ecken und Enden", sagt Professor Udo Mantau vom Zentrum für Holzwirtschaft der Universität Hamburg. Allein der Verbrauch von Brennholz sei im vergangenen Jahr auf 20,7 Millionen Kubikmeter gestiegen - das war fast doppelt so viel wie im Jahr 2000. "Hinzu kommt die gestiegenen Nachfrage auch im Ausland nach Holz für Verpackungen, Papier und Möbel." Die Sägewerke in Deutschland hätten sich so zu "Global Playern" entwickelt.

Deren Umsatz legte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in diesem Jahr von Januar bis September um 16 Prozent auf 3,11 Milliarden Euro zu. In Niedersachsen ist die Nachfrage nach Brennholz schon nicht mehr zu decken, berichtet die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP). In Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Thüringen wird über Holzdiebe geklagt und Waldbesitzer in Bayern rufen auf, frühzeitig Holz zu kaufen, sonst sitze man im Kalten.

Die Förster müssen sich dem wachsenden Holzhunger beugen. "Die werden massiv unter Druck gesetzt, möglichst viel und möglichst schnell Holz zu beschaffen", klagt Ralf Straußberger, Waldreferent beim Umweltverband BUND. "Wir stellen einen Trend zum Kahlschlag fest." Für das Ökosystem Wald sei das fatal. "Es wird alles verkauft. Auch das tote Holz, in dem Tiere Höhlen finden, oder geschlagene Äste und Kronen, die wichtige Nährstoffe für den Wald liefern." Maschinen zum Holzeinschlag zerfurchten den Boden, auf Brut- und Aufzuchtzeiten werde keine Rücksicht genommen. Neue Großsägewerke wie in Ingolstadt und Landshut (beide Bayern) oder geplante wie bei Leutkirch (Baden-Württemberg) schürten die Nachfrage weiter.

Auch die Bundesländer als Besitzer großer Waldflächen haben den Wald als Geldbringer entdeckt. "Wir betrachten das mit Sorge", sagt Bernhard Dierdorf, Vorsitzender des Bundes Deutscher Forstleute. Die Regierung in Schleswig-Holstein wollte den Staatswald verkaufen, momentan liegt der Plan auf Eis. Nordrhein-Westfalen und auch Kommunen liebäugelten damit, ihren Wald zu privatisieren. "Auch Konzerne wollen kaufen und an den Rohstoff Holz kommen, um zum Beispiel Kraftstoffe aus Biomasse herzustellen." Beim Hamburger Holzwirtschaftszentrum haben sich schon Private Equity Fonds gemeldet. "Das Interesse am Wald ist sehr hoch", sagt Mantau.

Dass der deutsche Wald von den so genannten Heuschrecken kahl gefressen wird, glauben Investment-Experten jedoch nicht. "Das ist in Deutschland kein Big Business", sagt Andreas Holzer, Analyst der Bank Sarasin. "Die Wälder sind zu kleinteilig, große Flächen wie in den USA oder Lateinamerika, auf denen sich hohe Renditen erzielen lassen, gibt es nicht."

Zum Ärger der Industrie sind fast die Hälfte des deutschen Waldes in Privatbesitz - und meist sind es eher kleine Flächen. "Die Vorräte sind vorhanden, aber viele Besitzer haben kein Interesse daran, sie zur Verfügung zu stellen", sagt Gerhard Heider, Präsident des Verbandes der Deutschen Säge- und Holzindustrie. "Aber man könnte statt heute 57 Millionen Kubikmeter 80 Millionen schlagen."

Auch laut Bundeswaldinventur gibt es noch genug Holzreserven. "Die Bedenken der Naturschützer teilen wir nicht", sagt Dierdorf. "Jahrzehntelang wurde weniger geschlagen, als nachwächst." Viele Bäume seien krank oder alt, sie abzuholzen sei wichtig. Das Prinzip der Nachhaltigkeit werde durch den Boom nicht verletzt.

Einen Dämpfer hat die Holz-Euphorie allerdings schon bekommen. "Die Preise sind mittlerweile im Schnitt um rund 30 Prozent gestiegen", sagt Dierdorf. "Holz ist immer noch billiger als Öl. Aber Gas wird schon wieder attraktiv."




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