AktuellKlimawandel in den Alpen
Grüne GipfelKlimaerwärmung verschiebt Vegetationszonen in den AlpenVon Julia Harlfinger, Süddeutsche Zeitung, 14.12.06 Fast ein Fünftel aller europäischen Pflanzenarten lebt nur im Hochgebirge - und zwar oberhalb der Waldgrenze. Auch in diesen kalten und schneereichen Lebensräumen hat die Klimaerwärmung bereits klare - scheinbar paradoxe - Spuren hinterlassen: Auf manchem Gipfel verdoppelte sich während der vergangenen Jahrzehnte der Artenreichtum. Obwohl die Durchschnittstemperaturen in den höchsten Bergregionen besonders rasch ansteigen, gibt es dort kaum langfristige Monitoringprogramme. Bei einer dieser wenigen Langzeitstudien ist Harald Pauli von der Universität Wien federführend: Gemeinsam mit seinem Team beobachtet er seit 1994 die Vegetationsentwicklung in der Gipfelregion des Tiroler Schrankogel (3497 m) in den Stubaier Alpen. Der Vegetationsbiologe belegte in einer jüngst publizierten Studie (Global Change Biology, online), dass anpassungsfähige Pflanzen aufgrund der vergleichsweise milder werdenden Lebensbedingungen in der Höhe begonnen haben, die Hänge der Zentralalpen emporzuwandern. Durch die forschen Gipfelstürmer hat sich die Artenzahl in der untersuchten Region bereits um rund elf Prozent erhöht. Gleichzeitig wurden innerhalb von nur zehn Jahren alteingesessene Spezialisten des Subnival und Nival, also der eis- und schneereichen Gipfelzonen über 3000 Meter, seltener. Gewinner dieser Entwicklung sind Pionierarten wie Alpenmargerite und Einblütiges Berufskraut. Sie sind, so dokumentieren Fotoaufnahmen von 362 Quadratmetern Probefläche aus den Jahren 1994 und 2004, besonders bei der Kolonisierung von einstmals offenen Flächen erfolgreich. Ein immer geringerer Anteil des Bodens wird von kälteliebenden Verlierern wie Alpenmannsschild, Gletscherhahnenfuß oder Moossteinbrech bedeckt. "Computermodelle und Laborexperimente haben dies zwar prognostiziert, aber in Europa konnte noch niemand den Rückgang von Pflanzenarten aufgrund von klimatischen Veränderungen in Gipfelnähe nachweisen", sagt Pauli. Einzig eine Arbeit aus den Rocky Mountains zeigt den gleichen Trend. Weltweite Analysen der obersten Bergregionen sollen im Rahmen des Gloria-Projekts im Jahr 2008 weitere Ergebnisse bringen. "Klimabedingte Veränderungen sind bereits Realität und kein Szenario der Zukunft", sagt Geobotaniker Gian-Reto Walther von der Universität Bayreuth. Auch er untersucht die Vegetation hochalpiner Lebensräume, wo der Einfluss des Menschen, etwa durch landwirtschaftliche Nutzung, viel geringer ist als in tiefen Lagen. Lobby haben die pflanzlichen Bioindikatoren allerdings keine. "Es ist merkwürdig, wenn wir uns - berechtigterweise - Sorgen um das Aussterben von Regenwaldarten machen, gleichzeitig aber nur wenig Interesse für jene Arten aufbringen, die vor unserer Haustüre wachsen. Viele davon gibt es sonst nirgends auf der Welt", sagt Walther. Neben der Bedrohung von Alpenpflanzen spiegeln die Vegetationsveränderungen einen folgenreichen Prozess wider, unter dem künftig Bewohner von Tieflagen zu leiden haben: Der Permafrostboden taut, die Gletscher schmelzen. Damit werden Hänge instabil, und der Wasserhaushalt verändert sich. Am Mittwoch veröffentlichte Berechnungen der Gesellschaft für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD weisen konkret auf weitere Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen hin: Nahezu alle Skigebiete in Deutschland und rund 70 Prozent der österreichischen Skiregionen müssen um ihre Schneesicherheit und damit um die wirtschaftliche Grundlage fürchten. » zurück |
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