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Aktuell
Nationale Biodiversitäts-Strategie
Mittwoch, 7. November, 12:42 Uhr
Masterplan der Bundesregierung soll Artensterben stoppen
Berlin (AFP) - Mit einer nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt will die Bundesregierung das Artensterben in Deutschland stoppen. Das Konzept, das insgesamt 330 Zielvorgaben und 430 konkrete Maßnahmen enthält wurde heute vom Bundeskabinett beschlossen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach anschließend von der "international ambitioniertesten Strategie" weltweit. Er verwies zugleich auf die auch wirtschaftliche Bedeutung des Schutzes genetischer Ressourcen etwa für Medikamente, aber auch für technische Innovationen. Der Marktwert aus diesen Ressourcen abgeleiteter Produkte werde auf bis zu 550 Milliarden Euro geschätzt.
Geplant sind im Rahmen der neuen Strategie unter anderem ein besserer Schutz für Moore und mehr naturbelassene Wälder, aber auch ein größeres Gewicht für Belange des Artenschutzes in der Entwicklungshilfe. Das Programm soll sowohl in konkrete Vorschriften wie neue Beschaffungsrichtlinien und Vergabeordnungen münden als auch als Richtschnur für alle Gesetzgebungsvorhaben dienen, die Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben könnten. Einmal jährlich soll die Regierung künftig über erreichte Fortschritte berichten.
Mit der neuen Gesamtstrategie setzt die Bundesregierung eine Vorgabe des internationalen Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) um, die 1992 auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro beschlossen und 1993 von Deutschland unterzeichnet worden war. Eigentlich hätte die Strategie demgemäß bereits vor mehr als zehn Jahren vorgelegt werden müssen, die Bundesregierungen hatten sich bislang jedoch auf Zwischenberichte beschränkt. Ein halbes Jahr vor der neunten CBD-Vertragsstaatenkonferenz im Mai 2008 in Bonn kommt Deutschland nun seiner Verpflichtung nach.
Der Deutsche Naturschutzring (DNR) begrüßte die Strategie als "längst überfälligen Schritt". Sie sei ein "hoffnungsvoller Beginn eines gesellschaftspolitischen Prozesses", erklärte DNR-Präsident Hubert Weinzierl. Der DNR bemängelte aber unzureichende Vorgaben etwa zum Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Der Deutsche Forstwirtschaftsrat kritisierte das Vorhaben, den Anteil naturbelassener Wälder bis 2020 von einem Prozent auf fünf Prozent zu erhöhen, da dies Arbeitsplätze gefährde.
Mittwoch, 7. November, 14:47 Uhr
Bundesregierung will biologische Vielfalt in Deutschland schützen
Berlin (ddp). Die Bundesregierung will die biologische Artenvielfalt in Deutschland künftig stärker schützen. Das Kabinett verabschiedete am Mittwoch eine neue «Nationale Strategie zur Biodiversität». Ziel sei es, die nachhaltige Nutzung der Umwelt und deren Schutz besser miteinander zu vereinbaren, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) am Mittwoch in Berlin. Naturschutzverbände begrüßten das Vorhaben, warnten aber gleichzeitig vor einem «bloßen Papiertiger». Die Forstwirtschaft befürchtet den Abbau von Arbeitsplätzen im Forstbereich.
Deutschland weise im europäischen Vergleich mit die höchsten Gefährdungsquoten auf, betonte Gabriel. So seien rund 36 Prozent der einheimischen Tierarten bedroht, 3 Prozent bereits ausgestorben oder verschollen. Von den Lebensräumen seien 72,5 Prozent gefährdet. Mit der «international ambitioniertesten Strategie» setze Deutschland eine bereits im Jahr 1993 unterzeichnete UN-Konvention um. Gabriel unterstrich, die Richtlinie sei eine «gemeinsame Strategie» der Regierung, welche Landwirtschaft, Wirtschaft und Städtebau mit einschließe.
Ziel ist nun, bis 2010 den Anteil der vom Aussterben bedrohten und stark gefährdeten Arten zu verringern und die Gefährdungssituation der «Rote-Liste-Arten» zu verbessern. So soll beispielsweise der Flächenanteil der Wälder bis 2020 mit natürlicher Waldentwicklung von einem auf künftig fünf Prozent steigen. Ebenfalls bis zum Jahr 2020 soll unter anderem durch die Renaturierung von Mooren die natürliche CO2-Spreicherkapazität der Landlebensräume um zehn Prozent erhöht werden.
Auch für Stadtbewohner soll es Verbesserungen geben. Bis zum Jahr 2020 soll in den Städten öffentlich zugängliches Grün für alle fußläufig zu erreichen sein. Auch sollen bis zum Jahr 2020 25 Prozent der importierten Naturstoffe und -produkte aus natur- und sozialverträglicher Nutzung stammen. Auch sollen von der Industrie aufgestellte Ökobilanzen Umweltauswirkungen von Rohstoffeinsatz bis zur Abfallwirtschaft beinhalten und auch die Auswirkungen des Produkts auf die Artenvielfalt im Ausland darstellen.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Naturschutzbund (NABU) begrüßten den Beschluss des Kabinetts. Es liege nun erstmals ein Maßnahmenkatalog zum Erhalt der biologischen Vielfalt vor. Allerdings, schränkte NABU-Präsident Olaf Tschimpke ein, seien viele Handlungsfelder zu unkonkret und vermieden Konflikte mit konkurrierenden wirtschaftlichen Interessen. So werde unter anderem darauf verzichtet, eine ökologische Neuausrichtung der Agrarpolitik festzuschreiben.
Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Hubert Weinzierl, warnte, die Strategie dürfe kein «bloßer Papiertiger» werden. So seien bei den Ressortabstimmungen wichtige Instrumente der Strategie abgeschwächt oder gar herausgestrichen worden, insbesondere im Bereich der Landwirtschaft.
Die Forstwirtschaft kritisierte dagegen die Strategie vehement. Die vorgeschlagenen Maßnahmen widersprächen der Zielsetzung einer nachhaltigen und naturnahen Waldbewirtschaftung. Auch bedeute die Forderung, fünf Prozent der Waldflächen stillzulegen, den Verlust von bis zu 40 000 Arbeitsplätzen. Auch die Forderung nach Ausrichtung auf standortheimische Baumarten sei nicht mehr zeitgemäß.
Bundeskabinett beschließt Strategie zur biologischen Vielfalt
Gabriel: "Umfassendes Programm für die Erhaltung von Arten und Lebensräumen"
BMU Pressemitteilung, 7.11.07
Das Bundeskabinett hat heute auf Vorschlag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel die nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen. "Damit verfügt Deutschland erstmals über ein umfassendes und anspruchsvolles Programm zur Erhaltung von Arten und Lebensräumen", sagte Gabriel. Ziel ist die Umsetzung des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt auf nationaler Ebene. Die Strategie beinhaltet auch den deutschen Beitrag für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der belebten Natur weltweit.
"Die nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt ist eine Verpflichtung für uns alle: die jetzige und auch zukünftige Bundesregierungen, die Länderregierungen und Kommunen, aber auch Wirtschaft und Gesellschaft. Denn nur gemeinsam wird es uns gelingen, dass auch zukünftige Generationen sich über den Reichtum der Natur freuen und ihn nutzen können", sagte der Bundesumweltminister. Die Strategie enthält einen Katalog von rund 330 konkreten Zielen und rund 430 Maßnahmen in den verschiedensten Bereichen des Naturschutzes, der nachhaltigen Naturnutzung und der Entwicklungszusammenarbeit.
Zum Beispiel soll sich im Naturschutz bis zum Jahr 2010 der Anteil der vom Aussterben bedrohten und stark gefährdeten Arten verringern und sich bis 2020 die Gefährdungssituation des größten Teils der "Rote Liste-Arten" um eine Stufe verbessern. Bis zu diesem Jahr soll auch der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 Prozent betragen, gegenüber rund einem Prozent heute. Ebenfalls bis zum Jahr 2020 soll sich durch Wiedervernässung und Renaturierung von Mooren sowie durch die Zunahme naturnaher Wälder die natürliche CO2-Speicherkapazität der Landlebensräume um 10 Prozent erhöhen. Aber auch die Lebensqualität für Stadtbewohner soll verbessert werden: Bis zum Jahr 2020 soll in den Städten öffentlich zugängliches Grün für alle fußläufig zur Verfügung stehen.
Mit der Strategie werden eine Vorbildfunktion der öffentlichen Hand sowie die Übernahme von Verantwortung durch Industrie, Handel und Verbraucher eingefordert. Beispielsweise soll der Anteil der Mittel für Entwicklungsprojekte, die den Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt sowie den gerechten Vorteilsausgleich zum Ziel haben, an der gesamten deutschen Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2015 um 50 Prozent gesteigert werden. Es wird ein vorbildliches Beschaffungs- und Bauwesen bis 2020 angestrebt, das auch an Standards zur Erhaltung von Arten und Lebensräumen orientiert. Bis zum Jahr 2020 sollen 25 Prozent der importierten Naturstoffe und -produkte aus natur- und sozialverträglicher Nutzung stammen. Gleichzeitig sollen von der deutschen Industrie aufgestellte Ökobilanzen alle Umweltauswirkungen vom Rohstoffeinsatz bis zur Abfallwirtschaft beinhalten und auch die Auswirkungen des Produkts auf die Biodiversität im Ausland darstellen.
"Die deutsche Strategie zur biologischen Vielfalt ist im weltweiten Vergleich die bei weitem anspruchsvollste. Bislang ist keine andere Strategie ähnlich umfassend und konkret", betonte der Bundesumweltminister. Das ist insbesondere im Hinblick auf die nächste Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im Mai nächsten Jahren in Bonn von Bedeutung. "Wir wollen auf der bevorstehenden UN-Naturschutzkonferenz wichtige Ergebnisse erreichen und deshalb mit gutem Beispiel vorangehen", sagte Gabriel.
Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (pdf-Datei)
Überlebensstrategie für die Vielfalt
WWF: Nur ein erster Schritt für stärkeren Naturschutz in Deutschland
WWF Pressemitteilung, 7.11.07
Frankfurt a. M. - Ein halbes Jahr vor der in Bonn stattfindenden UN-Naturschutzkonferenz hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel heute eine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt vorgelegt. Der WWF begrüßt, dass Deutschland sich damit auf anspruchsvolle Ziele zum Naturschutz in Deutschland festlegt.
„Nach 15 Jahren hat die Bundesregierung nun endlich ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt Jörg Roos, Naturschutzexperte beim WWF. Deutschland hat 1992 das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) unterzeichnet und sich damit wie jedes Mitgliedsland verpflichtet, eine eigene Strategie zu entwickeln. „Zum Jubeln ist es zu früh: Jetzt gilt es, dass es nicht bei bedrucktem Papier bleibt, sondern dass diese Strategie konsequent umgesetzt wird“, so Roos weiter. Dabei seien insbesondere auch die Bundesländer gefragt, in deren Verantwortung die Ausgestaltung des Naturschutzes liege.
Bei den einzelnen Zielen begrüßt der WWF insbesondere, dass die Bundesregierung bis 2020 zwei Prozent der Landesfläche als Wildnis schützen will sowie bis 2020 den Anteil an Waldfläche, auf der sich der Wald natürlich entwickeln kann, auf fünf Prozent steigern möchte. Des Weiteren hat die Bundesregierung festgeschrieben, bis 2015 höhere Entwicklungshilfegelder für den internationalen Naturschutz in den ärmsten Ländern der Erde bereit zu stellen.
Von den 190 Vertragsstaaten der CBD haben bis heute 147 Länder eine eigene Strategie entwickelt. Das festgeschriebene Ziel der Konvention ist es, den Artenverlust bis 2010 deutlich zu reduzieren. Deutschland hat sich sogar dazu verpflichtet, ihn ganz zu stoppen. Die Bedrohung für die Vielfalt an Arten und Lebensräumen ist jedoch nach wie vor steigend: Mit weltweit 16.306 Arten stehen mehr denn je bedrohte Arten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion. „Aber: Naturschutz fängt vor unserer Haustür mit dem Schutz heimischer Arten wie Schweinswal, Wolf und Haselhuhn an“, sagt Roos: „Wir müssen ärmeren Ländern mit höherer Artenvielfalt mit gutem Beispiel vorangehen, wenn wir gleichzeitig erwarten, dass Regenwald, Elefant und Tiger geschützt werden sollen.“ In Deutschland seien 5.711 heimische Tierarten in ihrem Bestand gefährdet und mehr als zwei Drittel der insgesamt 690 verschiedenen Biotoptypen wie Meeres- und Küsten- oder Gewässerbiotope als gefährdet eingestuft.
BUND und NABU begrüßen Verabschiedung der Nationalen Biodiversitätsstrategie
Bundesregierung setzt Zeichen gegen Artensterben und Artengefährdung
BUND und NABU Pressemitteilung, Berlin 07.11.2007
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) haben den heutigen Beschluss des Bundeskabinetts zum Schutz der Artenvielfalt und von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen in Deutschland begrüßt. Mit der Verabschiedung der „Strategie zur nationalen biologischen Vielfalt“ setze die Bundesregierung ein dringend notwendiges Zeichen gegen das alarmierende Artensterben und für mehr Naturschutz, so die Verbände.
„Als Gastgeber der Weltnaturschutzkonferenz im kommenden Jahr war es höchste Zeit, dass Deutschland beim Erhalt des Artenreichtums mit gutem Beispiel vorangeht“, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Mit der Strategie liege nun erstmals ein umfassender Maßnahmenkatalog zum Erhalt der biologischen Vielfalt vor. Viele der beschriebenen Handlungsfelder seien jedoch noch zu unkonkret und vermieden Konflikte mit konkurrierenden wirtschaftlichen oder politischen Interessen. So werde z.B. darauf verzichtet, die ökologische Neuausrichtung der Agrarpolitik und den Ausbau von Agrarumweltmaßnahmen zu fordern. Auch fehle es an Kritik an der Intensivierung der Landnutzung durch den zunehmenden Anbau von Energiepflanzen. Über eine Definition ökologischer Mindeststandards in der Förderpolitik müsse hier dringend nachgebessert werden.
Angelika Zahrnt, Vorsitzende des BUND: „Deutschland beginnt endlich, auf nationaler Ebene seine Verpflichtungen aus der Unterzeichnung der Konvention zum Erhalt der biologischen Vielfalt umzusetzen. Der Kampf gegen das Artensterben bei uns und anderswo ist genauso wichtig wie der gegen den Klimawandel.“
Damit die Biodiversitätsstrategie auf Bundes- und Länderebene ein Erfolg werde, müsse ihr im Naturschutzrecht ein geeigneter Rahmen gegeben werden. Zugleich müssten im geplanten Umweltgesetzbuch verbindliche Naturschutzregeln für die Forst- und Landwirtschaft und den Anbau von Energiepflanzen verankert werden.
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