AktuellRaubbau in SA
Die Lage des Waldes ist überaus kritischForstmann Siegfried Jahn legt Denkschrift vorWochenspiegel, 13.11.07 Wittenberg/Reuden (wg). „Viele Forstleute und Bürger verfolgen die gegenwärtige Entwicklung in der Forstwirtschaft des Landes mit großer Sorge“, berichtet Jahn. „Wald bedeutet Lebensgrundlage, und diese Gemeinwohlverpflichtung verlangt nach Korrekturen der Fehler, die in der Vergangenheit gemacht worden sind.“ Das in seinen Grenzen stabile und nach Möglichkeit über Jahrzehnte durch denselben Förster geführte Revier, welches die Voraussetzung für hohe Holzerträge in guter Qualität ist, sei zerstört worden. Immer größere Reviere würden von immer weniger Förstern und Fachpersonal betreut. Für die Bewirtschaftung von 1.000 Hektar Wald stünden nur noch 1,7 Fachkräfte zur Verfügung. „Dazu kommt, dass durch die Privatisierung in nicht wenigen Fällen selbst ernannte ‚Fachleute’ ihre eigenen Bewirtschaftungsregeln aufstellen und sich von ausgebildeten Forstingenieuren nichts sagen lassen“, kritisiert Jahn. Es gäbe Waldbesitzer, die auch nach fünf Jahren Kahlschlag immer noch nicht aufforsten. Übergroße Kahlschläge ohne Aufforstung gibt es unter anderem am Ochsenkopf und in den neuen Kiesgruben im Dessora-Park Oranienbaum. „Durch falschen Reformgeist ist die Arbeit vergangener Generationen zerstört worden und dies hat negative Auswirkungen auf künftige Generationen“, warnt Jahn. Laut Inventur verfügt Sachsen-Anhalt über eine Bewaldung von nur 24,1 Prozent, der Bundesdurchschnitt liegt bei 30 Prozent. Vergleicht man die Vorratsfestmeter, so liegt Sachsen-Anhalt mit 235 Vfm pro Hektar an letzter Stelle bei den Holzvorräten in Deutschland. Mehr als die Hälfte des Waldes in Sachsen-Anhalt ist in Privatbesitz. „Durch häufig wechselnde Strukturen, übergroße Reviere und aufgelöste Forstämter vor Ort haben sich viele Bewirtschaftungsfehler breit gemacht“, sagt Jahn. Auch sei die Forstschutzsituation, wie zum Beispiel die Kontrolle der Schadinsekten, völlig aus dem Ruder geraten. Nur durch diese Versäumnisse habe der Orkan „Kyrill“ in den Wäldern derartig große Schäden anrichten können. Nach Ansicht des pensionierten Forstmannes aus Reuden ist es endlich an der Zeit, in Sachsen-Anhalt über neue Waldflächen nachzudenken: „Einmal zeigt uns die unterdurchschnittliche Bewaldung diese Notwendigkeit auf, zum anderen kann schon heute die in Sachsen-Anhalt angesiedelte Holzindustrie ihren Bedarf nicht mehr decken. Den unrühmlichen Schlussakkord setzte der Wittenberger Stadtrat, als er den Weg für das mit 20 Megawatt völlig überdimensionierte Holzkraftwerk in Piesteritz frei machte.“ In Sachsen-Anhalt würden täglich acht Hektar Wald- und Landfläche verbaut und zubetoniert, das sind im Jahr 2.920 Hektar. „Es muss also neuer Wald her“, fordert Jahn, „Bäume sind in der Lage, ihr Leben lang Kohlendioxid aus der Luft zu binden. Durch die zusätzliche Aufforstung ehemaliger landwirtschaftlicher Flächen, Ödland und ehemalige Armeeflächen könnten Klimaschutzwälder von internationaler Bedeutung entstehen.“ Mit Spannung erwartet Jahn die Veröffentlichung des Entwurfs zur Novellierung des Landeswaldgesetzes. Vor allem müsse die Forstreform rückgängig gemacht werden. „Unser Wald beheimatet viele Pflanzen- und Tierarten, darum ist auch eine zentrale Bewirtschaftung zusammenhängender Waldkomplexe wie der Dübener Heide durch ein Einheitsforstamt vor Ort notwendig“, begründet Jahn. Das neue Waldgesetz müsse das Allgemeinwohl heutiger und künftiger Generationen in den Mittelpunkt stellen, auch wenn es erforderlich sein sollte, die Rechte privater Eigentümer schärfer einzugrenzen. „Wer Wald zerstört, zerstört Leben, und in den vergangenen Jahren wurde sehr viel Wald zerstört“, kritisiert Jahn. Deshalb soll das neue Waldgesetz dafür Sorge tragen, dass alle kahl geschlagenen Flächen sowie Freiflächen erfasst und mit standortgerechten Pflanzungen wieder aufgeforstet werden. Die Wiederaufforstung soll auch die Verpflichtung beinhalten, die Kulturen und Naturverjüngungen rechtzeitig und sachgemäß nachzubessern, zu pflegen und zu schützen. „Bei der Erarbeitung des neuen Waldgesetzes müssen unbedingt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, der BUND und der NABU beteiligt werden“, fordert Jahn. „Die gegenwärtige sehr kritische Lage bei der Bewirtschaftung der Wälder erfordert ein verantwortliches, gemeinsames Handeln aller. Denken wir immer daran, der Wald kommt ohne den Menschen aus, aber der Mensch braucht den Wald, um leben zu können!“ Holzkraftwerk & Klimaschutz Auf Grund der Übernutzung der Wälder in Sachsen-Anhalt hält Forstfachmann Siegfried Jahn das Holzkraftwerk in Piesteritz für völlig überzogen: Bei der Leistung von 20 Megawatt müssten jährlich 160.000 Tonnen Holz verfeuert werden, bei einem Wirkungsgrad von nur 33 Prozent. Die in Piesteritz eingesetzte Holzmasse soll bei der Verbrennung 146.500 Tonnen Kohlendioxid freisetzen, eine Menge, die den Klimawandel zusätzlich beschleunigt. Professor Dr. Florian Siegert von der Uni München hat nachgewiesen, dass aus den enormen Waldbränden im Mittelmeerraum circa zehn Prozent der zusätzlich ausgestoßenen Menge Kohlendioxid stammen. „Die stoffliche Verwertung von Holz muss absoluten Vorrang vor der energetischen Nutzung haben“, schlussfolgert Jahn. » zurück |
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