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Wildkatzen im Fichtelgebirge

Die Wildkatzen sind zurück

Wissenschaftler weisen Vorkommen des Raubtiers im Fichtelgebirge nach

Frankenpost, 24.11.07

Nagel – Im Fichtelgebirge leben wieder Wildkatzen. Erstmals konnte mit einem Gentest das Vorkommen der vom Aussterben bedrohten Europäischen Wildkatze hier nachgewiesen werden.

Rückblende: Irgendwie sah diese Katze anders aus. Graubraunes Fell mit verwaschen wirkenden Streifen, deutliche schwarze Ringe am Ende des buschigen Schwanzes und dicke, schneeweiße Schnurrhaare. „Könnte das eine Wildkatze sein?“, dachte sich Ronald Ledermüller aus Bad Alexandersbad, als er im Sommer vor drei Jahren im Ehewald zwischen Nagel und Tröstau den Kadaver einer überfahrenen Katze am Straßenrand fand. Alle Merkmale sprachen dafür. Dennoch kamen dem Förster Zweifel: „Wildkatzen gibt es bei uns im Fichtelgebirge doch gar nicht mehr?!“ Die Europäische Wildkatze gehört schließlich zu den seltensten Säugetieren Deutschlands.

Ab in die Gefriertruhe

Expertenrat war also gefragt, um die tote Katze aus dem Ehewald genau zu bestimmen. Per Telefon holte sich Ronald Ledermüller die Erlaubnis des Jagdpächters, um die vermeintliche Wildkatze mitnehmen zu dürfen. Kurzerhand packte er sie in einen Plastiksack und fuhr schnurstracks zu Forstkollege und Naturschutzexperte Martin Hertel nach Vordorfermühle. Auch Hertel bestätigte den Verdacht, wollte aber ebenfalls weiteren Rat bei Zoologen einholen. Die Katze wurde genauestens fotografiert und schließlich – nicht unbedingt zur Freude der Gattin – einstweilen in der heimischen Gefriertruhe verstaut. Drei Jahre lang bemühten sich fortan Experten der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising, der Universität München und ein Institut in Wiesbaden darum, genaueres über das Unfallopfer aus dem Fichtelgebirge herauszufinden.

Vage Hinweise auf Wildkatzen im Fichtelgebirge gab es vereinzelt immer wieder. So zitierte Naturfotograf Heinz Spath aus Marktleuthen bei den „Ökologischen Neuigkeiten aus dem Landkreis Wunsiedel“, einer Veranstaltung des Landesbundes für Vogelschutz, am Mittwochabend im Steinhaus bei Neuhaus an der Eger aus den Aufzeichnungen seines Großvaters. Der hatte im Jahr 1950 notiert: „Nur noch selten spüre ich Wildkatzen am östlichen Schneebergabhang.“ Viele seltene Tiere konnte Heinz Spath selbst in den letzten Jahrzehnten im Fichtelgebirge beobachten und fotografieren: Luchs, Schwarzstorch, Auerhahn und Fischotter bekam er mit List und unendlicher Geduld vor seine Kamera. Von den vermeintlichen Wildkatzen aber konnte er nie mehr als einen flüchtigen Schatten erhaschen. Als er sich im Jahr 2001 am Abhang der Platte wieder einmal mit seiner Kamera in einem Versteck auf die Lauer legte, hatte Spath dann eine überraschende Begegnung. „An einem Getreidehäufchen, das ich ausgelegt hatte, um Gartenschläfer vor die Linse zu locken, bedienten sich natürlich auch Waldmäuse sehr gerne“, berichtete Spath am Mittwochabend im Steinhaus. Diesen „gedeckten Tisch“ hatte auch eine große graubraune Katze bemerkt. Plötzlich, nicht weit von Heinz Spaths Versteck entfernt, setzte sie sich auf einen Felsen, um an der Lockfütterung ebenfalls auf Beute zu lauern. So gelang Spath ein Schnappschuss des Tieres, den er im Steinhaus präsentierte.

Die Merkmale im Aussehen der Katze passten auch in diesem Fall haargenau. Aber ein sicherer Beweis für das Vorkommen echter Wildkatzen im Fichtelgebirge war das immer noch nicht. Denn obwohl die hiesigen Hauskatzen nicht von der Europäischen Wildkatze sondern von der nordafrikanischen Falbkatze abstammen, können sich beide Arten paaren und Mischlinge zur Welt bringen.

Vor wenigen Wochen nun traf aus Wiesbaden das Ergebnis einer genetischen Untersuchung der toten Katze aus dem Ehewald ein: Es war tatsächlich eine reinrassige Europäische Wildkatze – der erste wissenschaftlich gesicherte Nachweis über das Vorkommen dieser vom Aussterben bedrohten Tierart im Fichtelgebirge.

Nachricht sorgt für Aufsehen

Über die Grenzen des Fichtelgebirges hat die Nachricht für Aufsehen unter Experten gesorgt. Jürgen Thein, Biologe und Mitarbeiter des länderübergreifenden BUND-Projektes „Rettungsnetz Wildkatze“, zeigte sich erfreut: „Als möglichen Wanderkorridor und Lebensraum hatten wir das Fichtelgebirge bereits auf unserer Rechnung. Dieser gesicherte Nachweis auf ein mögliches Vorkommen im Fichtelgebirge ist für den nordbayerischen Raum von großer Bedeutung!“

Die Wildkatze liebt ruhige Waldgebiete

Die letzten bekannten Vorkommen der Europäischen Wildkatze beschränken sich auf große zusammenhängende Waldgebiete in Mitteldeutschland wie etwa im Harz und im Nationalpark Hainich. Auch im Thüringer Wald und in der Rhön gab es in den letzte Jahren wieder Nachweise.

Ursprünglich waren Wildkatzen weit verbreitet. Als „Raubzeug“ verpönt, wurden sie in früheren Jahrhunderten aber bis an den Rand der Ausrottung gejagt. Völlig zu Unrecht, wie neuere wildbiologische Forschungen belegen. Denn Wildkatzen ernähren sich zu über 80 Prozent von Mäusen – wie es sich für Katzen eben gehört. Nur selten fanden Forscher in den Mägen tot aufgefundener Katzen auch Vögel, Frösche, Insekten oder junge Kaninchen und Hasen. Da Wildkatzen äußerst menschenscheu sind, fühlen sie sich nur in großen, möglichst ungestörten Waldgebieten wohl. Sie bevorzugen Laub- und Mischwaldgebiete, die möglichst naturnah sind. Nur dort finden die Katzen in umgestürzten alten Bäumen genügend Höhlen, um ihre Jungen großziehen zu können. Wo alte, tote Laubbäume fehlen, nimmt sie auch mit Felshöhlen vorlieb.

R. L.







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