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Aktuell

UN-Artenschutz-Konferenz eröffnet

19. Mai, 2008

Gabriel eröffnet Weltnaturschutzkonferenz

Bonn (ddp-nrw). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat am Montag in Bonn die Weltnaturschutzkonferenz eröffnet. Bis zum 30. Mai wollen mehr als 5000 Experten aus 191 Staaten darüber beraten, wie die weltweit fortschreitende Vernichtung der Natur gestoppt werden kann. Dabei geht es unter anderem um den Erhalt der Urwälder sowie der Meere mit ihrer hohen Artenvielfalt.

Die Wissenschaftler wollen in diesem Zusammenhang überprüfen, wie es um die Umsetzung der 1993 in Kraft getretenen UN-Biodiversitätskonvention bestellt ist. Die auch von Deutschland ratifizierte Vereinbarung soll den Erhalt der biologischen Vielfalt und ihre nachhaltige Nutzung sowie einen gerechten Vorteilsausgleich aus der Nutzung der biologischen Vielfalt gewährleisten.

Gabriel sagte in seiner Eröffnungsrede laut Redemanuskript, dringend erforderlich sei eine Debatte darüber, wie der Erhalt der Artenvielfalt finanziert werden soll. Es sei zu einfach zu fordern, die Leute in den Entwicklungsländern müssten mit dem Abbau der Regenwälder aufhören. Wenn diese Menschen keine andere Möglichkeit aufgezeigt bekämen, wie sie sonst überleben könnten, würden sie so weitermachen wie bisher.

Seit Inkrafttreten der Konvention im Jahr 1993 gelten Pflanzen- und Tierarten mit ihren Erbanlagen als souveränes Eigentum der Staaten, in denen sie vorkommen. Solche Erbanlagen sind vor allem für die Medizin-Produzenten interessant, die daraus Wirkstoffe und chemische Verbindungen herstellen können. Weltweit gibt es 1,7 bis 1,8 Millionen bekannte Pflanzen- und Tierarten, um deren Erhalt es geht.


19. Mai 2008

Demos zum Auftakt der UN-Naturschutzkonferenz

Bonn (dpa) - Umweltorganisationen haben zum Auftakt der großen UN-Naturschutzkonferenz am Montag in Bonn für den Erhalt der biologischen Vielfalt auf der Erde demonstriert. Der BUND machte mit großen weißer Holzkreuzen auf die Bedrohung vieler Arten aufmerksam.

Auf der Konferenz müsse es «konkrete Beschlüsse» gegen die fortschreitende Zerstörung der Natur und von Tier- und Pflanzenarten geben, sagte ein BUND-Vertreter. Andere Umweltorganisationen forderten ein Stopp für Bio-Sprit, da mit einer Umwandlung von ökologisch wichtigen Flächen für den Anbau eine Ernährungskrise mit verursacht werde.

Die fast zweiwöchige UN- Konferenz zu biologischer Vielfalt soll Zeichen setzen im Kampf gegen die dramatisch fortschreitende Vernichtung der Natur, wie die ungebremste Zerstörung der Urwälder. Wissenschaftler und Umweltorganisationen fordern von der Staatengemeinschaft dringlich Handeln, da mit dem Verlust von Tier- und Pflanzenarten sowie von Lebensräumen auch die Stabilität des Ökosystems und Zukunft des Lebens auf der Erde auf dem Spiel stehe.

Die weltweite Naturzerstörung kostet nach neuen Schätzungen die Menschheit jährlich sechs Prozent des Bruttosozialprodukts oder umgerechnet rund zwei Billionen Euro. Das geht aus vorläufigen Ergebnissen einer Studie zu den globalen Kosten des Arten- und Lebensraumverlusts hervor, wie das Magazin «Der Spiegel» unter Berufung auf Auszüge einer von der EU und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) initiierten Untersuchung berichtet.

Auf der Bonner Konferenz wird im Rahmen der UN-Konvention über Biologische Vielfalt von 1992 beraten, wie die weitere Zerstörung von Wäldern und Meeren durch Schutzgebiete und andere Maßnahmen aufgehalten werden kann und wie das finanziert werden soll. Außerdem soll über Regelungen für den Zugang zur genetischen Vielfalt von Tieren und Pflanzen und die gerechte Verteilung des Gewinns aus dem Nutzen dieser Ressourcen verhandelt werden. Damit soll «Bio- Piraterie» zum Nachteil armer Länder verhindert werden. Auch der umstrittene Bio-Sprit ist in Bonn ein wichtiges Thema.

Gabriel erwartet «sehr komplizierte Verhandlungen», bei denen auch ein Scheitern nicht auszuschließen sei. Nachdem es auf mehreren großen Konferenzen seit den 90er Jahren bisher kaum Fortschritte gegeben habe, stehe die Bio-Konvention in Bonn an einem «Scheideweg». Die Staats- und Regierungschefs hatten auf dem Umweltgipfel in Johannesburg 2002 beschlossen, den Verlust an Lebensräumen und Arten bis 2010 «deutlich» zu bremsen.


18. Mai, 2008

Strategien im Kampf gegen Artensterben gefordert

Berlin (AP) Unmittelbar vor Beginn der UN-Artenschutzkonferenz in Bonn hat die Bundesregierung globale Strategien im Kampf gegen das dramatische Tier- und Pflanzensterben gefordert. Kanzlerin Angela Merkel plant, die Mittel für den globalen Waldschutz deutlich aufzustocken. Umweltminister Sigmar Gabriel forderte ein Abkommen gegen Biopiraterie. Forschungsministerin Annette Schavan appellierte an die Konferenzteilnehmer, nationale Interessen zurückzustellen. Die Wirtschaft warnte indes vor einem Hinausschießen über die Ziele.

Gabriel wird die 9. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt am (morgigen) Montag eröffnen. Bis zum 30. Mai werden rund 5.200 Delegierte aus 190 Staaten über Maßnahmen zum Artenschutz verhandeln. Die Konferenz ist das letzte Treffen vor 2010. Bis zu diesem Jahr soll der Verlust der Artenvielfalt entscheidend verringert werden. Täglich sterben weltweit rund 150 Arten aus. Einer Studie zufolge kostet die weltweite Naturzerstörung die Menschheit jährlich rund zwei Billionen Euro.

Messlatte Norwegen

Nach Informationen des «Spiegels» will Merkel auf der Konferenz ankündigen, dass die Mittel für den globalen Waldschutz deutlich erhöht werden. Als «Messlatte» gilt regierungsintern die Initiative Norwegens, jährlich 500 Millionen Dollar im Kampf gegen die Zerstörung der Regenwälder zu investieren. Gabriel sagte, die Entwicklungsländer bezeichneten es zu Recht als Biopiraterie, wenn Industrienationen sich im Regenwald genetischer Ressourcen unerlaubt bedienten, daraus Medikamente machten, aber keinen Cent zurückzahlten. Deutschland und die EU wollten bis 2010 international verbindliche Regeln beim sogenannten gerechten Vorteilsausgleich. Ähnlich äußerte sich Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Sie bezeichnete im Deutschlandfunk Fortschritte im Kampf gegen Biopiraterie als «zentrales entwicklungspolitisches Anliegen».

Entwicklung der «einen Welt

Schavan forderte im AP-Interview, es müsse «jetzt alles daran gesetzt werden, über nationale Interessen hinaus an der Entwicklung der 'einen Welt' zu arbeiten». Angesichts der Dramatik könne nicht noch Jahre diskutiert werden. «Die Zeit drängt.» Schavan, deren Ministerium im Jahr rund 100 Millionen Euro für Forschungsvorhaben zur Biodiversität ausgibt, forderte einen Masterplan, «aus dem hervorgeht, mit welchen Maßnahmen welche besonders gravierenden Probleme aufgegriffen werden können». Derweil warnte die deutsche Wirtschaft die Regierung davor, über die Ziele hinauszuschießen. «Wenn Ziele und Maßnahmen formuliert werden, die über bestehende Regelungen hinausgehen oder diese gar konterkarieren, ist zu befürchten, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gegenüber europäischen Nachbarn Schaden nimmt», erklärte BDI-Präsident Jürgen Thumann.

BUND kritisiert «halbherzige Umsetzung

Die BUND-Naturschutzkoordinatorin Heidrun Heidecke warf der Bundesregierung in der «Mitteldeutschen Zeitung» eine schleppende und halbherzige Umsetzung europäischer Naturschutzrichtlinien vor. Der WWF verlangte eine neue Initiative zum Schutz der Wälder. Bis 2020 müsse der Netto-Waldverlust auf Null sinken. Die Deutsche Umwelthilfe forderte die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern auf, sich auch in Deutschland entsprechend ernsthaft für die biologische Vielfalt einzusetzen.

Merkel und Köhler erwartet

Aus vorläufigen Ergebnissen einer Studie zu den globalen Kosten des Arten- und Lebensraumverlusts, die auf der UN-Konferenz vorgestellt werden soll, geht hervor, dass die weltweite Naturzerstörung jährlich rund zwei Billionen Euro kostet. Das von der EU und Gabriel initiierte Papier mit dem Titel «The Economics of Ecosystems and Biodiversity» liegt dem «Spiegel» in Auszügen vor. Am 28. Mai wird auf der Konferenz Kanzlerin Angela Merkel erwartet. Bundespräsident Horst Köhler lädt am 30. Mai zu einem Abschlussempfang ein.


Bonn: Vor Auftakt der Bonner UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt fordert WWF globale Initiative zum Schutz der Wälder

WWF Pressemitteilung, 18.5.08

Bonn/Frankfurt - Vor dem am Montag in Bonn beginnenden zweiwöchigen UN-Umweltgipfel zur biologischen Vielfalt fordert der WWF eine neue Initiative zum Schutz der Wälder. Derzeit gehen nach Angaben der Umweltstiftung jedes Jahr 13 Millionen Hektar Wald verloren. Dabei erfüllen Wälder wichtige ökologische Funktionen, von denen auch der Mensch profitiert. Wälder liefern Holz, produzieren Sauerstoff, speichern Kohlenstoff und Wasser, bewahren vor Überflutungen und schützen vor Bodenersionen.

Bis 2020, so der WWF, müsse der Netto-Waldverlust auf Null sinken. Weiterhin solle sich die Staatengemeinschaft darauf verpflichten, bis 2050 wieder ein globale Waldfläche und -qualität auf dem Niveau des Jahres 2000 zu erreichen. "Der Stopp der Entwaldung bis 2020 ist ein konkretes Ziel für den UN-Gipfel. Wir werden die Staaten daran messen", kündigte der WWF-Experte für Biodiversität, Jörg Roos, an. Der WWF werde die Umweltminister auffordern, noch während der Konferenz eine entsprechende Erklärung zu unterzeichnen.

Der weltweite Waldverlust ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel. Die Tropenwälder bergen die größte Artenvielfalt des Planeten. Wie der anlässlich der UN-Konferenz vom WWF veröffentlichte "Living Planet Index 2008" zeigt, sind die Bestände ausgewählter Wirbeltierarten in tropischen Regionen seit 1970 um nahezu die Hälfte geschrumpft. Bei vielen Arten ist die Lage sogar noch dramatischer. So hat die Zahl der Orang-Utans binnen 15 Jahren von 180.000 um fast zwei Drittel auf nur noch 62.000 Tiere abgenommen. "Nirgendwo ist der Artenverlust alarmierender. Wenn wir die Wälder weiter zerstören, zerstören wir unsere Lebensgrundlagen und die künftiger Generationen," so Roos.


Die Menschheit braucht Vielfalt der Natur

Seit heute beraten mehr als 5000 Menschen aus 190 Staaten in Bonn, wie die Natur genutzt und geschützt werden kann. Es geht darum, bis 2010 den rapiden Verlust an Biodiversität zu stoppen. Neben dem Klimawandel ist das die größte Herausforderung. Von Norbert Jürgens, DIVERSITAS, für Hamburger Abendblatt, 19.5.08

Saubere Luft, trinkbares Wasser, fruchtbare Böden, stabile und gesunde Umwelt - wir alle leben von den Dienstleistungen, die die belebte Natur anscheinend kostenlos für uns bereitstellt. Vielfach sind wir auf das komplexe Netz der belebten Organismen angewiesen, dessen Belastbarkeit schwer vorhersagbar ist. Zugleich wissen wir, dass wir mit der Expansion menschlicher Landnutzung und durch den Klimawandel die biologische Vielfalt (Biodiversität) zunehmend gefährden, vielfach unumkehrbar dezimieren.

Das könnte für viele Gesellschaften, vor allem in den Tropen, bedrohliche Folgen haben. Diese Bedrohung können wir nur abwenden, wenn wir den globalen Raubbau, der mit unserer andauernden Expansion einhergeht, beenden und zu einer stabilen, nachhaltigen Bewirtschaftung übergehen.

Bereits 2002 hat die Weltgemeinschaft beschlossen, bis zum Jahr 2010 den Verlust der biologischen Vielfalt merklich einzudämmen. Konkret verfolgt das 1993 gestartete Übereinkommen zur biologischen Vielfalt drei Ziele: die biologische Vielfalt zu erhalten, eine nachhaltige Nutzung zu ermöglichen und die Vorteile, die aus der Nutzung entstehen, gerecht aufzuteilen.

Das scheinbar unlösbare Problem ist aber, diese Ziele in der realen Welt umzusetzen, in der uns Menschen die wirtschaftlichen und politischen Bedürfnisse und Zwänge der menschlichen Gesellschaft immer drängender erscheinen als die schleichenden Verarmungen der belebten Ökosysteme, die nicht mit klingender Münze oder mit Wählerstimmen Einfluss nehmen können. Auf der heute in Bonn beginnenden Uno-Konferenz zur Biodiversität - unzutreffend als Uno-Naturschutzkonferenz deklariert - müssen endlich die Weichen gestellt werden, damit die Ziele noch erreicht werden können. Die Palette der Themen ist breit:

Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Energie

Groß ist die Sorge, dass die steigenden Energiepreise dazu führen, dass die Erzeugung von Treibstoffen aus pflanzlicher Biomasse (Agrofuels) den Nahrungsmittelpreis in die Höhe treibt und einen neuen Goldrausch auslöst. Beides bedroht die noch verbliebenen Regenwälder und Savannen. Zertifizierungen können hier nur teilweise helfen. Schon heute ist es so, dass wir den Regenwald "verfrühstücken". Um den wachsenden Hunger auf Fleisch hierzulande zu stillen, werden bereits Regenwälder vernichtet und fruchtbares Ackerland für Tierfutter bebaut. Wenn wir für erschwingliche Tankfüllungen jetzt auch noch die Ernährungssicherheit der Welt opfern, öffnet sich ein Gerechtigkeitsproblem globaler Tragweite.

Weltweites Netz von Schutzgebieten

Ein weltweites Netzwerk von Schutzgebieten ist ein entscheidender Schritt, um die Biodiversität zu erhalten. Es wird massiver Anstrengungen bedürfen, damit dieses Ziel erreicht wird. Dabei wird es auch darum gehen, auf hoher See, wo heute noch die Wildwest-Regeln des freien Zugriffs gelten, Schutzgebiete einzurichten, um dem Raubbau und dem sich ausdehnenden ökologischen Kollaps in den Meeren entgegenzuwirken.

Bis 2012 sollen 40 Prozent der Meeresfläche unter Schutz stehen, auch um die wichtige globale Nahrungsquelle zu erhalten. Eine kürzlich in "Nature" veröffentlichte Studie warnt, dass bereits mehr als 40 Prozent der Meere von Menschen stark verändert worden sind.

Finanzen

Die Global Environment Facility (GEF) ist der Finanzierungsmechanismus der Uno-Konvention zur biologischen Vielfalt. Das Budget speist sich aus Einzahlungen aus den Industrieländern, die alle vier Jahre festgelegt werden. Diese reichen aber nicht aus. Es müssen in Bonn neue Finanzierungsquellen erschlossen werden. Allein der Aufbau eines weltweiten Schutzgebietsystems wird, so rechnen Experten, 30 Milliarden Euro kosten.

Uno-Konventionen glätten

Anreize, die infolge der Klimadiskussion für die Erzeugung von Biokraftstoffen gesetzt werden, können die Biodiversität gefährden. Auch Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel - wie neue Flutungsgebiete, Aufforstung von wüstenähnlichen Landschaften - können unerwünschte Folgen haben. Deshalb müssen der Erhalt der Biodiversität und der Stopp des Klimawandels zusammen angegangen werden.

Schutz des Regenwaldes und der einheimischen Wälder

Der Schutz der Regenwälder ist wichtig, sie sind Reservate der globalen Artenvielfalt und spielen im Kampf gegen den Klimawandel eine entscheidende Rolle. Nicht minder wichtig ist aber, in Deutschland die wenigen "alten Wälder" besonders sorgfältig zu schützen. So zählen die letzten wirklich naturnahen einheimischen Buchenwälder zu den weltweit am stärksten bedrohten Ökosystemen.

Angst des Südens vor der Biopiraterie

Die Jagd auf das "Grüne Gold", die Bioprospektion, hat in vielen Ländern des Südens zur Angst vor der Biopiraterie geführt, bei der wertvolle genetische Ressourcen aus dem Ursprungsland entwendet werden und der ökonomische Gewinn in anderen Ländern gemacht wird. Hier sind die Staaten aufgefordert, das Verhalten der Wirtschaftsunternehmen zu kontrollieren. Leider sind die Verhandlungen zur Absicherung einer gerechten Verteilung ökonomischer Gewinne besonders schwierig, weil hier knallharte ökonomische Interessen und Ängste aufeinanderprallen. Das englische Akronym für globale Gerechtigkeit, ABS (für "access and benefit sharing") funktioniert leider nicht als "Antiblockiersystem", sondern behindert notwendige Forschung für den Naturschutz.

Biologische Invasionen

Mit Schiffen, Zügen oder Flugzeugen werden gebietsfremde Arten eingeschleppt. Das hat oft sehr negative Konsequenzen. Diese sollen insbesondere durch Regulation der Transportwege und -Methoden eingedämmt werden.

Dieser Blick auf die Themen zeigt, dass die Diskussionen auf vielen Ebenen stattfinden, was der Komplexität des Themas angemessen ist. Eine bahnbrechende Lösung aller Probleme ist nicht zu erwarten, sondern gradueller Fortschritt an mehreren wichtigen Fronten.

Es geht um die Zukunft der Menschheit, die diesen Planeten und seine Biosphäre umkrempelt, als ob es nur um einen Schrebergarten ginge. Tatsächlich sägt sie aber an den Wurzeln ihrer eigenen Existenz. Wie teuer das werden kann, wird eine Studie beziffern, die auf der Konferenz vorgestellt wird und erstmalig den monetären Wert der Artenvielfalt und ihrer Dienstleistungen benennt.

Der Autor ist Professor an der Uni Hamburg, Sprecher von DIVERSITAS DEUTSCHLAND und Koordinator von Biota Africa.

www.diversitas-deutschland.de/

www.biodiv-network.de


Kids for Earth bringen Post für Sigmar Gabriel

500 Kinder von Greenpeace demonstrieren bei der UN-Biodiversitätskonferenz in Bonn für den Urwaldschutz

Von Beate Steffens, Greenpeace-Online, 19.5.08

Zum Auftakt der UN-Biodiversitätskonferenz (Convention on Biological Diversity, CBD) in Bonn, demonstrieren 500 Kinder und Jugendliche von Greenpeace für den Urwald- und Klimaschutz. Um 12 Uhr beginnt der Demonstrationszug der Kids aus Spanien, Holland, Brasilien, der Schweiz und Deutschland von den Rheinauen zum Tagungszentrum, dem Hotel Maritim in Bonn. Ab 14 Uhr werden die Kids for Earth auf der Haupttribüne des Konferenzgeländes Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), die Bonner Bürgermeisterin Bärbel Diekmann (SPD) und den Generalsekretär der CBD, Ahmed Djoghlaf, treffen.

Die als Urwaldtiere, Bäume und Schmetterlinge kostümierten Kinder übergeben dort 30 Säcke mit der Aufschrift "Post für Sigmar". Damit stellen die Kids for Earth die Unterschriften von 115 000 Bundesbürgern zu, die von der deutschen Regierung mehr Urwald- und Klimaschutz fordern.

"Urwälder sind Schatzkammern der Artenvielfalt und die Klimaanlage des Planeten", sagt Paul Lüdemann (13) aus Delmenhorst, der heute bereits eine Rede vor den Regierungsvertretern auf der CBD-Eröffnungszeremonie gehalten hat. "20 Prozent der weltweiten Treibhausgase stammen aus Abholzung und Brandrodung der Wälder. Das sind mehr klimaschädliche Abgase, als alle Autos und Flugzeuge der Welt ausstoßen! Wir Kids for Earth wollen, dass die in Bonn versammelten Politiker endlich die Zerstörung der letzten Urwaldparadiese beenden."

Seit Anfang März engagieren sich die Kids for Earth für den Schutz der letzten Urwälder und den Klimaschutz. Die Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren haben Unterschriften für den Urwaldschutz gesammelt, Ausstellungen in ihren Schulen organisiert, Urwaldmotive gebastelt und gemalt. Urwaldschutz ist Klimaschutz, lautet die zentrale Botschaft der Kids for Earth: Schützt die Urwälder deshalb jetzt!

Auch die 30köpfige internationale Experten-Delegation von Greenpeace misst den kommenden Verhandlungen zum Schutz der Wälder entscheidende Bedeutung bei. Nach Auffassung der Umweltschutzorganisation können Artenverlust und Klimawandel nur gebremst werden, wenn die Industrieländer ausreichend Geld für die Einrichtung eines globalen Netzes von Waldschutzgebieten bereit stellen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte als Gastgeberin der UN-Konferenz die Finanzierungs-Initiative starten und jährlich zwei Milliarden Euro aus dem Abbau von klimaschädlichen Subventionen im Verkehrsbereich in den Urwald- und Klimaschutz investieren. Zudem fordert Greenpeace, dass keine Urwälder für den Anbau von so genanntem Bio-Sprit oder den illegalen Holzeinschlag zerstört werden.


"Artenschutz ist nicht Gucci"

SPIEGEL-Online, 19.5.08

Artenschutz ist für das Überleben der Menschheit ebenso wichtig wie Klimaschutz, sagt Klaus Töpfer. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der ehemalige Uno-Umweltchef über den Wert der Natur, verfehlten Artenschutz - und den Sinn von Mammutkonferenzen.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie vom Uno-Artenschutzgipfel in Bonn?

Töpfer: Es ist bislang nicht gelungen, dem Artenschutz die gleiche Aufmerksamkeit zu geben wie dem Klimawandel. Anders als beim Klimaschutz fehlt ein IPCC, das Intergovernmental Panel für Climate Change, das die Forschung mit der Politik verzahnt. Für seine Arbeit hat dieser Weltklimarat zu Recht den Nobelpreis bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre dann noch ein weiteres hochrangiges Uno-Gremium. Geht es jetzt nicht endlich um die Umsetzung der erkannten Ziele statt neuer Öko-Bürokratien?

Töpfer: Genau deshalb brauchen wir weniger Papier und mehr konkrete Politikentscheidungen. Der Artenschutz ist kein Luxusartikel wie Gucci oder Hermès für Menschen, die sonst keine Probleme haben.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Töpfer: Der Schutz der Artenvielfalt ist zum Überleben der Menschheit genauso wichtig und notwendig wie die Stabilisierung des Klimas. Artenschutz und Klima beeinflussen sich wechselseitig. Ich bin ein großer Freund der Bionik...

SPIEGEL ONLINE: ... in der uns die Natur Vorbilder für technologische Innovationen wie Oberflächen für Flugzeuge oder die perfekte Baustatik liefern kann...

Töpfer: ... und diese Vielfalt der Natur, der Genvielfalt, ist nicht umsonst zu erhalten. Wir haben als Industrieländer schon genug gesündigt, und die Artenvielfalt bei uns deutlich reduziert. Jetzt erwarten wir aber von den weniger entwickelten, den armen Ländern der Welt, dass sie ihre Regenwälder, Mangroven oder Korallenlandschaften für uns kostenlos erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Landwirte bekommen doch Subventionen, wenn sie Naturlandschaften erhalten und pflegen?

Töpfer: Das ist auch völlig richtig, das ist eine Leistung für die Gesellschaft. Umso unverständlicher ist es, dass wir das von den Ärmsten der Armen kostenlos erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Uns kommen diese Subventionen wie ein Alibi vor. Wir geben Millionen für den Schutz der Regenwälder aus, um unseren Lebensstandard abzusichern. Ist das nicht Green Washing?

Töpfer: Das ist keineswegs Green Washing. Es ist Bezahlung von wichtigen Leistungen für unseren Wohlstand. Deshalb ist es so wichtig, das Abkommen über die Biodiversität um die finanziellen Bewertungen der Leistungen der Natur zu ergänzen. Welchen Wert haben die Wälder als Kohlendioxid-Speicher oder die artenreichen Urwälder für die Pharmaindustrie? Kenntnisse über Naturmedizin sind beispielsweise nicht geschützt. Was keinen Preis hat, ist schwer zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Als Chef der Uno-Umweltbehörde Unep in Nairobi hatten Sie doch sechs Jahre Zeit, diese Neubewertung der Natur durchzusetzen.

Töpfer: Es ist ja auch einiges passiert. Unep hat als erste Organisation in dem "Millennium Eco System Assessment" nach der Bewertung etwa eines Feuchtgebietes gefragt. Das kann mehr bringen als ein neuer Staudamm. Wir wissen, welchen Marktpreis ein Holzstamm aus tropischen Ländern hat. Aber die Arbeitsplatz schaffende Weiterverarbeitung erfolgt wieder in den hoch entwickelten Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Für waldreiche Länder gibt es ja im Rahmen des Kyoto-Abkommens echtes Geld, wenn sie ihre Wälder erhalten, weil sie damit Schadstoffe binden. Ist das der richtige Weg?

Töpfer: Bisher sind Zahlungen für den Erhalt von Wäldern keineswegs im Kyoto-Protokoll hinreichend geregelt. Generell brauchen wir im Artenschutz solche Inwertsetzungen. Ich hoffe, dass der Uno-Gipfel hier deutliche Signale setzt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr allgemein. Ist es nicht Öko-Kolonialismus, wenn andere die Umwelt für uns erhalten sollen?

Töpfer: Das sehe ich nicht so. Ein einfaches Beispiel: Es gab in Baden-Württemberg in den achtziger Jahren einen Wasserpfennig, der bei der Entnahme von Kühlwasser oder Grundwasser auf den Preis aufgeschlagen wurde. Damit wurden Landwirte bezuschusst, die weniger Düngemittel oder Pestizide einsetzten. Bei Überschwemmungen zahlen in einigen Ländern ebenfalls die Oberlieger für die Schäden der Unterlieger. So wird das global auch im Nord-Süd-Gefälle notwendig sein. Wir werden wohl global keine Reservate einrichten wollen, sondern eine vernünftige Entwicklungspolitik mitgestalten und mitfinanzieren, die auf Kooperationen mit der dortigen Bevölkerung basiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie können es als langjähriger Minister und Uno-Mann am besten beurteilen: Wird mit den immer häufigeren Uno-Gipfeln zur Biodiversität, zum Klimaschutz, zur Verstädterung, zum Wasser, zur Nachhaltigkeit nicht das Thema Umwelt zu Tode konferiert? Und das bei maximalem CO2-Ausstoß der fliegenden Delegierten, die sich in klimatisierten Hallen versammeln?

Töpfer: Mal gemach. Die Bedeutung von großen Konferenzen muss man immer wieder hinterfragen; und dass auch viele Flugkilometer notwendig sind, ist ein Thema über das nachgedacht wird. Ich verweise aber auf den Uno-Klimagipfel Bali. Bei dieser Konferenz wurden durch die Teilnahme vieler engagierter Menschen eine Atmosphäre und ein Ergebnis geschaffen, dass auch die USA im Klimaschutz mit dabei sein werden. Und die Frage ist doch: Wo stünden wir heute ohne die internationalen Organisationen und Umweltverbände?

SPIEGEL ONLINE: Der jetzige Uno-Gipfel wird eine Bewertung der Naturgüter fordern. Nach einigen Studien der EU und Uno sollen es 4500 Milliarden Euro sein. Gibt es denn tatsächlich einen Preis für den Garten Eden?

Töpfer: Nun, damals war Gott nur mit zwei Menschen konfrontiert. Die Schöpfung ist vor allem zu schützen um ihrer selbst Willen, auch wenn wir ihr gegenwärtig keinen oder einen falschen Preis geben.

Das Interview führten Rafaela von Bredow und Sebastian Knauer


Wirtschaftswoche Interview mit Umweltminister Gabriel


18. Mai 2008

UN-Artenschutzkonferenz: "Wir können nicht noch Jahre diskutieren"

Berlin (AP) - Unmittelbar vor Beginn der UN-Artenschutzkonferenz hat Bundesforschungsministerin Annette Schavan einen internationalen Masterplan zum Erhalt der biologischen Vielfalt gefordert. Aus ihm müsse hervorgehen, «mit welchen Maßnahmen welche besonders gravierenden Probleme aufgegriffen werden können», sagte die CDU-Politikerin im Interview. «Die Zeit drängt», betonte sie. Ab Montag bis zum 30. Mai werden in Bonn rund 5.000 Delegierte aus 190 Staaten über Schutzmaßnahmen verhandeln.

Frau Ministerin, am Montag beginnt die Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt in Bonn. Eigentlich ist das ja ein klassisches Umweltthema. Inwiefern ist das Forschungsministerium daran beteiligt?

Schavan: Forschung ist gleichsam die Mutter aller Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt. Es war die Biosphärenforschung, die überhaupt das Problem benannt und auf den enormen Verlust der biologischen Vielfalt aufmerksam gemacht hat. Es ist die Forschung, die Ziele benennt, Strategien entwickelt und Maßnahmen vorschlägt, wie dieser rasante Schwund an biologischer Vielfalt gestoppt werden kann, wie eine internationale Strategie zum Schutz der Arten entwickelt werden kann. Darum wird es in Bonn gehen. Mein Ministerium investiert für Forschungsvorhaben zur Biodiversität pro Jahr zwischen 90 bis 100 Millionen Euro.

Welche konkreten Forschungsprojekte gibt es?

Schavan: Es gibt eine Reihe Forschungsprojekte vor allem in Afrika und Lateinamerika. Sie widmen sich der Frage der Landnutzung, wie zum Beispiel das Umweltprojekt "Biota". An ihm sind sechs afrikanische Länder beteiligt. In Kürze gesagt: Wir wissen, dass die Weise, wie Land genutzt wird, sich wesentlich auswirkt auf nachhaltige Möglichkeiten der Landnutzung. Das Gespräch mit Farmern in Namibia hat mir deutlich gemacht, wie abhängig diese davon sind, dass ihnen Erkenntnisse der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, um nicht Entscheidungen zur Landnutzung in dieser Generation zu treffen, die schon für die nächste Generation weitere Landnutzung unmöglich macht. Das geht hin bis zu solch konkreten Fragen, welches Landstück als Weideland für welches Vieh genutzt werden kann.

Ein weiteres großes Thema ist die Frage Wasserversorgung. Ein drittes Beispiel sind Forschungsvorhaben zum Erhalt des Wildkaffees. Es geht um Fragen, wie die schonende Nutzung der wilden Kaffeebohne und des Waldes, in dem sie vorkommt, so lukrativ gestaltet werden kann, dass mehr Interesse daran besteht, diesen Wald zu erhalten und ökonomischen Nutzen aus ihm zu ziehen anstatt ihn zu roden. Über die ökologische Dimension hat das auch eine ökonomische und soziale Komponente. Es müssen Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Ökologie hergestellt werden, dann wächst die Akzeptanz.

Was muss erreicht werden, damit die Bundesregierung die Konferenz als Erfolg bezeichnet?

Schavan: Eine UN-Konferenz muss in der Lage sein, die zentralen Konfliktlinien zu benennen und Gemeinsamkeiten in der Strategie zu entwickeln. Es muss einen Masterplan geben, aus dem hervorgeht, mit welchen Maßnahmen welche besonders gravierenden Probleme aufgegriffen werden können. Es müssen internationale Vereinbarungen getroffen werden, in denen es um den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich geht, um globale neue Finanzierungsmechanismen für den Naturschutz, um die Einrichtung eines weltweiten Schutzgebietsnetzes sowie um den Schutz biologischer Vielfalt in den Wäldern.

Auch sehr zentral ist die Frage für eine globale Strategie zum Schutz zur nachhaltigen Nutzung von Pflanzen. Wie verbinden wir - was zunächst Konkurrenz ist - Energiegewinnung und Ernährungsversorgung. Die Konkurrenz ist nur auflösbar, wenn weitere Entwicklungen möglich werden. International wird dies ein großes Thema. Es darf nicht so sein, dass wir hier in unseren Energiemixstrategien auf viel Biomasse setzen, was in anderen Teilen der Welt Ernährungsprobleme beschert. Das ist der Grundkonflikt.

Umweltminister Sigmar Gabriel, der die Bundesregierung in Bonn vertritt, hat ein Scheitern der Konferenz nicht ausgeschlossen...

Schavan: Es gibt bei solchen Konferenzen natürliche Konkurrenzen von Interessen völlig unterschiedlicher Ausgangssituationen. Von daher ist jede Konferenz auch mit vielen Risiken behaftet. Aber die offensichtliche Dringlichkeit lohnt alle Anstrengungen, um in den zentralen Konfliktlagen zu gemeinsamen Strategien zu kommen. Bei allen großen Forschungsthemen, die Entwicklungsperspektiven betreffen, reichen nationale Strategien nicht mehr aus.

Immer geht es darum, die großen Themen in den Kontext einer internationalen Forschungsagenda zu setzen. Letztlich geht es darum auch bei der UN-Konferenz. Die Zeit drängt. Wir können nicht noch Jahre diskutieren. Also muss jetzt alles daran gesetzt werden, über nationale Interessen hinaus an der Entwicklung der "einen Welt" zu arbeiten.

Wer sind die Gegenspieler?

Schavan: Zum einen sind da die Länder, in denen Ressourcenverbrauch in großem Ausmaß zum Alltag gehört und Voraussetzung für ihren Entwicklungsstand ist. Auf der anderen Seite stehen die Ländern, in denen die Mehrheit noch nicht einmal Zugang zu Energie hat. Aus solch unterschiedlichen Ausgangspositionen entwickelt sich eine hohe Sensibilität dafür, auf was man sich jeweils einlässt. Das ist ein Merkmal bei Verhandlungen von Partnern in total unterschiedlichen Situationen. Der rote Faden lautet: Wer gibt was her, um wem was möglich zu machen.

(Die Fragen stellte Holger Mehlig)


Deutschlands grüne Versäumnisse

Von Torsten Schäfer, Deutsche Welle, 19.5.08

Bei der UN-Naturschutzkonferenz feiert sich Deutschland als umweltpolitisches Musterland. Dennoch gibt es Mängel, über die kaum diskutiert wird. Vor allem die Bundesländer wollen lieber schweigen statt zu handeln.

Luchs, Lachs, Wolf, Seeadler, Biber, Bär und viele mehr - die Liste der Tierarten, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt ist, ist beeindruckend. Es scheint, als ob sich die Natur rasant erholt hat. In der Tat haben Schutzprogramme dafür gesorgt, dass es vielen Arten und Lebensräumen wieder besser geht. Der Scheint trügt aber auch: Noch immer geht das Artensterben weiter. Der Rückgang von Feldlerche und Mausersegler ist eben keine Schlagzeile wert. Jede Wolfsbeobachtung dagegen schon. Es gibt Erfolgsgeschichten, aber es sind noch immer zu wenige.

Schuld daran ist auch der zu selten thematisierte Flächenverbrauch: Ein Land, was trotzt seiner starken Besiedlung täglich 105 Hektar zubaut, kann Lebensräume nicht so erhalten, wie es nötig wäre - und gerne behauptet wird. Eigentlich muss man von Ländern sprechen. Sie sind die Hauptakteure der deutschen Naturschutzpolitik, weil die Bundesländer vor Ort entscheiden, welche Schwerpunkte gesetzt werden und wohin die Gelder fließen.

Finanzchaos mit politischen Folgen

Geld ist das heikelste Thema. Zweifelsohne wird in der Bundesrepublik für den Naturschutz mehr ausgegeben als in vielen anderen Ländern. Ob die Mittel allerdings effizient eingesetzt werden, wohin sie fließen und wie viel insgesamt investiert wird, kann niemand sagen. Die Länder erfassen ihre Naturschutzausgaben völlig unterschiedlich. Einige tun dies akribisch, die meisten aber nicht. Und selbst wenn Haushaltstitel den gleichen Namen tragen, werden unter ihnen teils ganz andere Posten zusammengefasst. Transparenz gibt es kaum, Chaos dafür um so mehr. Wie widersprüchlich die Naturschutzausgaben im Einzelnen sind, hat die Zeitschrift "GEO" gerade mit einer Umfrage bei den Landesregierungen gezeigt.

Das Finanzchaos hat Folgen: Es ist unmöglich, die Leistungen der Länder zu vergleichen, Vorbilder auszumachen und zu zeigen, wo Gelder verschwendet werden. In der Schweiz sind die Naturschutzausgaben ein wichtiger umweltpolitischer Frühindikator, weshalb sie auf allen Ebenen systematisch erfasst werden. In Deutschland haben die Bundesländer kein Interesse daran, sich abzustimmen. Niemand will sich eine Blöße geben. Dass es aber um die Frage geht, wie nachvollziehbar Steuergelder verwendet werden, die für den Schutz eines öffentlichen Gutes, ausgegeben werden, ist den Umweltministern ziemlich egal.

Massive Personaleinsparungen

Man kann den Eindruck gewinnen, dass den Ländern der Naturschutz viel gleichgültiger ist, als sie oft bekunden. Sicher: Bund und Länder mussten im vergangenen Jahrzehnt überall einsparen; die Umweltpolitik traf es besonders: Zwischen 1996 und 2007 sanken die gesamtstaatlichen Umweltausgaben um 22 Prozent, wie ein Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen von 2007 zeigt. Im Naturschutz wurde aber besonders stark gekürzt: Fast alle Landesverwaltungen haben massiv Personal eingespart. Besonders hervorgetan hat sich Nordrhein-Westfalen.

Es gibt auch juristische Probleme: Der Bund kaufte sich bei der Föderalismusreform Kompetenzen von den Ländern zurück, indem er andere abgab - zum Beispiel im Naturschutz. Undurchdringlicher als jeder Regenwald sei das deutsche Naturschutzrecht nun, klagen Umweltrechtler. Auch das 2002 verabschiedete Bundesnaturschutzgesetz konnte die Situation nicht grundlegend ändern. Darin steht zum Beispiel, dass einmal zehn Prozent der Landesfläche als Schutzgebiet ausgewiesen sein sollen. Bindend sind solche Vorgaben für die Länder aber nicht, sie entscheiden selbst über die Prioritäten.

Glaubwürdigkeit geht schnell verloren

Klare Vorschriften gab es hingegen bei der Umsetzung der Natur-2000-Richtlinie der EU, die bereits 1992 beschlossen wurde. Jeder Mitgliedstaat muss für ein EU-weites Netzwerk von Schutzgebieten Flächen ausweisen. Anfang 2008 hat die Bundesrepublik endlich ihre Berichtspflichten erfüllt. Die EU musste Deutschland dafür aber wiederholt vor den Europäischen Gerichtshof zerren – weil die zuständigen Bundesländer ihre Hausaufgaben nicht machten und lange Zeit keine Gebiete auswiesen.

Eigentlich müssten die Landesregierungen wegen fehlenden Willens zur Zusammenarbeit in mehreren Bereichen und offenkundigen Widersprüchen zwischen Wort und Tat lange nachsitzen. Doch bei der UN-Naturschutzkonferenz in Bonn (19.-30.5.2008) klopfen sich die Politiker auf die Schulter. Auch die Gesandten der Länder werden Loblieder anstimmen. Anpacken wäre die besser Antwort, wenn Deutschland den eigenen Ansprüchen im Naturschutz gerecht werden will. Glaubwürdigkeit geht schnell verloren. Gerade die Länder treiben den Verlust derzeit voran.


Lernen für Biodiversität - Umweltschützer aus Lateinamerika in Bonn

InWEnt Pressemitteilung, 19.5.08

Bonn - Heute kommen 30 Umweltexperten aus den Ländern Bolivien, Brasilien, Ecuador, El Salvador, Honduras, Kolumbien, Nicaragua und Peru nach Bonn. Sie nehmen teil am Trainingskurs "Veränderungsprozesse im Biodiversitätsmanagement", den InWEnt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit undEntwicklung (BMZ) durchführt.

Bis zum 30. Mai 2008 sind die jungen "Change Agents" auf der UNO-Naturschutzkonferenz in Bonn. Sie sind Fachkräfte aus staatlichenEinrichtungen, Nichtregierungsgruppen und indigenen Völkern. In ihrerHeimat setzen sie sich für die nachhaltige Entwicklung ihrer Lebensräume und der Wald- und Flussregionen ein. Sie unterstützen vorallem indigene Völker, wie zum Beispiel die Wounaan in Kolumbien. In Bonn werden die Umweltexperten in verschiedenen Seminaren ihre Erfahrungen und Erlebnisse auswerten, die sie bei ihren Besuchen verschiedener Side-Events der Naturschutzkonferenz sammeln werden.

Wenn Sie an Interviews interessiert sind, laden wir Sie gerne ein,mit der Gruppe Kontakt aufzunehmen.

Ansprechpartner sindr. Erich Mies, InWEnt, Fon 0174 66 39 560 und Matthäus Hofmann, Regionalkoordinator des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Ecuador, Fon 01520 10 52 387


Wir sind dann weg – für immer

Von Margit Kautenburger, Hannoversche Allgemeine, 18.5.08

Zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit: In der exotischen wie in der heimischen Tierwelt sind immer mehr Arten vom Aussterben bedroht. In unterschiedlichem Maße gilt das für die Eisbären, für Galapagos-Riesenschildkröten, für Kaiserpinguine, Rauchschwalben und den afrikanischen Riesengorilla.

Kleine Eisbären ziehen derzeit Tausende Besucher in die Zoos. Ob Knuddel-Knut in Berlin, Flocke in Nürnberg oder die Wiener Eisbärzwillinge, die bald in Hannover zu bestaunen sein werden – überall sind die niedlichen Polarbären die Stars. Der Rummel hat auch sein Gutes, denn inzwischen weiß wohl jeder, dass es um die Zukunft der Tiere in freier Wildbahn nicht gut bestellt ist. Ihr Lebensraum, die Arktis, ist bedroht.

Wie den Eisbären geht es Tausenden von Arten. Intensive Landwirtschaft und Zersiedlung verdrängen Tiere und Pflanzen. Die Fakten sind erschreckend: Mehr als 16.000 Tier- und Pflanzenarten drohen über kurz oder lang von der Erde zu verschwinden: ein Viertel der Säugetiere, jeder achte Vogel und jedes dritte Amphibium. Dies gilt auch für 70 Prozent der bekannten Pflanzen und ein Viertel aller Fischarten. Orang-Utan, Pandabär und Gorilla in Asien und Afrika kämpfen ebenso ums Überleben wie bei uns Feldhamster, Gelbbauchunke, Arnika-Pflanze oder Birkhuhn.

Das Tempo des Aussterbens bereitet Sorgen

Dass Arten aussterben, ist ein natürlicher Vorgang. Sorgen macht den Wissenschaftlern aber das Tempo. „Die Geschwindigkeit ist hundert- bis tausendmal höher als in vorindustrieller Zeit, in den Tropen sogar zehntausendmal“, rechnet Stefan Baumgärtner vor, Professor für Nachhaltigkeitsökonomie an der Universität Lüneburg.

Anders als der Klimawandel findet der Verlust der Biodiversität, von Arten und deren Lebensräumen also, eher unbemerkt von der Öffentlichkeit statt. Schon der Begriff ist zu sperrig, um die Massen zu elektrisieren. Das soll die UN-Naturschutzkonferenz ändern, die von heute an bis zum 30. Mai in Bonn tagt. Deutschland ist Gastgeber dieses Gipfels, bei dem rund 5000 Vertreter von 190 Vertragsstaaten zusammenkommen, um die Notbremse zu ziehen. Schon 1992 beschloss die internationale Gemeinschaft in Rio, den Artenschwund zumindest zu begrenzen. Passiert ist seither wenig. Das Sterben geht ungebremst weiter. Die Beschlüsse von Rio sind bislang nichts weiter als ein Appell an den guten Willen der Unterzeichnerstaaten.

Warum aber ist der Erhalt der Vielfalt des Lebens auf der Erde überhaupt so wichtig? „Wir zahlen für den Verlust jeder Art einen hohen Preis, denn wir können ihn nicht rückgängig machen“, sagt Achim Steiner, der Generaldirektor des UN-Umweltprogramms (Unep). „Unsere Ökosysteme funktionieren nur wegen der biologischen Vielfalt.“ Daher zähle das Überleben jeder einzelnen Art.

Die allermeisten lebenswichtigen Güter kann der Mensch ohne funktionierende Ökosysteme nicht produzieren. So stellt die Natur wichtige Rohstoffe wie Holz, Nahrungsmittel oder Energiepflanzen bereit und reguliert überlebenswichtige Prozesse wie die Sauerstoffproduktion. In der Natur findet sich auch der Schlüssel zur Entwicklung lebenswichtiger Medikamente. UN-Umweltdirektor Steiner, spricht von einer „medizinischen Schatzkiste“, die verloren zu gehen droht.

Der Artenschwund sei ebenso bedrohlich wie der Klimawandel, meint Experte Baumgärtner. „An die Erderwärmung können wir uns anpassen, wenn wir aber das Leben selber verlieren, hat auch der Mensch keine Chance mehr.“

Die Bewahrung der Schöpfung ist für Christen von jeher Gebot. Mittlerweile steht beim Naturschutz jedoch ein neues Argument im Mittelpunkt: der Eigennutz. Beim Artenschutz geht es um den Kampf um die natürlichen Ressourcen, auf dem Spiel steht der Erhalt der Lebensgrundlagen für bald sieben Milliarden Menschen.

Wie beim Klimaschutz gibt es einen Nord-Süd-Konflikt: Die Europäer und Nordamerikaner wollen ihren Lebensstil erhalten, der andere Teil der Menschheit will ihn nachahmen. Der Profit, der im Handel mit Holz, Getreide, nachwachsenden Rohstoffen oder Arzneipflanzen erzielt wird, geht beiden Seiten vor Naturschutz. Dass ihre Naturschätze ihr wirtschaftliches Kapital sind, haben die Entwicklungsländer längst erkannt. Sie wollen stärker am Gewinn teilhaben, den die Industriestaaten aus ihren natürlichen Ressourcen ziehen. Und sie wollen Entschädigungen dafür, dass sie den Regenwald nicht für Biospritpflanzen oder Sojanbau roden.

Selbstbedienungsmentalität der Unternehmen angeprangert

Seit Langem prangern Entwicklungsinitiativen auch die Selbstbedienungsmentalität internationaler Unternehmen an. Biopiraterie nennen sie deren Praxis, Rohstoffe aus der Natur ohne Gegenleistung zu nutzen. So klagt eine südafrikanische Landgemeinschaft gegen den Hersteller von Umckaloabo, Erkältungstropfen, die aus der Kapland-Pelargonie gewonnen werden. Die Firma Spitzner habe das traditionelle Wissen über diese Pflanze gestohlen, lautet der Vorwurf.

Geht es nach Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, muss bis 2010 ein allgemein verbindliches Abkommen über die nachhaltige Nutzung der Natur zustande kommen. Wie aber könnten Ausgleichszahlungen für ökologische Dienstleistungen überhaupt bemessen werden? Dazu gibt es erste Studien. Wissenschaftler schätzen die Leistungen der Natur für die Menschheit auf einen Wert von bis zu 42 Billionen Euro pro Jahr. Nach Ansicht des indischen Umweltökonomen Pavan Sukhdev übersteigen die von den weltweit 100 000 Naturschutzgebieten geschaffenen Werte sogar die der wichtigsten Schlüsselindustrien.

Umweltorganisationen sehen aber in Finanztransfers nur einen Baustein zum Erhalt der Vielfalt. „Es greift zu kurz, dass die Rettung vor allem woanders stattfinden soll“, bemängelt der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke. Auch in Deutschland gebe es Nachholbedarf: „Wie sollen wir den Entwicklungsländern klar machen, dass sie ihre Regenwälder bewahren müssen, wenn wir selbst mit schlechtem Beispiel voran gehen?“ Im rasanten Tempo sterben Tier- und Pflanzenarten aus, weil der Mensch die Natur verdrängt. Die Staatengemeinschaft will nun die Notbremse ziehen.







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