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Aktuell
UN-Artenschutz-Konferenz eröffnet (2)
19. Mai, 2008
Gabriel: UN-Konvention zu Artenschutz steht "am Scheideweg"
Bonn (AFP) - Zum Auftakt der UN-Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt hat sich Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) in Bonn vorsichtig optimistisch über einen Erfolg des Treffens gezeigt. Gabriel äußerte sich "zuversichtlich", dass es substanzielle Fortschritte bei der zweiwöchigen Konferenz geben werde. Zugleich mahnte der Minister, die UN-Konvention zum Schutz der Artenvielfalt stehe "in Bonn am Scheideweg". Entweder die Teilnehmerstaaten könnten sich auf einen konkreten Fahrplan verständigen, oder die Weltgemeinschaft werde zu Recht die Frage stellen, was es bewirke, "wenn 190 Staaten einen Vertrag unterschreiben".
Bei der Konferenz mit rund 7000 Teilnehmern aus 190 Staaten geht es um die konkrete Umsetzung der 1994 in Kraft getretenen Konvention über die biologische Vielfalt. Ziel des Treffens ist es, das weltweit rasant voranschreitende Artensterben zu stoppen oder zumindest zu bremsen, das mehr als hundert Mal so schnell wie in vorindustrieller Zeit voranschreitet.
Die beteiligten Staaten haben sich verpflichtet, bis 2010 die Rate des Verlusts an biologischer Vielfalt "bedeutend" zu verringern. Gabriel sagte dazu in seiner Eröffnungsrede vor den Delegierten: "Die Wahrheit im Jahr 2008 ist: Wir sind immer noch auf dem falschen Weg". Außerdem soll der Konvention zufolge für die gerechte Aufteilung der Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen gesorgt werden. Dabei wird sowohl der Eigenwert der Artenvielfalt anerkannt als auch auf ihren Wert für wirtschaftliche, wissenschaftliche und soziale Zwecke hingewiesen.
Gabriel rief die Delegierten zu einer konstruktiven Zusammenarbeit auf. Es gehe "vor allem um das Leben der Ärmsten". "Wenn, wie befürchtet, der Kollaps der weltweiten Fischerei eintritt, dann wäre eine Milliarde Menschen ihrer einzigen Proteinquelle beraubt."
Die deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen stellten zum Konferenzbeginn eine Liste mit "Erfolgskriterien" für den Gipfel aus ihrer Sicht vor. Als zentrale Themen nennen die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) darin unter anderem jährlich 30 Milliarden Euro für den Urwaldschutz, zudem die Schaffung von Meeresschutzgebieten und die Verabschiedung eines Fahrplans für ein gerechtes Protokoll, das den Vorteilsausgleich zwischen ärmeren und reicheren Staaten regelt.
19. Mai, 2008
Ruf nach globalem Netz von Waldschutzgebieten
Bonn (dpa) - Umweltorganisationen haben an die Teilnehmer der UN-Naturschutzkonferenz appelliert, mehr für den Schutz von Wäldern zu tun.
Artenverlust und Klimawandel könnten nur gebremst werden, wenn die Industrieländer ausreichend Geld für die Einrichtung eines globalen Netzes von Waldschutzgebieten bereitstellten, teilte Greenpeace am Montag in Bonn mit. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sollte als Gastgeberin der UN-Konferenz die Finanzierungs-Initiative starten und jährlich zwei Milliarden Euro aus dem Abbau von klimaschädlichen Subventionen im Verkehrsbereich in den Urwald- und Klimaschutz investieren. Außerdem dürften keine Urwälder für den Anbau von Biosprit oder den illegalen Holzeinschlag zerstört werden.
Nach Angaben der Umweltstiftung WWF gehen jedes Jahr 13 Millionen Hektar Wald verloren - etwa die dreifache Größe der Schweiz. Bis zum Jahr 2020 müsse der Netto-Waldverlust auf Null sinken und die Entwaldung gestoppt werden. Die Staatengemeinschaft müsse sich dazu verpflichten, bis 2050 wieder ein globale Waldfläche und -qualität auf dem Niveau des Jahres 2000 zu erreichen. Wälder erfüllten wichtige ökologische Funktionen, von denen auch der Mensch profitiere. Sie lieferten Holz, produzierten Sauerstoff, speicherten Kohlenstoff und Wasser, bewahrten vor Überflutungen und schützten vor Bodenerosionen. Der weltweite Waldverlust ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel. «Wenn wir die Wälder weiter zerstören, zerstören wir unsere Lebensgrundlagen und die künftiger Generationen», sagte der WWF-Waldexperte Jörg Roos.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) rief zum Auftakt der Konferenz die Staatengemeinschaft eindringlich zum Handeln gegen die Zerstörung des biologischen Reichtums der Erde auf. Das Leben auf der Erde sei «an einem entscheidenden Punkt», sagte Gabriel am Montag in Bonn auf der UN-Konferenz mit mehr als 6000 Teilnehmern aus aller Welt. Dem raschen Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten sowie der Zerstörung von Wäldern und Meeressystemen müsse Einhalt geboten werden. Es gehe nicht nur um die bloße Konservierung von Natur, sondern darum, «wie wir unsere Leben auf der Erde organisieren».
Neben dem Klimawandel sei der Verlust an Biovielfalt «die am meisten alarmierende Herausforderung auf der globalen Tagesordnung», sagte Gabriel. In keinem anderen Bereich sei internationales Handeln derart dringlich. Die Biovielfalt sei wie ein Handbuch zur Funktionstüchtigkeit der Erde. «Was wir jeden Tag tun, ist, dass wir eine Seite aus diesem Handbuch löschen.»
Trotz ihrer Beschlüsse zur Drosselung des Verlusts an biologischer Vielfalt sei die Staatengemeinschaft «immer noch auf der falschen Spur», so Gabriel, der für das Gastgeberland Deutschland auch Präsident der fast zweiwöchigen Konferenz ist. Die 1992 auf der Erdkonferenz in Rio de Janeiro beschlossene UN-Konvention über die biologische Vielfalt stehe bei den Verhandlungen in Bonn am «Scheideweg»: «Wir müssen auf unbequeme Fragen ein Antwort geben: Fahren wir damit fort, riesige Mengen Papier mit wenig Inhalt zu produzieren oder beginnen wir damit, unsere Verantwortung ernst zu nehmen?»
Zum Auftakt der Konferenz hatten Umweltorganisationen für den Erhalt der biologischen Vielfalt auf der Erde demonstriert. Der BUND machte mit großen weißer Holzkreuzen auf die Bedrohung vieler Arten aufmerksam. Auf der Konferenz müsse es «konkrete Beschlüsse» gegen die fortschreitende Zerstörung der Natur und von Tier- und Pflanzenarten geben, sagte ein BUND-Vertreter. Andere Umweltorganisationen forderten ein Stopp für Bio-Sprit, da mit einer Umwandlung von ökologisch wichtigen Flächen für den Anbau eine Ernährungskrise mit verursacht werde.
Montag, 19. Mai, 14:53 Uhr
Gabriel fordert Erfolge für die Weltnaturschutzkonferenz ein
Bonn (ddp-nrw). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat für die am Montag in Bonn begonnene Weltnaturschutzkonferenz «substanzielle Erfolge» angemahnt. Die UN-Konvention über die biologische Vielfalt stehe am Scheideweg, sagte Gabriel zum Auftakt. Ohne Erfolge für den Wald- oder Artenschutz werde sich die Weltgemeinschaft zu Recht fragen, was es bewirke, wenn 191 Staaten entsprechende Absichtserklärungen unterzeichneten.
Gabriel räumte ein, dass die bisherigen Konferenzen seit dem UN-Gipfel von Rio im Jahr 1992 nicht zu «wesentlichen Erfolgen» beim Erhalt des Artenschutzes geführt hätten. Deshalb sei es nun um so wichtiger, das immer raschere Artensterben bis zum Jahr 2010 deutlich zu begrenzen. Der Minister zeigte sich zugleich optimistisch, dass es auf der Konferenz in Bonn entsprechende Erfolge geben werde.
Gabriel forderte mit Blick auf die wachsende Naturzerstörung ein Umdenken der Menschheit. «Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es 2050 keinen kommerziellen Fischfang mehr geben», führte er als Beispiel an. Doch seien schon heute mehr als eine Milliarde Menschen von Fisch als einziger Proteinquelle abhängig. Opfer der Naturzerstörung seien zunächst die «Ärmsten der Armen», doch auch die reichen Staaten seien langfristig nicht vor den Folgen sicher.
Gabriel kündigte zugleich ein stärkeres Engagement der Bundesregierung für die Sicherung der biologischen Vielfalt an. «Utopische Forderungen» seien der Sache aber nicht dienlich. Die von Naturschutzverbänden von Deutschland geforderten zwei Milliarden Euro pro Jahr seien für jedes Land in der Welt realistisch.
19. Mai, 2008
Gabriel eröffnet Weltnaturschutzkonferenz
Bonn (ddp-nrw). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat für die am Montag in Bonn begonnene Weltnaturschutzkonferenz «substanzielle Erfolge» angemahnt. Die UN-Konvention über die biologische Vielfalt stehe am Scheideweg, sagte Gabriel zum Konferenzauftakt. Ohne Erfolge für den Wald- oder Artenschutz werde sich die Weltgemeinschaft zu Recht fragen, was es bewirke, wenn 191 Staaten entsprechende Absichtserklärungen unterzeichneten.
Bis zum 30. Mai wollen mehr als 5000 Experten in Bonn darüber beraten, wie die weltweit fortschreitende Vernichtung der Natur gestoppt werden kann. Dabei geht es unter anderem um den Erhalt der Urwälder und der Meere mit ihrer hohen Artenvielfalt.
Mit Blick auf die wachsende Naturzerstörung forderte Gabriel ein Umdenken der Menschheit. «Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es 2050 keinen kommerziellen Fischfang mehr geben», führte er als Beispiel an. Doch seien schon heute mehr als eine Milliarde Menschen von Fisch als einziger Proteinquelle abhängig.
Auch der Exekutivsekretär der UN-Umweltkonvention, Ahmed Djoghlaf, warnte vor den unabsehbaren Folgen eines weiteren Artenschwunds. Die Menschheit verliere durch das Artensterben nicht nur ihre wirtschaftliche Sicherheit, sondern büße auch kulturelle, und spirituelle Werte ein. Darüber hinaus sei der Klimawandel nicht ohne den Erhalt der biologischen Vielfalt und der Wälder zu stoppen.
Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD), gab im Fernsehsender n24 als Ziel vor, bis zum Jahr 2010 das Artensterben an Land und bis 2012 das Sterben in den Meeren zu stoppen. Ob die Konferenz die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen könne, sei allerdings fraglich. «Das, was jetzt gefordert ist, ist seit Anfang der 90er Jahre bekannt», sagte Müller. 1992 in Rio de Janeiro habe sich die Weltgemeinschaft bereits auf die Ziele verständigt. Die Folgen seien allerdings nicht überzeugend gewesen.
Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann betonte, die deutsche Wirtschaft unterstütze die Bemühungen der Vereinten Nationen zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Die Bundesregierung rief er gleichzeitig dazu auf, keine eigenen, überambitionierten Ziele zu verfolgen. «Wenn Ziele und Maßnahmen formuliert werden, die über bestehende Regelungen hinausgehen, ist zu befürchten, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gegenüber den europäischen Nachbarn Schaden nimmt», warnte Thumann.
Zum Auftakt der Konferenz demonstrierten Umweltschutzgruppen gegen eine ihrer Ansicht nach einseitig auf Wirtschaftsinteressen ausgerichtete Umwelt- und Naturschutzpolitik. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) führte am Konferenzhotel eine Mahnwache für den Artenschutz durch. Auch eine indonesische Bauerninitiative demonstrierte am Tagungshotel für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.
Die Wissenschaftler wollen bei ihrer Konferenz in den nächsten zwei Wochen überprüfen, wie es um die Umsetzung der 1993 in Kraft getretenen UN-Biodiversitätskonvention bestellt ist. Die auch von Deutschland ratifizierte Vereinbarung soll den Erhalt der biologischen Vielfalt und ihre nachhaltige Nutzung sowie einen gerechten Vorteilsausgleich aus der Nutzung der biologischen Vielfalt gewährleisten.
Seit Inkrafttreten der Konvention im Jahr 1993 gelten Pflanzen- und Tierarten mit ihren Erbanlagen als souveränes Eigentum der Staaten, in denen sie vorkommen. Solche Erbanlagen sind vor allem für die Medizin-Produzenten interessant, die daraus Wirkstoffe und chemische Verbindungen herstellen können. Weltweit gibt es 1,7 bis 1,8 Millionen bekannte Pflanzen- und Tierarten, um deren Erhalt es geht.
Zum Erfolg verdammt - Anforderungen der NGOs an die UN-Konferenz in Bonn!
Pressemitteilung Forum Umwelt & Entwicklung, 19.5.08
Die deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen stellten heute zu Beginn des Gipfels zehn Erfolgskriterien vor, die sie mit internationalen Partnern erarbeitet haben. Daran entscheidet sich für die NGOs in zwei Wochen, ob der Biodiversitäts-Gipfel in Bonn als Erfolg gewertet werden kann. Das Klima kippt, Urwälder werden abgeholzt und in Soja- und Palmöl-Plantagen umgewandelt, Meere leergefischt und ausgebeutet, und das auch zu Lasten von Millionen von oft armen Menschen. Die Konvention über biologische Vielfalt (CBD) hat bisher versagt, die verantwortlichen Industrien von Forst, Agrar und Rohstoffen durch einen verbindlichen internationalen Rechtsrahmen zu kontrollieren sowie die Menschen vor Ort in den Entwicklungsländern zu unterstützen. Das zweite große globale Umweltproblem, das dramatische Verschwinden von Arten und die Zerstörung von Ökosystemen, erfordert jetzt schnelles Handeln und klare Entscheidungen.
Zu den zentralen Themen gehören die mit jährlich 30 Milliarden Euro erforderliche Finanzierung des Urwaldschutzes oder die Einrichtung von Meeresschutzgebieten ebenso wie die Verabschiedung eines Fahrplans für ein gerechtes ABS-Protokoll, das den Vorteilsausgleich zwischen ärmeren und reicheren Staaten regelt. Die Akzeptanz der Rechte indigener Völker und regionaler Gemeinschaften genauso wie die dringliche Verknüpfung des Klimaschutzes mit dem Schutz der biologischen Vielfalt. Denn beides sind die wichtigen globalen Herausforderungen – und beide müssen gemeinsam gelöst werden.
„Die dramatische Zerstörung der letzten Urwälder muss vom UN Biodiverstätsgipfel gestoppt werden, denn Entwaldung trägt mit einem Fünftel zu den globalen CO2-Emissionen bei,“ fordert Martin Kaiser, Koordinator von Greenpeace für die UN-Konferenz hier in Bonn, „die Klimaerwärmung sowie der Schutz von Amazonas oder Kongo erfordern einen Beschluss auf UN-Ebene, damit diese unverantwortliche Waldzerstörung endlich beendet wird. Mit zwei Milliarden Euro muss Bundeskanzlerin Merkel eine Initiative zum Schutz der letzten Urwälder starten.“
In Bonn muss ein klarer Fahrplan für die Erarbeitung eines gerechten ABS-Protokolls verabschiedet werden, das den Vorteilsausgleich zwischen ärmeren und reicheren Staaten fair und gerecht regelt. Die deutsche Präsidentschaft der CBD hat bis 2010 Zeit, ein rechtlich verbindliches Regelwerk unter Dach und Fach zu bringen. Das ABS-Protokoll ist seit 16 Jahren überfällig. Dies muss mit Fairness und Verantwortung geschehen, um die ärmeren Länder an den Gewinnen aus der Vermarktung genetischer Ressourcen in den Industrieländern zu beteiligen.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eröffnet 9. UN-Naturschutzkonferenz in Bonn
Naturschutz ist Klimaschutz und Klimaschutz ist Naturschutz
BMU Pressemitteilung, 19.5.08
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat zur Eröffnung der 9. UN-Naturschutzkonferenz in Bonn den Zusammenhang zwischen dem Verlust biologischer Vielfalt und der weltweiten Klimaänderung betont. "Der Klimawandel und der Verlust biologischer Vielfalt sind die beiden wichtigsten Herausforderungen für die internationale Politik", sagte Gabriel und betonte den Zusammenhang beider Themen: "Naturschutz ist Klimaschutz und Klimaschutz ist Naturschutz". Der Bundesumweltminister rief die rund 6.000 Teilnehmer der Konferenz zu einer konstruktiven Zusammenarbeit auf. "Wir müssen zeigen, dass wir das das gemeinsam vereinbarte Ziel, bis zum Jahr 2010 den Schutz der biologischen Vielfalt weltweit grundlegend voranzubringen, auch wirklich ernst nehmen", so Gabriel. Deutschland hat mit der Eröffnung der Konferenz für die kommenden zwei Jahre den Vorsitz der UN-Konvention über die biologische Vielfalt von Brasilien übernommen.
Die Weltgemeinschaft hatte im Jahr 2002 in Johannesburg beschlossenen, den Verlust der biologischen Vielfalt bis zum Jahr 2010 entscheidend zu verringern. "Die Wahrheit im Jahr 2008 ist: Wir sind immer noch auf dem falschen Weg", sagte Gabriel. 16 Jahre dem Erdgipfel von Rio de Janeiro befindet sich die Konvention über die biologische Vielfalt am Scheideweg. "Wir müssen uns der unbequemen Frage stellen, ob wir weiterhin nur Berge von Papier mit wenig Inhalt produzieren oder ob wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen", so der Bundesumweltminister. Die Zerstörung des biologischen Reichtums der Welt ist keineswegs nur ein Gegenstand naturromantischer Betrachtung. "Es geht vor allem um das Leben der Ärmsten. Wenn, wie befürchtet, der Kollaps der weltweiten Fischerei eintritt, dann wäre eine Milliarde Menschen ihrer einzigen Proteinquelle beraubt", so Gabriel.
Der Bundesumweltminister betonte, dass die Konferenz nur einstimmig Beschlüsse fassen kann. "Einstimmige Beschlüsse erreichen wir nur, wenn wir einander zuhören, Flexibilität zeigen und die Erfolge der anderen würdigen anstatt nur auf die Defizite der anderen zu zeigen", appellierte Gabriel und betonte die Größe der Aufgabe: "So wie es in meinem Land eine äußerst schwierige Aufgabe ist, unsere gewachsene Chemie-, Energie- und Autoindustrie so zu organisieren, dass die ökologischen Grenzen insbesondere im Klimaschutz eingehalten werden, so fällt es anderen Ländern nicht leicht, ein Entwicklungsmodell zu verändern, das über Jahrzehnte auf der Umwandlung von Wald oder anderen Ökosystemen in Agrarflächen beruht. Um das alles zu schaffen, brauchen die Umweltminister in der ganzen Welt neben dem eigenen inneren Engagement viel Unterstützung. Von Regierungschefs, von anderen Fachministern – vor allem aber aus der Bevölkerung".
Zu den wichtigsten Zielen der Konferenz gehören nach Gabriels Worten Fortschritte beim Zugang zu genetischen Ressourcen und dem gerechten Vorteilsausgleich, dem sogenannten ABS-Regime. "Die Entwicklungsländer bezeichnen es zu Recht als Biopiraterie, wenn Industrienationen sich im Regenwald genetischer Ressourcen unerlaubt bedienen, daraus Medikamente machen, aber keinen Cent zurückzahlen", sagte der Bundesumweltminister. Der finanzielle Umfang steht dabei noch nicht einmal im Vordergrund. "Es geht um eine Frage des Prinzip. Die industrialisierte Welt muss anerkennen, dass sie Gewinne aus biologischen Ressourcen mit denen zu teilen hat, die sie bis zum heutigen Tag für die Menschheit bewahrt haben", so Gabriel.
Als weiteres herausragendes Ziel der Konferenz nannte Gabriel die Verbesserung der Finanzierung des globalen Schutzes der biologischen Vielfalt. "Man macht es sich zu einfach, wenn man die Menschen in Entwicklungsländern dazu auffordert, beispielsweise die Abholzung des Regenwaldes einfach zu stoppen", so Gabriel. Denn oft haben die Menschen vor Ort keine andere Möglichkeit zu überleben. "Wir wissen, was getan werden müsste, um die Vielfalt der Natur zu erhalten. Und wir wissen, was getan werden müsste, um regional die Wirtschaft zu entwickeln. Aber die Schwierigkeit ist, diese beiden Ziele miteinander in Einklang zu bringen", sagte Gabriel und rief die Delegierten dazu auf, eine Strategie zur Mobilisierung neuer Finanzierungsquellen zu verabschieden. "Deutschland hat hier bereits die Initiative ergriffen. Wir werden im Jahr 2008 erstmals die Erlöse aus der Versteigerung von CO2-Zertifikaten im Rahmen der Klimaschutzinitiative auch für die Erhaltung von Ökosystemen wie Wälder, Moore und Savannen sowie zur Anpassung von Lebensräumen an den Klimawandel einsetzen. Dafür stehen uns zunächst 40 Millionen Euro jährlich zur Verfügung", sagte der Bundesumweltminister.
Neben Regierungsdelegationen werden UN-Naturschutzkonferenzen auch beispielsweise von Naturschutz-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sowie von wissenschaftlichen Institutionen begleitet. An der letzten Konferenz im Jahr 2006 in Brasilien nahmen insgesamt etwa 4000 Delegierte und Beobachterinnen und Beobachter aus 190 Staaten teil. Für Bonn haben sich mehr als 6000 Teilnehmer angemeldet, darunter fast 600 Journalisten aus aller Welt.
Musikalische Highlights der fünf Kontinente bietet heute ab 18 Uhr das Konzert "LIVE NATURE" zur UN-Naturschutzkonferenz, das an der Museumsmeile in Bonn stattfindet. "LIVE NATURE" greift musikalisch das Konferenzmotto "Eine Natur - eine Welt - unsere Zukunft" auf. Präsentiert wird ein kleiner Ausschnitt der kulturellen Vielfalt der Welt, und die ist für eine gemeinsame, sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Zukunft genauso wichtig wie der Schutz der biologischen Vielfalt. Es treten auf: Bob Geldof aus Irland, Hugh Masekela aus Südafrika, Daniela Mercury aus Brasilien, Moana & The Tribe aus Neuseeland, GOCOO + GoRo aus Japan.
Montag, 19. Mai, 13:01 Uhr
Hochseilakt zur Eröffnung der Bonner Artenschutzkonferenz
Bonn (ddp-nrw). Mit einem Hochseilakt der Traber-Familie über dem Konferenzgelände hat die Umweltschutzorganisation WWF am Montag den Auftakt des zweiwöchigen UN-Gipfels zur biologischen Vielfalt in Bonn begleitet. Die beiden Töchter der Traber-Familie, Anna und Katharina, fuhren auf einem Fahrrad über ein in 40 Meter Höhe aufgespanntes Seil. Auf der einen Seite balancierten sie einen Planeten, auf der anderen die die Forderung des WWF an die 5000 Delegierten der Konferenz: «Bring our Earth in Balance».
«Wir unterstützen den WWF gern. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, ein Zeichen für den Erhalt unserer Erde zu setzen», erläuterte Johann Traber das Engagement seiner Familie. Die Artistenfamilie ist mit ihrer Original-Traber-Show bisher bereits in über 40 Ländern der Erde aufgetreten.
«Unser Planet ist in Schieflage. Die Bonner Konferenz entscheidet darüber, ob die internationale Gemeinschaft ihr Ziel noch erreichen wird, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 deutlich zu mindern», erklärte Christoph Heinrich, Leiter Naturschutz beim WWF Deutschland. Das Artensterben sei alarmierend. Laut dem vom WWF vorgelegten «Living Planet Index» hat die Artenvielfalt seit 1970 um 27 Prozent abgenommen.
Bis zum 30. Mai wollen mehr als 5000 Experten aus 191 Staaten in Bonn darüber beraten, wie die weltweit fortschreitende Vernichtung der Natur gestoppt werden kann. Dabei geht es unter anderem um den Erhalt der Urwälder sowie der Meere mit ihrer hohen Artenvielfalt.
UN-Naturschutzkonferenz in Bonn: Inventur der Arche Noah
Von Andrej Fedjaschin, RIA Novosti, 19.5.08
MOSKAU. In Bonn findet vom 19. bis 30. Mai die weltweit größte und längste Naturschutzkonferenz unseres Jahrhunderts statt.
Im amtlichen UN-Jargon heißt sie Konferenz der Teilnehmer der UN-Konvention über die biologische Vielfalt.
Einfacher gesagt wird in Bonn ein abermaliger Versuch gestartet, die Arche Noah zu "inventarisieren" und endlich zu beschließen, wie die Erdbewohner das Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten auf unserer Erde wenn nicht ganz einzustellen (davon kann offenbar keine Rede mehr sein), so doch wenigstens zu verlangsamen. Eine umfassende Aufgabe, daher auch die beispiellose Teilnehmerzahl: mehr als 5000 Delegierte, von Staats- und Regierungschefs bis zu Unternehmern, Politikern und Wissenschaftlern.
Allerdings könnten selbst ihre Kräfte nicht zur Lösung der Aufgabe ausreichen, die 2002 auf einer ähnlichen, wenn auch nicht so großen Konferenz in Johannesburg gestellt wurde: bis 2010 das Tempo des Verlustes der biologischen Vielfalt zu verlangsamen. Seit 1992 die Konvention in Rio de Janeiro unterzeichnet wurde, haben sich ihr beinahe 190 Länder angeschlossen. Seitdem versammeln sie sich alle zwei Jahre zu Konferenzen und stellen fest: Um den Erhalt unserer biologischen Vielfalt steht es mit jedem Jahr immer schlechter, eigentlich verzweifelt schlecht.
Seit dem letzten Treffen 2006 wurden auf der Erde zum Beispiel über zwölf Millionen Hektar Wald vernichtet. Nach Angaben der letzten UN-Studie haben die Übervölkerung, Umweltverschmutzung und globale Erwärmung dazu geführt, dass wir täglich bis zu 100 Arten in der Flora und Fauna verlieren. So etwas hat es seit der Zeit nicht gegeben, als vor 65 Millionen Jahren die Saurier ausgestorben waren. Wenn wir die Einstellung zu unseren Meeren und Ozeanen nicht verändern, werden wir bis 2050 den kommerziellen Fischfang gänzlich einstellen müssen: Er wird sich einfach nicht rentieren.
Natürlich werden wir nicht auf einem absolut verödeten Planeten bleiben. Bis heute sind auf der Erde rund 1,8 Millionen biologische Arten registriert. Nach Ansicht von Wissenschaftlern warten noch acht bis 50 Millionen Arten von Tieren und Pflanzen, auf die bisher einfach niemand gestoßen ist, auf ihre Entdeckung. Einige Hitzköpfe behaupten sogar, uns stehe bevor, sogar bis zu 100 Millionen Spielarten des biologischen Lebens zu entdecken.
Aber all das bedeutet nicht, dass durch Unentdecktes das unwiederbringlich Verlorene aufgewogen werden könnte. Experten warnen schon jetzt davor, dass die gegenwärtige Offensive auf die biologische Vielfalt möglicherweise weit dramatischere Folgen haben werde als die Klimaerwärmung (sie ist nur ein Teil des Problems) und die eigentliche Existenz des Lebens auf unserer Erde in Frage stellen könne.
Sonderbar genug, aber jene, die sich heute mit den Problemen des Erhalts der Vielfalt von Tieren und Pflanzen befassen, haben überhaupt keinen wirksamen internationalen legislativen Schutzmechanismus. Die Klimaschützer haben zumindest das Kyoto-Protokoll, das zwar dem Geschehen nachhinkt und beinahe schon unwirksam ist, aber immerhin einige Verhaltensrichtlinien für die Staaten eingeführt hat und bisweilen sogar noch eingehalten wird. Die Artenvielfaltschützer dagegen balancieren mühsam auf drei schön klingenden, aber wenig wirksamen Abkommen. Das sind die bereits erwähnte Konvention sowie die Rahmenkonvention über den Klimawandel und die Konvention über die Bekämpfung der Wüstenbildung und der Dürrefolgen (beide Konventionen wurden praktisch gleichzeitig angenommen).
Als Gastgeberland gab Deutschland bereits seinen Wunsch bekannt, die Konferenz zu etwas mehr als dem Festhalten von Fakten zu gestalten. Übrigens wird Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Kovorsitzende der Bonner Konferenz sein. Kurz vor ihrer Eröffnung hatte der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel dazu aufgerufen, zu demonstrieren, dass die Menschheit imstande sei, beim Schutz des lebenden Organismus der Erde wenigstens einen Schritt nach vorne zu tun. Wie er sagte, stünden wir am Scheideweg. Vorläufig habe sich nach Rio keine einzige Konferenz der Lösung der überaus komplizierten Probleme des Erhalts der Artenvielfalt annähern können. Nun gelte es zu zeigen, dass wir dazu imstande seien.
Ob die Regierungen dazu in der Lage sind, ist eine große Frage. Gewöhnlich schüttelt es sie eher bei den Forderungen der Ökologen, und alles, worauf sie eingehen, sind eher halbe Sachen. Doch wenn die Regierungen der meisten Länder alle Forderungen der "Grünen" erfüllen würden, wären viele Wirtschaften einfach lahmgelegt. Kurz vor dem Bonner Treffen haben die Amerikaner die Tierschützer erfreut: sie nahmen den Eisbären auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten auf. Jetzt ist die Jagd auf das Tier verboten. Aber dem Eisbären selbst wird das kaum helfen. Nach ihm wurde in den USA ohnehin nicht sehr eifrig gejagt. Was ihn zur Strecke bringt, sind nicht Kugeln, nicht die Pfeile oder Lanzen der Eskimos, sondern die gewöhnliche Hitze, genauer: deren Folgen, das heißt das Schrumpfen der Eisdecke wegen der globalen Erwärmung. Deshalb vermindert sich die Zahl von Robben fortwährend, und die Bären müssen immer weiter nordwärts ziehen oder aber hungern und aussterben.
Wie die Amerikaner erklärten, würden ernsthaftere Maßnahmen (Verminderung der Emissionen von Produktionsabfällen, Kohlenmonoxid u. a.) und gemeinsame Handlungen aller Länder der Welt erforderlich sein. Die Maßnahmen zum Schutz des Bären sind also ebenfalls eine halbe Sache. Es war auch nicht anders zu erwarten, wenn im Februar die US-Ölkonzerne Shell und Conoco Phillips ihre Anträge für Bohrarbeiten auf mehr als 260 neuen Flächen im Beaufort- und im Tschukotka-Meer bezahlt haben: Shell mit 84 Millionen und Conoco Phillips mit 506 Millionen Dollar.
Alles in allem hatte es Noah viel leichter, die Vielfalt des Lebens mit seiner Arche zu retten, in die er "je ein Paar, Männchen und Weibchen", brachte. Nach Berechnungen der überzeugten Anhänger des dokumentarischen Charakters der Bibelerzählung hat Noah in sein Rettungsschiff genau 16 000 Tierpaare mitgenommen (übrigens weder Insekten noch Pflanzen). Und wir haben es mit 1,8 Millionen Arten zu tun. Wo eine solche Arche hernehmen?
«Es braucht einen Al Gore der Biodiversität»
Mangelndes Bewusstsein der Politik für den Schutz der Artenvielfalt
Neue Zürcher Zeitung, 19. Mai 2008
Heute Montag beginnt in Bonn die 9. Vertragsparteienkonferenz zum Uno-Übereinkommen über die biologische Vielfalt, an der auch Bundesrat Moritz Leuenberger teilnehmen wird. Kurt Eichenberger, Projektleiter Biodiversität beim WWF, bemängelt die ungenügende Umsetzung des Biodiversitätsschutzes in der Schweiz.
Die Schweiz hat sich dazu verpflichtet, den Verlust der Artenvielfalt bis ins Jahr 2010 signifikant zu reduzieren. Wird sie dieses Ziel erreichen?
Kurt Eichenberger: Nein, dieses Ziel wird sie auf keinen Fall erreichen. Es geht in die andere Richtung. Zwar nimmt die Gesamtzahl der Arten in der Schweiz nicht ab: Arten, die aussterben, werden ersetzt durch solche, die einwandern. Aber immer mehr Arten kommen nur noch in kleinsten Populationen an speziellen Standorten vor; sie sind also vom Aussterben bedroht.
Was sind die Gründe dafür?
Es sind verschiedene Ursachen. Die Schweiz ist stark zersiedelt. Pro Sekunde wird ein Quadratmeter Boden zugebaut. Um dies fassbarer zu machen: Wenn Sie während 90 Minuten ein Fussballspiel sehen, verschwindet vor Ihren Augen die Fläche des Fussballfeldes. Zudem zerstückeln wir die Naturräume. Vor allem Strassen, kanalisierte Gewässer und Agglomerationen werden zu Barrieren für Tiere. Die Lebensräume werden fragmentiert und unterbrechen wichtige natürliche Kreisläufe. Und die Landwirtschaft, die sich in den letzten Jahren zwar ökologisch stark verbessert hat, wird weiter intensiviert. Hecken, Hochstammobstgärten oder extensiv genutzte Weiden in den Tallagen der Alpentäler haben darunter gelitten. Es ist aber auch jeder Einzelne von uns für die Situation verantwortlich. Was den Konsum und den Platzbedarf betrifft, leben wir über unsere Verhältnissen.
Würde es genügen, ein paar neue Naturschutzgebiete auszuscheiden, um die gefährdeten Arten zu erhalten?
Nein, das genügt nicht. Es braucht auch eine Vernetzung dieser Gebiete. Sonst haben wir einige isolierte vermeintliche Paradiese, die langsam zugrunde gehen, da kein Austausch zwischen ihnen stattfindet. Neue Schutzgebiete sind zudem leider politisch kaum mehrheitsfähig, und in der Bevölkerung gibt es oft grosse Ängste, Schutzgebiete könnten ihre Handlungsfreiheit einschränken. Erfolgversprechender ist es darum, zusammen mit den lokalen Interessenverbänden die Nutzung von wertvollen Naturräumen anzupassen. Hier genügen oft kleine Änderungen, indem man ökologisch besonders wertvolle Elemente wie Waldränder und Hecken aufwertet. Ähnliches trifft auf die Wasserkraft zu. Die Werke sollten ökologisch erneuert und Flussabschnitte revitalisiert werden, so dass die Fische wandern können. Oftmals ist wenig Geld notwendig, um bedeutende Verbesserungen zu erreichen.
Welches sind die wichtigsten Orte der Biodiversität in der Schweiz?
International gesehen sind dies in der Schweiz die Alpen. Die Eidgenossenschaft hat hier denn auch eine globale Verantwortung beim Artenschutz zu übernehmen. Als Lebensräume ebenfalls sehr wichtig sind die Auenwälder, in denen die Hälfte aller in der Schweiz lebenden Arten vorkommen: Sie sind die eigentlichen «Regenwälder» der Schweiz. 90 Prozent aller Auen in der Schweiz wurden allerdings zerstört. Sie machen nur noch 0,25 Prozent der Landesfläche aus. Auch an Trockenstandorten findet sich eine stupende Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Weniger vielfältig, aber einzigartig und hochgradig angepasst sind zudem seltenere Waldformen und Moore. Diese «Hot Spots» der Biodiversität sind in der Schweiz sehr gut erforscht und in Inventaren dokumentiert. Es fehlt zurzeit aber an politischem Willen und an Geld, auch das Trockenwiesen- und -weideninventar schnellstmöglich umzusetzen oder das Smaragd-Netzwerk weiterzuverfolgen (s. Kasten). Ich habe den Eindruck, dass man sich nicht getraut, das vorhandene Wissen anzuwenden. Unser Land sollte deshalb mehr Geld für die Umsetzung aufwenden als bisher.
Einige Länder verfügen bereits über eine Biodiversitätsstrategie, die Ziele beim Schutz der Artenvielfalt definiert. Wie weit sind entsprechende Arbeiten in der Schweiz gediehen?
Leider läuft in der Schweiz nicht viel. Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation ist daran, eine Wirkungsanalyse zu erarbeiten. Allerdings weiss man bis jetzt nicht, was diese genau umfasst. Es wird aber bestimmt keine Biodiversitätsstrategie sein.
Was müsste diese umfassen?
Wichtig wäre, dass die Schweiz die Biodiversität global betrachtet. Sie muss also auch Wirtschaft und Handel einbeziehen. Wenn die Schweiz Exportgarantien für Firmen beim Bau des türkischen Illisu-Staudammes in Aussicht stellt und dabei grossflächig ein wichtiger Ort der Biodiversität geopfert wird, ohne dass dies in Betracht gezogen wird, dann stimmt etwas nicht. Eine Strategie müsste klare und messbare Ziele für alle Politikbereiche setzen und festlegen, wer wofür verantwortlich ist. Und sie müsste den Erfolg überprüfen.
Welches Land ist vorbildlich beim Schutz der Artenvielfalt?
Die EU ist auf gutem Weg. Das Schutzgebiets-Netzwerk «Natura 2000» setzt die richtigen Prioritäten. Es baut rechtlich auf zwei Direktiven auf, die einen Zeitplan und Sanktionen vorsehen. Allerdings ist auch nicht alles Gold, was glänzt. So steht zum Beispiel der Lachs heute vor französischen Staudämmen im Oberrhein an. Die Electricité de France will die Fische mit dem Lastwagen um die Sperren fahren. Aber auch die Schweiz hätte genügend gesetzliche Handhabe, um die Biodiversität zu erhalten. Woran es mangelt, ist der politische Vollzug.
Was erwarten Sie von der laufenden Biodiversitäts-Konferenz in Bonn?
Der deutsche Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat angekündigt, als Gastgeber mit gutem Beispiel voranzugehen. Kürzlich hat Deutschland eine umfassende Biodiversitätsstrategie verabschiedet. Ich hoffe daher, dass sich der Bundesrat von diesem Engagement anstecken lässt und dasselbe in der Schweiz tut. Wichtig wäre es auch, dass der Schutz der Artenvielfalt mehr Gewicht erhält, wie dies beim Thema Klimawandel geschehen ist. Es braucht einen Al Gore und Nicolas Stern der Biodiversität: Jemand muss öffentlich und wirksam für die Artenvielfalt einstehen, und jemand muss aufzeigen, dass es auch wirtschaftlich von Vorteil ist, wenn man die Biodiversität erhält.
Beschwerde gegen die Schweiz
hof. Die Schweiz habe es bisher versäumt, ihre Verantwortung in Sachen Biodiversität wahrzunehmen, teilen der WWF und der Schweizer Vogelschutz (SVS / Bird Life) mit. Deshalb haben die beiden Naturschutzorganisationen beim Europarat in Strassburg eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Schweiz eingereicht.
Die Schweiz habe sich 1989 verpflichtet, im Rahmen der internationalen Berner Konvention und des europäischen Naturschutzprogramms «Smaragd» europaweit gefährdete Lebensräume und deren Tier- und Pflanzenarten zu schützen. Bis heute sei diesbezüglich aber wenig passiert. Die Schweiz schiebe die Verantwortung für das Ausscheiden von schützenswerten Gebieten auf die Kantone ab, statt eine europaweite Zusammenarbeit anzustreben, bemängeln die Organisationen. Derart werde das Grundprinzip des internationalen Abkommens missachtet. Der Bund habe es bisher unterlassen, mögliche «Smaragd»-Gebiete in Strassburg anzumelden. Das zögerliche Ausscheiden von Gebieten gleiche einer Alibiübung, da genau solche Orte gewählt wurden, die schon kantonal oder national unter Naturschutz stünden. In der Schweiz gebe es schätzungsweise 40 000 Arten, davon sei mehr als jede zweite in Gefahr, rechnen SVS / Bird Life und der WWF: Ein Drittel der Wildpflanzen, 40 Prozent der Vögel und 95 Prozent der Amphibien seien hierzulande selten oder gefährdet.
Die Biodiversitätskonvention der Uno
hof. Bis zum 30. Mai findet in Bonn die 9. Uno-Biodiversitäts-Konferenz statt, an der 5000 Delegierte, Mitglieder von Umweltschutzorganisationen und Journalisten erwartet werden. Grundlage dafür ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt von 1992. Rund 190 Staaten haben es bisher ratifiziert, darunter auch die Schweiz, die zu den ersten Mitgliedstaaten gehörte. Die Biodiversitätskonvention verfolgt drei Ziele: die Erhaltung der biologischen Vielfalt, ihre nachhaltige Nutzung und die gerechte Verteilung von Gewinnen aus der Nutzung der biologischen Ressourcen. Die Mitgliedstaaten werden unter anderem dazu verpflichtet, ein Biodiversitäts-Monitoring einzurichten und eine Biodiversitätsstrategie auszuarbeiten. Ersteres ist in der Schweiz vorhanden, eine Strategie fehlt bis jetzt (s. Interview). Die Beschlüsse der Vertragsstaatenkonferenz sind zwar völkerrechtlich bindend, rechtlich durchsetzen lassen sie sich aber kaum.
Laut Communiqué des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation wird die Schweizer Delegation in Bonn dafür eintreten, «dass das auf internationaler Ebene festgelegte Ziel – nämlich den Verlusten an Biodiversität bis zum Jahr 2010 Einhalt zu gebieten – weiterverfolgt» werde. Bundesrat Moritz Leuenberger wird an der Konferenz teilnehmen.
Montag, 19. Mai, 14:42 Uhr
Grüne fordern Einschränkung des Flächenverbrauchs
Berlin (ddp). Die Grünen dringen anlässlich der Weltnaturschutzkonferenz in Bonn auf eine massive Verringerung des Flächenverbrauchs in Deutschland. Der Verbrauch müsse von derzeit 100 Hektar am Tag auf 30 Hektar reduziert werden, sagte Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer am Montag in Berlin. Auch müsse es ein Moratorium für Bioenergien geben, die nicht als nachhaltig zertifiziert seien.
Bütikofer rief zugleich die reichen Länder auf, weltweit 30 Milliarden Euro im Jahr in Schutzgebiete zu investieren. Andernfalls drohten nach Vorberichten über neue Studien zu diesem Thema weltweit Folgeschäden in Höhe von fünf Billionen Euro. «Umsonst gibt es kein nachhaltiges Wirtschaften», sagte der Grünen-Parteivorsitzende. Doch sei auch die Alternative auch «ökonomisch verheerend».
UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt braucht konkrete und effektive Beschlüsse
Bundestagsfraktion DIE LINKE Pressemitteilung, 19.5.08
"Der rapide Verlust von Arten und die massive Zerstörung von Lebensräumen durch die Industrie muss gestoppt werden. Deutschland muss den Vorsitz der Konferenz nutzen, um konkrete Entscheidungen zu treffen", so Lutz Heilmann zum Beginn der 9. Vertragstaatenkonferenz zur biologischen Vielfalt. Der naturpolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE erklärt weiter:
"Artenschutz benötigt bis 2015 mindestens 30 Milliarden Euro, um unsere Tier- und Pflanzenarten erhalten zu können. Das betrifft zu installierende Schutzgebietsnetze auf dem Land und auf den Meeren. Ebenso müssen verbindliche Regelungen für Länder getroffen werden, die wirtschaftliche Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen ziehen.
Die Bundesregierung darf dabei keine wachsweichen Formelkompromisse abschließen um den Naturschutzgipfel als Erfolg zu verkaufen. Der Verlust der Artenvielfalt ist ebenso dramatisch wie der Klimawandel. Es bleibt nur noch wenig Zeit zum Umsteuern.
Wird nicht bald gehandelt, gehen ganze Naturräume unwiederbringlich verloren. Die katastrophalen Folgen kann man auch in Birma sehen, wo die schützenden Mangrovenwälder weitgehend abgeholzt wurden. So hatten die Fluten leichtes Spiel - mit den erschütternden Folgen, die wir derzeit täglich in Nachrichten sehen."
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