Aktuell


UN-Artenschutz-Konferenz (2)

"Die Natur wird auf ihren ökonomischen Wert reduziert"

Umweltschützer kritisieren UN-Naturschutzkonferenz

Pro Wildlife Pressemitteilung, 26. Mai 2008

Im Fokus der derzeitigen UN-Naturschutz­konferenz (CBD) in Bonn steht der Erhalt der weltweiten Artenvielfalt - tatsächlich aber geht es um knallharte ökonomische Interessen. Dies moniert die Artenschutzorganisation Pro Wildlife, die an der Konferenz teilnimmt. "Die Verhandlungen reduzieren die Natur auf einen Selbstbedienungsladen mit wertvollen und weniger wertvollen Arten. Und nur den Arten, die wirtschaftlich nutzbar sind, wird eine Existenzberechtigung zugestanden", kritisiert Jana Rudnick von Pro Wildlife.

Die CBD-Konferenz widmet dem Thema Artensterben die Aufmerksamkeit, die es verdient. "Umso ärgerlicher ist es, dass die Verhandlungen von den Interessen der Holz- und Fischerei­wirtschaft sowie der Pharma- und Agroindustrie bestimmt werden", so Rudnick.

Während in erschreckendem Tempo Korallenriffe sterben, Urwälder abgeholzt und zahllose Arten ausgerottet werden, dominiert der "ökonomische Wert" der Biodiversität die schleppenden Diskussionen. Die Biologin betont, dass es gefährlich ist, die Verhandlungen auf die Frage zu reduzieren, den Verlust wie vieler und welcher Arten wir uns leisten können.

Artenschutz nach dem Aschenputtel-Prinzip

"Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Die CBD-Konferenz misst nach dem Aschenputtel-Prinzip den Wert der Artenvielfalt an dem wirtschaftlichen Schaden, den ihr Verlust bedeuten würde", sagt Rudnick. "Doch diese Sichtweise ist verantwortungslos und kurzsichtig: Die Natur leistet sich keine überflüssigen Arten. Selbst Ginsterzikade und Blattlaus erfüllen ihren Zweck im Artengefüge".

Die rein ökonomische Sichtweise wird auch durch eine Studie gestärkt, die das BMU noch in dieser Woche auf der Konferenz vorstellen will: Auf Wunsch der G8-Staaten wurden die volkswirtschaftlichen Kosten abgeschätzt, die durch den Verlust der biologischen Vielfalt entstehen "Die vielfältige Rolle der Natur als Lieferant von Trinkwasser, Sauerstoff, Klimastabilisator oder Apotheke ist allseits bekannt. Wozu ist nun ein Festsetzen von Preisschildern nötig?" fragt Rudnick. "Der Handel mit Wald-Gutscheinen und Emissionsrechten ist kein Finanzierungs-Allheilmittel für den Naturschutz." Stattdessen sollte sich die Konvention darauf konzentrieren, den rücksichtslosen Raubbau an der Natur zu stoppen - die tatsächliche Ursache der Zerstörung von Lebensräumen und unserer Lebensgrundlage.

Pro Wildlife appelliert an die Vertragsstaaten: "Die Konvention muss die Notbremse ziehen, wenn sie das Artensterben aufhalten will. Es ist dringend notwendig, konkrete Maßnahmen zum Schutz der Wälder, Meere und Savannen in die Tat umzusetzen."


Sonntag, 25. Mai, 11:48 Uhr

Naturschutzkonferenz setzt Beratungen fort

Bonn (ddp). Die Weltnaturschutzkonferenz wird am Montag in Bonn fortgesetzt. Am Wochenende sei «informell auf Arbeitsgruppenebene» beraten worden, sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums am Sonntag. Die Konferenz dauert noch bis zum 30. Mai. Mehr als 5000 Experten aus 191 Staaten diskutieren in Bonn darüber, wie die weltweit fortschreitende Vernichtung der Natur gestoppt werden kann.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte am Wochenende einen Erfolg der Beratungen an. In ihrer im Internet veröffentlichten wöchentlichen Video-Botschaft verwies die Kanzlerin darauf, dass auf der Welt derzeit etwa 16 000 Arten vom Aussterben bedroht seien. «Damit bringen wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen in Gefahr», warnte sie. International gehe es bei dem Bonner Treffen darum, Fortschritte bei der Ausweisung globaler Naturschutzgebiete zu erzielen. Wenn die Konferenz ein Erfolg sein solle, müssten bis 2010 ein weltweites Netz ländlicher Naturschutzgebiete und bis 2012 ein Netz maritimer Naturschutzgebiete ausgewiesen werden.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte zur Halbzeit der UN-Naturschutzkonferenz am Freitag eine «zurückhaltend optimistische Bilanz» der ersten Verhandlungswoche gezogen. «Wir sind noch längst nicht am Ziel, aber es ist uns offenbar gelungen, eine motivierende und konstruktive Konferenzatmosphäre zu erzeugen, die uns hilft, die schwierigen Verhandlungen voranzubringen», sagte Gabriel.


26.05.2008 09:50

Bundesamt warnt vor Rückschritten beim Natur- und Artenschutz

Berlin (AP) - Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat vor Rückschritten beim Artenschutz gewarnt und eine Vorreiterrolle Deutschlands angemahnt. "Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Wir können nicht von Indonesien oder Brasilien verlangen, ihren Raubbau an den Regelwäldern zu stoppen, wenn es bei uns nicht einmal gelingt, neue Nationalparks oder großflächige Waldschutzgebiete zu schaffen", sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel der "Berliner Zeitung". Die meisten der bedrohten Buchenwälder beispielsweise gebe es bei uns und nicht am Amazonas.

Kritisch äußerte sich Jessel auch zu den laufenden Beratungen zum Umweltgesetzbuch: Sie sei in großer Sorge, dass es am Ende zu einem Abbau von Naturschutzstandards komme. So wollten einige Ministerien und Länder die derzeitige Regel abschwächen, dass bei Eingriffen in die Natur durch Bauvorhaben Ausgleichsflächen geschaffen werden müssen. "Umweltsünder könnten sich damit ganz einfach freikaufen. Das ist nicht akzeptabel", kritisierte Jessel.


25. Mai, 2008

Merkel ruft zu Anstrengungen gegen Artensterben auf

Berlin (AP) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu neuen Anstrengungen für den Erhalt der Artenvielfalt aufgerufen. Mit Blick auf die Artenschutzkonferenz der Vereinten Nationen in Bonn warb sie dafür, den Flächenverbrauch einzuschränken und weltweit mehr Naturschutzgebiete auszuweisen. Die Umweltschutzorganisation BUND forderte die Bundesregierung auf, für diese Ziele mehr Geld zur Verfügung zu stellen.

In ihrer wöchentlichen Videobotschaft sagte Merkel, weltweit seien 16.000 Arten vom Aussterben bedroht. Der Erhalt der Artenvielfalt gehöre wie der Klimaschutz zu den "Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen". Glücklicherweise habe sich das Bewusstsein sehr gewandelt und die Menschen sind aufmerksamer geworden, sagte die Kanzlerin.

Deutschland habe beim Artenschutz noch sehr viel zu tun. So sei es bisher noch nicht gelungen, den Flächenverbrauch vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln. "Das heißt: Jeden Tag verbrauchen wir etwa 100 Hektar neuer Fläche und nehmen damit den Tieren und Pflanzen Lebensraum. Dieses muss sich ändern und das ist der zentrale Inhalt unserer nationalen Strategie zum Erhalt der Biodiversität."

Für globale Naturschutzgebiete

Auf der Artenschutzkonferenz in Bonn müssten auch Fortschritte bei der Ausweisung von globalen Naturschutzgebieten erzielt werden. Denn nur wenn die Natur sich wieder erholen könne, sei es möglich, die Artenvielfalt auf Dauer zu erhalten.

Merkel sagte, wenn alle drei Jahre Regenwald zum Beispiel in der Größe von Deutschland abgeholzt werde, dann ist das ein Zustand, der sich dringend ändern müsse. "Wenn die Konferenz ein Erfolg sein soll, dann müssen wir bis 2010 ein Netz von ländlichen Naturschutzgebieten weltweit ausweisen und ein maritimes Netz von Naturschutzgebieten bis 2012." Merkel spricht am Mittwoch zu Beginn der Schlussrunde der UN-Konferenz, an der etwa 5.000 Menschen teilnehmen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland erklärte, die Erhaltung der Urwälder sei Voraussetzung für das globale Klimagleichgewicht. Deshalb müssten sämtliche Primärwälder der Erde unter Schutz gestellt werden.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger forderte die EU auf, ein Moratorium gegen den Import von Agrartreibstoffen zu verhängen. Nur so lasse sich die Rodung von Urwäldern und die Monopolisierung der Landwirtschaft in Südostasien und Lateinamerika aufhalten und der Rückgang der Artenvielfalt bremsen.


UN-Naturschutzkonferenz vor Schlussrunde: BUND fordert bei Einrichtung von Schutzgebieten Einbeziehung der lokalen Bevölkerung

Beim Thema Vorteilsausgleich droht ein Scheitern der Konferenz

BUND Pressemitteilung, 25.5.08

Berlin: In der zweiten Phase der UN-Artenschutzkonferenz in Bonn sieht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gute Chancen für substantielle Fortschritte beim Urwaldschutz und bei der Festlegung ökologischer Standards für den Anbau von Biomasse. Bei den Verhandlungen über einen gerechten Vorteilsausgleich zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern bei der wirtschaftlichen Nutzung von deren natürlichen Ressourcen hingegen erwarte er in den nächsten Tagen noch keine akzeptablen Ergebnisse, sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND. Um für mehr Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd zu sorgen, müsse Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Auftritt kommende Woche vor der UN-Naturschutzkonferenz die von Deutschland zugesagten Finanzmittel zur Einrichtung von Schutzgebieten noch einmal aufstocken.

"Die Erhaltung der Urwälder ist Voraussetzung für das globale Klimagleichgewicht. Deshalb müssen sämtliche Primärwälder der Erde unter Schutz gestellt werden. Die dafür erforderlichen Finanzmittel sind zielgenau zu transferieren. Und wenn es um die Einrichtung von konkreten Schutzgebieten geht, muss die lokale Bevölkerung gleichberechtigt einbezogen werden", sagte Weiger.

Das Anlegen von Monokulturen wie zum Beispiel Eukalyptus- oder Palmölplantagen verdränge ursprüngliche Wälder. Enorme Risiken berge auch die Pflanzung gentechnisch veränderter Bäume. Dies trage zur Verarmung der Artenvielfalt bei und könne zur großflächigen Kontamination benachbarter Wälder mit nicht absehbaren Folgen führen. Dem müsse die internationale Gemeinschaft mit einem Verbot einen Riegel vorschieben.

Von der Europäischen Union forderte der BUND ein Moratorium für den Import von Agrartreibstoffen. Nur auf diese Weise lasse sich die Rodung von Urwäldern und die Monopolisierung der Landwirtschaft in Südostasien und Lateinamerika aufhalten und der Rückgang der Artenvielfalt bremsen. Der Einsatz von Pflanzen zur Energiegewinnung konkurriere außerdem mit dem Anbau von Pflanzen zur Ernährung und sei mitverantwortlich für die drastisch gestiegenen Weltmarktpreise bei Lebensmitteln.

"Nur wenn die Energiebilanz deutlich positiv ist darf Biomasse in regionalen Kreisläufen unter Beachtung strenger ökologischer und sozialer Standards bei der Energieerzeugung eingesetzt werden", sagte Weiger. "Für Agrosprit aus Mais oder Weizen gilt dies nicht, deshalb gehört er nicht in die Tanks unserer Autos."


Machnig: G8-Staaten müssen Führungsrolle beim Schutz des Klimas und der Biodiversität übernehmen

BMU Pressemitteilung, 26.5.08

Die G8-Staaten als die wirtschaftsstärksten Industrieländer der Welt müssen beim Umweltschutz eine Führungsrolle übernehmen. Das betonten die G8-Umweltminister zum Abschluss ihres Treffens im japanischen Kobe. Der Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Matthias Machnig, der an dem Treffen teilnahm, erklärte: "Das gilt für den Klimaschutz, den Schutz der biologischen Vielfalt und das Vorantreiben eines umweltfreundlichen Abfallmanagements. Nur wenn wir, die großen Industrieländer, ambitioniert voran gehen, können die großen Entwicklungsländer überzeugt werden, wirksame Maßnahmen zu ergreifen."

An dem Treffen der G8 (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, USA, Kanada, Russland, Japan) waren auch die Umweltminister der größten Schwellenländer eingeladen. Das sind China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen die Themen Biodiversität, Klimawandel und Abfallmanagement. Die Tagung diente der Vorbereitung des G8-Gipfels der Staats- und Regierungschefs Anfang Juli in Toyako.

Die Umweltminister verabschiedeten einen Aufruf zum Thema biologische Vielfalt, den "Kobe Call for Action on Biodiversity". Parallel zur Tagung der UN-Naturschutzkonferenz in Bonn verständigten sich die G8-Umweltminister darauf, die Zusammenarbeit im Bereich der biologischen Vielfalt zu verbessern. Das bezieht sich auf den Aufbau eines globalen Schutzgebietnetzes, die wissenschaftlichen Grundlagen des Schutzes der Biodiversität und die Mobilisierung des Privatsektors.

Machnig: "Das Thema biologische Vielfalt, das die deutsche G8-Präsidentschaft im vergangenen Jahr erstmals auf die Agenda der Staats- und Regierungschefs gesetzt hat, ist damit im G8-Kreis etabliert. Beim Thema 'Zugang zu genetischen Ressourcen und gerechter Vorteilsausgleich' (Access and Benefit Sharing, ABS), habe ich eine Annährung der Positionen gespürt. Dies könnte entscheidend sein für einen erfolgreichen Ausgang der Bonner Konferenz."

Das Thema Klimaschutz wird Schwerpunkt des diesjährigen G8-Gipfels. Die G8-Umweltminister bereiteten auch hier den Weg für die Staats- und Regierungschefs. Machnig: "Nachdem die Staats- und Regierungschefs im Juli 2007 in Heiligendamm ein 50-prozentiges Minderungsziel der Treibhausgasemissionen bis 2050 in Erwägung gezogen hatten, muss der G8-Gipfel in Toyako uns einen deutlichen Schritt weiter bringen. Die G8 müssen sich klar zu ihrer Führungsrolle beim internationalen Klimaschutz bekennen. Konkret heißt dies, dass sie sich auf mittel- und langfristige Reduktionsziele einigen und den Entwicklungsländern finanzielle und technische Unterstützung zusagen müssen. Nur wenn wir diese Verantwortlichkeiten anerkennen, kann es gelingen, bis 2009 ein umfassendes internationales Klimaabkommen zu beschließen."

Die Umweltminister verabschiedeten außerdem einen Aktionsplan zum Abfallmanagement, in dem konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der 3R-Grundsätze (Reduce, Reuse, Recycle - Vermeiden, Verwenden, Verwerten) festgelegt werden. Der Aktionsplan betont den Beitrag der Abfallwirtschaft zum Klima- und Ressourcenschutz. So wird insbesondere die verstärkte Nutzung von Abfällen in Biogasanlagen gefordert.


9. UN-Umweltgipfel in Bonn (19.-30. Mai 08): Der Reichtum gesunder Meere

WWF-Studie: Ozeane liefern der Menschheit überlebenswichtige Dienstleistungen

WWF Pressemitteilung, 26.5.08

Nahrung, Katastrophenschutz, Klimaschutz, Medizin und neue Technologien - die Meere liefern der Menschheit eine enorme Vielfalt an natürlichen Dienstleistungen. Eine heute am Rande des UN-Umweltgipfels in Bonn vorgestellte WWF-Studie untersucht den Wert der Meere und die Kosten menschlicher Ausbeutung, Verschmutzung und Zerstörung des Lebensraumes Ozean. "Wir haben mehr als eine moralische Pflicht, die biologische Vielfalt der Meere zu bewahren. Die Menschheit ist auf intakte Ozeane angewiesen. Sie sind ein Eckpfeiler der wirtschaftlichen Entwicklung und der Armutsbekämpfung. Ihr Schutz ist um ein vielfaches billiger als die Folgekosten ihrer Zerstörung", so Christian Neumann vom Internationalen WWF-Zentrum für Meeresschutz in Hamburg.

Die UN-Umweltkonferenz hatte sich bereits 2004 vorgenommen, bis 2012 ein weltweites Netz an Meeresschutzgebieten zu schaffen. Bislang stehen jedoch lediglich 0,5 Prozent der Ozeane unter Schutz. "Wenn die Staaten nicht endlich handeln, verlieren wir den Reichtum der Ozeane", warnt Neumann.

Nach groben Expertenschätzungen liegt der ökonomische Wert der Meere bei etwa 21 Billionen US-Dollar im Jahr. Allein der Wert des weltweiten Fischfangs belief sich 2004 auf knapp 85 Milliarden US-Dollar. In diesem Industriezweig arbeiten 40 Millionen Menschen. "Geht die Überfischung ungebremst weiter, brechen bis Mitte des Jahrhunderts nicht nur die Fischereien zusammen, sondern es gehen auch Millionen Arbeitsplätze verloren", warnt der WWF-Experte. In Regionen wie Westafrika verschärft die Überfischung schon heute die Armut und trägt zur Migration nach Europa bei.

Der Reichtum der Meere zeigt sich auch in der Medizin. Viele der derzeit erforschten neuen pharmazeutischen Wirkstoffe sind marinen Ursprungs. Insbesondere in Schwämmen und anderen wirbellosen Tieren lassen sich Substanzen gegen Krebs und Alzheimer, aber auch neue Antibiotika finden. Regionen mit einer besonders hohen Artenvielfalt wie Korallenriffe haben allein aus medizinischer Sicht einen Wert von 6.000 US-Dollar pro Hektar.

In der Bionik, der Verknüpfung von Biologie und Technik, finden immer häufiger Prinzipien Anwendung, die sich der Mensch vom Meereslebewesen abgeschaut hat. So toleriert der menschliche Körper den Klebstoff, mit dem sich Muscheln in der Brandung festhalten. Dieser kann zum Wundverschluss und zur Heilung von Knochenbrüchen verwendet werden. Die Baupläne von Kieselalgen werden zur Vorlage für Autofelgen, Entwickler übertragen die Struktur von Haihaut auf Hochleistungs-Schwimmanzüge.

"Niemand weiß, welche ungeahnten Möglichkeiten für die Medizin und die Bionik noch in den Meeren schlummern. Der wirtschaftliche Wert ist enorm, wenngleich letztlich unschätzbar. Wir laufen jedoch Gefahr, viele Arten zu verlieren, bevor wir ihre wertvollen Fähigkeiten überhaupt erforschen können", so WWF-Experte Neumann.

Zu den wichtigsten Leistungen des Ökosystems zählt der Küstenschutz. Intakte und geschützte Korallenriffe dienen als natürliches Bollwerk gegen mächtige Brandungen. Der Wert dieser Dienstleistung liegt bei etwa 9 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Auch die Salzwiesen an der deutschen Nordsee leisten Küstenschutz im Wert von 1,1 Millionen US-Dollar jährlich - bei Kosten von 800.000 US-Dollar für ihre Bewirtschaftung.

Meere binden Kohlendioxid und tragen so entscheidend zur Stabilisierung des Weltklimas bei. Ohne biologische Aktivität in den Ozeanen läge der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre 50 Prozent höher. Der Wert dieser Leistung wird auf etwa 0,5 bis 10 Billionen Euro pro Jahr geschätzt. Zum Vergleich: der Gesamtetat des Bundes im Jahr 2008 beläuft sich auf 124 Milliarden Euro.

Zahlreiche Beispiele zeigen zudem, dass sich mit dem Schutz der Ozeane deutlich mehr Geld verdienen lässt als mit ihrer Zerstörung. Im Bunaken Meeres-Nationalpark in Sulawesi, Indonesien, verdienen Angestellte im Tourismus im Schnitt 114 US-Dollar im Monat. Wären sie Fischer, müssten sie mit nur 44 US-Dollar auskommen. Ein Vergleich von 18 Fallstudien im Pazifik, Atlantik und Indischen Ozean zeigt, dass sich mit sanftem Schildkröten-Tourismus dreimal soviel Geld verdienen lässt wie mit der Jagd auf die bedrohten Meerestiere. Aber auch für Deutschland bringt der Naturschutz einen echten Mehrwert. So locken die Wattenmeer-Nationalparks seit über 20 Jahren neue Touristen an. Dadurch sind 5.900 Vollzeitstellen entstanden. Die zusätzlichen Urlauber bringen jedes Jahr 85 Millionen Euro in die Region.


26. Mai 2008, 04:00 Uhr

Alles für den Artenschutz: drei Wochen Konferenz, 5000 Delegierte

Internationale Konferenz berät über Erhalt von Regenwäldern
WWF: Jährlich 30 Milliarden Euro nötig - Festgefahrene Positionen beim Biosprit
Von Ulli Kulke, WELT-Online, 26.5.08

Bonn - Die neunte Artenschutzkonferenz der UN in Bonn startet in ihre entscheidende Woche. Insbesondere von Mittwoch bis Freitag, wenn sich die Umweltminister der 189 Teilnehmerstaaten sowie der EU persönlich in die Verhandlungen einschalten, sollen konkrete Beschlüsse gefasst werden - über den Erhalt von Regenwäldern, Meeresgebieten und anderen Biotopen sowie deren Finanzierung, aber auch über den Zugang zu den genetischen Ressourcen in tropischen Ländern. Zudem wollen die Politiker versuchen, die negativen Folgen des Anbaus von Energiepflanzen (Biosprit) einzudämmen und ein Konzept für die Errichtung neuer Schutzgebiete entwerfen. Im Hintergrund steht noch das Ziel, bis zum Jahr 2010 den global zu beobachtenden Artenschwund "signifikant einzudämmen". So hatte man es auf einer der letzten Konferenzen, 2002 in Johannesburg, beschlossen. Indes wachsen die Zweifel, es tatsächlich zu erreichen.

Einen Rekord allerdings kann die Konferenz im Hotel "Maritim" und in den ehemaligen Gebäuden des Bundestages schon heute melden: Mit 5000 Teilnehmern - Delegierten, Umweltaktivisten sowie Medienvertretern - tagen in der ehemaligen Bundeshauptstadt seit dem 19. Mai rund 1000 Experten mehr als beim letzten Treffen des "Übereinkommens über die biologische Vielfalt" (CBD) in Brasilien vor zwei Jahren. Auch diese Umweltveranstaltung liegt somit im Trend moderner Konferenzkultur, die auf immer mehr Interkontinentalflüge und anderes Verkehrsaufkommen hinausläuft. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel versprach immerhin, dass ein neues Abfallkonzept, der Einsatz von "grünem Strom" und die kostenfreie Nutzung des Bonner Nahverkehrs für alle Teilnehmer in den zwei Wochen in Bonn "einen Standard für zukünftige Ereignisse dieser Art" setzten.

Bei einem der aktuell wichtigsten Problempunkte aber sind die Vorverhandlungen in der vergangenen Woche ins Stocken geraten. Dabei geht es um die Frage, unter welchen Voraussetzungen Länder wie Brasilien oder Indonesien Bioethanol aus Zuckerrohr oder Soja exportieren dürfen. In den letzten Monaten reifte in den Industrieländern die Sorge, der wachsende Anbau von Biosprit führe zu beschleunigtem Einschlag im Regenwald. Erst vor wenigen Wochen revidierte Gabriel daher seine ehrgeizigen Pläne beim Biosprit, der ihm eigentlich mit ansteigenden Mengen helfen sollte, die Klimaziele zu erreichen. Jetzt soll nur noch regenwaldschonend angebautes Bioethanol in den Welthandel gelangen und entsprechend zertifiziert werden. Doch die Vertreter der brasilianischen Regierung, deren Chef Lula da Silva die Ethanol-Wirtschaft des Landes forcieren möchte, stehen einer solchen Regelung ablehnend gegenüber, sodass man in Bonn davon ausgeht, dies frühestens bei der kommenden CBD-Konferenz in zwei Jahren verbindlich regeln zu können.

Neben dem immer deutlicher werdenden Konflikt zwischen Intensivlandwirtschaft und Artenschutz stehen in Bonn noch zwei weitere Themen auf der Tagesordnung: der Erhalt der Vielfalt bei den Nahrungspflanzen und bei den Nahrungsmitteln selbst sowie die Auswirkungen der chemischen Hilfsmittel beim Ackerbau auf "Bestäubungsträger", sprich Bienen. Diese Fragen bekamen in den letzten Monaten durch die lauter werdenden Alarmrufe zur Lage der Welternährung zusätzliche Brisanz. Hat der Biolandbau mit seinem größeren Flächenbedarf weltweit eine Chance? Welche Rolle kann und soll die Gentechnik spielen, um die Produktivität zu erhöhen?

Auch unabhängig von der vielerorts landschaftsfressenden Agrarwirtschaft steht die Erhaltung des Regenwaldes auf dem Programm. Einig sind sich Politiker wie Umweltschützer, dass aus den Industrieländern größere Geldbeträge an die Tropenländer gezahlt werden müssen zum Ausgleich dafür, dass diese zum Erhalt des größten Artenpools auf Erden beitragen. Umweltminister Gabriel hat bereits angekündigt, 40 Millionen Euro für den Aufbau und Erhalt neuer Schutzgebiete bereitzustellen - aus den Einnahmen der Bundesregierung durch den Emissionshandel beim Klimaschutz. Umweltorganisationen wie der Worldwide Fund for Nature (WWF) machten dazu in Bonn jetzt ihre eigenen Rechnungen auf: Der Regenwaldschutz benötige jährlich rund 30 Milliarden Euro, die die Geberländer zur Verfügung stellen müssten.

Allerdings geht es in Bonn nicht allein um den Schutz im Sinne der Unantastbarkeit. Vielmehr setzt sich in den Debatten immer stärker das Prinzip Schutz durch nachhaltige Nutzung durch - und die Erkenntnis, dass hierbei internationale Zusammenarbeit besonders effektiv sein könnte: Die eine Gruppe von Staaten verfügt über unermessliche biologische Schätze im Regenwald, auf absehbare Zeit aber nicht über die Technologie, sie auf effiziente Weise zu nutzen - industriell oder wissenschaftlich. Bei den anderen, den Industrieländern, liegt es umgekehrt.

So erhoffen sich die Teilnehmer in Bonn möglichst konkrete finanzielle Vereinbarungen über Ausgleichszahlungen etwa internationaler Pharmakonzerne, die zum Beispiel pflanzliche Wirkstoffe aus dem Dschungel beziehen. Große Hoffnung setzt man deshalb auf ein Abkommen über die gerechte Aufteilung von Zugang, Finanzierung und Nutzen, was die genetischen Ressourcen des Tropenwaldes, aber auch mariner Gebiete angeht. Allerdings vermuten die Experten, dass hierfür in Bonn zunächst der Verhandlungsfahrplan ausgehandelt und eine konkrete Vereinbarung auch hierfür erst 2010 erzielt werden kann - auf der nächsten Artenschutzkonferenz der UN. Auf der, wenn alles so weitergeht, dann wohl 6000 Teilnehmer weiter beraten dürften.







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