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Aktuell

UN-Artenschutz-Konferenz (3)

9. UN-Umweltgipfel in Bonn (19.-30. Mai 08): Staaten wollen Waldverlust bis 2020 stoppen

59 Minister und Ländervertreter, darunter Sigmar Gabriel, unterzeichnen WWF-Initiative

WWF Pressemitteilung, 29.5.08

Umweltminister und Delegationsleiter aus 59 Ländern und EU-Umweltminister Dimas unterstützen eine Initiative des WWF, die globale Entwaldung bis 2020 zu stoppen. Zu den Unterzeichnern der Absichtserklärung gehören der Generalsekretär der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt, Dr. Ahmed Djoghlaf, der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel sowie unter anderem Frankreich, England, Schweden, Finnland, Japan, Indonesien, Südafrika, Peru und Madagaskar. Die Länder dokumentierten ihre Unterstützung am Mittwochnachmittag mit ihrer Unterschrift auf einer überdimensionalen Postkarte. Die Initiative hat der WWF im Rahmen des UN-Umweltgipfels in Bonn gestartet. Die Umweltorganisation geht davon aus, dass bis zum Ende der Konferenz am Freitag noch weitere Staaten hinzukommen.

Derzeit gehen jedes Jahr noch etwa 13 Millionen Hektar Wald verloren. Das entspricht 36 Fußballfeldern pro Minute. Mit der neuen Aktion hofft der WWF, diesen Trend bis 2020 zu stoppen und ab 2020 sogar wieder umzukehren.

„Der WWF freut sich, dass die Minister die Herausforderung annehmen, den Verlust der Wälder bis 2020 zu stoppen“, erklärte James Leape, Generalsekretär des WWF International. „Wir fordern weitere Länder auf, unsere Initiative zu unterstützen.“

Die Wälder umfassen 90 Prozent der biologischen Vielfalt der Erde. Sie spielen eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel. Die Entwaldung vor allem der Regenwälder ist für 15 bis 20 Prozent der jährlichen Kohlenstoff-Emissionen verantwortlich. Über 1,6 Milliarden Menschen sind unmittelbar von intakten Wäldern abhängig.


Im Interesse der Menschheit

Indianer vertritt sein Volk

Von Edgar Bauer, dpa, 28.5.08

"Eine ganze Woche war ich unterwegs", sagt der Amazonas-Indianer Tuwe. Jetzt steht er in Federschmuck und traditioneller Gesichtsbemalung vor dem glitzernden Tagungshotel der UN-Naturschutzkonferenz. Seine Heimat ist das brasilianische Amazonas-Gebiet an der Grenze zu Peru. Zunächst ging es mit dem Boot drei Tage am Amazonas entlang, dann mit einem Kleinflugtaxi weiter, darauf mit mehreren Flügen bis nach Frankfurt/Main und schließlich mit dem Zug nach Bonn. Tuwe will die Interessen seines Volkes, der Huni Kuim, vertreten. "Es geht um den Erhalt unseres Regenwaldes, er darf nicht weiter sterben."

Die "grüne Lunge" der Erde ist vor allem durch Raubbau und eine Umwandlung in Weideflächen für Rinderzucht sowie in Agrar- und Plantagenflächen bedroht. Hinzu kommt als neues Problem der Anbau von Energiepflanzen für Biosprit. Derzeit steige die Abholzung im Amazonas wieder an, berichtete der für den Amazonas zuständige Greenpeace-Experte Paolo Adario in Bonn. "Das steht auch in Zusammenhang mit den steigenden Preisen für Soja, Mais und Rindfleisch."

Pakt mit der Natur

Die Indianer wollen die Wälder als ihre Lebensgrundlage schützen, eine Ausbeutung ihrer Ressourcen durch "Biopiraterie" verhindern. Außerdem wollen sie sowohl den Schutz wie die Nutzung und Verwertung ihrer Ressourcen künftig auch angemessen vergütet bekommen, wie mehrere brasilianische Indianer-Vertreter aus Amazonien deutlich machten. "Wir haben das traditionelle Wissen, weiterhin die Natur als eine Schatzkammer zu schützen", sagt Haji vom Volk der Manchineri aus dem Bundesstaat Acre. "Unser Jahrtausende alter Pakt mit der Natur über ihre Nutzung darf nicht für monetäre Zwecke geopfert werden."

Der Raubbau zerstört mit den Bäumen auch Artenvielfalt und beeinträchtigt zudem die Funktion der Wälder als Kohlenstoffspeicher zur Verminderung des Klimawandels. Bei Abholzung oder Brandrodung wird Kohlenstoff als klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) wieder freigesetzt. Länder wie Brasilien oder Indonesien gehören wegen der Regenwaldzerstörung auch zu den größten CO2-Emittenten. Allein zwischen 1990 und 2005 ist nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO weltweit eine Waldfläche von mehr als der dreifachen Größe Deutschlands vernichtet worden. Davon entfällt etwa die Hälfte auf tropische Urwälder wie den Amazonas-Wald.

Schützen muss sich lohnen

Der Schutz der Regenwälder ist ein zentrales Thema der Bonner Konferenz. Obwohl der Waldschutz bereits in der Konvention über Biologische Vielfalt von 1992 verankert wurde, ist bisher fast nichts unternommen worden. Auch international gibt es sonst keine verbindlichen Regelungen über Schutz und nachhaltige Nutzung - auch nicht zu illegalem Holzeinschlag.

Es müsse sich mehr lohnen, den Regenwald zu schützen, als ihn zu zerstören, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) in Bonn. Nur dann, wenn es sich auch wirtschaftlich rechne, werde es beim Schutz auch einen Durchbruch geben.

Auf der Artenschutzkonferenz in Bonn gab Merkel bekannt, Deutschland werde künftig eine halbe Milliarde jährlich zum Schutz der Artenvielfalt zur Verfügung stellen. Deutschland und die EU waren in der Vergangenheit nicht bereit, etwa großzügig ihre Taschen zu öffnen, damit beispielsweise Brasilien seinen Regenwald als globalen Kohlendioxidspeicher bewahrt. Nicht Millionen, sondern Milliarden von Euro seien notwendig, um hier auch die ärmeren Länder zu gewinnen, argumentieren Umweltverbände. Nach Schätzungen von Greenpeace sind etwa 20 bis 27 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich, um allein die Regenwald-Zerstörung zu stoppen.

Hindernisse und ein Lichtblick

Doch zu groß sind die wirtschaftlichen Interessen an Holz und Plantagen. Verschiedene Länder fürchten wirtschaftliche Einschränkungen und auch Probleme mit der lokalen Bevölkerung. Diese beklagten sich in Bonn, das ihre Rechte übergangen würden und Schutzgebiete für sie auch Vertreibung bedeuten könnten. Von der Bonner Konferenz ist kein rascher Stopp der Rodungen zu erwarten. Auch konkrete Festlegungen auf Schutzgebiete wird es nicht geben. Länder wie Brasilien, Malaysia, Kanada oder Australien tun sich schwer damit, Auflagen zu akzeptieren.

Ein Lichtblick ist die Ankündigung der Demokratischen Republik Kongo: Sie will 13 bis 15 Millionen Hektar (das entspricht der Größe Griechenlands) Regenwald neu als Schutzgebiet ausweisen. Die Wälder im Kongo-Becken in Zentralafrika bilden - nach dem Amazonas - das zweitgrößte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde und gelten als eines der artenreichsten Gebiete weltweit.


Mittwoch, 28. Mai, 19:27 Uhr

Deutschland will beim Schutz der Regenwälder Vorbild sein

Bonn (AFP) - Mit zusätzlich einer halben Milliarde Euro will Deutschland in den kommenden vier Jahren den Schutz vor allem der tropischen Regenwälder voranbringen. Das kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der UN-Artenschutzkonferenz in Bonn an. Ab 2013 sollen dann jährlich 500 Millionen Euro insgesamt bereitgestellt werden, um das Abholzen der Wälder zu stoppen. Die Initiative stieß auf breite Zustimmung. Auf der Konferenz wurden auch Fortschritte im Kampf gegen "Biopiraterie" erreicht.

"Wir brauchen eine Trendwende beim Artenschutz", verlangte die Kanzlerin in ihrer Rede zur Eröffnung des entscheidenden sogenannten Ministersegments der Konferenz. "Wir müssen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, die Lebensgrundlagen der gesamten Erde langfristig zu bewahren", betonte die Kanzlerin. "Wir hoffen, dass andere Staaten folgen werden." Merkel verwies auch auf den großen Beitrag der Entwaldung zur weltweiten Erwärmung. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte, es hätten bereits 26 Staaten mit schützenswerten Wäldern Interesse an einer Beteiligung der von der Bundesregierung angeregten Life-Web-Initiative zur Ausweisung von Waldschutzgebieten bekundet.

Bislang stellt die Bundesregierung jährlich 210 Millionen Euro für den Waldschutz bereit, überwiegend aus Mitteln der Entwicklungshilfe. Dazu kommen nun die zusätzlichen 500 Millionen Euro für vier Jahre. Ab 2013 sollen jährlich insgesamt 500 Millionen Euro gezahlt werden.

"Das ist das von allen erhoffte starke Signal der Kanzlerin an die Staatengemeinschaft", begrüßte der WWF-Naturschutzexperte Jörg Roos die deutsche Zusage. Er wies allerdings auch darauf hin, dass noch eine große Finanzierungslücke bleibe, um die für ein weltweites Schutzgebietsnetz nötigen 20 bis 30 Milliarden Euro aufzubringen. Greenpeace-Aktivisten protestierten mit einem brennenden Amazonas-Baumstumpf auf dem Rhein gegen die Entwaldung. Die Grünen werteten die Initiative der Bundesregierung als "gutes Zeichen".

Seit Montag vergangener Woche beraten in Bonn rund 6000 Delegierte über den weltweiten Schutz der Artenvielfalt. Merkel verteidigte in ihrer Rede auch die geplante stärkere Nutzung von Bioenergie, doch dürften dafür keine Wälder gerodet werden.

Zur "Biopiraterie" sagte Gabriel, es sei ein Verhandlungsmandat vereinbart worden, auf dessen Grundlage bis 2010 ein Abkommen über einen gerechten Vorteilsausgleich für die Nutzung genetischer Ressourcen geschlossen werden solle.


Merkel bringt Schwung in die Artenschutzkonferenz

Zehn Tage lang dümpelte die UN-Konferenz zum Artenschutz in Bonn vor sich hin - und dann kam Angela Merkel. Im Gepäck hatte sie ein hübsches Geschenk: Eine riesige Geldsumme, mit der künftig tropische Regenwäder geschützt werden sollen.

Von Benno König, AFP, 28.5.08

Bonn - Ein Raunen ging durch den zum Konferenzzentrum ausgebauten alten Plenarsaal des Bundestages in Bonn, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der UN-Artenschutzkonferenz ihre Mitbringsel auspackte: 500 Millionen Euro zusätzlich für den Schutz tropischer Wälder in den kommenden vier Jahren, danach jährlich 290 Millionen Euro zusätzlich. Damit setzt sich Deutschland sogar vor Norwegen an die Spitze der Waldschutzbewegung, das 500 Millionen Dollar jährlich zahlen will - wobei Norwegen zwar kleiner, aber auch reicher ist.

Zwar war erwartet worden, dass die Kanzlerin nicht mit leeren Händen kommen würde, aber die Höhe des deutschen Beitrages sorgte doch für Überraschung. "Milliardenbeträge werden es nicht sein", hatten zuvor noch deutsche Umweltschützer mit Blick auf die schwierige Haushaltslage gemutmaßt. Doch diesmal scheint Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), der erst kürzlich noch wegen steigender Entwicklungsausgaben blaue Briefe verschickte, auf Wunsch Merkels die Kasse aufgemacht zu haben. "Sie haben mir einen Konflikt mit dem Finanzminister erspart", dankte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) denn auch artig der Kanzlerin.

Der Geldsegen aus Berlin war bitter nötig

Und das Geld könnte schnell fließen, um Kettensägen und Brandrodungen im Regenwald zu stoppen, denen bislang 13 Millionen Hektar Wald pro Jahr zum Opfer fallen. 26 Staaten von den südamerikanischen Amazonas-Anrainern über den Kongo bis in die pazifische Inselwelt haben schon ihr Interesse bekundet, mit Hilfe Deutschlands und anderer Staaten neue Schutzgebiete auszuweisen und auch nach internationalen Standards zu betreiben - sei es als Urwald oder durch nachhaltige Nutzung. "Wir hoffen, dass auch andere Staaten folgen werden", äußerte Merkel die Erwartung, dass das deutsche und norwegische Beispiel Schule macht. Entsprechende Signale soll es bereits geben.

Den Schub aus Berlin hatte die UN-Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt auch bitter nötig. Seit zehn Tagen dümpelt der Mammutkongress mit seinen 6000 Teilnehmern aus mehr als 190 Staaten im Klein-Klein des Gezerres um diplomatische Floskeln vor sich hin. Bis 2010, so die Vorgabe der UN-Biodiversitätskonferenz, soll es gelingen, den rasanten, globalen Artenschwund wenigstens "bedeutend zu verringern". Doch davon ist bislang wenig zu erkennen. Lediglich beim Meeresschutz konnte man sich auf Kriterien für die Ausweisung von Schutzgebieten verständigen - wohl auch aus Angst vor dem drohenden Kollaps der kommerziellen Fischerei.

Der Konferenzpoker geht weiter

Einen weiteren Etappensieg gab Gabriel am Mittwoch im Ringen um einen Vorteilsausgleich für die Nutzung genetischer Ressourcen bekannt. Hinter dem englischen Kürzel "ABS" (Access-and-Benefit-Sharing) verbirgt sich dabei ein fundamentaler Nord-Süd-Konflikt, der auch Fortschritte in anderen Fragen des Natur- und Klimaschutzes behindert. Lange schon dringen Entwicklungs- und Schwellenländer auf eine angemessene Beteiligung an den Gewinnen, die Unternehmen aus Industriestaaten aus der Nutzung ihrer genetischen Ressourcen zum Beispiel für die Herstellung von Medikamenten ziehen. Nun wurden zumindest ein konkretes Verhandlungsmandat und ein Fahrplan vereinbart, um bis 2010 zu einem Abkommen zu kommen. An dessen Verbindlichkeit gibt es allerdings Zweifel.

Auch ansonsten geht der Konferenzpoker weiter. Das gilt beispielsweise für den Biosprit, wo Erzeugerländer von Biomasse wenig geneigt sind, sich Forderungen der Europäer nach internationalen strengen Nachhaltigkeitskriterien zu unterwerfen. Schleppend verläuft die konkrete Umsetzung bereits gefasster Beschlüsse zum Aufbau eines weltweiten Schutzgebietsnetzes zu Lande bis 2010 und im Bereich Finanzen geht ungeachtet der Spritze aus Berlin das Tauziehen weiter. Auch wenn das Konferenzklima in Bonn sich nun etwas aufhellte, gilt daher beim Artenschutz der Satz der Kanzlerin: "Wir haben die Kehrtwende noch lange nicht geschafft."


Merkel will Wälder mit Milliardenspritze retten

Zum Schutz der globalen Naturvielfalt und vor allem der bedrohten Regenwälder hat Kanzlerin Angela Merkel ein Milliardenprogramm angekündigt. Von 2009 bis 2012 will die Bundesregierung für die Bewahrung von Wäldern und anderen Ökosystemen eine halbe Milliarde Euro aufwenden. Merkel zeigt auch ein Herz für Glühwürmchen.

DIE WELT, 28.5.08

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kann sich bequem zurücklehnen. Zu Beginn der offiziellen Ministerrunde gibt es endlich ein konkretes Ergebnis von der UN-Artenschutzkonferenz zu vermelden. Die Bundesregierung stellt bis 2012 zusätzlich 500 Millionen Euro für den Erhalt der weltweiten Tropenwälder zur Verfügung.

Von 2013 an soll der internationale Waldschutz dann jährlich um 290 auf 500 Millionen Euro aufgestockt werden. Die Delegierten im alten Plenarsaal des Bonner Bundestags raunen anerkennend. Sogar Greenpeace spricht von einem "starken Signal".

Schutz des Regenwaldes wichtigstes Ziel

Der Schutz der tropischen Regenwälder steht im Mittelpunkt der 9. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt: In keinem anderen Lebensraum ist die Artenvielfalt so groß. Kaum ein anderer Lebensraum ist zugleich so stark bedroht. Jahr für Jahr werden weltweit rund 13 Millionen Hektar Tropenwälder gerodet, um Platz für Weiden und Plantagen zu schaffen – am Amazonas, im Kongo oder in Indonesien und Malaysia.

Mit den Wäldern aber verlieren Pflanzen und Tiere ihren Lebensraum. Täglich sterben weltweit etwa 150 Arten aus. „Die Artenvielfalt ist das Betriebshandbuch der Erde“, sagt Gabriel. Tag für Tag würde eine Seite herausgerissen. Wertvolle Informationen gingen dadurch verloren. „Alle Menschen wollen besser leben“, sagt Gabriel. Da werde es immer wichtiger, auf die vielfältigen Ressourcen der Natur zurückgreifen zu können.

Unterstützung in seinem Engagement für den Artenschutz erhält Gabriel in Bonn von Kanzlerin Merkel. Von Koalitionsstreit ist in diesem Moment nichts zu spüren. „Was für eine tolle Aufgabe, diese Konferenz als Gastgeber zu leiten“, sagt Merkel und fügt scherzhaft hinzu: „Ich werde Herrn Gabriel andere schwierige Themen ersparen, damit er sich der Aufgabe widmen kann.“ Und Gabriel versichert ebenso scherzhaft mit Blick auf Merkels früheres Amt als Umweltministerin: „Die Kanzlerin kennt sich besser aus als ihr Umweltminister.“

Der Bundesregierung sei der Erhalt der biologischen Vielfalt ein besonderes Anliegen, sagt Merkel. Sie schwärmt von der Natur als „sagenhaftem Lehrmeister“: Wie gelingt es etwa dem Glühwürmchen, Energie mit einem Wirkungsgrad von mehr als 90 Prozent zu nutzen? „Die Vielfalt der Natur bietet riesige Chancen“, sagt Merkel. Aus der Pazifischen Eibe etwa wurde ein wirksames Krebsmedikament entwickelt. Gerade auch in tropischen Pflanzen und Tieren finden sich Wirkstoffe, die sich für Anwendung in Medizin oder Kosmetik eignen.

Kaum ein Anreiz, den Regenwald zu erhalten

Doch noch ist es für die armen Entwicklungsländer lukrativer, ihre Wälder zu zerstören, statt sie zu schützen und zu nutzen. „Wir brauchen einen fairen Interessenausgleich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, zwischen Arm und Reich“, fordert Merkel. Und genau an diesem Punkt setzen die Verhandlungen in Bonn an. Es sollen verbindliche Regeln aufgestellt werden, damit Unternehmen aus Industriestaaten in tropischen Wäldern gezielt nach neuen Wirkstoffen suchen können. Und zugleich soll festgelegt werden, wie die Entwicklungsländer an den späteren Gewinnen, die mit diesen Wirkstoffen erzielt werden, beteiligt werden können.

Ein solcher Interessenausgleich wäre ein Anreiz, die tropischen Wälder besser zu schützen, statt sie für einen schnellen Profit zu vernichten. Noch bis zum morgigen Freitag bleibt den 120 angereisten Ministern Zeit, weitere Details zu verhandeln. Ein Abschlussdokument wird es zwar nicht geben. Aber schon die Einigung, weiter zu verhandeln, wäre ein Erfolg. Denn seit die Konvention zur Biologischen Vielfalt 1992 auf dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro vereinbart wurde, hat es in diesem Punkt bislang keine Bewegung gegeben.

Bewegung beim Schutz der tropischen Wälder erhofft sich die Bundesregierung auch durch ihre neue „Life Web Initiative“. Sie soll Partnerschaften vermitteln – zwischen reichen Geberländern und Ländern, denen es an finanziellen Mitteln fehlt, ihre Wälder zu schützen. Die Demokratische Republik Kongo ist das 26. Land, das an dieser Initiative teilnehmen will. Es gehört zu den fünf Ländern mit der größten biologischen Vielfalt weltweit. Zehn Prozent der Landesfläche stehen schon unter Schutz, bald sollen es 15 Prozent sein. „Das kann ich jetzt zusagen“, erklärt José Edmundo Bononde, der Umweltminister des Kongo.

Schon jetzt investiert die Bundesregierung jährlich 210 Millionen Euro in den internationalen Waldschutz. 40 Millionen Euro hat allein der Bundesumweltminister freigestellt, um die neue „Life Web Initiative“ aufzubauen. Auch die jetzt zugesagten 500 Millionen Euro sollen in das Projekt fließen, das von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und die Umweltorganisation WWF umgesetzt werden soll. Die Zahl der Geberländer ist indes noch überschaubar. Bislang hat lediglich Norwegen angekündigt, den Schutz der Tropenwälder mit 500 Millionen Dollar jährlich zu unterstützen.


Angela Merkel will Kettensägen stoppen

Kanzlerin spendiert 500 Millionen Euro zusätzlich für Tropenwälder. Artenschutzkonferenz in Bonn eröffnet.

Von Angelika Hillmer, Hamburger Abendblatt, 28.5.08

Bonn - Mit der Zusage, Deutschland werde zwischen 2009 und 2012 insgesamt 500 Millionen Euro für den weltweiten Schutz der Natur zur Verfügung stellen und diesen Betrag von 2013 an dann jährlich zahlen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel neuen Schwung in den Bonner Uno-Gipfel zur biologischen Vielfalt gebracht. Zur Eröffnung der Ministerrunde appellierte sie an gut 120 Umweltminister: "Wir haben hier in Bonn die Chance, ein ganz klares Bekenntnis abzugeben: Wir sind bereit, das Naturerbe der Menschheit langfristig zu bewahren." Mit Blick auf die bislang spärlichen Finanzen, die im Rahmen der Uno-Konvention zur Verfügung stehen, und ihrer eigenen finanziellen Zusage betonte Merkel: "Deutschland kann diese globale Aufgabe nicht allein lösen."

Zuvor hatte bereits Norwegen angekündigt, fünf Jahre lang jeweils 500 Millionen Euro in den globalen Waldschutz zu investieren, um Kettensägen und Brandrodungen im Regenwald zu stoppen, denen bislang pro Jahr 13 Millionen Hektar Wald zum Opfer fallen. Und trotz allgemeiner Zustimmung kritisierten die deutschen Naturschutzverbände, dass nach wie vor umweltschädliche Subventionen in ähnlicher Größenordnung fließen. "Würden in einem ersten Schritt nur 20 Prozent dieser Subventionen zur Unterstützung der biologischen Vielfalt umgewidmet, könnte der derzeitige Trend beim Verlust dieser Vielfalt gestoppt werden", so Hubert Weinzierl, Präsident vom Deutschen Naturschutzring. Zuvor hatte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel einen "Durchbruch" bei den Verhandlungen um die Frage verkündet, wie Entwicklungsländer und Ureinwohner als Eigentümer biologischer Schätze an den Gewinnen zu beteiligen sind, die in Industriestaaten aus der Nutzung der Ressourcen erzielt werden. "Nach 16 Jahren haben wir zum ersten Mal ein konkretes Mandat, einen konkreten Fahrplan für verbindliche Regelungen."

Michael Frein vom Evangelischen Entwicklungsdienst ist dennoch nicht zum Feiern zumute: "Der Sekt steht noch im Kühlschrank. Denn eigentlich haben die Delegierten nur den Verhandlungsstand vom Jahr 2004 gerettet, der im Vorfeld der Konferenz umstritten war. Ein konkretes Mandat zur Erarbeitung eines internationalen Abkommens muss erst noch beschlossen werden."

Auch Konferenzpräsident Gabriel betonte, dass noch "eine Reihe von Themen offen sind". Dazu gehörten die Wechselwirkungen mit der Landwirtschaft (speziell der Anbau von Energiepflanzen), die Finanzierung von Schutzmaßnahmen und die Einrichtung eines Schutzgebietsnetzes. Bei den Schutzgebieten gab es immerhin bereits einen wichtigen Erfolg: Die Delegierten einigten sich auf Kriterien, nach denen Meeresschutzgebiete ausgewiesen werden sollen.

"Solange man mehr damit verdient, die Natur zu zerstören als mit dem Erhalt der Vielfalt, werden wir es nicht schaffen", sagte Gabriel weiter. Nicht nur die Umweltminister, sondern auch die Kollegen der Finanz- und Wirtschaftsressorts sowie die Regierungschefs seien aufgefordert, an der "Herkulesaufgabe", den Naturschatz zu sichern, mitzuarbeiten. Daraufhin kündigte Srgjan Kerim, Mazedonier und Präsident der Uno-Generalversammlung, an, er werde die Staats- und Regierungschefs zu einer Uno-Vollversammlung zum Artenschutz einladen. Achim Steiner, Chef des Uno-Umweltprogramms, sagte zum Stand der Bemühungen: "Wir laufen Gefahr, die Deckstühle auf einer sinkenden ,Titanic' hin und her zu schieben."


9. UN-Umweltgipfel in Bonn (19.-30. Mai 08): Ein Signal, aber noch keine Lösung

WWF begrüßt Merkels 500 Millionen-Zusage und fordert internationalen Finanzfahrplan

WWF Pressemitteilung, 28.5.08

Der WWF begrüßt die Ankündigung von Bundeskanzlerin Merkel, neue Gelder für den Schutz der biologischen Vielfalt und insbesondere der Wälder zur Verfügung zu stellen. Die Kanzlerin erklärte heute zum Auftakt des Ministertreffens beim UN-Umweltgipfel, Deutschland werde von 2009 bis 2012 zusätzlich 500 Millionen Euro und ab 2013 jährlich 500 Millionen aufbringen. „Das ist das von allen erhoffte starke Signal der Kanzlerin an die Staatengemeinschaft“, erklärte Jörg Roos, WWF-Sprecher auf dem UN-Gipfel. „Jetzt müssen andere Länder nachziehen. Denn auch mit diesen neuen Geldern ist das Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 zu bremsen, nicht zu erreichen. Dafür ist die Finanzierungslücke noch immer viel zu groß.“ Nach einer Berechnung des WWF investiert die Weltgemeinschaft derzeit etwa 3,8 bis 6,3 Milliarden Euro in Schutzgebiete – erforderlich sind jedoch 20 bis 30 Milliarden Euro.

Der WWF fordert die Umweltminister auf, ein klares Regime für die Finanzierung von Schutzgebieten zu schaffen. „Gerade in diesem Punkt gibt es bislang keine Fortschritte. Was wir brauchen, sind klare Festlegungen, wer bis wann wie viel Geld für den weltweiten Schutz der Artenvielfalt, Wälder und Meere gibt. Ohne einen verbindlichen Finanzierungs-Fahrplan wird das Artensterben weitergehen“, so Roos. Ein Modell sei die von Merkel vorgeschlagene Finanzierung des Naturschutzes aus den Geldern des Emissionshandels.

Vorsichtiger als Umweltminister Gabriel bewertet der WWF die Fortschritte beim Streit um den Zugang zu natürlichen Ressourcen und der Gewinnaufteilung zwischen Konzernen und Herkunftsländern (Access and Benefit Sharing). Dabei geht es zum Beispiel um Medikamente, die aus tropischen Pflanzen gewonnen werden. „Die Verhandlungen hier in Bonn liefen schleppend und kontrovers. Aber wir sehen eine gute Chance, dass wir bis Freitag einen Fahrplan haben, mit dem die Staaten bis 2010 zu einer verbindlichen Regelung kommen. Klar ist aber auch: Solange wir diese Regelung nicht haben, werden die Konzerne weiterhin die Gewinne einstreichen, während die meist armen Herkunftsländer in die Röhre schauen“, so WWF-Sprecher Roos.


Deutschland sagt weitere Unterstützung für den Urwaldschutz zu

Von Antonia Berndt, Greenpeace-Online, 28.5.08

Am Mittwoch hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ministerkonferenz der UN-Biodiversitätskonferenz (CBD) in Bonn eröffnet. Sie kündigte an, Deutschland werde sich in Zukunft stärker für den weltweiten Urwaldschutz einsetzen.

In den nächsten vier Jahren sollen insgesamt 500 Millionen Euro in den Schutz der Urwälder investiert werden. Ab 2013 soll jährlich eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung stehen.

"Bundeskanzlerin Merkel sendet ein sehr starkes und wichtiges Signal, das die festgefahrenen Verhandlungen des UN-Gipfels dringend gebraucht haben. Die Kanzlerin und der Bundesumweltminister Sigmar Gabriel geben mit dieser Finanzierungsinitiative ein vorbildliches Beispiel im Kreis der G8-Länder", freut sich Martin Kaiser, Delegationsleiter von Greenpeace auf der CBD.

"Jetzt gilt es, im Kreis der anderen Industriestaaten den globalen Bedarf von etwa 30 Milliarden Euro pro Jahr für Urwald- und damit Klimaschutz gemeinsam zu finanzieren", fordert Kaiser. Mit dem Geld kann ein globales Netz von Urwaldschutzgebieten eingerichtet werden.


Gabriel begrüßt Milliardenzusage für den internationalen Naturschutz

BMU Pressemitteilung, 28.5.08

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die deutschen Mittel für den internationalen Naturschutz innerhalb der kommenden Jahre um Milliardenbeträge aufzustocken, begrüßt. Zugleich zollte er dem Bundesfinanzminister Lob und Anerkennung. "Die Festlegung der Kanzlerin ist für den Schutz der Tropenwälder und die Erhaltung der Artenvielfalt von immenser Bedeutung und setzt international Maßstäbe. Ohne die solide Haushaltspolitik und das Engagement von Peer Steinbrück allerdings wäre diese Entscheidung nicht möglich gewesen."

Bundeskanzlerin Merkel hatte zuvor auf der Bonner UN-Naturschutzkonferenz angekündigt, Deutschland werde bis 2012 zusätzlich eine halbe Milliarde Euro zur Verfügung stellen, um das Abholzen der Wälder zu stoppen. Ab 2013 wird es dann jedes Jahr ein halbe Milliarde Euro sein. Sie forderte eine Trendwende im Artenschutz und appellierte an alle Staaten, ihre Anstrengungen ebenfalls zu verstärken.

Derzeit sind für den internationalen Waldschutz im Haushalt des Entwicklungsministeriums 170 Millionen Euro pro Jahr vorgesehen. Diese Summe erhöht das Bundesumweltministerium bereits ab dem laufenden Jahr mit 40 Millionen Euro aus dem Emissionshandel auf 210 Millionen. Im Zeitraum 2009 bis 2012 summiert sich dies auf 840 Millionen. Nach Ankündigung der Bundeskanzlerin wird dieser Betrag im selben Zeitraum mit insgesamt 500 Millionen Euro auf dann 1,34 Milliarden aufgestockt. Ab 2013 werden dann die heutigen Mittel von 210 Millionen Euro jährlich auf 500 Millionen Euro im Jahr mehr als verdoppelt.

Zur Eröffnung der hochrangigen Ministerrunde im Rahmen der Naturschutzkonferenz sprach Bundesumweltminister Sigmar Gabriel von einem Durchbruch der Konferenz im Kampf gegen die sogenannte Biopiraterie. Dabei geht es um einen Ausgleich für die Nutzung von Pflanzen und genetischen Ressourcen aus den Entwicklungsländern durch Pharma- und Kosmetikfirmen. Die Delegierten konnten in ihren informellen Arbeitssitzungen ein konkretes Mandat vereinbaren, das einen konkreten und ehrgeizigen Fahrplan sowie einen Basistext für die Verhandlungen für ein internationales ABS-Regime (ABS: Access and Benefit Sharing) während der nächsten zwei Jahre festlegt. Es wird mit der formellen Verabschiedung des Beschlusses am Freitag gerechnet. Damit ist es der Weltgemeinschaft nach nunmehr 16 Jahren endlich gelungen, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen, der uns zu einer international verbindlichen Vereinbarung zur gerechten Aufteilung der Vorteile aus der Nutzung der biologischen Vielfalt führt.


Mittwoch, 28. Mai, 20:04 Uhr

Wirtschaftliche Folgen von Artentod Thema auf UN-Konferenz

Bonn (AFP) - Die UN-Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt befasst sich heute in Bonn mit den wirtschaftlichen Folgen des Verlusts von Biodiversität. Dazu stellen der indische Ökonom Pavan Sukhdev und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erste Ergebnisse einer Studie über die weltweite ökonomische Bedeutung von Ökosystemen und Artenvielfalt vor. Die Studie war auf Initiative der deutschen G-8-Präsidentschaft nach dem Vorbild des sogenannten Stern-Reports über die Kosten des Klimawandels in Auftrag gegeben worden.

Deutschland will mit zusätzlich einer halben Milliarde Euro in den kommenden vier Jahren den Schutz vor allem der tropischen Regenwälder voranbringen. Das kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch auf der UN-Artenschutzkonferenz an. Ab 2013 sollen dann jährlich 500 Millionen Euro insgesamt bereitgestellt werden, um das Abholzen der Wälder zu stoppen.

"Wir brauchen eine Trendwende beim Artenschutz", verlangte die Kanzlerin in Bonn. "Wir müssen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, die Lebensgrundlagen der gesamten Erde langfristig zu bewahren", betonte die Kanzlerin. Merkel verwies auch auf den großen Beitrag der Entwaldung zur weltweiten Erwärmung. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte, es hätten bereits 26 Staaten mit schützenswerten Wäldern Interesse an einer Beteiligung der von der Bundesregierung angeregten Life-Web-Initiative zur Ausweisung von Waldschutzgebieten bekundet.

Im übrigen setzen auf der UN-Konferenz die Vertreter von mehr als 190 Staaten ihre Bemühungen fort, noch offene Fragen bis Freitag zu klären. Seit Montag vergangener Woche beraten in Bonn rund 6000 Delegierte über den weltweiten Schutz der Artenvielfalt.


Der Wert der Artenvielfalt

Pavan Sukhdev erzählt im Interview, wie viel die Artenvielfalt wert ist. Den Auftrag, den Wert der Biodiversität zu ermitteln, erhielt er von Bundesregierung und EU-Kommission.

Von Sebastian Jutzi, FOCUS-Online, 29.5.08

Der 48-jährige Inder Pavan Sukhdev studierte Physik und Ökonomie und ist Chef der Deutsche-Bank-Abteilung Global Market.

FOCUS Online: Diesen Donnerstag wird die erste Version Ihrer Studie zum Wert der Artenvielfalt vorgestellt. Was sind die Ergebnisse?

Sukhdev: Das zentrale Ergebnis lautet, dass es nicht nur möglich, sondern absolut notwendig ist, die wirtschaftliche Bedeutung der Biodiversität zu bewerten. Der Verlust des Artenreichtums hat sich so sehr beschleunigt, dass er gefährlich wird. Der Ressourcenverbrauch und die Zerstörung der Lebensgrundlagen verlaufen so rasant, dass kommende Generationen kein Auskommen mehr haben werden, wenn wir jetzt nicht handeln.

FOCUS Online: Ist Natur nur etwas wert, wenn wir ihr Preisschilder verpassen?

Sukhdev: Mir ist besonders wichtig aufzuzeigen, dass das nur eine Seite der Medaille ist. Artenvielfalt besitzt nicht nur eine wirtschaftliche Dimension, sondern auch eine zutiefst humanitäre. Besonders die Armen leiden unter dem Verlust der Biodiversität, weil sie unmittelbar von den Leistungen funktionierender Ökosysteme abhängen, zum Beispiel beim Nahrungserwerb oder beim Trinkwasser. Wenn wir mit der Überfischung wie bisher weitermachen, verlieren etwa eine Milliarde Menschen in Entwicklungsländern ihre Hauptquelle für Protein.

FOCUS Online: Hat es überhaupt Sinn, den Wert von Ökosystemen in Geld umzurechnen?

Sukhdev: Es hat Sinn, weil wir erst dann abschätzen können, wie viel es uns beispielsweise kostet, eine Straße durch einen Wald zu bauen. Denn wenn wir dadurch den Wald verlieren, sind das ökonomisch betrachtet Kosten, die bisher aber in keiner Rechnung auftauchen. Diesen Fehler im System müssen wir erst einmal korrigieren. Momentan berücksichtigen wir ja nur den individuellen, konkreten und besteuerbaren Profit, den beispielsweise eine Fabrik erwirtschaftet. Aus dem Wert, den beispielsweise ein Wald hat, wenn er das Klima abpuffert und Überschwemmungen verhindert, weil er starke Regenfälle auffängt, ist zwar kein individueller Profit zu schlagen. Davon profitiert aber die Gemeinschaft. Deshalb ist es für den Einzelnen schwer einzusehen, dass dieser Wert tatsächlich existiert.

FOCUS Online: Aber eben dieser Einzelne tritt doch als Akteur auf ökonomischen Märkten auf, trifft Kauf- oder Investitionsentscheidungen – und das nicht nach dem Kriterium einer möglichst großen biologischen Artenvielfalt.

Sukhdev: Bislang besteht ein Ungleichgewicht zwischen der Art, wie wir individuelle Güter oder Dienstleistungen und die Leistungen von Ökosystemen bewerten. Wir müssen deshalb ein Bewertungssystem für letztere entwickeln, um einen Markt dafür zu schaffen, ähnlich wie bei den Zertifikaten für Kohlendioxidemissionen. Ich möchte nicht behaupten, dass diese Zertifikate schon eine optimale Lösung für das Emissionsproblem darstellen, aber sie sind wenigstens ein Anfang. Derzeit bezahlt niemand für die Leistungen, die uns Ökosysteme bieten. Deshalb erhalten die Menschen, die diese Systeme erhalten sollen, auch kein Geld dafür. Es fehlt also ein wirtschaftlicher Anreiz, das Richtige zu tun. Deshalb müssen wir erst einmal einen Markt schaffen. Das ist natürlich ein langwieriger Prozess, aber wir müssen damit anfangen. Mit der Zeit wird sich dann auch die Einstellung der Menschen verändern, und sie werden erkennen und verinnerlichen, wie wertvoll die Biodiversität ist. Überschwemmungsschutz, Verhinderung von Dürren, Regulierung der Wasserströme sind enorm wertvolle Leistungen.

FOCUS Online: Sie plädieren dafür, dass die Nutznießer von Ökosystemen für deren Erhalt bezahlen . . .

Sukhdev: . . . weil es gerecht ist.

FOCUS Online: Das würde einen Geldfluss von den Industriestaaten zu den Entwicklungsländern bedeuten . . .

Sukhdev: . . . was ein wesentliches Problem ist, weil das bedeutet: Gelder für den Naturschutz werden außerhalb der zahlenden Staaten investiert.

FOCUS Online: Geld gegen Naturschutz, haben Sie funktionierende Beispiele?

Sukhdev: Mein Lieblingsbeispiel ist Costa Rica. 200 Millionen Dollar wurden dort an Farmer bezahlt, damit sie Ökosysteme erhalten. Damit wurden 460 000 Hektar Wald geschützt. In Uganda werden seit 1995 20 Prozent der Erlöse aus dem Ökotourismus an Gemeinden in der Nähe von Schutzgebieten gezahlt. Eine Überprüfung ergab: Zwischen 1999 und 2006 nahmen die Populationen aller überprüften Arten zu. Weitere ähnliche Projekte existieren in den USA oder Australien. Das genügt aber nicht, wir müssen diese Ansätze global ausweiten.

FOCUS Online: Trifft der Verlust der Biodiversität auch die Menschen in den Industriestaaten?

Sukhdev: Sicher. Ich denke dabei an das Bienensterben in den USA, das der Landwirtschaft wegen fehlender Bestäubungsleistungen Probleme bereitet. In Spanien verursacht die Kombination aus dem Verlust von Ökosystemen und Klimawandel eine Wasserkrise. Beispielsweise muss Barcelona Wasser importieren. Sollten die Menschen in den Industrieländern glauben, dass sie nicht vom Verlust der Biodiversität beeinflusst werden, wäre das ein Fehler.

FOCUS Online: Was wird es kosten, die Biodiversität der Erde zu retten?

Sukhdev: Weltweit existieren etwa 100 000 staatliche Schutzgebiete. Jährlich werden dafür etwa zehn bis zwölf Milliarden Dollar ausgegeben. Wir gehen davon aus, dass wir etwa 40 Milliarden Dollar jährlich investieren müssten, um in diesen Schutzgebieten effektiven Naturschutz betreiben zu können. Das ist nicht sehr viel und das Geld ist gut investiert, denn als Resultat erbringen diese Ökosysteme Leistungen im Wert von insgesamt fünf Billionen Dollar jährlich. Das ist mehr, als Automobil-, Stahl- und IT-Industrie weltweit erwirtschaften. Naturschutz ist Big Business.

FOCUS ONLINE: Was erwarten Sie von der Konferenz?

Sukhdev: Im besten Fall erreichen wir, dass das Thema Biodiversität die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient, und dass die Einsicht wächst, wie wertvoll die Leistungen der Ökosysteme für uns sind. Bildlich gesprochen: Wir müssen erst einmal einsehen, dass wir uns auf einem Schiffswrack befinden, und uns dann daran machen, es zu reparieren. Wenn alle in dieser Analyse übereinstimmen und sich aufmachen würden, etwas dagegen zu tun, dann wäre das schon ein gutes Resultat der Konferenz.

FOCUS Online: Sie reisen sehr viel, vor allem mit dem Flugzeug. Haben Sie deshalb nicht ein schlechtes Gewissen?

Sukhdev: Als Ausgleich für meinen ökologischen Fußabdruck besitze ich westlich von Cairns in Australien 40 Hektar Land, auf dem ich Regenwald aufforste.

FOCUS Online: Was zeichnet Deutschland als Gastgeber der aktuellen Artenschutzkonferenz aus?

Sukhdev: Die Deutschen sind sich schon sehr über das Problem Biodiversität bewusst. Gerade weil ich so viel reise, weiß ich das. Das heißt, die Deutschen haben die erste Aufgabe schon erledigt. Die zweite Aufgabe besteht nun darin, herauszufinden, wie man die Probleme lösen kann. Es müssen Gelegenheiten geschaffen werden, damit die Menschen in Naturschutz investieren können. Es würde mich überraschen, wenn die Deutschen dann nicht daran interessiert wären.

FOCUS Online: Bei allen Bemühungen, Naturschutz und Ökonomie zu vereinen, sind Ökologie und Ökonomie nicht doch unvereinbare Gegensätze?

Sukhdev: Nein. Leider denken die meisten Menschen immer noch: ‚Wenn ich Ökonomie anwende, bekomme ich ein Problem.’ Ich sage immer, wenden Sie Ökonomie an und in aller Regel sind Sie dann angenehm überrascht. Man muss der Ökonomie nur eine Chance geben.


Stefan Krug: Ausverkauf im Regenwald

Der kommerzielle Druck einer wachsenden Weltbevölkerung dezimiert die Artenvielfalt. Wird dieser Raubbau nicht durch kluge Politik gestoppt, ist auch der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten.

Von Stefan Krug, Greenpeace, für Financial Times Deutschland, 28.5.08

Bonn ist wieder Hauptstadt - Hauptstadt des Natur- und Klimaschutzes. 5000 Teilnehmer aus aller Welt sind zur Biodiversitätskonferenz (CBD) der Vereinten Nationen an den Rhein gereist, Delegierte aus 189 Staaten: Minister, Wissenschaftler, Journalisten, Industrielobbyisten, Umweltverbände, Vertreter indigener Völker. Sie alle ringen um ein auf den ersten Blick harmloses Thema: Bei "Biodiversität" denkt man an Gorillas, Orchideen oder Laubfrösche. Warum aber lässt Brasilien, das Land mit dem größten Urwald der Erde, dann nicht Umweltexperten, sondern geschliffene Diplomaten des Außenministeriums die Verhandlungen führen? Warum berichten Vertreter indigener Stämme auf CBD-Konferenzen von Mord und Vertreibung? Warum schalten sich Lobbyisten großer Agrar-, Chemie-, Pharma- und Holzunternehmen ein?

Weil es um sehr viel mehr als Artenschutz geht. Keine Frage: Der Verlust an Arten und Lebensräumen nimmt immer dramatischere Formen an. Die Rate des Arten- und Lebensraumverlusts liegt heute rund 1000-mal höher als die natürliche Aussterberate. Die tropischen Urwälder sind in den letzten 50 Jahren auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Mit den Urwäldern verschwindet auch die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. 70 Prozent der kommerziellen Fischbestände gelten als erschöpft oder überfischt, zugleich ist Fisch die Ernährungsgrundlage für rund eine Milliarde Menschen. Abstrakte Begriffe wie "Biodiversität" oder "Verlust von Ökosystem-Dienstleistungen" verschleiern, dass bei der CBD in Bonn auch das Überleben der menschlichen Spezies verhandelt wird.

Doch vor allem geht es um die Interessen hinter dem "Artenverlust". Es geht um Geld. Um viele Milliarden Dollar oder Euro, die mit der Zerstörung von Biodiversität verdient werden: um chinesische Holzkonzerne, die Urwälder in Afrika einschlagen; um amerikanische Agrarmultis, die argentinische Gensoja oder Mais in Agrosprit umwandeln, der im Ganzen mehr CO2 erzeugt als Erdöltreibstoffe; um europäische Fischereiflotten, die Hochseegebiete leer fischen; um brasilianische Sojabarone, die das Futter für unseren Fleischkonsum liefern, auf Kosten des Regenwalds; um Firmen, die in Indonesien Torf-Urwälder für Palmöl abbrennen, das Europa als "Biomasse" importiert; um Pharmakonzerne, die genetische Ressourcen und traditionelles Wissen von Ureinwohnern stehlen und sie sich anschließend patentieren lassen; um industrielle Landwirtschaft, die das Artensterben multipliziert, die Ernährungsvielfalt bedroht und die Meere mit Stickstoff überlastet; um amerikanische Firmen, die Haftungsregeln für ihre gentechnisch veränderten Pflanzen verhindern wollen. Das alles verhandelt die CBD unter "Biodiversität". Und das erklärt, warum nahezu jedes Verhandlungsthema in einer Sackgasse steckt.

Was bisher beschlossen wurde, wird nur unzureichend umgesetzt. Es fehlt nicht nur an politischem Willen, gegen die heimische Wirtschaftslobby zu agieren. Die Industriestaaten kommen auch ihrer Verpflichtung, Geld für ärmere Länder zur Verfügung zu stellen, nicht nach. So würde etwa ein weltweites Netz von Schutzgebieten an Land und auf See, das die Staaten bis spätestens bis 2012 eingerichtet haben wollten, rund 30 Mrd. Euro jährlich kosten - bisher aber werden erst 7 Mrd. $ investiert, zumeist in den Ländern des Nordens.

Einen Ausweg könnte ausgerechnet der Klimawandel eröffnen. Er bedroht nicht nur die Ökosysteme, sondern wird durch deren Verlust weiter angeheizt. Rund 20 Prozent der Treibhausgase entstehen durch Abholzung und Brandrodung von Ur- und Regenwäldern - das ist mehr CO2, als der weltweite Verkehr erzeugt. Das heißt aber auch: Urwaldschutz ist Klimaschutz. Und zwar, wie der britische Ökonom Sir Nicholas Stern feststellte, äußerst rentabler Klimaschutz. 15 Mrd. $ pro Jahr, so Stern, bräuchte es, um die Hälfte der weltweiten Emissionen aus Entwaldung zu stoppen.

Wie man CO2-Zertifikate für Wälder gestalten und sie in den Emissionshandel integrieren könnte, wird derzeit diskutiert. Ein funktionsfähiges System wird aber nicht vor 2013 existieren, wenn es überhaupt zustande kommt. Das bedeutet, dass für die nächsten fünf Jahre kein Instrument vorhanden ist, das Entwicklungs- und Schwellenländern den Erhalt ihrer Wälder finanziell attraktiver macht als deren Abholzung.

Diese Lücke muss überbrückt werden. Deutschland übernimmt für die nächsten zwei Jahre die Präsidentschaft der CBD. Die Kanzlerin und ihr Umweltminister müssen jetzt in Bonn eine Finanzinitiative der Industriestaaten für Schutzgebiete an Land und auf See in Höhe von 30 Mrd. Euro pro Jahr starten. Norwegen erklärte bereits, fünf Jahre lang 500 Mio. $ für Waldschutz bereitzustellen.

Deutschland könnte seinen Beitrag durch den Abbau von klimaschädlichen Subventionen erbringen, ohne den Haushalt zusätzlich zu belasten. Die Bundesregierung vergibt derzeit rund 36 Mrd. Euro pro Jahr an umwelt- und klimaschädlichen Subventionen. Eine Möglichkeit: die Abschaffung der Steuerbefreiung für Flugbenzin auf Inlandsflüge (rund 395 Mio. Euro) , die Einführung der Mehrwertsteuer auf Auslandsflüge (etwa 600 Mio. Euro) und der stufenweise Abbau der Diesel-Subventionierung (1,3 Mrd. Euro bei plus 4 Cent pro Liter). Daneben bietet die Versteigerung der bisher kostenlos an die Industrie verteilten CO2-Zertifikate eine weitere Einnahmequelle.

"Die Kassen sind leer" ist eine Ausrede, die angesichts der Bedrohung des Klimas und der biologischen Lebensgrundlagen jedenfalls nicht länger hingenommen werden sollte.

Stefan Krug leitet die politische Vertretung von Greenpeace in Berlin.







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