Aktuell


Agrosprit-Studie

25. Juni, 2008

Oxfam macht Biosprit-Politik für Armut mitverantwortlich

Berlin (AFP) - Die Hilfsorganisation Oxfam macht die Biosprit-Politik der Industrieländer für den weltweiten Anstieg der Nahrungsmittelpreise mitverantwortlich. Die Förderung der Agrartreibstoffe sei zu gut 30 Prozent am weltweiten Anstieg der Nahrungsmittelpreise beteiligt und habe dadurch mindestens 30 Millionen Menschen in die Armut getrieben, erklärte Oxfam in einem Bericht. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) müsse sich in Brüssel für die Zurücknahme des EU-weiten Zehn-Prozent-Ziels für Agrosprit einsetzen, forderte die Organisation. Bleibe das Ziel, werde sich die Nahrungsmittelkrise noch deutlich verschlimmern.

Wer in den Industrieländern Agrartreibstoffe anbaue, könne sich laut Oxfam über enorme Vergünstigungen freuen: Es winkten Steuerbefreiungen, Zollsenkungen und Subventionen. Immer mehr Landwirte würden daher Agrartreibstoffe statt Nahrungsmittel produzieren. Als Folge seien die Getreidereserven so gering wie nie zuvor, beklagte Oxfam. Gleichzeitig würden für den Biosprit-Boom werden weltweit Wälder und Sümpfe in Ackerflächen umgewandelt, kritisierte die Hilfsorganisation. Dies setze gewaltige Mengen an Treibhausgasen frei.


Pflanzensprit statt Urwald

Oxfam warnt

Von Stephan Börnecke, Frankfurter Rundschau, 25.6.08

Afrika ist in den Fokus nationaler und internationaler Agrarunternehmen geraten: Doch nicht um den Aufbau einer effizienten Nahrungsmittelerzeugung geht es den Großagrariern dabei, sondern um den Hunger der westlichen Welt nach vermeintlich sauberer Energie. Die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam rechnet in einer aktuellen Studie vor, dass die Agrospritpolitik der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union 30 Millionen Menschen in die Armut treibt - und dabei den Klimawandel eher anheizt statt bremst.

In Kenia wird diese Fehlentwicklung besonders deutlich: Auf einer Fläche von 20.000 Hektar - das sind mehr als 28.000 Fußballfelder - sollen in dem bislang naturbelassenen Delta des Tana-Flusses riesige Zuckerrohrplantagen angelegt werden. Sie sollen den Rohstoff für Ethanol-Fabriken liefern.

Für Paul Matiku, Direktor der Umweltorganisation Kenya Nature, richtet der jetzt von der Regierung genehmigte Plan ein ökologisches und auch ein soziales Desaster an. Löwen, Flusspferde, seltene Affen und 345 Brutvogelarten, darunter so bizarre Gestalten wie der Goldbrust-Star oder der Karmin-Bienenfresser, haben hier ihre Heimat.

Aber auch Kleinbauern, etwa Rinderhirten der ethnischen Gruppe der Pokomo, leben in dieser Auenlandschaft. Ihnen würde die Lebensgrundlage entzogen, sagt Matiku. Und wenn es im benachbarten Somalia oder Äthiopien zu trocken wird, treiben die Hirten ihr Vieh zum Tränken über die Grenze an die Seen im Tana-Tal. Das ist bald nicht mehr möglich: Denn für die Bewässerung der Zuckerrohrplantagen muss ein Drittel des Wassers des Tana-Flusses abgezwackt werden. "Hier entsteht eine ökologische Wüste", sagt Matiku vorher.

Verarmung durch Industrie

Proteste nützten bislang nichts, denn die kenianischen Politiker erwarten von den Ethanolfabriken Jobs für die Bevölkerung. Eine Studie, von Kenya Nature und der britischen Vogelschutzorganisation RSPB in Auftrag gegeben, bestreitet vorhergesagte jährliche Millionen-Einkünfte. Tatsächlich stünden geringen Einnahmen aus dem Zucker-Ethanol-Geschäft von etwa einer halben Million Euro rund 45 Millionen Euro Gewinn aus bisheriger Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus entgegen.

Oxfam kommt in einer Studie zu ähnlichen Erkenntnissen: Die Länder achteten beim Anbau von Pflanzen für die Energiegewinnung zu wenig auf die Bedürfnisse der Bevölkerung. Beispiel Brasilien: Dort würden zwar bis zu einer Million Menschen in der Ethanol-Industrie arbeiten, die meisten als Zuckerrohr-Ernter. Deren Arbeitsbedingungen aber sind mies und der Job obendrein nicht von Dauer: Denn neue Erntemaschinen ersetzen jeweils 100 Arbeiter - und machen sich in zwei Jahren bezahlt.

Bis 2010 soll im Bundesstaat Sao Paulo so 70 Prozent der Ernte eingefahren werden, 2017 soll sie obligatorisch sein. Dieser Prozess werde die Existenzgrundlage von einer halben Million Menschen vernichten - nachdem er zuvor bereits Kleinbauern von ihren Ländereien vertrieben hatte. Oxfam rechnet vor, dass inzwischen 30 Prozent der Preissteigerung bei Lebensmitteln aufs Agrospritkonto gehen: 30 Millionen der 100 Millionen Menschen, die laut Weltbank durch die Nahrungsmittelkrise in die Armut getrieben werden, müssten wegen des Agrospritbedarfs der Industrieländer Hunger leiden.

Dennoch könne die Erzeugung von Bioenergie unter Umständen von Nutzen für die Bevölkerung armer Länder sein, sagt Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig. Etwa dann, wenn durch die Stromerzeugung aus Biomasse Menschen erstmals überhaupt Zugang zur Elektrizität bekommen. Oxfam verlangt von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Rücknahme der Agrospritquoten: Diese Politik verschärfe Hunger und Armut auf der Welt.


Mittwoch, 18. Juni, 11:10 Uhr

Petrobras will offenbar in Japan Biosprit verkaufen

Tokio (AFP) - Der brasilianische Energieriese Petrobras will nach einem Zeitungsbericht voraussichtlich noch in diesem Jahr mit dem Biosprit-Verkauf in Japan starten. Petrobras werde den Biokraftstoff an unabhängige Tankstellen liefern, berichtete das Wirtschaftsblatt "Nikkei" ohne Angabe von Quellen. Der Verkaufspreis solle umgerechnet ein oder zwei Euro-Cent unter dem Literpreis für herkömmliches Benzin liegen. Dem Benzin solle in einer von Petrobras aufgekauften Raffinerie in der Provinz Okinawa das Bioethanol beigemischt werden, hieß es weiter. Eine offizielle Bestätigung des Berichts gab es zunächst nicht. Brasilien ist Weltmarktführer bei der Bioethanol-Herstellung.







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