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Aktuell

Mehr Treibhausgas-Emissionen

Donnerstag 17. November 2005, 17:38 Uhr

Treibhausgas-Ausstoß steigt wieder

Bonn (dpa) - Ungeachtet der Ziele des Klimaschutzprotokolls von Kyoto ist in fast allen Industrieländern der Ausstoß von Treibhausgasen wieder gestiegen. Bei unveränderter Politik droht bis 2010 sogar ein Anstieg um im Schnitt 10,6 Prozent im Vergleich zu 1990.

Das geht aus einem neuen Bericht der Vereinten Nationen hervor, der am Donnerstag in Bonn vorgelegt wurde. Ohne die großen Verminderungen der Treibhausgase durch den wirtschaftlichen Umbruch in den früheren sozialistischen Ländern, die das Gesamtbild schönen, sehe die Lage noch weit düsterer aus: Bis 2010 ergibt hier die Prognose statt der anvisierten Minderungen von mindesten 5 Prozent bis 2012 ein sattes Plus von 19,5 Prozent.

Die Daten in der bisher umfassendsten Zusammenstellung über die weltweite Entwicklung bei den Treibhausgasen zeigten, dass die Verminderung von Treibhausgasen eine «Herausforderung» für die Industrieländer bleibe, sagte der amtierende Chef des UN- Klimasekretariats, Richard Kinley. Insgesamt ergibt sich für die Industrieländer von 1990 bis 2003 ein Minus von 5,9 Prozent. In den früheren sozialistischen Ländern sank der Ausstoß um 40 Prozent. Seit etwa 2000 ist es mit dem Trend zur Verminderung jedoch in beiden Länderkategorien wieder vorbei.

Die EU liegt insgesamt mit einer Reduzierung der Treibhausgase um 1,4 Prozent bis 2003 (verglichen mit 1990) bislang noch deutlich unter der Vorgabe des Kyoto-Protokolls von minus 8 Prozent. Kinley zeigte sich im Gespräch mit der dpa aber «recht optimistisch», dass die EU ihre Ziele noch erreichen könne. «In der EU gibt es dafür einen starken politischen Willen.» Vielversprechend sei auch der Emissionshandel und der Kauf von Verschmutzungsrechten. National seien aber «mehr Maßnahmen erforderlich».

Deutschland - in der EU mit Abstand der größte «Verschmutzer» - liegt mit minus 18,2 Prozent bereits nahe an seinem nationalen Kyoto- Ziel von minus 21 Prozent. Allerdings ist dies nach Darstellung von Experten weitgehend auf den Zusammenbruch der alten DDR-Industrie nach 1990 zurückzuführen. Seit fünf Jahren stagniert in Deutschland nach den UN-Daten, die auf nationalen Mitteilungen basieren, die Reduzierung der Treibhausgase einschließlich Kohlendioxid (CO2) - trotz schwachen wirtschaftlichen Wachstums. Mit dazu trägt vor allem der Verkehr bei, wo es ein Plus gibt.

Von der bevorstehenden UN-Klimakonferenz in Montréal (28. November bis 9. Dezember) sind noch keine Weichenstellungen für die Zukunft des weltweiten Klimaschutzes zu erwarten. Auf der Konferenz würden Sondierungsgespräche zu «Optionen» über das weitere Vorgehen stattfinden, es werde aber noch kein Mandat für Verhandlungen für die Zeit nach 2012 verabschiedet, sagte Kinley. Dies werde noch «einige Zeit» brauchen. Die Auflagen des Kyoto-Protokolls reichen nur bis 2012 und betreffen auch nur Industrieländer.

Bei den Gesprächen über die Zukunft in Montréal seien auch die USA mit dabei, sagte Kinley. Sie nähmen zwar nicht am Kyoto-Protokoll von 1997 teil und seien auch bei der Umsetzung nicht mehr beteiligt. Aber sie seien auf der Linie der Klimarahmenkonvention (in Kraft seit 1994) «aktiv» auch mit eigenen Vorschlägen zur Zukunft. Auf die USA entfallen rund ein Viertel aller Treibhausgas-Emissionen weltweit. Sie verzeichneten bis Ende 2003 einen ungebremsten Anstieg der Emissionen um 13,3 Prozent im Vergleich zu 1990.


Klimaschutz immer noch ein Lippenbekenntnis

Von Sigrid Totz, Greenpeace-Online, 17.11.05

Der Ausstoß an klimagefährdenden Treibhausgasen steigt drastisch an. Das geht aus einer Datensammlung des Bonner UN-Klimasekretariats hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Die Industriestaaten - so die Prognose - werden im Jahr 2010 fast elf Prozent mehr Treibhausgase ausstoßen als 1990.

Nicht das Kyoto-Protokoll und nicht eine gute Klimaschutzpolitik haben dafür gesorgt, dass die Emissionen der Industriestaaten zwischen 1990 und 2003 um sechs Prozent zurückgegangen sind. Der eigentliche Grund war der Zusammenbruch des Ostblocks. In der Folge wurden viele veraltete Anlagen stillgelegt und durch neue, effizientere Industrieanlagen ersetzt. Der Ausstoß an Treibhausgasen in Osteuropa sank um 40 Prozent. Im selben Zeitraum - zwischen 1990 und 2003 - stiegen die Emissionen der westlichen Industrieländer insgesamt um fast 20 Prozent an.

Karsten Smid, Klimaexperte bei Greenpeace, sieht in den Daten einen Beweis dafür, dass wir bei der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen noch ganz am Anfang stehen. Er fordert die Industriestaaten auf, die Klimainstrumente, die ihnen das Kyoto-Abkommen liefert, anzuwenden. Sie dürfen sich nicht länger von der Energieindustrie an der Nase herumführen lassen.

Smid: "Das niederschmetternde Ergebnis ist ein Warnsignal an jeden Politiker. In Europa ist die Politik zu großzügig bei der kostenlosen Zuteilung von Emissionsrechten, zu lasch gegenüber den Interessen der Energiekonzerne und zu langsam bei der Umsetzung von konkreten Klimaschutzprojekten." Greenpeace fordert den künftigen Umweltminister Sigmar Gabriel auf, an den Klimaschutzzielen festzuhalten und bis 2020 den Ausstoß von Treibhausgasen in Deutschland um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken.


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