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Aktuell

WTO-Zwischenbilanz

Samstag 17. Dezember 2005, 10:37 Uhr

WTO kommt Lösung der strittigen Fragen kaum näher

Hongkong (AP) Die Unterhändler auf Welthandelskonferenz in Hongkong sind der Lösung der strittigsten Fragen bislang kaum näher gekommen. Dies geht aus dem Entwurf der Abschlusserklärung hervor, der am Samstag vorgelegt wurde. So gibt es allenfalls kleinere Fortschritte in einzelnen Bereichen. Auch wird erwartet, dass der Entwurf bis zum Ende der WTO-Ministerkonferenz, an der 149 Staaten teilnehmen, am Sonntag noch überarbeitet wird.

In dem Entwurf werden zwar fast alle Themen von der Senkung der Agrarsubventionen bis zur Öffnung des Dienstleistungssektors angesprochen, dies wird aber von vielen Ausnahmregelungen begleitet. Widerstand vor allem aus Europa dürfte es gegen den Vorschlag des WTO-Generalsekretariats geben, wonach «alle Formen» von Agrarexportsubventionen gestrichen werden. Als Datum wird das Jahr 2010 oder die Formulierung «fünf Jahre nach In-Kraft-Treten» vorgeschlagen. Gegen eine solche Festlegung hat sich die EU schon vehement gewehrt. Auch die europäischen Bauern lehnen dies weiter ab. «Dies ist nicht akzeptabel», sagte COPA-Präsident Rudolf Schwarzböck. Er forderte die EU-Kommission auf, «die europäischen Agrarinteressen weiter zu verteidigen und das Dokument ebenfalls zurückzuweisen».

Schwarzböck verlangte, dass in dem Entwurf ebenfalls ein Auslaufen der verdeckten Exportsubventionen Kanadas, Neuseelands, der USA und Australiens verankert werden müsse. Dazu gehören nach seinen Worten Exportkredite und das «Food-Aid»-Programm der USA sowie staatliche Export-Monopole etwa in Australien. Solange diese «volle Parallelität» nicht gegeben sei, werde sich die EU nicht auf ein genaues Datum festlegen können, betonte er. Eduardo Baamonde von der COGEGA sagte, jeder Bauer in den USA bekomme drei Mal mehr staatliche Unterstützung als ein EU-Bauer. Zudem verwies er darauf, dass die milliardenschwere Unterstützung für die EU-Landwirtschaft auch eine kulturelle und soziale Funktion erfülle.

Die Industrieländer sollen nach dem Willen der WTO auch alle Exportsubventionen für Baumwolle bis Ende 2006 streichen. Ein Datum für das vollständige Auslaufen der internen Beihilfen für US-Produzenten wird jedoch nicht genannt. Seit Jahren beklagen westafrikanische Staaten, dass die mit rund 3,5 Milliarden Euro jährlich subventionierte US-Baumwollproduktion die Weltmarktpreise verdirbt und rund 15 Millionen Menschen in Not stürzt.

Weiter wird in dem Entwurf vorgeschlagen, dass alle Industrieländer den am wenigsten entwickelten Staaten einen zoll- und quotenfreien Marktzugang gewähren. Doch wird in dem Dokument der Starttermin offen gelassen. Auch wird die Möglichkeit in Aussicht gestellt, bestimmte Produkte auszunehmen.

Der Entwurf für die abschließende Ministererklärung, die am Sonntag beschlossen werden soll, enthält keinen Vorschlag, wann die genaue Höhe der Zollsenkungen im Industrie- und Agrarbereich beschlossen werden soll. Die 50 ärmsten Entwicklungsländer würden von Erleichterungen beim Export ihrer Waren in den reichen Norden erheblich profitieren. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen würden ihre Ausfuhrerlöse um rund 5,3 Milliarden Euro steigen, wenn ihnen die Industrieländer einen zoll- und quotenfreien Marktzugang für alle Produkte gewährten.


WWF: Kein Abbau ungerechter und ökologisch unverantwortlicher Subventionen in Sicht

Zwischenbilanz zur 6. WTO-Konferenz in Hongkong, 13. bis 18. Dezember

WWF Pressemitteilung, Hongkong/Frankfurt a. M., 16.12.2005

Die internationale Umweltschutzorganisation WWF kritisiert den Stand der WTO-Agrarverhandlungen in Hongkong. "Es sind keine Fortschritte in Sicht", sagt WWF-Agrarexpertin Tanja Dräger. "Die Industrieländer blockieren den Abbau von Subventionen und tun alles, um den Marktzugang für Entwicklungs- und Schwellenländer nicht erleichtern zu müssen. Überhaupt keine Rolle spielen Standards für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft." Der WWF fordert, dass Landwirte nur dann Zuschüsse aus Steuergeldern erhalten, wenn sie ihre Produkte umweltgerecht und nachhaltig anbauen.

Im Mittelpunkt der Gespräche steht der Streit um den Abbau der Exportsubventionen. "Die Positionen sind festgefahren, denn hier geht es um lieb gewonnene Privilegien", kommentiert Dräger. Die EU will nur dann ihre Exportsubventionen kürzen, wenn die USA ihre Exportkredite und Nahrungsmittelhilfen an strengere Kriterien binden. "Die Position des WWF ist klar: Exportsubventionen sind weder nachhaltig noch ökologisch sinnvoll. Deshalb verlangt der WWF bis 2010 ihren vollständigen Abbau."

Ebenfalls keine Bewegung gibt es in der Frage, nach welchen Kriterien Subventionszahlungen künftig als "nicht handelsverzerrend" gelten sollen. "Die bestehenden Kriterien sind völlig unzureichend", erläutert Dräger. In der Vergangenheit habe das dazu geführt, dass vor allem die EU viele ihrer Subventionen als nicht handelsverzerrend deklariert habe. 2006 fließen 49 Milliarden Euro offiziell nicht handelsverzerrende Subventionen an europäische Landwirte, in den USA sind es 40 Milliarden Euro. "Es ist kaum vorstellbar, dass diese Summen den Handel nicht verzerren sollen", sagt die WWF-Expertin.

Die geplante Verabschiedung eines Entwicklungspakets für die ärmsten Staaten bezeichnet Dräger als "Feigenblatt". Nur die am wenigsten entwickelten Länder sollen davon profitieren und ihre Waren ohne Zoll- und Mengenbeschränkungen exportieren dürfen. "Schon jetzt beginnen die Industriestaaten jedoch damit, das Paket zu verwässern: die USA fordern Ausnahmen für Textlilien und Zucker, Japan für Reis."

Auch die von den Industrieländern zugesagte Hilfe für den Handel stößt beim WWF auf Kritik. "Die EU hat zwei Milliarden Euro versprochen, doch woher das Geld kommen soll, ist völlig offen", sagt Dräger. Italien habe bereits angekündigt, kein Geld bereitzustellen.

Aus Sicht des WWF ist die Politik der europäischen Staaten und speziell der Bundesregierung in Hongkong doppelzüngig. Während Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul die amerikanischen Baumwollsubventionen als skandalös kritisiert, hat das Landwirtschaftsministerium unter Horst Seehofer vorgestern in Brüssel der Aufstockung der EU-Baumwollsubventionen für Andalusien zugestimmt. Die EU zahlt die weltweit höchsten Flächenprämien für Baumwolle.

"Davon abgesehen, dass der wasserintensive Baumwollanbau im trockensten Teil Europas ökologischer Irrsinn ist, bedrohen die Subventionen direkt die Existenz afrikanischer Baumwollfarmer", urteilt WWF-Wasserexperte Martin Geiger. 2005 erhielten die 80.000 Baumwollbauern in Südeuropa von der EU insgesamt 937 Millionen Euro. "Zum Vergleich: Die gesamte direkte Entwicklungshilfe Deutschlands an alle Länder Afrikas betrug 2003 nicht einmal das Doppelte", sagt Geiger. Die Agrarsubventionen als "Ausgleich für hohe Umweltstandards" zu rechtfertigen, wie Seehofer dies tue, sei angesichts der Faktenlage eine Frechheit.


WTO Gipfel: G110 stellen sich geschlossen den Industriestaaten gegenüber

epo.de, 16.12.2005

Hongkong. - Bei der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO in Hongkong haben die Entwicklungs- und Schwellenländer ein Bündnis ("G110") gegen die Forderungen der Industriestaaten nach einer forcierten Marktöffnung geschlossen. "Die Entwicklungsländer haben heute klar gemacht, dass sie in Hongkong auf einer echten Entwicklungsrunde bestehen und nicht bereit sind, faule Kompromisse zu schließen", erklärte die Vorstandsvorsitzende der Heinrich Böll Stiftung, Barbara Unmüßig in Hongkong. Zur Halbzeit des Gipfeltreffens hätten es nun die Europäische Union und die USA in der Hand, ein Scheitern der Verhandlungen zu verhindern "und somit Ernst zu machen mit realen Entwicklungschancen für den Süden", sagte Unmüßig.

"Mit ihrer Entscheidung, sich demonstrativ auf die Seite der ärmsten Länder zu stellen, hat die G 20 politische Weitsicht bewiesen", betonte Liane Schalatek, Handelsexpertin im Washingtoner Büro der Böll Stiftung. Länder wie Brasilien und Indien hätten auf kurzfristige Erfolge verzichtet, um ein besseres Ergebnis für den Süden als Ganzes zu erreichen. "Die G 110 haben damit das von EU und USA angebotene Paket 'Hilfe für Handel' (Aid for Trade) als Feigenblatt entlarvt." Die Industrieländer müssten jetzt ernsthaft über Sonderkonditionen für die Entwicklungsländer verhandeln und zu Zugeständnissen bereit sein, ohne direkte Gegenleistungen zu erwarten.

Die G 20, ein Zusammenschluss der Schwellenländer, hatten den vergangenen WTO-Gipfel in Cancún 2003 scheitern lassen, nachdem die EU und USA sich geweigert hatten, auf ihre Forderungen einzugehen. In der G 90 sind die Staaten der AKP-Gruppe (Afrika, Karibik, Pazifik) sowie die ärmsten Staaten (LDCs) vereint.

"Dieses politische Signal hat nicht nur konkrete Auswirkungen auf die WTO- Verhandlungen, sondern langfristig auch auf das Machtgefüge in den internationalen Beziehungen", unterstrich Barbara Unmüßig. "Es zeichnen sich immer deutlicher die Konturen einer multipolaren Weltordnung ab, auf die sich die Industrieländer einstellen werden müssen". Für EU und USA bedeute dies, daß sie ihre Maximalforderungen in vielen Bereichen wohl kaum mehr durchsetzen könnten. Ein neuer Realismus sei nun gefragt.

Die Heinrich Böll Stiftung beobachtet die WTO-Ministerkonferenz in Hongkong vor Ort mit einem umfangreichen Rahmenprogramm zu den unterschiedlichen Themen des Gipfels. Die Stiftung ermöglichte zudem mehr als 60 ihrer Partnerorganisationen eine Teilnahme in Honkong.

DEUTSCHE MINISTER NEUTRALISIEREN SICH GEGENSEITIG

Zur Haltung der Bundesregierung bei den WTO-Verhandlungen in Hongkong sagte der Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Bundestag, der Grünen-Abgeordente Thilo Hoppe, der schwarz-roten Koalition gelinge es nicht mit einer Stimme zu sprechen. "Statt sich mit weit auseinander liegenden Positionen gegenseitig zu neutralisieren, sollten sich die in Hongkong auftretenden deutschen Minister gemeinsam dafür einsetzen, dass sich die EU stärker für die Anliegen der Entwicklungsländer öffnet und damit ein Scheitern der WTO-Verhandlungen verhindert."

Das arbeitsteilige Auftreten der drei deutschen Minister auf der Welthandelskonferenz in Hongkong "verwirrt mehr als dass es überzeugt", so Hoppe. Während Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul für die westafrikanischen Baumwollfarmer kämpfe, was Deutschland wenig koste, beruhige Horst Seehofer die europäischen Bauernverbände mit seinem Widerstand gegen weitere Senkungen der Agrarsubventionen. Wirtschaftsminister Glos wiederum präsentiere sich in Hongkong als Anwalt der deutschen Exportwirtschaft und dränge die Entwicklungsländer zur schnellen Senkung ihrer Zölle für Industriegüter und zur Marktöffnung bei Dienstleistungen.

ENTWICKLUNGSPAKET EINE MOGELPACKUNG

Da die Verhandlungen in den Sektoren Landwirtschaft, Industriegüter und Dienstleistungen stockTen, werde nun ein Entwicklungspaket geschnürt. Dieses Paket beinhalte das Versprechen, den ärmsten Ländern zoll- und quotafreien Marktzugang zu gewähren, erklärten die Schweizer nichtstaatlichen Organisationen Alliance Sud, Erklärung von Bern und Pro Natura. Der Vorschlag sei begrüssenswert, obwohl nicht klar sei, wer wie viel davon profitieren könne. "Da kein vollumfänglicher Marktzugang vorgesehen ist, könnte es sein, dass der zum Beispiel für Bangladesh zentrale Textilsektor ausgenommen würde. Weiter wird den ärmsten Ländern für die Integration in den Weltmarkt viel Geld versprochen. Doch ist nicht klar, aus welchem Topf diese Mittel kommen sollen. So hat beispielsweise die EU angekündigt, auch ihre Mitgliedstaaten müssten ihren Anteil leisten. Dazu wurden diese jedoch nie konsultiert."

Aus der Sicht der Schweizer Nichtregierungsorganisationen richten sich beide Paketinhalte lediglich an die ärmsten Länder und "erfüllen den Anspruch einer echten, für alle Entwicklungsländer geltenden Entwicklungsrunde nicht". Ungerechtigkeiten und Mängel der bestehenden WTO-Abkommen würden damit nicht behoben.

HBS Berichte aus Hongkong
Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN


WTO Gipfel: NRO kritisieren "Entwicklungspaket" als leere Versprechungen

epo.de, 15.12.2005

Hongkong. - Das "Entwicklungspaket", das EU und USA in die WTO-Verhandlungen in Hongkong eingebracht haben, stößt bei Nichtregierungs-Organisationen aus Nord und Süd auf vehemente Kritik. Die Zusagen seien vage Versprechungen und basierten größtenteils auf ohnehin schon existierenden Absichtserklärungen, die Entwicklungshilfe zu erhöhen. Den Industriestaaten gehe es offenbar darum, sich mit ein paar Zugeständnissen die Öffnung der Märkte in den Entwicklungsländer zu erkaufen, erklärten die NRO.

Um deutlich zu machen, dass es sich beim "Entwicklungspaket" der Industrieländer um "leere Versprechen" handle, hätten Vertreter verschiedener NRO heute Weihnachtspakete ohne Inhalt an den EU- Verhandlungsführer Peter Mandelson übergeben, berichtete das globalisierungskritische Netzwerk Attac aus Hongkong.

Im Rahmen des "Entwicklungspakets" machten die USA unverbindliche Zusagen für höhere Entwicklungshilfezahlungen. Die EU stelle eher vage vergünstigte Kredite und andere Verbesserungen in Aussicht, kritisieren die NRO. "Diese PR-Maßnahme soll nur von den tatsächlichen Zumutungen ablenken, die EU und USA gegenüber den Ländern des Südens durchsetzen wollen", sagte Johannes Lauterbach, der die Verhandlungen in Hongkong für Attac beobachtet. "Die US- Finanzzusagen sind ohne Zustimmung des Kongresses völlig wertlos, und die EU verspricht fast nur, was sie ohnehin schon leistet."

Problematisch sei auch das "Hilfe für Handel"-Programm, erklärten die NRO. Dabei gehe es vor allem darum, die notwendige Infrastruktur für Importe aus Industrieländern zu schaffen. Meena Raman aus Malaysia, Vorsitzende von Friends of the Earth International, sagte: "Das Ziel von EU und USA ist nicht Entwicklung, sondern die Durchsetzung der Interessen ihrer Industrie: nämlich das Öffnen der Märkte im Süden für Industriegüter, Agrarprodukte und Dienstleistungen. Die Länder des Südens lehnen diese Forderungen ab, doch ihre Vorschläge werden ignoriert. EU und USA meinen offensichtlich besser zu wissen, was für die Entwicklungsländer gut ist."

Wenn die reichen Industriestaaten wirklich etwas für die Länder des Südens tun wollten, müssten sie Exportsubventionen bei der Landwirtschaft beseitigen, Forderungen an den Süden bei öffentlichen Dienstleistungen und bei der Marktöffnung für Industriegüter, Rohstoffe, Holz und Fisch sowie für die Agrarmärkte des Südens zurücknehmen, erklärte Attac.

Maja Göpel vom BUND sagte, die bestehenden Abkommen müssten komplett überarbeitet statt erweitert werden. "Sie sind ungerecht und haben katastrophale Folgen für Ernährungssicherheit, Gesundheit und die Umwelt - besonders der ärmsten Menschen. Der Abbau von Handelsbegrenzungen in der Fischerei und im Holzhandel erlaubt großen Exporteuren den Ausverkauf natürlicher Ressourcen aus dem Süden und schließt die lokale Bevölkerung von ihrer Nutzung aus."

Zudem kritisierten Attac und BUND die Verhandlungsmethoden von EU und USA. Diese übten massiven Druck auf die Vertreter der Länder des Südens aus, und zahlreiche Verhandlungsrunden fänden unter Ausschluss der meisten Ländern in so genannten "green rooms" statt.

Die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) unterstützte hingegen die Initiative der EU, den ärmsten Ländern einen zoll- und quotenfreien weltweiten Marktzugang zu gewähren und begrüßte das vorgesehene Entwicklungspaket mit zusätzlichen Mitteln für das "Aid for Trade"-Programm. Es soll Entwicklungsländern ermöglichen am Welthandel teilzunehmen. Das Paket dürfe jedoch kein "Trostpflaster" für mangelnde Fortschritte in den übrigen Verhandlungsfeldern sein, sagte die Ministerin.

Aid planned as a complement to a market access package (WTO)
Attac Blog aus Hongkong
BUND
BMZ


Exporte für alle

Rinder aus Brasilien, Getreide aus der Schweiz und Zucker aus Guyana - weil keiner Verlierer des Welthandels sein will, droht der Gipfel in Hongkong zu scheitern

Von Alexander Hagelüken, Süddeutsche Zeitung, 17.12.05

Hongkong - Als der brasilianische Außenminister oben auf dem Podium zu sprechen beginnt, wird Pedro Camargo Neto unruhig. Die Worte seines Landsmanns lassen den schnauzbärtigen Rinderzüchter auf dem Stuhl herumrutschen. Seine Finger kneten den Unterkiefer, mehrmals steht er auf und wechselt den Platz. In Netos Körper drückt sich die selbe Ungeduld aus wie in der Rede von Außenminister Celso Amorim. Europa und Amerika müssten endlich mehr Agrarexporte der Entwicklungsländer zulassen, fordert der Minister. Und der Bauer Neto ärgert sich mit Amorim, dass es hier beim Welthandelsgipfel kaum Fortschritte gibt, weder für Brasilien noch für seine Rinderfarm im Bundesstaat Sao Paolo.

Pedro Camargo Neto ist kein normaler Bauer, und ganz sicher möchte der 56-Jährige im dunklen Anzug anders vorgestellt werden. Er beschäftigt sich schon lang mit Handelsfragen, unter der ehemaligen Regierung war er Staatssekretär im Agrarministerium. Es ist dieser höfliche, zurückhaltende Mann gewesen, der die EU zu einem Schritt gezwungen hat, den sie volle vier Jahrzehnte lang verweigert hatte: den Schutz zu verringern, den ihre Zuckerrübenbauern vor Importen genießen. Camargo Neto überredete seine Regierung, Brüssel vor der Welthandelsorganisation (WTO) zu verklagen - und Brasilien gewann. Im November beschloss die EU neue Regeln. Brasilien kann zumindest etwas mehr Zucker nach Europa verkaufen. Ruhig zählt Camargo Neto auf, was höhere Exporte für sein Land bedeuten: mehr Geld für Straßen oder Schulen, mehr Importe von Maschinen oder Computern, alles das, was einem Entwicklungsland hilft, sich aus der Armut zu entwickeln.

Schnell aber soll sich Brasilien nicht entwickeln, Europa und die USA setzen beim WTO-Gipfel Grenzen. Die reichen Kontinente zögern, viel mehr Agrarimporte zuzulassen. Weil dies den eigenen Bauern schadet, Menschen wie John Dupraz. "Wir haben Angst", sagt der vollbärtige Schweizer, Getreidepflanzer in der dritten Generation. "Wir sind zu teuer", schildert er. "Mit den brasilianischen Riesenbetrieben können wir niemals konkurrieren". Noch müssen sie das kaum, Zölle und Subventionen schützen sie. Dupraz kassiert für seinen Hof im Kanton Genf 80 000 Franken im Jahr. Der 60-Jährige genießt sein Leben, er ißt gerne gut, trinkt einen mit Freunden.

Regenwald muss weichen

Doch Dupraz sieht von überall her billige Agrarprodukte nach Europa dringen, die den Bauernstand bedrohen. Als er auf dem Hinflug von Zürich nach Hongkong Rotwein ordert, bekommt er Sauvignon aus Kalifornien. "Das macht mich verrückt", ruft er. "Europa produziert so viel guten Wein!" Der Steward antwortet entschuldigend, wahrscheinlich schenke die Schweizer Fluglinie diesen Wein aus, weil er ein paar Cent billiger sei. Seit 1995 habe jeder dritte eidgenössische Bauer aufgegeben, sagt Dupraz, widerwillig gießt er sich ein.

Der Schweizer kann viele Argumente aufzählen, warum Europa seine Agrarmärkte nicht so schnell öffnen soll, obwohl es im Tausch mehr Autos und Maschinen in alle Welt verkaufen könnte: Er will vor allem die kleineren Bauern weiter schützen. Importierte Agrarprodukte seien meist schlechter für Umwelt und Verbraucher. "In der Schweiz gibt es keine Legebatterien und keine Vogelgrippe wie in Asien", sagt er. ¸¸Und wenn unsere Bauern ihre Bergalmen aufgeben müssen, wächst da nur noch Wald. Das will kein Tourist." Brasilien dagegen, Brasilien! "Die opfern für Zuckerrohr hektarweise tropischen Regenwald und zahlen ihren Arbeitern nur 120 Euro im Monat. Von den Exporten profitieren doch nur die Großgrundbesitzer!"

Pedro Camargo Neto kennt solche Argumente, nicht alle weist er gleich entschieden zurück. Das Umweltverhalten sei besser geworden, er selbst lasse weniger Pestizide spritzen, die Europäer könnten sich das ruhig anschauen. Was den zunehmenden Wohlstand anbetrifft, ja, der sei ungleich verteilt. Seine Stirn legt sich in Falten. Wie viele Rinder er selbst mästet, will er nicht sagen, nur: "Ich bin kein Millionär". Und eines sei doch unzweifelhaft: Von den Exporten profitiere, wenn auch unterschiedlich stark, ganz Brasilien: Mehr Mittel für die Infrastruktur, mehr für Bildung und mehr für die Rückzahlung der Auslandsschulden.

John Dupraz möchte weiter möglichst viele Bauern in Europa wissen, sein Großvater hat den Hof im 19. Jahrhundert begründet, der Enkel kämpft im 21. Jahrhundert für den Fortbestand: Als liberaler Abgeordneter in Bern, als Vizepräsident des Bauernverbands, als Lobbyist in Hongkong, er redet mit dem WTO-Botschafter, "der ist zwar Sozialist, aber der beste Streiter für die Bauern!"

Europas Bauern haben viele Mitstreiter, "sie haben eine starke Lobby", beobachtet Camargo Neto. Die EU und die USA opfern in Hongkong keine Privilegien ihrer Bauern, obwohl diese kaum noch Jobs stellen und die Industriestaaten mehr Produkte in die ganze Welt exportieren könnten. Kein Wunder, dass sich auf dem Welthandels-Gipfel tagelang nichts bewegt, "aber wir können ja einfach weitere WTO-Klagen starten", sagt Camargo Neto.

Wäre alles gut, wenn die Reichen schneller ihre Märkte öffneten, ist die Sache so simpel? Da widerspricht jemand, der aus einem deutlich ärmeren Land als Brasilien kommt, er widerspricht heftig, und schon wird die Sache ziemlich kompliziert. Clement Rohee amtiert als Handelsminister von Guyana, einem Küstenstreifen mit 800 000 Einwohnern in Südamerika, nördlich von Brasilien.

Rohee hat den Nachbarn davor gewarnt, die EU vor der WTO zu verklagen. Die folgende EU-Zuckerreform war "ein trauriger und schmerzhafter Tag für mein Land". Brasilien kann mehr exportieren, weil es am billigsten produziert, Guyana dagegen darf seine Hauptexportware Zucker nicht mehr zu einem ganz so hohen künstlichen Preis nach Europa verkaufen. Und im direkten Wettbewerb unterliegt es.

"Wir haben begonnen, unsere Produktion zu modernisieren, doch die EU-Reform reißt ein riesiges Loch in unseren Etat", klagt der distinguierte Mann mit schwarz-grauem Kinnbart. "Zucker ist eine Lebensweise für uns. Fragen Sie ein Kind auf dem Land, etwas zu malen, es wird Zuckerrohr malen oder eine Distillerie". Die Anbaufirmen legen Wasseranschlüsse und betreiben Kliniken.

Rohee fordert von der EU, ihren Markt weniger stark zu öffnen, damit Guyanas Sondervorteile als Entwicklungshilfe erhalten bleiben. Wie lange das wirklich nötig ist oder ob es nur ineffiziente Produktion fördert, ist heiß umstritten. Rohee klagt über "die Ayatollahs des Freihandels", er klingt in diesem Moment wie John Dupraz, und er droht mit einem Veto bei den WTO-Verhandlungen - Guyana besitzt eine Stimme, die genauso viel wert ist wie die deutsche.

Ein Durchbruch bei der Welthandelsrunde muss offenbar die Märkte so schnell öffnen, dass Pedro Camargo Neto nicht unruhig wird, aber auch so langsam, dass John Dupraz damit leben kann und Clement Rohee spezielle Hilfen bekommt. Nach vier Tagen Welthandelsgipfel ist ein solches Ergebnis nicht in Sicht, es gibt nicht mal Ansätze dazu.

biunt: Zuckerrohranbau in der Karibik: Nicht alle Produzenten außerhalb Europas profitieren von der Reform der EU. Das Entwicklungsland Guyana darf seine Hauptexportware Zucker nicht mehr zu einem ganz so hohen künstlichen Preis nach Europa verkaufen. Der Handelsminister des Landes, Clement Rohee, spricht deshalb von den "Ayatollahs des Freihandels".


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