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Aktuell

Vögel und Klimawandel

Montag 14. August 2006, 09:48 Uhr

Experte: «Klimawandel verändert die Vogelwelt»

Hamburg (dpa) - Durch den Klimawandel wird sich die Vogelwelt in den kommenden Jahrzehnten deutlich verändern. Das prophezeit Deutschlands Chef-Ornithologe Franz Bairlein. «Ein großer Wandel kommt auf uns zu», sagte der Direktor des Deutschen Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven.

Anders als andere Forscher will er aber keineswegs ein Schreckensszenario zum Artensterben skizzieren. «Wir werden einige Vogelarten verlieren, aber auch andere dazugewinnen», betonte der 53-Jährige in einem dpa-Gespräch am Rande des 24. Internationalen Ornithologen-Kongresses in Hamburg.

Schon jetzt siedeln sich nach seinen Angaben auf Grund der globalen Erwärmung etwa in Deutschland andere Vögel an als noch vor einigen Jahren, zum Beispiel der Bienenfresser. Der farbenprächtige, exotisch anmutende kleine Vogel war lange Zeit nur im Mittelmeerraum anzutreffen. «Seit den neunziger Jahren ist der Bienenfresser auch in Deutschland zu Hause. Wir haben hier mittlerweile 500 Brutpaare», sagte der Vogelkundler.

Während die meisten Menschen die Konsequenzen des Klimawandels für sich eher in der Zukunft sehen, sind die Auswirkungen der globalen Erwärmung Bairlein zufolge in der Vogelwelt heute schon deutlich erkennbar. «Wir beobachten, dass viele Zugvögel bis zu drei Wochen früher aus ihren Winterquartieren zurück kommen als noch vor dreißig Jahren, und manche fliegen im Herbst später ab als früher», sagt Bairlein. Das gelte etwa für die Amsel oder den Trauerschnäpper.

Viele Vögel beginnen außerdem auf Grund der milderen Temperaturen im Frühling und durch den früheren Laubaustrieb eher mit dem Brüten. «Es gibt eigentlich keinen anderen Faktor als die Klimaveränderung, der als Ursache dafür in Frage kommt», sagte der Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Wie genau sich die globale Erwärmung auf die Artenvielfalt und Verbreitung von Vögeln künftig auswirken wird und von welchen Zeiträumen dabei auszugehen ist, sei heute noch nicht abzusehen, betont der Vogelkundler. «Das kommt auch darauf an, wie rasant die Entwicklung verläuft.»

Einige Arten dürften unter der Erwärmung und damit einhergehenden veränderten Bedingungen ihres Lebensraums in jedem Fall leiden oder gar verschwinden, andere dagegen profitieren. «Für manche Küstenvögel wird es sicher schwer. Es ist nicht auszuschließen, dass das Wattenmeer bei einem deutlichen Anstieg des Meeresspiegels verloren geht, und dann fehlt der Lebensraum», sagt Bairlein. Sein Fazit: «Wir brauchen mehr flexible Naturschutzkonzepte, die die klimabedingten Veränderungen berücksichtigen.»


Hunderte Vogelexperten ziehen nach Hamburg

1.500 Vogeforscher aus der ganzen Welt treffen sich vom 13. bis 19. August 2006 zum Welt-Ornithologenkongress in Hamburg

NABU, 14.8.06

Während sich bereits die ersten Zugvögel aufmachen, um auf der Südhalbkugel zu überwintern, zieht es rund 1.500 Vogelforscher aus der ganzen Welt auf die Nordhalbkugel, genauer gesagt nach Hamburg. Dort findet vom 13. bis 19. August der 24. Internationale Ornithologen-Kongress statt. Veranstalter sind die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) und das Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Der NABU unterstützt das vogelkundliche Highlight als nationaler Partner. Neben einer regulären Teilnahme kann man auch Tageskarten erwerben oder einen der zahlreichen öffentlichen Abendvorträge besuchen.

Deutschland ist nach 1910 und 1978 zum dritten Mal Gastgeber des Internationalen Ornithologen-Kongresses. Zuletzt trafen sich die Vogelforscher 2002 im chinesischen Beijing. Im Mittelpunkt stehen neueste Forschungsergebnisse zur Biologie und Ökologie der Vögel, Fragen der Evolutionsbiologie sowie deren Überlebensstrategien insbesondere auch vor dem Hintergrund der teilweise dramatischen Umweltveränderungen auf allen Kontinenten.

Weltkongress mit vollem Programm

Ein vielfältiges Rahmenprogramm ist beim Internationalen Ornithologen-Kongress vorgesehen. Der Tag beginnt mit dem "Early Morning Bird Walk" (Start jeweils 6 Uhr) vor dem eigentlichen Vortragsprogramm aber auch vor und nach dem eigentlichen Tagungsprogramm umrahmen Exkursionen - Pre- und Post-Exkursionen - zu Zielen in Norddeutschland sowie in ganz Europa.

Von besonderem Interesse unter den auf dem Hamburger Kongress insgesamt 500 geplanten Vorträgen und etwa tausen Posterbeiträgen sind auch Fragen, wie Vögel auf globale Klimaveränderungen reagieren. Aktuell Forschungsergebnisse zeigen bereits, dass sich zum Teil schon das Zugverhalten verschiedener Vogelarten verändert. Dies hat auch Auswirkungen auf das Brutverhalten und die Verbreitung der Arten.

"Spatz" als Botschafter

Dem Spatz oder Haussperling genießt dieses Jahr besondere Aufmerksamkeit, nicht nur als Symbolträger und Maskottchen des Kongresses. Passer domesticus gehört als engster Kulturbegleiter des Menschen zu den auf dem Globus am weitesten verbreiteten Vogelarten überhaupt. Doch in den letzten Jahren scheint sich das Verhältnis zumindest in einigen Regionen geändert zu haben. Warnmeldungen aus England, aber auch Bestandsaufnahmen auf dem europäischen Kontinent machen auf eine Trendwende aufmerksam und belegen, dass der vielfach als Allerweltsvogel geltende Hausspatz, oft noch kaum wahrgenommen, den Rückzug angetreten hat.

Über Ursachen und Gründe des Rückganges wurde viel spekuliert, doch bis heute gibt es keine plausible Erklärung für das Phänomen. Auf dem IOC wird man auch über den Status von Passer domesticus in städtischen Gebieten und die Situation im Offenland diskutieren, mit dem Ziel, ein einheitliches Fundament zu schaffen, für weitere Forschungsarbeiten und -projekte, die nicht nur das Rätsel um sein allmähliches Verschwinden lösen könnten, sondern vielleicht auch Aufschluss darüber geben, an welcher stelle sich das unmittelbare Lebensumfeld des Menschen verändert hat.

Historie der Vogelforschung

Die Lücken in der Kenntnis über die Zugwege von Vögeln zu schließen, führte Ende des 19. Jahrhunderts zur Verstärkten internationalen Zusammenarbeit bei der Erforschung des Vogelzugs mit dem Ziel, ein Netz vogelkundlicher Beobachtungsstationen über die gesamte Erde auszubreiten. Einer der Motoren der Idee war der Österreicher Dr. Gustav von Hayek und der Plan, der schließlich die Zustimmung des Kronprinzen Rudolf von Österreich fand, wurde zum Anlass genommen, einen (Ersten) Internationalen Ornithologenkongress im April 1884 in Wien einzuberufen, bei der er als Generalsekretär fungierte.

Frühe "Globaliserung" der Vogelzugforschung

Der Eifer für die Vogelzugforschung war auch die Triebfeder des II. Internationalen Ornithologen-Kongresses, den der Ungar Otto Herman 1891 nach Budapest einberief und dabei vor allem die Absicht verfolgte, in seinem Vaterland für den Gedanken des Zugstudiums zu werben. Da mit den damals verfügbaren und gebräuchlich statistischen Methoden nur Teilprobleme untersucht werden konnten - weder über die Wandergeschwindigkeit des Individuums, noch über die Richtung und Ausdehnung einer Wanderung, noch über seine "Heimattreue" vermochten die Aviphaenologen, die nur mit dem arithmetischen Mittel aus einer nicht analysierten Mischung operieren konnten, etwas sicheres in Erfahrung bringen. Auch kam zum damaligen Zeitpunkt noch keiner der Organisatoren auf den Gedanken, die Methodik durch Kennzeichnung einzelner Individuen zu verbessern, so naheliegend er auch war.

Es war der preußische Forstmann Borggreve, der vorschlug, das "Experiment" in die Zugforschung einzubeziehen, etwa in der Weise, dass man in gewissen Landesteilen einzelnen Vögeln die Mittelzehe abschneide, um einen sicheren Anhalt zur Feststellung ihres individuellen Wanderweges zu erhalten. So blieb der Ruhm, das Beringungsverfahren in die Ornithologie eingeführt zu haben dem bescheidenen dänischen Lehrer Hans Christian Cornelius Mortensen (1856-1926), der ein paar Staren dünne Zinnstreifen um ihren Lauf legte, auf die er mit Zinktinte "Viborg 1890" geschrieben hatte. Im Herbst schließlich fing er in Nistkästen 162 erwachsene Stare und ließ sie mit Alu-Ringen wieder frei.

Dabei war es schon seit längerem üblich, Brieftauben mit beschrifteten Fußringen zu versehen und auch die Falkner hatten schon im 17. und 18.Jahrhundert hin ihren Beizvögeln wieder solche Marken angelegt, um sie als ihr Eigentum zu kennzeichnen.



Von der Vogelzugforschung bis zur Populationsökologie und Verhaltensforschung


Allmählich zeigte sich, dass man mit dem Metallring nicht nur ein neues Hilfsmittel zur Vogelzugforschung gewonnen hatte, sondern die individuelle Kennzeichnung auch andere Fragestellungen unterstützte wie das Studium des Verhaltens im Brutgebiet sowie des Aufbaues von Kleinpopulationen - zwei Forschungsthemen, die von den Ornithologen immer genauer beachtet wurden.

Das war nicht allein Folge technischer Neuerungen, wozu außer der Entwicklung des Aluringes auch die Vervollkommnung optischer Geräte gehörte, sondern ergab sich vor allem aus den umwälzenden Theorien, die die Tierpsychologie wieder einmal von Grund auf gewandelt hatten.

Mehr zum Welt-Ornithologenkongress 2006


NABU präsentiert Ergebnisse des VI. Internationalen Weißstorchzensus

Weltweit unterschiedliche Bestandsentwicklung zu verzeichnen

NABU Pressemitteilung, 14.8.06

Berlin/Hamburg - Der Naturschutzbund NABU hat heute im Rahmen des Internationalen Ornithologen Kongresses die Ergebnisse des VI. Internationalen Weißstorchzensus 2004/2005 aus 26 Ländern vorgestellt, darunter u.a. Polen, Spanien, Weißrussland und die Ukraine mit den größten Weißstorchvorkommen. Im Vergleich zu der Zählung 1994/95 haben weltweit die Störche von 166.000 Paaren um 37% auf 230.000 Paare zugenommen. Für Hamburg zieht der NABU eine positive Bilanz der diesjährigen Brutsaison: 13 Storchenpaare zogen insgesamt 29 Junge groß. Rüdiger Wolff, Schirmherr über den NABU-Storchenschutz in Hamburg: "Dieser große Erfolg ist der unermüdlichen Arbeit des NABU und der ehrenamtlichen Helfer zu verdanken."

"Die Weißstorchbestände nahmen nicht überall in gleicher Weise zu", sagte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut im NABU in Bergenhusen. "Besonders stark ist der Zuwachs der so genannten Westpopulation des Weißstorchs, die über Spanien nach Westafrika ins Winterquartier zieht." Diese Population nahm um fast 90% innerhalb der letzten 10 Jahre zu. Gründe hierfür seien günstige Nahrungsressourcen auf Reisfeldern und Mülldeponien, gute Überwinterungsbedingungen im westafrikanischen Sahel und die Entstehung einer Überwinterungstradition von mehreren 10.000 Störchen in Spanien.

Die ostziehende Population Mittel- und Osteuropas stieg um 26% an. Auch dabei sind regional unterschiedliche Entwicklungen auszumachen. Beispielweise veränderte sich die Zahl der Störche in Tschechien und Lettland kaum, während in Weißrussland und der Ukraine Zunahmen von über 70% festgestellt wurden. Thomsen: "Insgesamt stieg die Zahl der Störche in Osteuropa erheblich stärker an als im westlichen Mitteleuropa. In Europa nahm lediglich in Dänemark der Weißstorchbestand von sechs auf drei Paare ab."

Sorge bereitet dem NABU allerdings die Bestandsentwicklung in Usbekistan, wo die seltene Unterart Turkestanstorch ihre Hauptverbreitung hat. Hier halbierte sich der Brutbestand von 1.450 auf 745 Paare. Ein Grund dafür sei die Wahl ihrer Nistplätze vor allem auf den Masten von Stromleitungen. "Da dies zu Komplikationen der Stromversorgung führen kann, werden die Nester von den Stromversorgungsunternehmen zerstört", erläutert Thomsen. "Dies könnte aber durch den Bau von geeigneten Nisthilfen verhindert werden."

Die meisten Störche brüten in Polen (52.500 Paare) gefolgt von Spanien (33.217 Paare). In der Ukraine brüten ca. 30.000 Paare und in Weißrussland 20.342 Paare. In Deutschland waren es 2005 immerhin 4.087 Paare. Dr. Christoph Kaatz, Sprecher der NABU-Bundesarbeitsgruppe "Weißstorchschutz": "Bundesweit hat sich der Storchenbestand stabilisiert. Allerdings sind die Reproduktionsraten in vielen Gebieten rückläufig."

Jürgen Pelch, Referent für Storchenschutz des NABU Hamburg, ist mit der diesjährigen Brutsaison in der Hansestadt zufrieden: "Wir haben zwar noch nicht das Superstorchenjahr 2004 mit 36 Jungstörchen erreicht. Aber im Vergleich zum Vorjahr gibt es in Hamburg 2006 mehr als doppelt so viele Jungstörche." Die größte Bedrohung sei die zunehmende Bebauung in den Vier- und Marschlanden, dem angestammten Brutgebiet. Dadurch gingen wichtige Wiesen verloren, auf denen die Störche nach Nahrung suchen können. "Geht dieser Trend weiter, kann es in den nächsten Jahren für die Hamburger Störche eng werden", so Pelch.


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