AktuellGabriel-Interview zu Artenschutz
WAZ: Umweltminister Gabriel will Artensterben mit nationaler Strategie stoppen: "Jeden Tag verliert die Welt 150 Arten"Von Wolfgang Pott, WAZ, 6.9.07Essen - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will mit einer nationalen Strategie das Artensterben in Deutschland stoppen. "Wir erarbeiten gerade eine nationale Strategie zum Erhalt der Artenvielfalt", sagte er im Gespräch mit der in Essen erscheinenden "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ), Freitagausgabe. Demnach soll die Zahl der Naturschutzgebiete in Deutschland deutlich ausgeweitet werden. Es gehe aber auch um die Zuwanderung wild lebender Tiere und um den Schutz von Biotopen. Das Strategiepapier soll im November vorgestellt werden. Von dem Entschluss der Vereinten Nationen, den Artenschwund weltweit bis 2010 zu stoppen, ist die Weltgemeinschaft laut Gabriel noch weit entfernt. "Jeden Tag verliert die Welt 150 Arten. Wir löschen also täglich eigentlich unverzichtbare Daten auf der Festplatte der Natur." "Täglich verlieren wir 150 Arten"Von Wolfgang Pott, WAZ, 6.9.07Das Artensterben hat gravierende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, sagt Umweltminister Sigmar Gabriel im WAZ-Interview. Mit einem nationalen Strategiepapier will er gegensteuern. Die Vereinten Nationen haben sich entschlossen, den Artenschwund bis 2010 zu stoppen. Ist diese Zielsetzung nicht reichlich naiv? Gabriel: In der Tat sind wir davon weit entfernt. Jeden Tag verliert die Welt 150 Arten. Wir löschen also täglich eigentlich unverzichtbare Daten auf der Festplatte der Natur. Warum ist Artensterben nicht nur ein Thema für Naturschützer, sondern auch für Wirtschaftswissenschaftler? Gabriel: Die Artenvielfalt zu schützen, ist nicht nur eine Verpflichtung gegenüber den kommenden Generationen. Das ist auch eine ökonomische Notwendigkeit. Denn der wirtschaftliche Schaden durch die dramatische Zerstörung der Artenvielfalt ist gigantisch. Lässt sich das in Euro beziffern? Gabriel: Das ist nicht leicht zu beziffern. Wir haben aber eine Studie in Auftrag gegeben, die genau das leisten soll. Bis zur Naturschutzkonferenz im Mai 2008 in Bonn wollen wir eine solche Zahl vorlegen. Was macht Sie so sicher, dass das Artensterben die Menschen rein materiell teuer zu stehen kommt? Gabriel: Der materielle Wert der weltweiten Ökosystem-Dienstleistungen wird auf bis zu 64 Billionen US-Dollar geschätzt. Allein der jährliche Umsatz von Holzprodukten übersteigt 200 Milliarden Euro. Nachhaltiges Wirtschaften ist vor dem Hintergrund solcher Zahlen zwingend nötig. Trotzdem holzen Brasilien und andere Nationen den Regenwald weiter ab. Gabriel: Brasilien wurden Anfang der 90er Jahre 1,2 Millarden US-Dollar versprochen, wenn sie die wirtschaftliche Nutzung des Regenwaldes zurückfahren. Das haben sie getan, um 50 Prozent. Bekommen haben sie aber nur einen Bruchteil des versprochenen Geldes, und zwar fast ausschließlich aus Deutschland. Die Industrienationen haben ihre Versprechen nicht eingehalten. Brasilien allerdings schon. Welche Rolle spielt Artenschutz in Deutschland vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Interessen? Gabriel: Leider zieht der Artenschutz auch in Deutschland meistens den Kürzeren, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Was macht Sie da so sicher? Gabriel: Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Viele machen sich in Deutschland über den Schutz der Fledermäuse lustig. Es gibt aber eine Fledermaus, aus der wir Enzyme gewinnen für die Herstellung von Medikamenten zur Bekämpfung von Schlaganfällen. Wenn dieses Tier ausstirbt, ist das natürlich schlimm für die betroffenen Patienten, und den Herstellern entsteht ein wirtschaftlicher Schaden. Dies ist nur eines von vielen Beispielen. Das Fehlen von natürlichen Ressourcen wird in Zukunft also die Entwicklung unserer Wirtschaft stark beeinträchtigen? Gabriel: Sicher. 40 Prozent des Welthandels basieren auf biologischen Produkten oder Prozessen. Dennoch hat ein Großteil der Menschen bis heute offenbar nicht begriffen, weshalb Artenschutz wichtig ist? Gabriel: Es ist ihnen ja auch nicht vermittelt worden. Artenschutz hat oft verloren, wenn es um Fragen der Industrialisierung ging. Das ist doch auch heute oft noch der Fall. Gabriel: Es hat aber ein Umdenken eingesetzt, auch in der Politik. So erarbeiten wir gerade eine nationale Strategie zum Erhalt der Artenvielfalt. Das Papier stellen wir nach Abstimmung mit der Bundesregierung im November vor. Wie sieht die Strategie aus? Gabriel: Wir wollen in Deutschland die Zahl der Naturschutzgebiete deutlich ausweiten. Die klaren Vorgaben aus Brüssel haben schon eine Menge bewirkt. Es geht aber auch um Fragen der nachhaltigen Produktion, um Stadt- und Verkehrsentwicklung, um Zuwanderung wild lebender Tiere, um Schutz von Biotopen. Interview: Wolfgang Pott » zurück |
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