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Aktuell
Bali-Konferenz (8)
Freitag, 14. Dezember, 19:43 Uhr
Verhandlungen bei UN-Klimakonferenz vertagt
Bali (AP) Die Verhandlungen bei der UN-Klimakonferenz auf Bali sind nach Angaben von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel für mehrere Stunden unterbrochen worden. Es habe wichtige Fortschritte, aber noch keine endgültige Einigung gegeben, sagte der SPD-Politiker in der Nacht zum Samstag (Ortszeit).
«Ich bin sicher, dass wir uns, wenn wir uns noch Mühe geben, auf einen Kompromiss einigen können», sagte Gabriel. Noch bestünden allerdings große Differenzen zwischen den USA und den Entwicklungsländern. Die Streitfrage über mittelfristige Klimaziele für die Industrieländer sei hingegen ausgeräumt. Die Verhandlungen sollten am Samstagmorgen (Ortszeit; 01.00 Uhr MEZ) fortgesetzt werden.
Freitag, 14. Dezember, 14:00 Uhr
Gabriel sieht Bewegung bei Weltklimagipfel
Nusa Dua/Berlin (ddp). In der Schlussphase des Weltklimagipfels auf Bali ist Bewegung in die Verhandlungen gekommen. «Es läuft eigentlich zur Zeit ausgesprochen gut und dynamisch», sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) am Rande der Konferenz in Nusa Dua. Es bleibe abzuwarten, «ob das am Ende zu einem ambitionierten Ergebnis führt», fügte der Ressortchef hinzu. Derweil warnte der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), am Freitag in Brüssel vor einem Scheitern der Klimaschutzverhandlungen.
Auf Bali beraten seit Anfang vergangener Woche Regierungsvertreter und Experten aus mehr als 180 Staaten über ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls. Die Verhandlungen sollen am Freitag beendet werden. Das Klimaschutz-Protokoll von Kyoto läuft 2012 aus.
Nach Angaben des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD), verhandelte auf der indonesischen Insel am Freitag ein kleiner Kreis, dem auch Gabriel angehörte, darüber, ob man sich auf ein gemeinsames Abschlussdokument verständigen kann. Dieses Papier solle ein Verhandlungsmandat erteilen, erklärte Müller.
Ein Teil der Delegationen blockiere jedoch oder «spielt ´Schwarzer Peter´», fügte der SPD-Politiker hinzu. Die Europäer versuchten gemeinsam, diese Widerstände zu überwinden. Insbesondere die USA träten bei den Verhandlungen dagegen als «gespaltenes Land» auf. Viele amerikanische Politiker plädierten für einen umfassenden Klimaschutz, während sich die Verhandlungsdelegation bislang konkreten Reduktionszielen verweigere.
Zwar zeigten die Berichte des Weltklimarates Wirkung, aber noch immer überwögen «nationale und kurzfristige Interessen», kritisierte der SPD-Politiker. «Die Bewährungsprobe der Weltgemeinschaft ist noch nicht bestanden», betonte Müller.
Der deutsche Delegationsleiter Karsten Sach sagte demgegenüber, die Verhandlungen seien insofern «über den Berg», als dass man sich auf einen neuen Verhandlungsprozess bis 2009 habe einigen können. Ebenso werde es eine Umschreibung der Verhandlungsfelder geben. Dazu gehörten verstärkte Anstrengungen der Industrie- und Entwicklungsländer sowie Aussagen zur Anpassung der Technologien und zur Finanzierung.
Im Verlauf der vergangenen Tage seien die Verhandlungen zunehmend konstruktiv geworden, fügte Sach hinzu: «Seit der letzten Nacht haben alle Vertragsparteien einschließlich der USA eigene konstruktive Vorschläge auf den Tisch gebracht.» Pöttering bezeichnete ein Klimaschutzabkommen ohne Zustimmung der USA als undenkbar. Dies gelte jedoch auch für einen «Plan ohne Grenzwerte», sagte der Präsident des Europaparlaments. Er hoffe auf eine Einigung, «bei der die Vereinigten Staaten nicht als Blockierer zum Schaden des gesamten Planten dastehen».
Dem neuen ZDF-«Politbarometer» zufolge rechnen 66 Prozent der Bundesbürger damit, dass bei der Bali-Konferenz nur wenig erreicht wird. 18 Prozent erwarteten, dass die Konferenz überhaupt nichts für den Klimaschutz bringen wird. Lediglich 1 Prozent der Befragten ging davon aus, dass auf Bali sehr viel für den Klimaschutz erreicht werde, während 10 Prozent meinten, es werde viel erreicht werden.
Samstag, 15. Dezember, 02:01 Uhr
Leiter des UN-Umweltprogramms sieht USA bei Klimagipfel isoliert
Frankfurt/Main (ddp). Der Direktor des UN-Umweltprogramms (Unep), Achim Steiner, sieht die US-Regierung nach dem Bali-Klimagipfel als weitgehend isoliert an. «Die USA sind mit ihrer Ablehnung des Ziels, bis 2020 ein Viertel bis 40 Prozent CO2 einzusparen, fast alleine», sagte er it der «Frankfurter Rundschau» (Samstagaugabe). Der frühere Kyoto-Bremser Australien sei «Kyoto-Fan» geworden, außerdem hätten Schwellenländer wie China und Brasilien in Bali konstruktiv mitverhandelt. «Das hatte eine ganz neue Qualität», sagte Steiner.
Steiner forderte, die Industrieländer müssten bei weiteren Verhandlungen für ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll CO2-Reduktionen um 30 bis 40 Prozent bis 2020 akzeptieren, gemessen am Basisjahr 1990. Auch die USA könnten dieses Ziel noch schaffen, obwohl ihr Treibhausgas-Ausstoß seither deutlich angestiegen ist, sagte der Unep-Chef. Er verwies unter anderem auf den Bundesstaat Kalifornien, der dabei sei, dieses Ziel umzusetzen. «Die US-Bürger werden nicht zulassen, dass man sagt: Lasst uns sehenden Auges in den Klimawandel hineinschlittern. In elf Monaten wählen sie einen neuen Präsidenten, und alles deutet darauf hin, dass damit auch eine neue Klimapolitik gewählt wird", sagte Steiner.
Samstag, 15. Dezember, 06:37 Uhr
UN-Generalsekretär Ban enttäuscht über Weltklimakonferenz
Bali (AP) UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich enttäuscht über den zähen Verlauf der Weltklimakonferenz auf Bali geäußert, die am Samstag immer noch kein Ergebnis vorlegen konnte. «Ganz ehrlich, ich bin enttäuscht über das Niveau des Fortschritts, der hier gemacht wurde», sagte Ban. Er rief die Delegationen aus 190 Staaten in einem dramatischen Appell auf, die Sackgasse zu überwinden, die in der Schlussrunde der Verhandlungen aufgetreten ist. Der vorgelegte Kompromissvorschlag sei überzeugend und sollte nicht weiter blockiert werden.
Die Welt erwarte einen Durchbruch, sagte Ban, der am Samstag auf Bali eintraf. Doch nun schwinde die Zeit. Jeder müsse bereit sein zum Kompromiss. «Was Sie hier noch trennt, ist nicht fundamental», sagte Ban.
China und Indien blockierten am Samstag einen Kompromissvorschlag für die «Bali Roadmap», das Mandat für Verhandlungen über ein neues Weltklimaabkommen. Die chinesische Delegation machte geltend, dass die Verhandlungen in der Gruppe der Entwicklungs- und Schwellenländer (G-77) noch nicht abgeschlossen seien. Auch die indische Delegation erklärte, die in dem Entwurf enthaltene Passage über Pflichten der Entwicklungsländer beim Klimaschutz sei so nicht abgestimmt.
Freitag, 14. Dezember, 13:10 Uhr
Viele Deutsche wünschen sich stärkeren Klimaschutz
Mainz (ddp). Fast die Hälfte der Bundesbürger hält die Klimaschutz-Politik in Deutschland nicht für ausreichend. Bei einer Umfrage für das neue ZDF-Politbarometer kritisierten 49 Prozent, es werde zu wenig für den Klimaschutz getan. Dagegen sagten 38 Prozent, die bisherigen Maßnahmen seien genau richtig. Nach Ansicht von 10 Prozent der Befragten wird in Deutschland zu viel für den Klimaschutz getan.
Für 83 Prozent der Deutschen stellt das Thema Klimawandel ein sehr großes oder großes Problem dar. Zugleich äußerten 66 Prozent die Erwartung, dass bei der Bali-Konferenz nur wenig erreicht wird. 18 Prozent rechnen damit, dass die Konferenz überhaupt nichts für den Klimaschutz bringen wird.
Freitag, 14. Dezember, 13:40 Uhr
Schweizer Forscher: 2007 voraussichtlich bisher zweitwärmstes Jahr
Zürich/Washington (AP) Das Jahr 2007 wird nach Einschätzung von Schweizer Wissenschaftlern voraussichtlich das zweitwärmste seit Beginn der systematischen Messungen vor 150 Jahren. Wie MeteoSchweiz am Freitag mitteilte, betrug der Wärmeüberschuss am Mittwoch 1,74 Grad Celsius. Damit war 2007 sogar leicht wärmer als das Hitzesommerjahr 2003. Den Rekord hält aber nach wie vor das Jahr 1994 mit einer Temperaturabweichung von plus 1,86 Grad gegenüber dem langjährigen Durchschnitt.
US-Forscher sehen 2007 ebenfalls als eines der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen an. Die Temperatur der Erdoberfläche betrug nach Angaben von Wissenschaftlern der Regierung 14,4 Grad Celsius. Damit handelt es sich um das fünftwärmste Jahr seit 1880.
Verbindliche Ziele für den Klimaschutz sind zwingend notwendig
"Brot für die Welt" fordert Aufstockung des Anpassungsfonds
"Brot für die Welt" Pressemitteilung, 14.12.07
Stuttgart. "Brot für die Welt" fordert verbindliche Reduktionsziele für Treibhausgasemissionen bis 2020. "Das sich abzeichnende Scheitern der Klima-Konferenz in Bali, konkrete Ziele zur Senkung der Treibhausgasemissionen festzulegen, ist ein Armutszeugnis für die Weltgemeinschaft", kommentiert Bernhard Walter, Klima- und Landwirtschaftsexperte bei "Brot für die Welt", die Entwicklungen auf Bali.
"Die Einigung auf einen Zeitplan für weitere Schritte zum Klimaschutz bis zur Konferenz in Kopenhagen 2009 oder ein Fernziel in 2050 reicht definitiv nicht aus. Es ist inakzeptabel, dass die Regierungen einiger weniger Staaten die Zukunft unseres Planeten gefährden, weil sie sich vor den angeblichen wirtschaftlichen Schäden fürchten", so Walter weiter. Laut Weltklimarat wären für wirkungsvolle Gegenmaßnahmen bis 2030 lediglich Investitionen nötig, die etwa einem Jahr Wachstum der Weltwirtschaft entsprechen. Das zu erwartende Wohlstandsniveau würde also nur ein Jahr später erreicht.
Die Industrieländer seien die Hauptverantwortlichen für eine Entwicklung, bei der im Interesse kurzfristiger materieller Gewinne und einer ressourcenintensiven Lebensweise die ökologischen Begrenzungen missachtet würden. „Deshalb müssen nach dem Verursacherprinzip die für den Klimawandel verantwortlichen Länder, Unternehmen und Konsumenten für die Klimaschäden und die Kosten der Anpassung in den besonders betroffenen Entwicklungsländern aufkommen", fordert Walter.
Der auf Bali vereinbarte Anpassungsfonds zur Finanzierung von Maßnahmen gegen Folgen des Klimawandels werde dem Ausmaß der zu bewältigenden Aufgabe in keiner Weise gerecht. "Bei geschätzten Anpassungskosten der Entwicklungsländer an die Auswirkungen des Klimawandels von jährlich 35 Milliarden Euro sind die vereinbarten Summen nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein", so Walter weiter.
Geplant sind zwei Prozent der jährlichen Umsätze des Clean Development Mechanism (CDM). Mit Hilfe des CDM können Industriestaaten ihren Verpflichtungen zur Reduzierung von Treibhausgasen nicht nur durch Maßnahmen im eigenen Lande, sondern auch durch Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern nachkommen. "Der Anpassungsfonds muss dringend aufgestockt werden." Zur Zeit würden über diesen Mechanismus insgesamt lediglich Projekte für etwa 2,7 Milliarden Euro abgewickelt.
Dass der Schutz der Tropenwälder zur Vermeidung von Treibhausgasen als Beitrag zum Klimaschutz im nächsten Klimaschutzvertrag berücksichtigt wird, sei zwar begrüßenswert. Für einen langfristigen Erfolg sei jedoch die genaue Ausgestaltung der Regelungen entscheidend. "Die immense Nachfrage nach Produkten, deren Herstellung Entwaldung mitverursacht, wie zum Beispiel nach Futtermitteln oder angeblich klimaschonenden Agrotreibstoffen, muss als Problem erkannt werden", warntWalter vor einem Scheitern der Maßnahmen.
"Chinesen bewegen sich sicherlich mehr, als das viele vorher erwartet haben"
Bali: Klimaexperte lobt Schwellenländer
Von Christoph Heinemann, Deutschlandfunk, 14.12.07
Im Hinblick auf das Tauziehen bei der Klimakonferenz auf Bali hat Sven Harmeling, Klimaexperte der Umweltschutzorganisation Germanwatch, darauf hingewiesen, dass die Schwellenländer eine "konstruktive Rolle" spielen. Insbesondere China, Mexiko und Südafrika gehörten neben der EU zu den "dynamischsten Akteuren" bei den Verhandlungen.
Christoph Heinemann: Die Zähigkeit, mit der auf der Insel Bali um Semantik, Syntax und Interpunktion gerungen wird, lässt für das Klima nichts Gutes erwarten. Die Teilnehmer der Weltklimakonferenz feilen an einem Kompromiss, der unterschiedliche Vorstellungen unter einen Hut bringen muss. Bildlich gesprochen und hinsichtlich der Emissionen auch im wörtlichen Sinne treten die einen aufs Gas, während die anderen bremsen. Diesen Fahrstil wollen sich einige an Ort und Stelle nicht bieten lassen. Am Telefon ist Sven Harmeling, Klimaexperte der Umweltschutzorganisation Germanwatch. Guten Tag!
Sven Harmeling: Guten Abend hätte ich fast gesagt; hier ist es nämlich schon dunkel.
Heinemann: Wir erreichen Sie nämlich auf Bali und dort werde wie üblich geschachert, getrickst, verhandelt und gedroht, aber diesmal sei es wirklich ernst. Das schreibt zumindest heute die "Süddeutsche Zeitung". Können Sie das bestätigen? Sind alle ernsthaft dabei?
Harmeling: Es sind schon alle ernsthaft dabei, aber natürlich unterschiedlich ernsthaft. Die USA und Russland spielen so ein bisschen ihre Rolle, die sie sonst auch spielen, wobei die USA heute doch deutliche Signale gemacht haben, dass sie bereit sind, sich zu bewegen. Ganz wichtig ist, dass die Schwellenländer, insbesondere China, Mexiko und Südafrika, hier eine ganz konstruktive Rolle spielen. Da wurde ja immer viel gefragt: Was machen die denn und wollen die überhaupt etwas beitragen? Die gehören aber wirklich neben der EU zu den dynamischsten Akteuren hier bei den ganzen Verhandlungen.
Heinemann: Wohin bewegen sich die USA?
Harmeling: Das sind bisher aber alles nur Gerüchte, weil es noch keine neuen offiziellen Texte gibt. Heute sickerte durch, dass die USA mittlerweile bereit sein sollen, das Ziel zu akzeptieren, dass bis Mitte des Jahrhunderts die globalen Emissionen deutlich mehr als 50 Prozent gegenüber dem Jahr 2000 verringert werden sollten. Das ist natürlich ein ganz wichtiges Langfristziel. Dem hatten die USA bei dem G8-Gipfel in diesem Jahr nur ganz wage zugestimmt, dass sie das mal in Betracht ziehen. Das alleine wäre nicht ausreichend. Wir müssen natürlich noch mehr schaffen, müssen aber auch realistisch anerkennen, dass die USA einfach immer noch eine Bush-Regierung sind und noch nicht die großen Klimaschützer sind, auch wenn sie das manchmal gerne behaupten.
Heinemann: Denn gemessen an dem EU-Vorschlag ist das nicht viel. Der sieht ja vor, bis 2020 25 bis 40 Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre entweichen zu lassen.
Harmeling: Das ist vollkommen richtig. Es wird momentan noch verhandelt, ob man diese Zielmarke von 25 bis 40 Prozent zumindest noch in den entscheidenden Dokumenten der Kyoto-Verhandlungsrunde drin hat. Da sind die USA ja nicht dabei. Man geht im Grunde davon aus, oder es ist durchaus sehr wahrscheinlich, dass selbst wenn man es jetzt nicht drin hat, dann bei einer neuen US-Regierung das Ganze doch sehr viel anders diskutiert werden könnte. Bei den anderen Industrieländern merkt man schon ganz stark - Neuseeland, die EU sowieso -, dass die 25 bis 40 Prozent zum großen Teil schon akzeptiert sind. Selbst wenn sie nachher nicht im Papier auftauchen würden, ist das noch nicht Konsens, aber spielt ganz stark mit und daran werden sich auch die Verhandlungen in den nächsten zwei Jahren auf jeden Fall orientieren. Aber je mehr wir das jetzt rein kriegen, desto besser und da hoffe ich, dass die EU auch so standhaft wie möglich bleibt.
Heinemann: Herr Harmeling, ab wann wäre ein Kompromiss für Sie noch akzeptabel, bis wohin, und ab welchem Punkt röche er für Sie faul?
Harmeling: Das ist natürlich immer schwer zu sagen, weil man muss am Ende das ganze Dokument sehen. Wenn jetzt überhaupt nichts von Zielen darin stehen würde, wenn dieses Langfristziel 2050 nicht darin stehen würde, gar nichts bis 2020 und auch keine Diskussion über wirklich quantitative Reduktionsverpflichtungen für die Industrieländer, dann wäre es ganz schwach. Die USA hatten heute Nacht einen Textvorschlag vorgelegt, der wirklich unakzeptabel war. Das wird es aber nicht sein. Wenn ich es mit heute Morgen vergleiche, dann bewegen wir uns schon in die richtige Richtung. Was wie gesagt ganz wichtig ist, auch über das hinaus, was letztlich auf dem Papier stehen wird: die Grundstimmung hier, die doch in eine sehr gute Richtung geht. Wir stehen halt am Anfang von einem Prozess, der hoffentlich höchstens zwei Jahre dauern wird, und wir müssen dann wirklich mal das Schlussdokument komplett vorliegen haben und unsere Bewertung vornehmen. Wir gehen aber nicht davon aus, dass es hier zum großen Eklat kommt, den man vollkommen ablehnen muss.
Heinemann: Herr Harmeling, Sie sprachen eben von den Schwellenländern, also den jungen Industriestaaten. China zeige sich durchaus verhandlungswillig, wird gesagt und aus Bali gemeldet. Wie beurteilen Sie das? Sind die Chinesen berechnend konstruktiv, wohl wissend, dass die Bush-Regierung sich nicht wesentlich bewegen wird?
Harmeling: Nein. Ich würde es schon als ernsthaft einschätzen, in dem Rahmen, in dem sie sich zum jetzigen Zeitpunkt auch vorbewegen können. Eben war schon mal angesprochen worden, dass es gestern diese Einigung zum Technologietransfer gab, und das war für die Chinesen wirklich ein ganz, ganz wichtiges Thema. Danach hat man gemerkt: Sie sind jetzt auch viel offener, über deutlichere Zusagen zu verhandeln. Sie wissen natürlich auch, dass die USA unter Zugzwang kommen. Wenn die Chinesen etwas auf den Tisch legen, Südafrika und andere Länder, dann müssen die USA sich natürlich auch bewegen, weil die USA immer argumentiert haben, solange China nichts macht, machen wir auch nichts. Das ist jetzt schon in die Dynamik hinein gekommen und von daher muss man wirklich sagen, die Chinesen bewegen sich sicherlich mehr als das viele vorher erwartet haben. Wir haben es erhofft, aber nicht unbedingt erwartet.
Heinemann: Frage zum Schluss an den Klimaexperten. Welche sind die drei wichtigsten Klimaschutzmaßnahmen, die jeder einzelne Bürger ergreifen sollte und könnte?
Harmeling: Die erste, die ich nennen würde, wäre der Wechsel zu einem guten unabhängigen Ökostromanbieter. Das ist auch eine der leichtesten Maßnahmen, die man machen kann. Da muss man in der Regel nur ein DIN-A4-Blatt ausfüllen. Ein zweiter Punkt ist der: Wenn sie sich entscheiden, in Urlaub zu fliegen, oder auch eine Dienstreise mit dem Flugzeug machen, dann sollten sie zumindest diese Emissionen mit einem guten Anbieter - und da empfehlen wir immer "Atmosfair" - kompensieren, weil Fliegen doch extrem klimaschädlich ist im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln. Das dritte, vielleicht eine eher langfristige Maßnahme: Im Gebäudebereich können wir in Deutschland noch ganz, ganz viel CO2 und auch Energie sparen. Wenn jemand zum Beispiel sein Haus saniert, dann sollte er es wirklich auf einen sehr guten Energiestandard bringen und das rechnet sich auch über einen längeren Zeitraum.
Heinemann: Sven Harmeling, Klimaexperte der Umweltschutzorganisation Germanwatch. Danke schön Richtung Bali für das Gespräch und auf Wiederhören.
Klimawandel - Wo? Hier!
Von Viktoria Thumann, Greenpeace-Online, 14.12.07
Am Freitag hat die WHO erneut vor den Auswirkungen der Erderwärmung auf die Gesundheit gewarnt. Malaria, Dengue-Fieber und Cholera bedrohen Millionen von Menschen. Hitzewellen werden mehr und mehr Todesopfer fordern, Gesundheitssysteme vollkommen überlastet sein. Und Deutschland bleibt vom Klimawandel nicht verschont.
Höhere Temperaturen bieten ideale Lebensbedingungen für Moskitos. Sie übertragen zum Beispiel Dengue-Fieber und Malaria. Zudem warnt die WHO vor Krankheiten, die durch höhere Ozonwerte verursacht werden, und vor Unterernährung. Anhaltende Hitzeperioden und starke Stürme werden zu vielen Missernten führen; Wasserknappheit und Nahrungsmangel weiter zunehmen.
Lange hielt man nur die Anderen für betroffen. Von Dürren geplagte afrikanische Entwicklungsländer oder tief gelegene wie Bangladesch. Zu oft gerät in Vergessenheit: Der Klimawandel ist auch bei uns bereits angekommen.
Das Elbehochwasser 2002, der Jahrhundertsommer 2003 oder Orkan Kyrill im Januar 2007 - ganz normale Wetterextreme? Der Jahrhundertsommer hat allein in Deutschland mehr als 7000 Hitzeopfer gefordert. Tote. Und auch im letzten Jahr sind hierzulande 4500 Menschen aufgrund übermäßiger Hitze gestorben. Deutschland nimmt nach dem Klima-Risiko-Index 2008 der Organisation Germanwatch Rang 10 der am meisten vom Klimawandel betroffenen Länder ein.
Ein anderes Beispiel sind die Gletscher der Zugspitze. Das Eis auf dem deutschen Wahrzeichen schmilzt langsam aber sicher dahin. Schon seit Jahren werden dort oben 9.000 Quadratmeter Schnee im Sommer mit Folien abgedeckt. Die Gletscherfläche hat bereits viel von ihrer Masse eingebüßt. Von ursprünglichen 85 Metern Dicke im Jahr 1910 sind heute noch 45 Meter übrig.
Bis mindestens Freitag tagen auf Bali Politiker aus aller Welt. Im Rahmen der Klimaschutzkonferenz verhandeln sie darüber, wie sie gemeinsam die andauernde Erderwärmung bekämpfen wollen. Die Verhandlungen gehen nur zäh voran. Doch ein Konsens ist dringend nötig. Schließlich heißt es, keine Zeit zu verlieren. Laut der UN-Meteorologie-Organisation (WMO) war 1998 bis 2007 das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Der Klimawandel ist bereits in vollem Gang.
Freitag, 14. Dezember, 10:55 Uhr
Schweiz wirbt für internationale CO2-Abgabe
Bali (AP) Die Schweiz hat zum Abschluss der Weltklimakonferenz am Freitag erneut für die Idee einer internationalen CO2-Abgabe geworben. Damit könnte Vertrauen und Solidarität geschaffen werden, damit jeder Staat sich im Kampf gegen die Klimaerwärmung engagiere, sagte Bundesrat Moritz Leuenberger.
Nicht nur die Industriestaaten, auch die Schwellenländer müssten ihre Kohlendioxid-Emissionen reduzieren, wenn das Ziel einer Halbierung des CO2-Ausstosses bis 2050 erreicht werden solle, forderte Leuenberger. Dazu brauche es bis Ende 2009 Beschlüsse. Konkrete Reduktionsziele in der Deklaration von Bali wären ein wichtiger Schritt, um die Verhandlungen fortzusetzen und gegen die Klimaerwärmung anzukämpfen. Die Schweiz werde ihren Teil dazu beitragen und sich ähnlich der EU dazu verpflichten, ihren CO2-Ausstoß um mindestens 20 oder sogar 30 Prozent zu vermindern, wenn sich mehrere Industrieländer dem verschrieben.
Schätzungen zufolge würden in Zukunft rund 50 Milliarden Dollar jährlich benötigt, um die Erde vor der Klimaveränderung zu schützen, sagte Leuenberger. Um die nötigen Mittel für Anpassungsmaßnahmen sicherzustellen, habe er seine im vergangenen Jahr in Nairobi lancierte Idee eines internationalen Finanzmodells konkretisiert, das auf dem Verursacherprinzip basiert. Demnach soll eine «bescheidene» Abgabe auf CO2 erhoben werden. Mit 0,5 Cents pro Liter Benzin kämen jährlich rund 50 Milliarden Dollar zusammen, erklärte Leuenberger. Ein Teil dieses Geldes stünde jedem Land zur Verfügung, ein anderer Teil komme in einen Anpassungsfonds. Die Finanzierung würde von allen Staaten bezahlt und individuell anhand des CO2-Ausstoßes und des Stands seiner wirtschaftlichen Entwicklung verrechnet. Jedes Land, das wegen der Klimaerwärmung Schäden zu bewältigen hat, würde über eine neue Finanzierungsquelle verfügen.
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