AktuellKlimapfennig für Urwälder
Der Klimapfennig für den UrwaldVon Joachim Müller-Jung, FAZ, 16. Dezember 2007Die Regenwälder der Erde waren der Inbegriff von Wildnis und biologischer Vielfalt. Das war die längste Zeit so. Seitdem die Klimapolitik die Urwälder als harte Währung im internationalen Poker um die Verwertungs- und Emissionsrechte von Kohlendioxid entdeckt hat, steht der geldwerte Vorteil dieses einmaligen Lebensraumes im Mittelpunkt. So auch in Bali, wo seit mehr als einer Woche vor allem das Gastgeberland Indonesien und regenwaldreiche Staaten wie Brasilien darum ringen, einen Verzicht des Raubbaus an den landeseigenen Waldressourcen in Dollar umzumünzen. Und nicht wenige Wissenschaftler unterstützen sie dabei. Grundlage des avisierten „Geschäfts“ ist der vom Weltklimarat taxierte Beitrag des Regenwaldverlustes zum Klimawandel: Zwischen 0,4 und 2,4 Milliarden Tonnen Kohlenstoff - das entspricht 7 bis 28 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes - entweichen demnach Jahr für Jahr in die Luft, weil vor allem in den Tropenländern riesige Flächen abgeholzt, abgebrannt oder zu Weide-, Palmöl- oder Sojafeldern umgewandelt werden. Dem Woods Hole Research Center in Falmouth (Massachusetts) zufolge, einem der renommiertesten Tropenforschungsinstitute, sind in den Gebieten, die am ehesten für die Holz- und Landwirtschaft von Interesse sind, weltweit schätzungsweise 125 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Drei Viertel davon lagern in den fünf waldreichsten Ländern Brasilien, Kongo, Indonesien, Peru und Kolumbien. Allein dem Amazonasgebiet werden auf einer Fläche von 3,3 Millionen Quadratkilometern um die fünfzig Milliarden Tonnen „verwertbaren“ Kohlenstoffs zugerechnet. Doch genau dies, eine weitere Verwertung, soll - und kann angeblich - nach einer neuen Fallstudie des Woods Hole-Instituts am Beispiel Brasiliens in zehn Jahren weitgehend unterbunden werden, wenn den Landbesitzern und dem Staat für dieses einmalige Kohlenstoffreservoir insgesamt 257 Milliarden Dollar oder etwa 5,5 Dollar pro Tonne Kohlenstoff zugesprochen würden - eine Art „Kohlepfennig“ für das Weltklima. Weltmeister des Waldverlustes Gesteht man den Rinderbaronen und Siedlern in Brasilien die landwirtschaftlich wertvollsten sechs Prozent an Urwaldfläche zu, so rechneten die Forscher weiter, würden sich die restlichen rund drei Millionen Quadratkilometer für nicht einmal drei Dollar pro Tonne Kohlenstoff schützen lassen. Angenehmer Nebeneffekt: Bis zu achtzig Millionen Dollar an Gesundheitskosten, die etwa durch Atemwegserkrankungen in den zweihunderttausend brandrodenden Siedlerfamilien entstehen, würden entfallen. Und die armen Familien würden bei alledem noch ihr Einkommen verdoppeln. Mit Studien wie dieser wird versucht das Klimaschutzprogramm „REDD“ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) in den Klimaverhandlungen salonfähig zu machen. Auf Bali haben, um den Ernst ihres Anliegens zu unterstreichen, die Gouverneure des brasilianischen Bundesstaates Amazonas und einiger indonesischer Provinzen einen „Wald-Jetzt“-Pakt unterzeichnet sowie ein Moratorium: Bis die Urwaldreservoire kartiert und ihr „Kohlenstoffwert“ genau erfasst sind, will man die Abholzung einstellen. Doch wer glaubt ernsthaft daran? Brasilien hat zwar in diesem Jahr seine Abholzungsrate offiziell stark verringert, doch die Zahlen schwankten in den vergangenen Jahrzehnten oft extrem stark. Und mit durchschnittlich rund 20.000 Quadratkilometer Waldverlust pro Jahr steht man über eine längere Zeit betrachtet weltweit an der Spitze. Würde allein das Infrastrukturprogramm „Avanca Brasil“ wie geplant bis 2050 verwirklicht, haben unlängst Forscher in „Science“ vorgerechnet, würde die Urwaldfläche insgesamt, konzentriert auf den Süden und Osten des Amazonasgebiets, um vierzig Prozent schrumpfen. Asien seinerseits ist längst auf der Überholspur, was die Rodungen, hauptsächlich für Ölplantagen, angeht. William Laurance vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama berichtet in der Zeitschrift „Current Science“, dass die Abholzungsrate Asiens mit 0,8 bis 0,9 Prozent der Waldfläche im Jahr inzwischen beinahe doppelt so hoch liegt wie in Südamerika und Afrika. Wald ist nicht gleich Wald Der an sich sinnvolle Versuch, die Wälder als Naturreservate großflächig und resolut zu schützen, wird von Skeptikern auch deshalb als Klimaschutzmaßnahme angezweifelt, weil niemand weiß, wie man die Abholzung seriös kontrollieren will. Wie will man sichergehen, dass die Staaten nach der Auszahlung der „Klimapfennige“ einen konsequenten Naturschutz in vollem Umfang sicherstellen? In einem jüngst für das Klimasekretariat in Bonn erarbeiteten Bericht holländischer Forstexperten wurde deutlich, wie unterschiedlich die aus Satellitendaten errechneten Waldflächen und die von den Ländern selbst angegebenen Bestands-, Rodungs- und Aufforstungsflächen sind. Oft geht es schon um die simpel scheinende Frage, welche Gewächse als Wald und damit als Kohlenstoffspeicher gezählt werden und welche nicht. Wald ist nicht gleich Wald. Die Klimapolitiker werden das auch noch feststellen. » zurück |
|
Aus der easy.wdss.de, gedruckt am: Sa, 22.11.2008 © easy.wdss Besuchen Sie die www.weitblick.net unter www.weitblick.net Bildschirm-Version |
|