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Das "Jahr des Klimabewusstseins"

27. Dezember, 2007

Das Jahr des Klimabewusstseins

Frankfurt/Main (AP) In die Geschichtsbücher könnte 2007 als das Jahr eingehen, in dem die Welt die Gefahr des Klimawandels erkannt hat. «Wir haben angefangen, Krieg gegen die Erde selbst zu führen», stellt der frühere US-Vizepräsident Al Gore fest, als er am 10. Dezember den Friedensnobelpreis entgegennimmt. Hinter ihm liegt ein Jahr, in dem so erregt über das Klima diskutiert wurde wie nie zuvor.

«Irgendetwas stimmt nicht.» So oder ähnlich denken in Deutschland viele, als das Wetter verrückt spielt: Schon an den ersten Tagen des Jahres klettern die Temperaturen auf über 15 Grad - der Januar 2007 geht als der wärmste seit Messbeginn in die Geschichte ein. Die verfrühte Wärme bringt die Natur aus dem Takt: In Freiburg blühen Krokusse und Kirschbäume in Berlin. Allergiker reiben sich verwundert die Augen.

Für viele wird der Klimawandel zum ersten Mal spür- und sichtbar: Die Bilder von Wintersportlern, die frühlingshafte Bergwiesen auf schmalen Kunstschnee-Bändern durchqueren, brennen sich ein. Eisbär Knut und seine auf schmelzenden Eisschollen treibenden Verwandten werden zu Symbolen des Klimawandels.

Auf der politischen Bühne setzt der Weltklimarat IPCC die Akzente: Immer wieder erschüttert er die Welt mit neuen Schreckensszenarien über schmelzende Polarkappen, Stürme, Dürren, Überschwemmungen, Seuchen und Artensterben - und wird ebenfalls mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Geschickt verteilt der Weltklimarat seine drei alarmierenden Berichte auf mehrere Monate und sorgt so dafür, dass das Thema über Monate auf den Titelseiten und in aller Munde ist. Das schlimmste Szenario besagt: Bis 2100 könnten der Meeresspiegel um bis zu 59 Zentimeter und die Temperatur um bis zu 6,4 Grad steigen.

«Das Klima verändert sich auf gefährliche Weise, und der Mensch ist verantwortlich», lautet die zentrale Botschaft. Und UN-Umweltchef Achim Steiner verlangt: «Die Politik muss mit dem Handeln beginnen.»

Atomausstieg und Glühbirnen auf dem Prüfstand

Nun überbieten sich Politiker in Deutschland und anderswo mit Vorschlägen zum Klimaschutz: Ob Atomausstieg, Kohlekraftwerke, Billigflieger, Heizpilze oder Stand-by-Schaltungen - alles kommt auf dem Prüfstand. Sogar ein Verbot der herkömmlichen Glühbirne wird diskutiert. Schließlich macht eine neue Art der Freizeitgestaltung von sich reden: Auf «Ökostrom-Partys» zelebrieren Verbraucher ihren Versorgerwechsel und erleichtern ihr Klimagewissen.

Dieses beruhigen immer mehr Fluggäste mit modernem Ablasshandel: Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel regt an, dass die Deutschen für ihre Flüge eine freiwillige Abgabe zahlen sollten, zugunsten von Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern.

Der Streit über den Klimasünder Pkw zieht sich durchs Jahr: Überraschend plädiert der Hamburger SPD-Parteitag für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen - wenngleich ohne Chance auf baldige Umsetzung. Als die EU-Kommission schließlich Auflagen für Autobauer vorschlägt, die die Neuwagen-Preise um durchschnittlich 1.000 Euro in die Höhe treiben würden, schlagen die Wellen hoch: «Ein Wettbewerbskrieg gegen die deutschen Autohersteller», schimpft selbst der Umweltminister.

Dabei ist es das erklärte Ziel der Bundesregierung, den beginnenden Klimawandel zu einer Chance für die deutsche Wirtschaft zu machen: «Jedes Land muss natürlich für sich handeln», erklärt die Bundeskanzlerin. «Gerade Deutschland will dabei beispielgebend sein.»

Einigung auf eine Fahrkarte ins Ungewisse

Angela Merkel, die sich im Laufe des Jahres den Beinamen «Klimakanzlerin» erwirbt, kann die Debatte politisch nutzen - etwa mit medienwirksamen Auftritten vor grönländischem Eis. Vor allem aber als Gastgeberin des G-8-Gipfels von Heiligendamm: Hier steht sie als diejenige da, die den starken Männern eine Verpflichtung zu schnellem und entschlossenem Handeln abringt. Doch wie bei vielen Absichtserklärungen bleibt die Wortwahl vage: So erklären die USA, eine Halbierung des CO2-Ausstoßes bis 2050 «ernsthaft in Betracht» zu ziehen.

Ökostrom, saubere Heizungen, Energiesparen: Als Aufbruchsignal an die Weltklimakonferenz auf Bali verabschiedet die Bundesregierung Anfang Dezember ein umfassendes Programm zur Treibhausgas-Senkung. 14 Gesetze und Verordnungen sollen bis 2020 den Umbau des Strommarkts und die sparsame Nutzung von Heizwärme voranbringen. Bis 2020 soll Deutschland 40 Prozent weniger Treibhausgase produzieren als 1990. «Wir machen mit dem Paket Deutschland fit für die Zukunft», sagt Gabriel.

Dann der Showdown des Klimajahres: Auf der indonesischen Insel Bali ringen sich Delegationen aus 190 Ländern nach erbittertem Streit zu einer Fahrkarte ins Ungefähre durch: Am 13. von eigentlich nur 12 geplanten Tagen einigen sich die Unterhändler. Allerdings nur darauf, ein Kyoto-Nachfolgeabkommen auszuhandeln. Weitere Klimajahre werden folgen.


27. Dezember, 2007

Chronik: Das Jahr des Klimas

Frankfurt/Main (AP) Die alarmierenden Berichte des Weltklimarats, der Trubel um Eisbär Knut, der G-8-Gipfel unter deutscher Führung, die Friedensnobelpreis-Entscheidung und zuletzt die Bali-Konferenz: 2007 war das Jahr des Klimas. Im Folgenden eine Chronik der wichtigsten Ereignisse.

Februar: Mit seinem alarmierenden Bericht rüttelt der Weltklimarat am 2. die Politik auf: Die Forscher halten einen Anstieg des Meeresspiegels um 59 Zentimeter und einen Temperaturanstieg um bis zu 6,4 Grad bis 2100 für möglich.

März: Das Eisbärbaby Knut im Berliner Zoo zieht die Öffentlichkeit in seinen Bann. Er wird zum Symbol für die Gefahren des Klimawandels.

April: Am 6. veröffentlicht der Weltklimarat seinen zweiten Bericht: Vor allem die ärmsten Länder sind demnach von Hunger, Wassermangel, Stürmen und Überschwemmungen betroffen. Bis zu 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, wenn die Temperatur um zwei Grad Celsius steigt. Am 17. befasst sich erstmals der Weltsicherheitsrat mit dem Klimawandel.

Mai: Am 4. veröffentlicht der Weltklimarat seinen dritten Bericht: Die Auswirkungen der Katastrophe könnten gemildert werden, wenn der Klimagas-Ausstoß so schnell wie möglich gedrosselt werde.

Juni: Die G-8-Staaten verständigen sich am 7. in Heiligendamm auf eine gemeinsame Strategie zur Eindämmung des Klimawandels. Auch die USA erklären sich dazu bereit, die Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2050 «ernsthaft in Betracht zu ziehen».

Juli: Mit dem 24-stündigen Konzertmarathon «Live Earth» werben am 7. internationale Rock- und Popstars auf fünf Kontinenten für den Klimaschutz.

August: Bei einem Besuch in Grönland am 16. mahnt Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eile. Laut den am 23. beschlossenen Eckpunkten für ein «Integriertes Energie- und Klimaprogramm» soll Deutschland bis 2020 insgesamt 40 Prozent weniger Treibhausgase produzieren als 1990.

September: Auf einer UN-Sonderkonferenz am 24. fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel einen klaren Fahrplan für ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll.

Oktober: Der Friedensnobelpreis geht an den früheren US-Vizepräsidenten Al Gore und den Weltklimarat.

November: Energieverbrauch und CO2-Ausstoß werden in den kommenden Jahrzehnten noch stärker als bislang befürchtet steigen. Zu diesem Befund kommt am 7. die Internationale Energieagentur (IEA).

Dezember: Am 3. beginnt auf Bali die Weltklimakonferenz. Teilnehmer aus rund 190 Staaten beraten über ein neues Klimaschutzabkommen für die Zeit nach 2012. Am 5. beschließt das Bundeskabinett ihr Klima- und Energieprogramm. Am 7. wird der Begriff «Klimakatastrophe» zum Wort des Jahres 2007 bestimmt. Als Klimaschutz-Demonstration gehen am 8. in zahlreichen deutschen Städten für fünf Minuten die Lichter aus.

Der frühere US-Vizepräsident Al Gore ruft bei der Verleihung des Friedensnobelpreises am 10. zu einer neuen Klimapolitik auf. Am 15. beschließt die Weltklimakonferenz nach zweiwöchigen Verhandlungen, bis 2009 ein neues Klimaabkommen auszuhandeln. Die am 19. von der EU-Kommission beschlossenen Klimaschutz-Auflagen würden den Preis eines Neuwagens um durchschnittlich 1.300 Euro in die Höhe treiben.


27. Dezember, 2007

Umweltschützer sehen Deutschland als Antreiber beim Klimaschutz

Berlin (AP) Deutschland gilt nach Ansicht von Umweltschützern als Antreiber und Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel. «Das ist gut so und auch ein Verdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel», heißt es in der am Donnerstag veröffentlichten Klima-Jahr-Bilanz der Deutschen Umwelthilfe. Sie lobte die konstruktive Rolle, die Deutschland beim G8-Gipfel in Heiligendamm und bei der Weltklimakonferenz von Bali gespielt habe.

Allerdings stünden Deutschland und seine Repräsentanten klimapolitisch wie nie zuvor unter Beobachtung der Weltöffentlichkeit: «Gefragt sind also Konsistenz und Kontinuität, nicht Kontrast und Dementi», schrieben die Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Rainer Baake und Jürgen Resch.

Sie kritisierten das Verhalten der Bundesregierung bei den EU-Beschlüssen zu CO2-Normen für neue Personenwagen: «Bei der ersten Gelegenheit, nach Bali abstrakte Klimaschutzziele und konkretes Handeln zur Deckung zu bringen, hat Deutschland grandios versagt», erklärte Resch. Beim Thema Auto betreibe die Bundesregierung knallharte Lobbyarbeit für vier Autobauer und gegen den Klimaschutz.

Nach Ansicht des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat die Forderung nach mehr Klimaschutz im zurückliegenden Jahr enormen Auftrieb bekommen. Allein die Tatsache, dass das Wort Klimakatastrophe zum «Wort des Jahres» gewählt wurde, zeige, dass das Thema im öffentlichen Bewusstsein angekommen sei.

Hoffen lasse auch, dass die Bundesregierung während ihrer EU-Ratspräsidentschaft Ziele für die Reduzierung der Treibhausgase durchgesetzt habe. Dem Einsatz von Bundeskanzlerin Angela Merkel sei auch zu danken, dass die USA beim G8-Gipfel von Heiligendamm ins internationale Klimaschutz-Boot zurückgeholt worden sei.

«Große Lücken klaffen jedoch zwischen den Teilerfolgen bei internationalen Verhandlungen und konkreten Maßnahmen zum Klimaschutz sowohl in der Europäischen Union als auch in Deutschland», sagte BUND-Chef Hubert Weiger. Merkel und Gabriel hätten für ihren Einsatz beim G8-Gipfel in Heiligendamm und beim Weltklimagipfel auf Bali Lob verdient. «Aber in Deutschland geben beide noch immer dem massiven Druck der Energiekonzerne und der Automobil- und Luftfahrtindustrie nach», kritisierte Weiger.

«Müssen viel konsequenter und radikaler werden»

Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Hubert Weinzierl, sieht im Schutz des Klimas die große Herausforderung des kommenden Jahres. «Wir müssen viel konsequenter und radikaler in unserer Umweltpolitik werden, um den Wettlauf gegen Klimawandel und Zerstörung der biologischen Vielfalt noch zu gewinnen», mahnte er. 2007 sei zwar das Jahr der guten Vorsätze gewesen, es mangele aber am Vollzug.

Nach den internationalen Klimakonferenzen werde Deutschland auch 2008 im Blickpunkt stehen: «5.000 Delegierte aus aller Welt werden im Mai nach Bonn kommen, um über den Schutz und Erhalt von Arten und Lebensräumen zu beraten.» Allerdings habe Deutschland in der Frage der sogenannten Biodiversität sicher keine Vorreiterrolle wie im Klimaschutz, erklärte Weinzierl.


Donnerstag, 27. Dezember, 03:04 Uhr

BUND zieht gemischte Jahresbilanz zum Klimaschutz

Berlin (ddp). Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zieht eine «gemischte» Bilanz der Bemühungen um den Klimaschutz im Jahr 2007. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger sagte der Nachrichtenagentur ddp, er sehe eine «wachsende Diskrepanz» zwischen durchaus ambitionierten Zielen und dem tatsächlichen Handeln der Bundesregierung. So habe sich Deutschland in der Frage von Klimaschutzauflagen für Autos als «europäische Bremser-Nation Nummer eins» erwiesen.

Weiger kritisierte zudem die Ablehnung der Bodenschutzrichtlinie der Europäischen Union. Dies sei «ein ganz schlimmes Signal zum Jahresende». Der BUND-Vorsitzende fügte hinzu: «Der Bodenschutz ist eine zentrale Maßnahme des Klimaschutzes. Diese Erkenntnis hat sich offensichtlich in der Bundesregierung noch nicht herumgesprochen.» Ferner sei ein Tempolimit auf Autobahnen «überfällig».

Weiger lobte jedoch, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) habe bei der Weltklimakonferenz auf Bali eine positive Rolle gespielt. Dort sei nicht zuletzt durch die offene Kritik Gabriels an den USA deren «Blockaderolle» wenigstens teilweise abgebaut worden. Es gebe nun zumindest einen «Fahrplan für ein Kyoto-2-Protokoll».

Der BUND will im neuen Jahr indes den Einsatz gegen die Kernenergie verstärken. Weiger kündigte an: «Wir werden uns dafür einsetzen, dass der jetzige Ausstiegsbeschluss nicht nur bestehen bleibt, sondern sogar beschleunigt wird.» Schließlich steige mit jedem Jahr, in dem die Kraftwerke weiterlaufen, das «Gefährdungsrisiko» für die Bevölkerung.

Weiger fügte hinzu: «Atomkraft ist kein Beitrag zum Klimaschutz.» Die Forderung aus der Union nach längeren Laufzeiten von Kernkraftwerken habe nicht das Ziel, die Umwelt zu entlasten, sondern «die Milliarden-Gewinne der Unternehmen abzusichern».


27. Dezember, 2007

Umwelthilfe fordert mehr Taten für den Klimaschutz

Berlin (ddp). Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert die Bundesregierung auf, im Klimaschutz ihren Ankündigungen auch Taten folgen zu lassen. Der Geschäftsführer der Organisation, Jürgen Resch, bemängelte am Donnerstag in einer klimapolitischen Bilanz eine «tiefe Kluft zwischen internationalem Auftritt, nationaler Proklamation und praktischem Stillstand».

Deutschland habe sich international zum Antreiber und Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel positioniert, sagte Resch. Dies sei auch ein Verdienst von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Bei der ersten Gelegenheit nach der Klimakonferenz von Bali, abstrakte Ziele und konkretes Handeln in Deckung zu bringen, habe Deutschland aber «grandios versagt». Resch bezog sich auf die deutsche Ablehnung des EU-Vorschlags zur Begrenzung der CO2-Emissionen von neuen Autos.

Die Umwelthilfe kritisierte ferner die Aufrechterhaltung des Dienstwagenprivilegs und das Nein der Regierung zu einem allgemeinen Tempolimit. Die Umwelthilfe wolle weiter Druck machen, um bis 2010 eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Straßen zu erreichen.

Auch energiepolitisch bremsten die divergierenden Kräfte der großen Koalition den Fortschritt. Mit den geplanten neuen Braun- und Steinkohlekraftwerken werde jeder ambitionierten und langfristig angelegten Klimapolitik die Grundlage entzogen. Die Umwelthilfe warnte ferner davor, Atomkraftwerke länger als vereinbart laufenzulassen. Auch dürften die Beschlüsse zu den Erneuerbaren Energien nicht verwässert werden.


Mittwoch, 26. Dezember, 14:27 Uhr

Opposition kritisiert Merkel

Berlin (ddp). FDP und Grüne haben zum Jahreswechsel die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert. FDP-Generalsekretär Dirk Niebel bemängelte fehlenden Reformeifer. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast monierte, dass Merkel sich bisher nicht festgelegt habe. Lob erhielt die Kanzlerin dagegen von dem irischen Musiker und Polit-Aktivisten Bob Geldof.

Niebel sagte: «Frau Merkel hat die Beschlüsse des CDU-Parteitags von Leipzig und die marktwirtschaftliche Ausrichtung hinter sich gelassen wie Dreijährige ihr kaputtes Spielzeug.» Er halte «nichts mehr» von der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik der Union.

Das Anziehen der Weltkonjunktur, die Neuausrichtung der deutschen Unternehmen und «zu gewissen Teilen auch die überfälligen Agenda-Reformen» hätten zu mehr Arbeitsplätzen geführt, betonte er. Gegen diese erfreuliche Entwicklung arbeite aber «die Regierung Merkel seit der Steuerorgie 2007 an».

Künast sagte: «Bisher hat Frau Merkel amöbenhaft versucht, sich jeder Situation anzupassen, ohne sich festzulegen. Je nachdem, wie die Mehrheiten sind, filtert sie das Substrat heraus, um sich dann anzupassen. Diese Zeit ist jetzt vorbei.« Nun komme das Jahr der Wahrheit. «Ich fürchte, wir werden auch Ende 2008 noch nicht genau wissen, was Merkel will, aber wir werden definitiv erkennen, was sie nicht kann und deshalb nicht will.»

Bisher habe Merkel «eine gute PR-Arbeit erledigt». Gestützt auf «ein mediales Wohlwollen» und auf eine halbwegs disziplinierte Partei habe sie «Deutschland und der Welt Geschichten erzählt und Politik zur Märchenstunde gemacht». Ein Beispiel dafür sei der G8-Gipfel unter deutscher Leitung im Sommer 2007 in Heiligendamm gewesen. «Da hat sie der Welt vorgegaukelt, sie hätte George W. Bush Klima-Zugeständnisse abgehandelt. In Bali hat sich gezeigt, es war heiße Luft», sagte die Grünen-Politikerin.

SPD-Chef Kurt Beck sagte mit Blick auf die gute Presse zur Außenpolitik der Kanzlerin im ersten Halbjahr, was die öffentliche Wahrnehmung angehe, «so geht sicher eine Wirkung von Bildern auf roten Teppichen aus». Aber der innenpolitische Alltag sei ein sehr viel mühsamerer. Zu Merkel selbst sagte der Sozialdemokrat: «Ich über- und unterschätze sie nicht.»

Lob zum Ende der deutschen G-8-Präsidentschaft äußerte dagegen Bob Geldof. «Es gibt nicht den Hauch eines Zweifels, dass Deutschland damit unter der Führung von Kanzlerin Merkel Hundertausende, vielleicht sogar Millionen Menschenleben gerettet hat.» Die deutsche Regierung habe ihre Entwicklungshilfezusagen für Afrika 2007 stark erhöht und in Berlin die Geberkonferenz des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria organisiert. Dort seien fast zehn Milliarden Dollar an internationalen Zusagen gemacht worden.

Er schätze an der Kanzlerin ihre Offenheit, fügte Geldof hinzu. «Politiker sprechen grundsätzlich niemals Dinge aus, die man von ihnen nicht hören will. Merkel schon. Sie sagt: ´Das geht nicht.´ - und wir wissen, woran wir sind.»

In der Wählergunst legte Merkel 2007 ebenfalls zu. Laut aktueller Forsa-Umfrage im Auftrag des Hamburger Magazins «Stern» und des Fernsehsenders RTL würden 55 Prozent der Deutschen Merkel direkt zur Kanzlerin wählen. Für Beck stimmten 18 Prozent. Zu Beginn dieses Jahres waren 44 Prozent für Merkel und 25 Prozent für Beck.


Mittwoch, 26. Dezember, 04:07 Uhr

Schmoldt gegen «einsame Vorreiterrolle» Deutschlands bei Klimaschutz

Hannover (ddp). Der Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Hubertus Schmoldt, warnt die Bundesregierung vor einer übertriebenen Klimaschutzpolitik. Schmoldt sagte der Nachrichtenagentur ddp, er unterstütze zwar anspruchsvolle Ziele beim Klimaschutz. Man dürfe aber nicht durch eine «einsame Vorreiterrolle» Deutschlands die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und damit viele Arbeitsplätze gefährden.

Schmoldt fügte hinzu: «Experten der Universität Köln haben im Auftrag des Bundeskanzleramtes ebenso wie Fachleute von McKinsey im Auftrag des BDI ausgerechnet, dass Emissionsminderungsziele von 20 bis 30 Prozent wirtschaftlich zu bewältigen wären, wenn auch mit großen Anstrengungen.» Solche Ziele in der Nachfolge des Kyoto-Protokolls weltweit zu verabreden, sei schwierig genug, wie die Konferenz von Bali gezeigt habe. Schmoldt betonte: «Aber es brächte mehr als ein einsames nationales 40-Prozent-Ziel.»

Der Gewerkschafts-Vorsitzende warb zugleich für Korrekturen am geplanten Atomausstieg. Er wolle zwar «keinen Ausstieg aus dem Ausstieg». Schmoldt fügte hinzu: «Aber trotz aller Akzeptanzprobleme lassen sich die CO2-Minderungspotenziale der Kernkraft nicht leugnen.» Deshalb sei es sinnvoll, «statt einer simplen Addition von Jahren die Restlaufzeit der Kernkraftwerke vom Sicherheitsnachweis der Anlagen abhängig zu machen».


Mittwoch, 26. Dezember, 10:46 Uhr

Klimawandel bringt Schäden an Alpen-Berghütten

München (dpa) - Der Klimawandel macht den Hüttenwirten in den Alpen zu schaffen. Schäden durch Windbruch, massive Niederschläge, Erosion und Erwärmung haben in den vergangenen Jahren um rund zehn Prozent zugenommen.

Das sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Alpenvereins (DAV), Thomas Urban, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Wir registrieren eine permanente Zunahme.»

Allein in diesem Jahr habe der DAV um rund ein Viertel höhere Aufwendungen für Reparaturen gehabt als im Vorjahr. Vor allem Materialseilbahnen, mit denen die Hütten versorgt würden, seien von Sturmschäden betroffen. Bei einem längeren Ausfall sei die Versorgung der Hütten in Gefahr. In den höheren Lagen sackten Hütten durch das Auftauen des sogenannten Permafrostes ab, der den Boden bisher auch in den warmen Sommermonaten gefroren hält. Die Folge seien Risse und andere Schäden, die in einigen Fällen den Abriss der Gebäude erforderten.

Probleme mit dem wärmeren Wetter gibt es nicht nur bei den Hütten. Auch die Ausbildung seiner Mitglieder für Gletscher-Hochtouren im Sommer macht dem Alpenverein zunehmend Sorge. Viele klassische Routen im Eis seien nicht mehr begehbar, Übergänge unpassierbar. Wo mehrtägige Hochtouren unmöglich geworden seien, kämen nunmehr Wanderer und Tagestouristen. Wo Touren im Eis nicht mehr möglich seien, hätten Mountainbiker das Terrain erobert. «Die Hüttenwirte müssen sich darauf einstellen, etwa mit Stellplätzen für Mountainbikes.» Insgesamt habe die Wanderlust der Deutschen weiter zugenommen. Besonders Wanderungen von Hütte zu Hütte lägen im Trend. «Es geht den Menschen um das stressfreie Naturerlebnis - nicht um fünf Gipfel in drei Tagen.»


Donnerstag, 20. Dezember, 11:40 Uhr

Das Wetter ließ reihenweise Rekorde purzeln

Frankfurt/Main (AP) Mal stürmisch und nass, dann wieder dramatisch trocken und insgesamt viel zu warm: Das Wetter in Deutschland pendelte 2007 zwischen den Extremen. Ganz zum Schluss könnte das kuriose Wetterjahr noch einen Rekord bringen und als das bisher wärmste in Deutschland in die Geschichte eingehen. Zwar liegt die Durchschnittstemperatur aktuell hauchdünn unter der von 2000. Die Entscheidung fällt laut Deutschem Wetterdienst (DWD) aber erst kurz vor Silvester.

«Kyrill» - der Orkan mit diesem markanten Namen ist das dramatischste Wetterereignis 2007. «Wir sahen ein Windfeld auf uns zukommen», berichtet DWD-Unwetterexperte Gerhard Steinhorst von der ersten Sichtung des gewaltigen Tiefs: «Am 18. Januar erfasste es dann ganz Deutschland.»

Die Böen mit Spitzengeschwindigkeiten von 198 Kilometern treffen allerdings auf ein gut vorbereitetes Land: Schulen und öffentliche Anlagen werden geschlossen. Erstmals stehen alle Züge der Deutschen Bahn still, mehr als 100 Flüge werden annulliert. Dennoch kostet «Kyrill» insgesamt 13 Menschen das Leben. Etwa 50 Millionen Bäume werden umgerissen, in vielen Regionen gibt es Stromausfälle. Aus der Fassade des neuen Berliner Hauptbahnhofs stürzt ein tonnenschwerer Stahlträger in die Tiefe. Europaweit verursacht «Kyrill» einen Schaden von etwa sieben Milliarden Euro.

Vorgeschmack auf ein verändertes Klima

Trotz eines Wintereinbruchs am Monatsende ist der Januar 2007 der bisher wärmste. Auch der Februar hat den Namen «Wintermonat» nicht verdient, weil es nur im Norden und Osten einzelne Tage mit Frost und Schnee gibt. Insgesamt ist der Winter der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 106 Jahren. Die Mittelwerte der Rekordwinter 1974/75 und 1989/90 wurden «gleich um sagenhafte 0,7 Grad übertroffen», wie der Wetterdienst meldet.

Der März ist kurioserweise feuchter, aber auch sonniger als normal und schließlich der siebte zu warme Monat in Folge. Die Temperaturen erreichen im Mittelwert 6,1 Grad und liegen um 2,6 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990.

Bereits im eigentlich als regnerisch bekannten April wird an einigen Messstellen die 30-Grad-Marke überschritten. Im Rheinland melden die Meteorologen 15 Sommertage mit Höchstwerten über 25 Grad - der April wird der trockenste Einzelmonat seit 1901. Landwirte befürchten schwere Dürreschäden.

Im Mai dann das andere Extrem: Starke Niederschläge sorgen vielerorts für Überschwemmungen. In manchen Gegenden wird mehr als drei Mal so viel Regen gemessen wie üblich. Auch am Ende des Frühjahrs steht eine Temperatur-Höchstmarke: «Dieser Frühling spiegelt in etwa das wider, was in circa 50 Jahren die Norm sein könnte», prognostiziert DWD-Klimaexperte Gerhard Müller-Westermeier.

Im Juni und Juli richten Tornados Verwüstungen an, mehrere Menschen werden von Blitzen getötet. Mit heftigen Gewittern und Hagel fällt der Sommer in vielen Gegenden regelrecht ins Wasser. Verwaiste Freibäder, leer gefegte Gartenlokale und einsame Eisverkäufer - in den wetter- und saisonabhängigen Branchen gibt es lange Gesichter.

Die gemessene Niederschlagsmenge an den rund 2.200 Stationen des Wetterdienstes liegt um rund 30 Prozent über dem Durchschnittswert. Trotzdem ist die Jahreszeit zu warm: Die Temperatur liegt im Schnitt bei 17,2 Grad und damit fast ein Grad über dem Schnitt der Jahre 1961 bis 1990.

Herbstmonate wieder kühler als normal

«Dies war der zwölfte zu warme Monat in Folge. Das hatten wir in unseren Aufzeichnungen noch nie», sagt DWD-Sprecher Gerhard Lux am 30. August. «Wir sind gespannt, wie das weitergeht.» Doch dann reißt die Serie: Die Temperaturen von September, dem ausgesprochen goldenen Oktober und dem besonders schmuddeligen November liegen wieder unter dem Langzeit-Mittel.

Der Herbst 2007 macht dann sogar mit einem verfrühten Wintereinbruch von sich reden: Im Süden schneit es zwischen dem 20. bis 22. Oktober stark, selbst im Flachland liegen stellenweise bis zu zehn Zentimeter Schnee. Dafür gibt es kurz vor Weihnachten nur vereinzelt Chancen auf märchenhaft verschneite Wiesen und Wälder: «Dort, wo aktuell eine geschlossene Schneedecke vorhanden ist, wird sie auch an Weihnachten noch vorhanden sein», sagte DWD-Meteorologe Andreas Friedrich. In den derzeit schneefreien Gebieten seien dagegen wohl grüne Weihnachten angesagt.







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